Willi-Bredel-Gesellschaft
Geschichtswerkstatt e.V.

Rundbrief 2008, 19. Jahrgang

Inhalt

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Editorial

Vor 20 Jahren, im März 1988, wurde die Willi-Bredel-Gesellschaft in der kurz zuvor eröffneten KolaFu-Gedenkstätte von den obligatorischen 7 Mitgliedern gegründet. Das erste Vereinsbüro befand sich im Souterrain eines Einfamilienhauses, einem ehemaligen Milchladen, mitten in einem Wohngebiet von Klein Borstel. Heute ist die Mitgliederzahl auf über 100 angewachsen, die Vereinsräume mit Büro, Archiv und Bibliothek sowie einigen Erinnerungsstücken aus Willi Bredels Nachlass liegen verkehrsgünstig direkt am Bahnhof Ohlsdorf in einem für denkmalwürdig erachteten Schumacher-Bau, dem alten Eingangsgebäude zum Ohlsdorfer Freibad. Seit 1998 ist unser Verein Besitzer zweier erhalten gebliebener Baracken des ehemaligen Zwangsarbeiterlagers der Firma Kowahl & Bruns in der Nähe des Flughafens und steckt viel Geld und Kraft in die Sanierung und Instandhaltung der Gebäude sowie in den Ausbau der Dauerausstellung über Zwangsarbeit in Hamburg.

In diesem Rundbrief finden sich in drei Artikeln wichtige Neuigkeiten zu den zentralen Arbeitsfeldern des Vereins: Klaus Struck berichtet vom drohenden Abriss einiger Gebäude des Freibades Ohlsdorf durch die Bäderland GmbH. Erfreuliche Informationen über die Zwangsarbeiterbaracken am Wilhelm-Raabe-Weg stellt Hans-Kai Möller vor. Auch in Sachen Bredel-Nachlass hat sich einiges getan, Hans Matthaei schreibt über die jüngsten Entwicklungen.

Im Mittelpunkt des Rundbriefes stehen interessante Beiträge zum Spanienkrieg, der sich vor 70 Jahren in seiner entscheidenden Phase befand: Siegt die gewählte Volksregierung oder der internationale Faschismus? In Spanien beginnt erst heute allmählich die Aufarbeitung der Franco-Ära. Hans-Kai Möller enthüllt nach jahrelanger Recherche, auch vor Ort, pikante Details der deutschen Unterstützung für die Franco-Putschisten, er lüftet das Geheimnis der „Villa Winter“ auf Fuerteventura. In einem weiteren Beitrag untersucht sunser Autor „nfa“ die literarische Darstellung des Spanienkrieges in der von Willi Bredel herausgegebenen Exil-Zeitschrift „Das Wort“. Holger Tilicki geht kritisch auf den medialen Umgang mit diesem Thema im heutigen Spanien ein.

Nach „Studium“ dieses Rundbriefes wird hoffentlich nachvollziehbar, warum die Bredel-Gesellschaft ihr zwanzigjähriges Jubiläum nicht mit Feiern, sondern mit angestrengter Arbeit verbringen wird. Aber versprochen: 2009 wird das Feiern nachgeholt.

Hans Matthaei, Hamburg im April 2008

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Der Spanienkrieg und seine Darstellung in der Literaturzeitschrift „Das Wort“

Die Literaturzeitschrift „Das Wort“[ 1 ], herausgegeben von Lion Feuchtwanger, Bertolt Brecht und Willi Bredel, erschien vom Juli 1936 bis zum März 1939, zeitgleich mit dem Spanienkrieg. „Das Wort“ verstand sich als literarische Monatsschrift, die neue Texte veröffentlichte und als theoriebildend im Hinblick auf künstlerische Probleme der deutschen antifaschistischen Literatur wirkte.[ 2 ] Sie war eines der literarischen Organe der Volksfront. Willi Bredel hat als Mitherausgeber die Zeitschrift wesentlich beeinflusst und gestaltet. Zunächst von 1936 bis zu seinem Spanienaufenthalt ab August 1937 tat er es vom Verlagssitz in Moskau. Nach seiner Rückkehr aus Spanien im Juni 1938 bis zur Einstellung der Zeitschrift war er in Paris für „Das Wort“ tätig. Zwei wesentliche Ansatzpunkte seines politischen und künstlerischen Selbstverständnisses finden sich im „Wort“ und besonders in den zum Spanienkrieg publizierten Beiträgen: unumstößliche Bejahung der Volksfront und Orientierung an einem reportagehaften Stil, der auf seine Zeit als Arbeiterkorrespondent zurückgeht

Kurt Kersten schrieb 1937[ 5 ] im „Wort“, dass die Literatur aus den Kämpfen der Volksfront neue Kräfte schöpfe. Diese Aussage findet ihre Bestätigung durch die spätere Literatur über den Spanienkrieg. Dieser Krieg hat einen neuen Typus von Schriftstellerselbstverständnis hervorgebracht, nämlich das des kämpfenden Literaten. Rund die Hälfte aller Beiträge zum Spanienkrieg stammen von Literaten, die sich in Spanien während des Krieges aufhielten oder direkt an den Kämpfen auf Seiten der Republik teilnahmen. In den Internationalen Brigaden, aber auch in anderen republikanischen Einheiten, kämpften bis zu 30 Literaten, weitere 15 hielten sich als Unterstützer oder Korrespondenten in Spanien auf. Sie haben in relativ kurzer Zeit noch während des Krieges ihre Erlebnisse in literarischen Arbeiten umgesetzt. Eine wichtige, wenn nicht gar die wichtigste Plattform für diese Arbeiten war „Das Wort“. Dort veröffentlichten die Schriftsteller und Interbrigadisten Hans Marchwitza, Gustav Regler, Alfred Kantorowicz, Ludwig Renn, Bodo Uhse, Willi Bredel, Ludwig Detsinyi, Erich Weinert und Eduard Claudius ihre Arbeiten. Die Literatur der Interbrigadisten beruht auf Erlebtem, ist jedoch meist nicht unmittelbar im Kampfgeschehen entstanden, sondern entweder hinter den Linien in Stäben und Versorgungseinheiten oder nach der Rückkehr aus Spanien.

Aus dem Kreis derjenigen, die sich als Unterstützer in Spanien aufhielten, ist ein Beitrag von Erika und Klaus Mann interessant. Beide besuchten das republikanische Spanien im Sommer 1938 und verfassten für „Das Wort“ einen Reisebericht, der authentisch wirkt und literarisch anspruchsvoll gestaltet ist. Noch stärker ins Novellistische geht die Arbeit von Egon Erwin Kisch „Die drei Kühe“. Auch Auszüge aus Michael Kolzows Spanien-Tagebuch erschienen. Wichtige Reportagen stammten von Bodo Uhse und J. Winter, der über das Flüchtlingsdrama nach der Eroberung Malagas durch die Faschisten im Februar 1937 berichtete. Von den insgesamt 36 Erzählungen zum Spanienkrieg, die im „Wort“ erschienen, sind 22 von Augenzeugen verfasst.

Interessant ist auch, dass immerhin ein Drittel der Prosa von Literaten stammt, die sich während des Spanienkrieges nicht vor Ort aufhielten, sondern die Ereignisse rein fiktional verarbeiteten. Hierzu können die Arbeiten von F. C. Weiskopf, Manfred Georg, Axel Fröhlau, Andor Gabor, Alfred Kurella, Theodor Fanta und Hermann Kesten gezählt werden. Kestens Erzählung, ein Vorabdruck aus seinem Roman „Die Kinder von Gernika“, war insofern etwas Besonderes, weil er sich mit dem Krieg gegen die spanische Zivilbevölkerung befasste. Kestens Roman, der übrigens in einer wohlwollenden Buchbesprechung drei Ausgaben später von Weiskopf gewürdigt wurde, ist eines der wenigen Beispiele für die Auseinandersetzung bürgerlicher Autoren mit dem Thema Spanien in Romanform.

Insgesamt sind im „Wort“ 24 Gedichte zum Spanienkrieg veröffentlicht worden, überwiegend von Kombattanten. Sie gehören dem so genannten Romanzero an. Dies sind Gedichte, die in unmittelbarem Kampfgeschehen entstanden und eine sehr einfache und volkstümliche Kunstform Spaniens darstellen, die hauptsächlich von anarchistisch orientierten Künstlern gepflegt wurde. Von den 15.000 bis 20.000 in den Kriegsjahren entstandenen Romanzeros wurden ca. 5.000 Gedichte von unbekannten Autoren verfasst.[ 6 ] Sie thematisieren hauptsächlich individuelle Erlebnisse aus der militärischen Auseinandersetzung. Im Gegensatz zu den Erzählungen sind es meist unmittelbar an der Front entstandene Arbeiten, die stilistisch wenig anspruchsvoll sind, jedoch am stärksten den Zusammenhang von Literatur und Kampf dokumentieren. Zu dieser Gattung gehören die Arbeiten von Ludwig Detsinyi und eine Reihe von Gedichten weiterer Kombattanten, die teilweise unter Pseudonym verfasst wurden, so dass sich die Autoren nicht mehr ermitteln lassen. Dem stehen Gedichte von Piter Sylt, Klara Blum und Erich Arndt gegenüber, die stilistisch anspruchsvoll gestaltet sind. Sylts Gedicht „Den unbekannten Genossen in Mussolinis Interventionsarmee“ ist sicher, was den Inhalt angeht, das ungewöhnlichste Thema. Auch zur Gattung Gedicht enthält „Das Wort“ eine interessante Mischung von unmittelbar Erlebtem und poetischer Gestaltung. Es dürfte kaum bekannt sein, dass der junge Stefan Heym, selbst mehrfach mit seinen Arbeiten im „Wort“ vertreten, 1937 einen Gedichtzyklus als Vermächtnis für Hans Beimler veröffentlichte. Die Anzahl der publizierten Gedichte ging mit der Zeit jedoch deutlich zugunsten der Erzählungen zurück.

Im „Wort“ wurden vier Dramen zum Spanienkrieg auszugsweise oder als komplette Werke veröffentlicht, und zwar Brechts „Arbeitsbeschaffung“, Renns „Mein Maultier, meine Frau und meine Ziege“, Friedrich Wolfs „Die ‚Newa‘ kommt“ sowie der erste Akt aus „Margarethe Biswanger“ von Gustav von Wangenheim.

Einen breiten Raum nahm das Thema Spanien in Form von Buchbesprechungen, Portraits, Nachrufen sowie Nachdrucken von Reden ein. Dieser Bereich umfasste immerhin knapp die Hälfte aller Beiträge zum Spanienkrieg im „Wort“. Insgesamt erschienen acht Buchbesprechungen, z. B. besprach Martin Andersen Nexö Brechts „Die Gewehre der Frau Carrar“, und Max Hodann, selbst als Arzt bei den Internationalen Brigaden in Spanien tätig, rezensierte Lise Lindbaeks „Geschichte des Bataillons Ernst Thälmann“. Auf den Dichter Garcia Lorca, auf den Chef der XII. Internationalen Brigade – General Lukaczs – und auf Ralph Fox, einen jungen englischen Dichter, der als Interbrigadist sein Leben ließ, erschienen Nachrufe. Ein Portrait der „Pasionaria“, Dolores Ibárruri, von Maria Arnold erschien ebenso wie eine Bildbesprechung von Picassos „Guernica“ von Johannes Wüsten.

Der „II. Internationale Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur“, der 1937 in Valencia und Madrid stattfand, wurde in einigen Reden deutschsprachiger Teilnehmer wie Kisch, Heinrich Mann, Renn, Kurt Stern, Uhse, Weinert, Brecht, Bredel, Feuchtwanger (Brief) und Hans Kahle, die zum Teil Interbrigadisten waren sowie im Vorwort Willi Bredels in der September-Ausgabe von 1937 dokumentiert. Auch Reden der „Außerordentlichen Konferenz der Internationalen Schriftstellervereinigung zur Verteidigung der Kultur“ 1938 in Paris wurden veröffentlicht. Auf beiden Konferenzen standen die Ereignisse in Spanien im Mittelpunkt der Auseinandersetzung, so auch im Grußwort von Thomas Mann an die Pariser Konferenz.

Ein wichtiges Anliegen der Redaktion war die Auseinandersetzung mit der Situation in den Reihen des faschistischen Gegners und im faschistischen Deutschland und Italien im Zusammenhang mit dem Spanienkrieg. Hier ging es letztlich um das Anliegen der Volksfront, aufzuzeigen, dass es auch „anständige“ Deutsche gab. M. Arno beschreibt in der Erzählung „Die Brieftasche“ ebenso wie Rudolf Leonhard in „Wolf Wolff“ die Konfrontation mit den Soldaten Nazi-Deutschlands, die auf Seiten Francos eingesetzt wurden. Einige Beiträge behandeln die Haltung der Bevölkerung im faschistischen Deutschland und Italien zum Spanienkrieg. Hierzu kann auf das genannte Theaterstück von Brecht sowie die Erzählung „Die Sammlung“ von Andor Gabor verwiesen werden, in der dargestellt wird, wie in einem Betrieb in Deutschland die Erinnerung an die in Spanien kämpfenden deutschen Antifaschisten wachgehalten wurde. Ein Beitrag Kurellas stellt die Rolle von ehemaligen Spanienkämpfern in Palermo dar, die illegal nach Italien zurückkehrten und versuchten, den Widerstand zu organisieren. Die Situation im faschistischen Hinterland Spaniens verarbeiteten Amandeo Angolini und Kurella sowie Manfred Georg. Sie beschreiben einerseits den Widerstandswillen der Bevölkerung, andererseits die Brutalität der faschistischen Eroberer.

Beiträge von Frauen zum Spanienkrieg sind selten im „Wort“ zu finden. Insgesamt können sieben Beiträge von insgesamt fünf Autorinnen (Erika Mann, Maria Osten, Klara Blum, Maria Arnold und Ruth Lenz) identifiziert werden. Drei von ihnen (Mann, Osten, Lenz) hielten sich längere Zeit in Spanien auf. Nur wenige Beiträge stammen von nicht deutschsprachigen Autoren. Die einzigen bekannteren, nicht deutschsprachigen, Autoren zum Thema Spanien sind neben den erwähnten Nexö und Kolzow der Norweger Nordahl Grieg und der Ungar Andor Gabor. Dies ist nicht verwunderlich, da sich „Das Wort“ als literarische Zeitschrift mit starker Orientierung auf den deutschen Sprachraum verstand.

Willi Bredel selbst hat fünf Beiträge zum Spanienkrieg beigesteuert. Es handelt sich um Vorworte in den Heften 4 und 5 von 1936 sowie Heft 9 von 1937, den Vorabdruck aus „Begegnung am Ebro“ und seine Rede auf dem Schriftstellerkongress. Auch Kurella[ 7 ], Uhse, Weiskopf, Detsinyi[ 8 ], Weinert und Marchwitza sind mit jeweils mehreren Veröffentlichungen zum Spanienkrieg im „Wort“ vertreten.

Das Spanienengagement der Zeitschrift „Das Wort“ war im Kreise der Redaktion keinesfalls unumstritten. So machte im April 1938 Maria Osten den Vorschlag, eine Spanien-Sondernummer in Paris zusammenzustellen. Fritz Erpenbeck, der Bredel während dessen Zeit in Spanien als Redakteur vertrat, reagierte auf diesen Vorschlag sehr skeptisch. Aus seiner Sicht konnten Texte, die im Bombenhagel entsteht, keinen literarischen Ansprüchen genügen. Daher waren aus seiner Sicht die Mehrzahl der Spanienbeiträge nicht gelungen.[ 9 ] Aus diesem Grund ist eine Spanien-Sondernummer auch nicht zustande gekommen. Bredel war aufgrund seiner literarischen Sozialisation an einem reportageartigen Stil orientiert und hatte von daher andere Ansprüche an Literatur als Erpenbeck. Nach seiner Rückkehr aus Spanien nach Paris, wo er zusammen mit Maria Osten quasi einen zweiten Redaktionsstandort etabliert hatte, engagierte sich Bredel sehr stark für „Das Wort“ und machte sicher seine literarischen Vorstellungen geltend. Deutlich wurde dies auch in der Darstellung des Spanienkrieges. Einerseits wurden kaum noch die aus dem unmittelbar Erlebten verfassten Gedichte veröffentlicht. Andererseits standen nun Erzählungen im Vordergrund, die weniger literarisch im klassischen und Erpenbecks Sinne waren, sondern sich an der Reportage orientierten. Erkennbar wurde dies dadurch, dass von den neun Vorabdrucken, die im „Wort“ zum Thema Spanienkrieg erschienen, immerhin sechs von Kombattanten stammen: aus Bredels „Begegnung am Ebro“ das Kapitel „Here is the „Lincoln“, what shall we do?“, zwei Berichte aus dem Tschapaiew-Buch von Kantorowicz, ein Kapitel aus Uhses „Leutnant Bertram“ und die später erweiterte Erzählung „Das erste Gefecht“, ebenfalls von Uhse. Veröffentlicht wurden außerdem aus Reglers „Das große Beispiel“ die Erzählung „Ackermann“ und die Erzählungen „Gesichte und Gesichter“ und „Ein Brief“ aus Erich Weinerts geplantem Camaradas-Buch[ 10 ].

Die Wirkung der Zeitschrift auf Interbrigadisten belegt eine Schilderung sehr anrührend. Peter Merin (d. i. Oto Biha), der sich eine Zeit lang in Spanien aufhielt, schrieb in einem Brief vom 16.12.1936 an Willi Bredel: „Es war bei einer Gefechtspause in Aravaca, da saßen wir in der Novembersonne. Auch Hans B. war dabei. Ich brachte den Freunden draußen 5 Nummern des 'Wortes', die ich irgendwo in Madrid aufgetrieben hatte. Du hättest sehen sollen, wie die bärtigen Krieger sich darum rissen.“[ 11 ]

Die literarische Rezeption der Spanienkriegsliteratur, die im „Wort“ publiziert wurde, fand nach dem 2. Weltkrieg nahezu ausschließlich in der DDR statt. Dort erschien vor allem in den fünfziger Jahren eine Reihe von weiteren erzählerischen Arbeiten zum Spanienkrieg (z. B. von Hans Maassen, Ludwig Renn, Walter Gorrish, Eduard Claudius und Axel Frelau), die sich von der Konzeption her an den Arbeiten orientierten, die ab Mitte 1938 im „Wort“ als Vorabdruck gebracht wurden. 1986 veröffentlichte der Aufbau-Verlag eine Anthologie, die ausschließlich im „Wort“ publizierte Beiträge namhafter Kombattanten und Unterstützer umfasste. Durch diese Veröffentlichung wurde eine wesentliche Leistung des „Wortes“ noch einmal lebendig, nämlich die Authentizität des Erlebten literarisch darzustellen[ 12 ]. Willi Bredel hatte sicher einen erheblichen Anteil an dieser konzeptionellen Orientierung der Zeitschrift, war er selbst doch Literat, Interbrigadist und Herausgeber.

„Das Wort“ hat Arbeiten nahezu aller deutschsprachigen Autoren veröffentlicht, die das Thema Spanienkrieg literarisch bearbeitet haben. Die Anzahl und Vielfalt der Beiträge ist immer noch sehr interessant, lesenswert und sicher auch überraschend. Sie vermitteln viel von der Hoffnung der deutschen Antifaschisten, in und von Spanien aus den Faschismus zu besiegen. In ihrer Gesamtheit bilden sie ein wichtiges Stück Literaturgeschichte des Antifaschismus. Und so wäre es schön, wenn irgendwann einmal alle Beiträge, die im „Wort“ zum Thema Spanienkrieg erschienen sind, in einer Anthologie veröffentlicht würden.

nfa

[ 1 ] Das Wort. Literarische Monatsschrift 1936-1939. Neudruck in 11 Bänden, Hilversum/Zürich 1969.
[ 2 ] Jarmatz, Klaus / Barck, Simone / Diezel, Peter: Exil in der UdSSR, Leipzig 1979, S. 206.
[ 3 ] Eine detailreiche Darstellung vieler Beiträge findet sich in: Rieck, Werner: „Das Wort“ als literarische Chronik des Freiheitskampfes der Spanischen Republik, in: Weimarer Beiträge, Jg. 25, H. 6, 1979, S. 56-85.
[ 4 ] Kreuzer, Helmut (Hrsg.): Spanienkriegsliteratur. Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik, H. 60, 1986.
[ 5 ] In: Das Wort, H. 4-5, 1937, S. 36.
[ 6 ] Schmigalle, Günther: Anarchistische Lyrik im Spanischen Bürgerkrieg, in: Kreuzer (Hrsg.), S. 76.
[ 7 ] Veröffentlichte auch unter dem Pseudonym Bernhard Ziegler.
[ 8 ] Veröffentlichte auch unter den Pseudonymen Ludwig Adam und Dets.
[ 9 ] Schiller, Dieter: Maria Osten und Willi Bredel – Die Pariser Redaktion der Zeitschrift „Das Wort“, in: ders.: Zwischen Moskau und Paris. Skizzen zu Willi Bredel, Pankower Vorträge H. 84, Berlin 2006, S. 29ff.
[ 10 ] „Camaradas“ sollte 1938 in Barcelona erschienen, dann 1939 in Moskau, erschien jedoch erst 1951 in Berlin.
[ 11 ] Jarmatz / Barck / Diezel, S. 227.
[ 12 ] Carmen. Prosa über den Spanischen Krieg aus der Zeitschrift „Das Wort“ 1936 bis 1939. Eine Anthologie, Berlin und Weimar 1986.

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Ein geheimnisvoller Stützpunkt des deutschen Faschismus: Die „Villa Winter“ auf Fuerteventura

In seinem vor 70 Jahren während des „Bürgerkrieges“ in Spanien verfassten Buches über die Geschichte der 11. Internationalen Brigade berichtet Willi Bredel über NS-Dokumente, die von Antifaschisten im deutschen Konsulat in Barcelona, in der Botschaft in Madrid sowie in zahlreichen getarnten Büros der NSDAP-Auslandsorganisation gefunden wurden. Bredel schreibt dazu u.a.:

„Hitlerdeutschland hatte den spanischen Generälen Rat- und Geldgeber geschickt und in Spanien ein Netz von Spionagefilialen errichtet. Weiterhin wurde nun bekannt, daß Deutschland sowohl wie Italien von den spanischen Generälen bindende Zusagen auf wirtschaftliche Konzessionen und territoriale Abtretungen erhalten hatten. Deutschland sollte für die Aufstandshilfe mit den Kanarischen Inseln … entschädigt werden.“[ 1 ]

Handelte sich es sich hier um ernsthafte Angebote von faschistischen Putsch-Generälen, die ihre Herrschaft retten wollten, oder war Bredel einer Fehlinformation aufgesessen? Interessant ist, dass diese von Bredel genannten Informationen fast siebzig Jahre später von dem bürgerlichen britischen Historiker Antony Beevor in seinem umfangreichen 2006 erschienenen Werk „Der Spanische Bürgerkrieg“ im Wesentlichen bestätigt werden.[ 2 ] Hat die sagenumwobene Villa Winter auf der bei deutschen Touristen so beliebten Kanareninsel Fuerteventura tatsächlich etwas mit den von Bredel und Beevor erwähnten Konzessionen und Gebietsabtretungen zu tun? Fand in dieser gottverlassenen Gegend nahe der afrikanischen Küste während des Spanischen Krieges und des Zweiten Weltkrieges tatsächlich eine verdeckte militärische Kooperation zwischen Hitlerdeutschland und Franco-Spanien statt, wie es in einigen Reiseführern und Artikeln in deutschen Online- und Printmedien behauptet wird ?[ 3 ]

Das Bauwerk, das bereits die Phantasie tausender Fuerteventura-Urlauber angeregt hat, befindet sich im kargen, fast unbesiedelten Südwesten der Insel und ist nur über eine unbefestigte, serpentinenreiche Piste zu erreichen. Es liegt einsam am Hang des Jandiamassivs und ist nur wenige hundert Meter vom kilometerlangen Sandstrand von Cofete entfernt. Der zweigeschossige, festungsartige Bau fällt vor allen Dingen durch seinen runden Turm und die imposanten Rundbögen auf. Erbauer ist der 1893 in Neustadt im Hochschwarzwald geborene Gustav Winter. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges unterbrach er sein Ingenieurstudium in Hamburg und ging nach Argentinien. Von dort kam er bereits 1915 nach Spanien, wo er das Studium in Madrid 1921 erfolgreich beendete. Im Zeitraum 1924 bis1928 plante und errichtete er das große Elektrizitätswerk CICER auf Gran Canaria. Nach Angaben des Leiters des Historischen Archives von Fuerteventura, Francisco N. Artiles, kam Winter 1933 kurz nach dem Machtantritt Hitlers erstmals nach Fuerteventura.[ 4 ]

Am 19. Juli 1937 unterzeichnete er im nordspanischen Burgos, das sich in Händen der Franco-Putschisten befand, einen Pachtvertrag für die Halbinsel Jandia. Angeblich wollte er dort einen Hochseefischerei-Stützpunkt und eine Zementfabrik errichten.[ 5 ] Im Sommer desselben Jahres – in Spanien tobte seit über einem Jahr der Bürgerkrieg – reiste Don Gustavo nach Berlin, um für seine „Projekte“ finanzielle Zuschüsse zu bekommen. Mit einer kleinen Gruppe deutscher „Fachleute“ fuhr er im Sommer 1938 an Bord der „Richard Ohlrogge“ nach Fuerteventura, um angeblich die damals fast vollständig unerschlossene Halbinsel Jandia topographisch zu erkunden. In diesem Jahr kam es auch zu einer Besprechung zwischen ihm und dem Chef der deutschen Auslandsabwehr Admiral Wilhelm Canaris, bei der vereinbart wurde, dass Winter im Auftrag Nazideutschlands ein „Vorhaben durchführt“ und dafür „deutsches Fachpersonal“ erhält.[ 6 ] Zu Canaris hatte übrigens auch bereits Ende 1936 der Franco-Verbündete General Sanjurjo Kontakt aufgenommen, um für die Putschpläne gegen die Volksfront-Regierung Unterstützung zu erhalten.[ 7 ]

Dass auf Jandia weder ein Hochseefischereistützpunkt noch eine Zementfabrik entstehen sollte, wie Winter noch 1971 kurz vor seinem Tode in einem Interview mit dem „Stern“ behauptete, wird schon dadurch deutlich, dass sich der einflussreiche deutsche Abwehrchef Canaris sicherlich nicht mit Problemen des Fischereiwesens auf den Kanarischen Inseln beschäftigte. Was aber hatte Don Gustavo wirklich vor und was konnte er davon realisieren?

Unterstützung Francos

Kurzfristig ging es den spanischen Putschisten und ihren Unterstützern aus Nazideutschland offensichtlich darum, die Insel gegen mögliche Angriffe oder gar Landungsversuche der republikanischen Marine zu sichern. Zu diesem Zweck wurden an vielen strategisch wichtigen Stellen der Insel zahlreiche größere und kleinere Betonsockel gegossen, die als Basis für Geschütze der Küstenabwehr dienen konnten. Einige dieser Exemplare haben den Bauboom auf der Kanareninsel überlebt und sind noch an mehreren Küstenabschnitten zu sehen. Bezeichnenderweise werden diese steinernen Zeitzeugen der faschistischen Vergangenheit in keinem Reiseführer erwähnt.

Nachdem General Franco mit Hilfe der deutschen Legion Condor sowie Truppen und Flugzeugen des faschistischen Italiens Ende März 1939 die Republik besiegt hatte, änderte sich auch auf der Halbinsel Jandia einiges. Die wenigen Bewohner mussten die Halbinsel verlassen und durften sie nicht mehr betreten.[ 8 ] Einheimische Bauarbeiter begannen bald unter strengster Geheimhaltung die Villa unweit des einsamen Strandes von Cofete zu errichten.[ 9 ] Sie mussten jeden Abend nach der Arbeit die Sperrzone wieder verlassen. Das Territorium wurde durch einen Stacheldrahtzaun von der übrigen Insel abgetrennt.[ 10 ] Winter ließ nun in dem Fischerdorf Morro Jable einen größeren Hafen bauen, der angeblich einen U-Boot-Bunker erhielt und als Stützpunkt für deutsche U-Boote dienen sollte. Ob hier oder an anderer Stelle Jandias tatsächlich jemals ein U-Boot-Bunker existiert hat, ist zumindest zweifelhaft, da Franco zwei Monate nach seiner Zusammenkunft mit Hitler im französischen Seebad Hendaye dessen Forderung nach einem Marinestützpunkt auf den Kanarischen Inseln im Dezember 1940 offiziell ablehnte. Es ist allerdings nicht ausgeschlossen, dass diese Ablehnung nur im Hinblick auf England erfolgte und inoffiziell weiter kooperiert wurde, denn zumindest für den Zeitraum März bis Juli 1941 ist belegt, dass deutsche U-Boote im Hafen von Las Palmas versorgt wurden.[ 11 ] Am 28. April 1941 erwarb die Firma Dehesa de Jandia S.A. die gesamte Halbinsel Jandia. Geschäftsführer dieser Gesellschaft wurde Gustav Winter.[ 12 ] Er ließ nun an der äußersten Südwestspitze der Insel nahe der Punta Pesebre zwei Rollbahnen anlegen. Fuerteventura, keine 100 Kilometer von den spanischen Kolonien in Afrika entfernt, war auch ein idealer Luftstützpunkt für die deutsche Luftwaffe. Militärexperten vermuten, dass der imposante Turm, der mit robuster Elektrik ausgestattet war, als Peilungspunkt für Flugzeuge diente, möglicherweise auch für U-Boote.[ 13 ]

Um 1950 gab es tagelang Detonationen in der Sperrzone: Ob es sich dabei um Sprengungen von geheimen U-Boot-Bunkern, die möglicherweise in schwer zugänglichen Höhlen errichtet worden waren, oder von Geheimgängen, die die Villa mit dem Strand von Cofete verbanden, kann bis heute weder bewiesen noch widerlegt werden und wird erst zu klären sein, wenn endlich die Sperrung der Bestände des spanischen Militärarchivs aufgehoben ist. Im Bundesarchiv/Militärarchiv in Freiburg befinden sich nach den Recherchen des deutschen Journalisten Rainer Schauer keine Hinweise auf Gustav Winter bzw. deutsche Militäraktivitäten auf Fuerteventura.[ 14 ]

Nach den Sprengungen und der Entsorgung von möglicherweise Verdacht erregenden Überresten beseitigten Anfang der 50er Jahre Armeepioniere den Stacheldraht, der Jandia vom Rest der Insel abgeriegelt hatte. Einige Jahre später bekam Don Gustavo auf persönliche Intervention des Generalissimos ein großzügiges Geschenk: Die Dehesa de Jandia S.A. übertrug Winter notariell 2.300 Hektar Land zwischen Morro Jable und der Villa, angeblich als Entschädigung für seine Anstrengungen zur Erschließung der Halbinsel.[ 15 ] Noch kurz vor seinem Tode verkaufte er 1971 Parzellen in Morro Jable an deutsche Touristikunternehmen, die dort Hotels und Clubanlagen errichteten. Winters Witwe Isabel und seine Söhne haben sich 1985 für umgerechnet drei Millionen Euro von dem „Territorium Winter“ getrennt.[ 16 ]

Späte Enttarnung

Nach dem Zweiten Weltkrieg soll das Gebäude in der abgelegenen Gegend ein Stützpunkt der „Rattenlinie“ gewesen sein, über die in Europa gesuchte Nazis von Gesinnungsgenossen nach Südamerika geschleust wurden. Fast 60 Jahre nach dem Abschluss des Pachtvertrages veröffentlichte am 2. März 1997 die spanische Tageszeitung El Pais eine Schwarze Liste mit den Namen und Funktionen von 104 Agenten der deutschen Auslandsabwehr in Spanien, die 1945 kurz nach Ende des Krieges von den Alliierten erstellt wurde. Unter „Winter, Gustav“ ist zu lesen:

„Deutscher Agent auf den Kanaren, zuständig für die Beobachtungspositionen, ausgerüstet mit drahtloser Telefonie, und für die Versorgung der deutschen U-Boote. Aufenthaltsort: Calle de Brisa 4, Tenerife oder Atlantica Comercial S.A. , Jandia, Islas Canarias.“

Das brisante Dokument stammt aus dem Archiv des spanischen Außenministeriums.[ 17 ] Damit hatte sich bestätigt, was von Don Gustavo und seiner Familie jahrzehntelang hartnäckig geleugnet worden war. Der „Hexer“, wie ihn die Einheimischen nannten, war tatsächlich ein wichtiges Mitglied des vom ehemaligen Kapp-Putschisten Wilhelm Canaris seit 1935 zielstrebig aufgebauten Spionagenetzwerkes unter den Auslandsdeutschen in Spanien und seinen Kolonien. Seine Villa war weder ein Feriendomizil noch eine Finca, sondern diente der Durchführung und geschickten Tarnung militärischer und nachrichtendienstlicher Aktivitäten Nazideutschlands. Der spätere Admiral Canaris sammelte übrigens seine ersten nachrichtendienstlichen Erfahrungen bereits 1916/17 als Beobachtungsoffizier und Organisator von Versorgungsstützpunkten für U-Boote der kaiserlichen Marine im neutralen Spanien. Zu diesem Zeitpunkt war ein unbekannter deutscher Ingenieurstudent namens Gustav Winter bereits ein Jahr in Spanien. Begegneten sich die beiden Männer bereits damals?[ 18 ]

Hans-Kai Möller

[ 1 ] Willi Bredel, Spanienkrieg I, Zur Geschichte der 11. Internationalen Brigade, Herausgegeben von Manfred Hahn, Berlin und Weimar, 1. Auflage, S. 14.
[ 2 ] Antony Beevor, Der Spanische Krieg, München, 2. Auflage 2006, S. 177–179.
[ 3 ] Vgl.: Fuerteventura mit den wichtigsten Sehenswürdigkeiten in Wort und Bild, 2004; Peter Grimm, Lanzarote, Fuerteventura, München 1999 und Dieter Schulze, Insel Fuerteventura, Bielefeld, 1. Auflage 2001; http://www.villawinter.at.tt (Spuren der Vergangenheit und Villa Winter forum).
[ 4 ] http://www.villawinter.at.tt
[ 5 ] Ebenda.
[ 6 ] Wolfgang Kaes, Die Kette, Reinbek bei Hamburg, Juni 2006, S. 269 und http://www.villawinter.at.tt
[ 7 ] Harry Hellfeldt, Einem heißen Sommer entgegen, in: Brigada Internacional ist unser Ehrenname..., Erlebnisse ehemaliger deutscher Spanienkämpfer, Ausgewählt und eingeleitet von Hans Maaßen, Band 1, Berlin, 4. Auflage 1986, S. 24/25 und Beevor, S. 178.
[ 8 ] Kaes, S. 269.
[ 9 ] http://mitglied.lycos.de/VillaWinter/
[ 10 ] http://www.villawinter.at.tt und http://mitglied.lycos.de/VillaWinter
[ 11 ] Beevor, S. 179 und Kaes, S. 270.
[ 12 ] http://www.villawinter.at.tt
[ 13 ] http://www.philosophie.at.cofete und http://mitglied.lycos.de/VillaWinter
[ 14 ] Grimm, S. 129.
[ 15 ] Schulze, S. 329 und Rainer Schauer, Das Geheimnis des Gustav W., Legenden ranken sich um die einsam gelegene deutsche Villa auf Fuerteventura, in: Frankfurter Rundschau, 13.12.1997, S. 3.
[ 16 ] Schulze, S. 329.
[ 17 ] „Los 104 de la lista negra“, in: El Pais, 2.3.1997.
[ 18 ] http://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Canaris

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Shadows of War – Der Spanienkrieg als Computerspiel

Shadows of War – Der Spanienkrieg als Computerspiel

„Du glaubst, Du kennst die Fakten dieses Konflikts? Du denkst, man hat Dir alles darüber erzählt? Sei bereit, ein Stück Geschichte zu erleben, das Dir noch niemand erzählt hat.“

So beginnt der Trailer eines neuen Computerspiels namens „Sombras de Guerra – Shadows of War“, das in Spanien die Gemüter erregt. Krieg als Computerspiel ist nichts Neues, und die Regale in den Game-Shops sind voll davon. In Deutschland erinnere ich bisher keine ähnliche Diskussion wie in Spanien über Spiele, die im 2. Weltkrieg angesiedelt sind. Solange kein Hakenkreuz vorkommt, scheint alles in Ordnung – von der Diskussion über Jugendgewalt und ihrem möglichen Zusammenhang mit Egoshootern einmal abgesehen.

Das Spiel kommt sicherlich nicht zufällig in einer Zeit der beginnenden Erinnerungskultur in Spanien heraus. Die Regierung Zapatero kündigte im März 2005 an, Franco-Opfer zu rehabilitieren, faschistische Verbrechen aufzuklären und Symbole des Faschismus aus der Öffentlichkeit zu verbannen. Ein entsprechender Gesetzentwurf wurde von einer Arbeitsgruppe des spanischen Parlaments am 10. Oktober 2007 beschlossen.

„Sombras de Guerra“ ermöglicht es dem Spieler, eine Figur auf Seiten der beteiligten Parteien zu übernehmen, also als Faschist oder Republikaner zu kämpfen. Chefentwickler Francisco Pérez sagt, er versuche möglichst neutral an die Sache heranzugehen. Rechte oder linke Berater, die man am Anfang einbeziehen wollte, hätten versucht, das Spiel „einseitig“ zu beeinflussen. In der Schule werde diese Zeit übergangen, und mit diesem Spiel könnten gerade junge Leute etwas über ihre Geschichte lernen. Wie ich aus dem Trailer und einigen Bildern aus Fernsehberichten ableiten kann, sind die Schwerpunkte des Spiels natürlich Strategie und Action und nicht Aufklärung über die Wurzeln und die Hintergründe dieses Krieges. Wenn man sich auf Seiten der Republikaner strategisch gut verhält, kann man in diesem Spiel auch gegen die Faschisten gewinnen. Eigentlich ganz reizvoll, aber klärt das wirklich über die reale Geschichte auf? Immerhin sollen auf der DVD auch eine dokumentarische Fußnote und eine Zeitleiste existieren.

Mit Recht befürchten Menschen, die die Schrecken des „Bürgerkrieges“ noch selbst erlebt haben, eine Verharmlosung dessen, was sie durchmachen mussten und vermissen dadurch eine Aufklärung darüber, was Krieg wirklich bedeutet. Auch die Kinder der Opfer fühlen sich betroffen: Carlota Leret, deren Vater Virgilio Leret im Spiel als Kommandeur einer nordafrikanischen Luftwaffenbasis genannt wird und am Anfang des Krieges von Francotruppen exekutiert wird, meint laut „International Herald Tribune Europe“ vom 22.11.2007: „Das Spiel dient nicht als Hilfe, die historische Erinnerung zu rekonstruieren, sondern banalisiert Tod, Tyrannei und Gewalt.“

Ein Teil der Diskussion in Spanien ist sicherlich auf die bisherige Tabuisierung dieses Teils ihrer Geschichte zurückzuführen, der sogar gezielt verschwiegen, verdrängt oder durch dreiste Desinformation verharmlost wird. Das oft vorgebrachte Argument, dass der Krieg in einem PC-Game trivialisiert und seines wirklichen Horrors beraubt wird, ist allerdings auch nicht neu und trifft auf alle ähnlichen Spiele zu.

Es erscheint mir gar nicht falsch, über das weit verbreitete Medium Computerspiel gerade bei jungen Leuten das Interesse an der Geschichte zu wecken, wie das u. a. „Age of Empires“ für die antike Geschichte versucht. Die Frage ist nur, wie kann man so etwas spannend umsetzen, ohne ins Triviale abzugleiten oder zur Verdrängung und Verharmlosung der geschichtlichen Realität beizutragen. Ich habe den Eindruck, „Shadows of War“ bedient nur das Action-Schema „Krieg als Abenteuer“.

Holger Tilicki

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Busch trifft Bredel

Ein kulturelles Ereignis der besonderen Art fand am 27. September 2007 vor ausverkauftem Haus im Grünen Saal statt: Die Musikwissenschaftler Dr. Carola Schramm und Prof. Dr. Jürgen Elsner stellten ihr zweibändiges Werk „Dichtung und Wahrheit – die Legendenbildung um Ernst Busch“ vor. Der Titel der Veranstaltung „Ernst Busch und Willi Bredel – Spanien – Paris – Berlin“ verhieß sowohl für Musik- und Literaturliebhaber als auch für politisch-historisch interessierte Besucher einen spannenden Abend.

Auf der Basis langjähriger Forschungen und der Auswertung aller zugänglichen Archive, die sie in einem Halbband zusammengestellt haben, stellten die beiden Autoren die Parallelen im Lebensweg der beiden norddeutschen Arbeiterjungs in den Vordergrund. Durch die vorgestellten Dokumente zu den Biografien von Busch und Bredel wurden wichtige Abschnitte der Geschichte der Arbeiterbewegung im letzten Jahrhundert lebendig: politische und kulturelle Aktivitäten während der Weimarer Republik, Widerstand und Haft während des Faschismus in Deutschland. Beide waren im Exil im Spanien des Bürgerkrieges, in Westeuropa und in der Sowjetunion. Nach der Befreiung nahmen sie aktiv als Kulturproduzenten und Kulturpolitiker am Aufbau der SBZ/DDR teil - immer mitten drin in den politischen Kämpfen ihrer Zeit, mit der Stimme und dem Federhalter. Der Abend wurde mit zahlreichen legendären Busch-Liedern aufgelockert und musikalisch untermalt. Dieses „Gliederungsprinzip“ haben die beiden Autoren auch erfolgreich in ihrem Buch mit einer dazu gehörenden CD angewendet.

Auch interessante Details kamen zur Sprache: Beide waren in der SBZ als Lizenznehmer und GmbH-Gesellschafter „Klein-Unternehmer“. Im Februar 1947 war Busch maßgeblich an der Gründung der Plattenfirma „Lied der Zeit“ beteiligt, deren beiden Labels Amiga und Eterna einen legendären Ruf erwerben sollten. Im April 1953 wurde die Firma auf Buschs Drängen in einen volkseigenen Betrieb umgewandelt. Bredel gehörte mit einer Stammkapitaleinlage von 6.000 Mark im Juni 1947 zu den Gesellschaftern vom „Mecklenburgischen Heimatverlag“, Schwerin, der 1948 auf Bredels Initiative in Petermänken-Verlag umfirmierte.

Auch die schmerzhafte Ausgrenzung des aufmüpfigen Arbeitersängers Ernst Busch in der DDR in den Fünfziger Jahren und Bredels Aktivitäten zu seinen Gunsten wurden thematisiert und diskutiert.

Die Veranstaltung war der hoffnungsfrohe Auftakt zu einer engeren Kooperation zwischen dem Freundeskreis Ernst Busch e.V. (Berlin) und der Willi-Bredel-Gesellschaft – Geschichtswerkstatt e. V. (Hamburg). 2008 plant der „Freundeskreis“ eine Veranstaltung mit Referenten der Bredel-Gesellschaft zur Biographie und zum Werk von Willi Bredel in Berlin. Nähere Informationen und das aktuelle Halbjahresprogramm findet sich im Internet unter:

http://www.ernst-busch.net
oder http://www.ernst-busch-freundeskreis.de

Kontakt: busch-freunde@web.de

Hans Matthaei

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Helmuth Warnke – Widerstand und Leidensweg

Als Nachgeborener fällt es einem oft schwer, sich klar zu machen, dass die heute sehr alten Menschen, die noch den Nationalsozialismus erlebt haben, damals sehr jung waren. Auch harmlos aussehende alte Männer, von denen einige noch heute für ihre damaligen Gräultaten angeklagt werden, waren damals junge Karrieristen, die im Nazireich buchstäblich über Leichen gingen.

Einer von denen, die als junge Menschen während der NS-Zeit aktiven Widerstand leisteten, war unser Mitglied Helmuth Warnke (31.7.1908–18.3.2003), den ich 1995 bei einer Fahrradexkursion der WBG zum ehemaligen KZ Wittmoor kennen lernen durfte. Helmuth wurde damals mit dem Auto gebracht, denn radeln war für den betagten Herrn nicht mehr möglich. Helmuth erzählte uns, dass er hier am Stadtrand von Hamburg auf dieser unscheinbaren Wiese neben einem Baumarkt mit vielen anderen dem Nazireich kritisch und unwillig gegenüberstehenden Menschen, zusammen mit seinem Vater, als jüngster Schutzhäftling wie ein Verbrecher eingesperrt worden war. Worin bestand sein Vergehen? Helmuth Warnke war Kommunist.

Helmuths Kindheitserinnerungen beginnen mit dem Umzug der sozialdemokratisch eingestellten Familie von Eimsbüttel nach Fuhlsbüttel. 1913 hieß der heutige Blumenacker noch Weg Nr. 98, rundherum waren nur Wiesen, wenige Neubauten standen in der Nähe des alten Dorfes, Erdhaufen kündeten von den Neubauvorhaben am Heschredder. Erste Flugzeuge kurvten über der Siedlung und Luftschiffe waren zu beobachten. Eine idyllische und spannende Welt, bald beeinträchtigt durch Weltkrieg und Wirtschaftskrise.

Die Warnkes zogen 1920 nach Langenhorn, in die von SPD- und KPD-Mitgliedern geprägte Fritz-Schumacher-Siedlung. Helmuth schloss die Schule ab und begann eine Malerlehre im Wendland. Dort veranlasste ihn die Diskussion über die geplante „Fürstenenteignung“ 1926 zum Eintritt in die KPD, für die er im selben Jahr eine Ortsgruppe in der norddeutschen Stadt Wustrow gründete.

Ab 1927 arbeitete er in der Hamburger KPD mit und machte im Zusammenhang mit den Protesten gegen die Todesurteile gegen die US-amerikanischen Gewerkschafter Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti die Erfahrung, dass die Hamburger Polizei unter Führung des sozialdemokratischen Polizeipräsidenten Adolf Schönfelder brutal gegen die Demonstranten vorging. Es wurde nicht nur geknüppelt, sondern auch scharf geschossen. 1928 beim Volksbegehren „Kinderspeisung statt Panzerkreuzer“ wurde Helmuth Warnke so verprügelt, dass seine Kollegen bei Kampnagel über seinen mit blutunterlaufenen Striemen versehenen Oberkörper erschraken.

Auch bei anderen Gelegenheiten zeigte sich die sozialdemokratisch geführte Polizei als Verbündeter der Rechten und Gegner der Arbeiterschaft. Die zu dieser Zeit entstehende Sozialfaschismusthese („Sozialistisch reden, faschistisch handeln.“) war für Kommunisten wie Helmuth Warnke schlüssig, weil bittere persönliche Erfahrung. Als dann 1933 den Nazis die Macht übertragen wurde, fanden sich Kommunisten und Sozialdemokraten in gemeinsamer Gestapohaft wieder. Jetzt war es zu spät für eine Einheitsfront.

Das KZ Wittmoor war Helmuths erste Station auf seinem Leidensweg. Besonders Kommunisten wurden bereits sehr früh in „Schutzhaft“ genommen. Diese Maßnahme diente im Wesentlichen zur Zerschlagung der Parteiorganisation, sollte einschüchtern und „umerziehen“. All das gelang den Nazis bei Helmuth Warnke nicht. Wieder in Freiheit begann er mit seiner illegalen Widerstandsarbeit in Langenhorn.

Zusammen mit anderen Widerständlern wurden Flugblätter produziert und verteilt, und es bestanden Kontakte nach Dänemark, von wo Schriften bezogen wurden. Als dann schließlich am 4. Oktober 1934 eine erneute Verhaftung erfolgte, versuchte die Gestapo diese Aktivitäten zu beweisen und die Kontaktpersonen herauszufinden. Helmuth Warnke verbrachte einige Wochen im KolaFu in Dunkelhaft und vierzehn Wochen in Einzelhaft, Tag und Nacht in Eisen geschlossen. Er wurde bei den Verhören fast totgeschlagen, denn alte Vernarbungen einer Tbc-Erkrankung brachen durch die Schläge wieder auf. Er erzählte der Gestapo trotzdem nur die Geschichte vom großen Unbekannten, von dem er die Flugblätter bezogen hätte.

Da man ihm nichts mehr nachweisen konnte, wurde Helmuth ein halbes Jahr später zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Seine Haft leistete er im Gefängnis Fuhlsbüttel auf demselben Gelände ab, wo sich auch Zuchthaus und KolaFu befanden. Je nach Willkür der Gestapo wurden politische Gefangene am Ende ihrer Haftzeit entweder entlassen oder in ein Konzentrationslager überführt. Helmuth Warnke bangte den ganzen Entlassungstag darum, was geschehen würde. Am 3.10.1936 um 16 Uhr wurde er in die Freiheit entlassen.

Aber in welche Freiheit? Das Nazireich verbuchte zu dieser Zeit seine größten außenpolitischen Erfolge, festigte im Inneren seine Macht, und alles mündete in den Zweiten Weltkrieg. Helmuth arbeitete bei Röntgenmüller, wurde Familienvater und bei der Musterung zunächst wegen „Wehrunwürdigkeit“ vom Wehrdienst ausgeschlossen, dann 1941 zu den Landesschützen eingezogen und musste Kriegsgefangene bewachen. Während der alliierten Invasion in der Normandie ließ sich Helmuth Warnke von US-Truppen gefangen nehmen.

In US-amerikanischer Gefangenschaft erlebte er mit, wie Nazioffiziere die Lagerselbstverwaltung dominierten und in einem besonderen „Anti-Nazi-Lager“ die Gefangenen wie Verbrecher behandelt wurden. Als gegen Ende des Krieges auch Volkssturmmänner und Kindersoldaten eingeliefert wurden, bröckelte die stramme Fassade der alten Soldateska. Helmuth Warnke konnte ein „Komitee für Frieden und Demokratie“ ins Leben rufen und eine Lagerzeitung herausgeben.

1945 aus der Gefangenschaft entlassen, führte ihn im zerbombten Hamburg – nach Bahnhofsmission und Wohnungsamt – sein erster Weg in die Zentrale der KPD in der Ferdinandstrasse. Dort traf er Martha und Harry Naujoks, Erich „Vatti“ Hoffmann, Hugo Gill und andere wieder: Alles Genossen, die den Naziterror auf verschiedene Weise überlebt hatten. „Ich bin heimgekehrt und habe meine Familie wiedergefunden“, schreibt Helmuth Warnke über diesen Moment in seinem Leben[ 1 ].

In den schweren ersten Jahren nach der Befreiung im zerbombten Hamburg der Nissenhütten, in denen es an allem mangelte, wo Kohlenklau und Schwarzmarkt zum Alltag gehörten, arbeitete Helmuth Warnke bereits politisch in der KPD. Er engagierte sich Anfang der 1950er Jahre gegen eine Remilitarisierung Westdeutschlands, doch am 26.2.1954 stimmten alle Parteien im Bundestag für eine Wiedereinführung der Wehrpflicht.

Dieser Kampf für den Frieden brachte Helmuth Warnke sogar wieder ins Gefängnis Fuhlsbüttel: Als Verantwortlicher für ein Flugblatt des „Hamburger Friedenskomitees“ gegen SPD-Bürgermeister Max Brauers Hatz auf die Friedensaktivisten, wurde er am 8.12.1950 zu drei Monaten Gefängnis wegen übler Nachrede gegenüber einer Person (Brauer) verurteilt. Helmuth Warnke legte Berufung ein, die abgelehnt wurde, entzog sich über längere Zeit einer Verhaftung und wurde schließlich doch in Düsseldorf verhaftet. Er lernte mehrere bundesdeutsche Gefängnisse kennen, bis er schließlich über Fuhlsbüttel in die Strafanstalt Glasmoor kam. Am 20.6.1952 konnte die Hamburger Volkszeitung (HVZ) unter der Überschrift „Helmuth ist wieder bei uns“ über seine Entlassung berichten.

Trotz dieses hohen persönlichen Einsatzes für die KPD als Parteisekretär und Redakteur der HVZ, kommt es im Zusammenhang mit den Ereignissen des 17. Juni 1953 in der DDR zwischen der Partei und Helmuth Warnke zum Bruch. Er war schon in den Jahren zuvor der Ansicht, dass sich die KPD in der BRD nicht eigenständig genug entwickelte und nicht angemessen auf die Problemstellungen im Westen reagierte.

Auch ohne Zugehörigkeit zu der Kommunistischen Partei blieb er politisch aktiv, als Vorsitzender der Internationale der Kriegsdienstgegner (1955 bis 1962), in einer Bürgerinitiative zum Erhalt des Heidberg-Krankenhauses in den 1980er Jahren und als Mitglied des Ortsausschusses Fuhlsbüttel für die Grün-Alternative Liste (GAL) von 1982 bis 1984.

Helmuth Warke war in Langenhorn und Eimsbüttel sehr bekannt. Er erzählte in der Eimsbüttler Geschichtswerkstatt „Galerie Morgenland“ zuerst in den 1980er Jahren von seinen Erlebnissen während des Nationalsozialismus, gestaltete auch Veranstaltungen für die WBG und war bis kurz vor seinem Tod ein begehrter Vortragender im Bürgerhaus Langenhorn. Helmuth schrieb einige Bücher über Langenhorns Stadtteilgeschichte, war Redner auf der Kundgebung für eine Gedenkstätte KZ Fuhlsbüttel (KolaFu) und Hauptperson in dem Film „Der Leidensweg durch KolaFu – Die Geschichte des Konzentrationslagers Fuhlsbüttel“ von 1984. Diese Filmrarität, die von den (damals) jungen Filmemachern Rainer Korsen, Walter Uka, Gabriele Oberstenfeld-Walz und Jörg Altekruse von der Freien Hamburger Videogruppe „Stadtjournal“ verwirklicht wurde, konnten wir letztes Jahr im Rahmen der 15. Fuhlsbüttler Filmtage zeigen.

Erna Mayer schrieb nach seinem Tod in einem Gedenkbuch über ihn: „Wir haben uns über den richtigen Weg zum Sozialismus gestritten, mich hast Du manchmal für ‚bekloppt‘ gehalten, aber Du sagtest mir auch mal, als wir uns auf dem Langenhorner Markt trafen, ‚ich weiß ja, dass es verrückt ist, aber ich glaube, ich bin irgendwie immer noch Kommunist‘. Helmuth, ich hätte gern noch ab und an etwas gefragt, nun geht es nicht mehr. Aber Dein kämpferisches Vermächtnis wird immer wieder Mut zum Weitermachen geben.“[ 2 ]

Holger Tilicki

[ 1 ] Helmuth Warnke, Bloß keine Fahnen, Auskünfte über schwierige Zeiten 1923–1954, Hamburg1988.
[ 2 ] Begegnungen zwischen den Jahrhunderten, 18 Autoren über einen Autor, Hamburg 2003.

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Neues über unsere Zwangsarbeiterbaracken:
Denkmalschutz, Medienpräsenz und engagierte Besucher

„Sehr geehrte Damen und Herren,

das Denkmalschutzamt möchte Ihnen mitteilen, dass das oben genannte Ensemble als denkmalschutzwürdig im Sinne des Hamburger Denkmalschutzgesetzes erachtet wird. Das Denkmalschutzamt hat dieses Ensemble wissenschaftlich untersucht und das Ergebnis in seinem Gutachten vom November 2007 schriftlich festgehalten.“[ 1 ]

Bereits diese beiden Eingangssätze lösten bei der Arbeitsgruppe Zwangsarbeit und beim Vorstand der Bredel-Gesellschaft große Begeisterung aus: Endlich, nach zehn Jahren Kampf, zuerst gegen den drohenden Abriss der Baracken, dann für eine umfassende Sanierung und schließlich für eine attraktive Dauerausstellung die lange angestrebte Anerkennung unserer Baracken als Baudenkmal! Vor einigen Jahren war unser Anliegen noch von einem nassforsch auftretenden Behördenmitarbeiter abgeschmettert worden. Den Durchbruch brachte ein Besuch des neuen Leiters des Denkmalschutzamtes Dr. Frank Hesse und seiner Mitarbeiterinnen Frau Schmal und Frau Dr. Onnen am 16.11.2007 vor Ort. Die drei Denkmalpfleger inspizierten sehr genau Segment für Segment der Baracken. Anschließend stellten sie Hans Matthaei und mir zahlreiche Fragen zur Bau- und Nutzungsgeschichte der Gebäude. In dem intensiven Gespräch wurde bereits deutlich, dass sie unserem Anliegen durchaus positiv gegenüberstanden. Besonders erfreut sind wir darüber, dass es uns gelang, die drei Experten davon zu überzeugen, dass auch die Reste der Wasch- und Abortbaracke erhaltenswert sind. O-Ton Gutachten: „Die beiden nahe der Straße gelegenen Gebäude stellen in ihrer Anordnung eine Torsituation her, die die Zuwegung zum ehemaligen Lager noch nachvollziehbar macht.“[ 2 ] Wir hoffen nun, dass diese Entscheidung es uns etwas erleichtert, für die dringend notwendige Sanierung der Sanitärbaracke öffentliche Mittel einzuwerben.

Es sind aber noch weitere sehr erfreuliche Besuche in unseren Baracken zu vermelden: So schickte uns der aus den Niederlanden stammende Frits Roesink nach einem Besuch des ehemaligen Zwangsarbeiterlagers fünf exzellente Farbkopien von im besetzten Holland verbreiteten Anwerbeplakaten für niederländische Arbeitskräfte. Folgende Zeilen seines Briefes möchten wir unseren Lesern nicht vorenthalten: „Anfang Juni waren wir in der Baracke … bewunderten, was die Bredel-Gesellschaft gerettet hat und wie gut und informativ alles eingerichtet und dargestellt wird.“[ 3 ]

Im Februar 2007 besuchte Emil Tisch unsere Dauerausstellung und berichtete Holger Schultze einiges über sein Schicksal als „Halbjude“ und Zwangsarbeiter während des Faschismus. Aus diesem Gespräch und weiteren Kontakten entstand der Artikel „Wollt ihr Schweinehunde wohl arbeiten“ in diesem Heft.

Der aus Indien stammende Antifaschist Herr D., der schon Jahrzehnte in Langenhorn lebt, vermachte uns seine umfangreiche Büchersammlung zu den Themen Verfolgung und Widerstand, um unsere Arbeit gegen Rassismus und Rechtsextremismus zu unterstützen. Herzlichen Dank!

Auch das Hamburg-Journal des NDR interessierten für sich für die Baracken: Am 5.7.2007 erschien ein dreiköpfiges Team unter der Leitung der engagierten, jungen Redakteurin Ursula Nagy. Anlass war ein Beitrag zur Veröffentlichung der in diesem Heft rezensierten CD-ROM „Zwangsarbeit in der Hamburger Kriegswirtschaft 1939– 1945“. So konnten am 21.7. die Zuschauer des Hamburg-Journal in einem Beitrag über die Zwangsarbeiterlager-CD auch einiges über die Baracken, die Dauerausstellung und unsere Arbeit erfahren. Apropos CD-ROM: Klickt man auf der Straßenkarte das Lager Wilhelm-Raabe-Weg 23 an, so erfährt man folgendes: „Lager für 144 Arbeitskräfte mit drei Wohnbaracken und einer Wasch- und Abortbaracke. Zwei Baracken sind heute noch erhalten und werden von der Willi-Bredel-Gesellschaft betreut. Quelle: Staatsarchiv, Gutschow B 92, 24.9.42 sowie weitere Nachweise. Betrieb: Kowahl & Bruns, Landschaftsgärtnerei; C.H.F. Müller AG, Röntgenwerk (Röntgenmüller).“ Im Booklet wird unter der Rubrik „Ausstellungen“ ausdrücklich auf unsere Dauerausstellung in der Baracke hingewiesen.[ 4 ]

In der von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme herausgegebenen Fachzeitschrift „Beiträge zur Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung“ erschien im Band 10 ein Beitrag von mir, der sich mit der gelungenen Präsentation des neuen Lagermodells am 7.5.2006 beschäftigt. Der Lehrer an der Hamburger Verwaltungsschule, Ludolf Meyer-Johne, erwähnt im gleichen Heft in seinem Beitrag über eine Projektwoche von Verwaltungsschülern beiläufig den Besuch im ehemaligen Zwangsarbeiterlager.[ 5 ] In einem sehr lesenswerten Aufsatz „Die NS-Zwangsarbeit in der Erinnerungslandschaft“ kommt der Historiker Dr. Cord Pagenstecher aus Berlin, der 2006 unser Lager besuchte, zu folgender Einschätzung: „Eindrucksvoll ist etwa die Ausstellung in einer ehemaligen Zwangsarbeiterbaracke in Hamburg-Fuhlsbüttel, die von der Willi-Bredel-Gesellschaft betreut wird. Sie ist aber nur einen Sonntag im Monat geöffnet.“[ 6 ] Ein ausführlicher Hinweis auf die Baracken und die Dauerausstellung war auch einem Artikel in der Tageszeitung „junge Welt“ vom 28.11.2007 zu entnehmen.[ 7 ]

Auf die Öffnungszeiten der Baracken wird regelmäßig in den Veranstaltungskalendern mehrerer Hamburger Tageszeitungen und regionaler Wochenblätter aufmerksam gemacht. Dies geschieht natürlich nicht im Selbstlauf, sondern durch unseren langjährigen Mitstreiter Klaus Struck. Dafür gebührt ihm, auch mal an dieser Stelle, unser Dank. Durch die regelmäßigen Hinweise und eine intensive Plakatwerbung konnten wir unsere Besucherzahl im Jahr 2007 auf 160 Personen steigern.

In der Arbeitsgruppe Zwangsarbeit kann übrigens jede und jeder Interessierte mitmachen, ein Geschichtsstudium ist nicht erforderlich!

Hans-Kai Möller

[ 1 ] Brief des Denkmalschutzamtes an die Willi-Bredel-Gesellschaft v. 14.1.2008, Az: K421/39-131.126.
[ 2 ] Dr. Christine Onnen, Hamburg-Nord, OT Fuhlsbüttel (431), Wilhelm-Raabe-Weg 23 (ehem. Zwangsarbeiterbaracken), Gutachten zum Denkmalwert.
[ 3 ] Brief von Frits Roesink an René Senenko v. 22.7.2007.
[ 4 ] Freie und Hansestadt Hamburg, Behörde für Bildung und Sport, Amt für Bildung, Landeszentrale für politische Bildung, Freundeskreis Neuengamme e. V., KZ-Gedenkstätte Neuengamme, Zwangsarbeit in der Hamburger Kriegswirtschaft 1939-1945, Wegweiser zu Lagerstandorten und Einsatzstätten ausländischer Zwangsarbeitskräfte basierend auf einer Datenbank von Friederike Littmann, CD-ROM und Booklet, Hamburg Mai 2007.
[ 5 ] KZ-Gedenkstätte Neuengamme (Hrsg.), Beiträge zur Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung in Norddeutschland, Heft 10, Bremen 2007, S. 180-182 und S. 191.
[ 6 ] Cord Pagenstecher, Die NS-Zwangsarbeit in der Erinnerungslandschaft, in: Förderverein für ein Dokumentations- und Begegnungszentrum zur Zwangsarbeit in Berlin-Schöneweide e._V. (Hrsg.), „NS-Lager entdeckt“, Zwangsarbeiterlager Schöneweide wird historischer Lernort, Berlin 2006, S. 68.
[ 7 ] Hans-Kai Möller, Zwei Mausklicks entlarven Firmengeschichte, Zwangsarbeit in der Hamburger Kriegswirtschaft: Neue CD informiert über Lagerstandorte und Einsatzbetriebe, in: „junge Welt“, 28.11.2007.

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Wollt ihr Schweinehunde wohl arbeiten!“

Mit diesen brutalen Worten schikaniert der Aufseher mit der Hakenkreuzbinde die arbeitenden Männer. Es sind „Halbjuden“, die sich jeden Morgen am Altonaer Bahnhof in der Steinstrasse im Sammellager einfinden müssen, um für ihre Arbeitsstellen eingeteilt zu werden. Unter ihnen ist auch der 19-jährige Emil Tisch, ein gelernter Kellner, der auf Grund eines „Verpflichtungsbescheides“ Zwangsarbeit leisten muss.

Über 60 Jahre später bei einer Sonderöffnung der Zwangsarbeiterbaracken im Wilhelm-Raabe-Weg steht er im Februar 2007 vor mir und möchte über sein Schicksal berichten. Wir vereinbaren, dass er sich mit den anderen zahlreichen Besuchern die Ausstellung zeigen lässt und ich ihn später zu Hause aufsuche, um in Ruhe mit ihm über seine Erlebnisse als Zwangsarbeiter sprechen zu können. Bei unserem Treffen erzählt er mir, dass er Halbwaise war, weil sein jüdischer Vater aufgrund der Judenverfolgung 1936 Selbstmord beging. Die Schwester des Vaters, Sophie Schoop, geb. Tisch, wurde 1943 im Alter 68 Jahren von der Gestapo verhaftet, ins KolaFu (Konzentrationslager Fuhlsbüttel) gebracht und am 20.1.1944 nach Auschwitz deportiert Dort wurde sie am 3.1.1945 umgebracht. Ihr „Vergehen“ bestand darin, Kriegsgefangene mit Essen versorgt zu haben. Nach dem Krieg wurde ihr zu Ehren eine Straße benannt, der Sophie-Schoop-Weg in Hamburg-Allermöhe.

Doch zurück zu Emil Tisch. Nach dem Besuch der Moorkampschule lernte er im „Hotel Reichshof“ Kellner, um danach als Jungkellner im „Uhlenhorster Fährhaus“ zu arbeiten. Er trat dem ETV (Eimsbütteler Turnverein) bei, wurde aber bald, weil er im Sinne der faschistischen Rassenlehre als „Mischling ersten Grades“ galt, aus dem Verein ausgeschlossen. Als er zusammen mit seiner Mutter in der Schleswiger Straße in Altona bei der Familie Soltau unterkam, erhielt er einen „Verpflichtungsbescheid“ zur Zwangsarbeit. Das Arbeitsamt Hamburg, Hauptdienststelle Baugewerbe/Bauverwaltung, zwang ihn dazu, am 8.9.1944 um 7 Uhr dort anzutreten, um Aufräumarbeiten durchzuführen: Zehn Stunden Zwangsarbeit am Tag mit dem einzigen Vorteil gegenüber vielen seiner dienstverpflichteten Kollegen, zuhause übernachten zu dürfen, wenn nicht gerade eine Nachtschicht geschoben werden musste.

Über die Hintergründe dieses als „Sonderkommando J“ bezeichneten Zwangsarbeitseinsatzes, zu dem so genannte „jüdische Mischlinge“ und auch „Arier“, die mit Jüdinnen verheiratet waren, herangezogen wurden, veröffentlichte die Hamburger Historikerin Beate Meyer einen eindrucksvollen Aufsatz.[ 1 ] In Hamburg wurden in mehreren Einberufungsaktionen im Frühjahr und Herbst 1944 fast 1.100 Männer dienstverpflichtet. Sie hatten Glück im Unglück: Wegen der starken Zerstörung der Stadt entschied die Gauleitung nicht – wie ursprünglich geplant – der Organisation Todt die „Dienstverpflichteten“ in anderen Städten zu Verfügung zu stellen, sondern der Bauverwaltung Hamburg. Man wollte bei der Trümmerbeseitigung möglichst ortskundige Arbeitskräfte einsetzen, die wussten, wo sich die zerstörten und verschütteten Gebäude und Straßen befanden. Ursprünglich war für die Dienstverpflichteten eine kasernierte Unterbringung in bereits bestehenden Lagern geplant. Dieser Plan konnte nur sehr eingeschränkt umgesetzt werden, da die dafür vorgesehenen Lager entweder durch Luftangriffe zerstört worden waren oder als Ausweichquartiere für ausländische Zwangsarbeiter sowie für KZ-Häftlinge genutzt wurden. Aufgrund dieser Umstände hatten viele der Zwangsverpflichteten ebenso wie Emil Tisch das Glück, zuhause übernachten zu dürfen und einer Kasernierung zu entgehen.

Am 28.4.1945, die englischen Truppen näherten sich bereits Hamburg, bekam Gauleiter Karl Kaufmann kalte Füße und ließ die Dienstverpflichteten frei. Emil Tisch bekam noch am selben Tag seinen „Entpflichtungsbescheid“, mit dem die Arbeitsverpflichtung offiziell aufgehoben wurde. Etwa einen Monat später wurde ihm bescheinigt, dass er vom 8.9.1944 bis zum 30.4.1945 bei der Bauverwaltung Hamburg auf Veranlassung der Gestapo zu Aufräumungs- und Bergungsarbeiten im Trümmergebiet dienstverpflichtet war. Erst 1951 rang sich die Sozialbehörde, Amt für Wiedergutmachung, in einem Brief dazu durch, seinen Arbeitseinsatz als das zu bezeichnen, was er gewesen war, nämlich Zwangsarbeit. Zwar wurde der Begriff noch in Klammern gesetzt, aber es kam endlich zu der Bearbeitung der Angelegenheit „Schwebende Haftentschädigung/Emil Tisch“. Aber die einzige Entschädigung für die Zwangsarbeit waren anfangs 50 DM zusätzlich zur Rente und mit einem späteren Rentenbescheid die Anerkennung der siebeneinhalb Monate Zwangsarbeit als Zeit der NS-Verfolgung. Diese Wiedergutmachungszahlungen verdankt Emil Tisch nicht zuletzt den Bemühungen des mit einer Jüdin verheirateten Zwangsverpflichteten Konrad Hoffmann, der mit anderen Betroffenen bereits im Winter 1944 Pläne zur Gründung einer Interessengemeinschaft schmiedete. Am 29. Mai 1945 konnte die „Notgemeinschaft der durch die Nürnberger Gesetze Betroffenen“ ihre Geschäftsstelle eröffnen. Sie stellte in den Folgejahren für über 8.000 Menschen, die in Hamburg aus rassischen Gründen verfolgt worden waren, Ausweise aus.[ 2 ] Einen dieser Ausweise erhielt Emil Tisch.

Er lebt heute mit seiner Ehefrau Helga in Halstenbek und verfolgt mit Sorge die Berichte über Neonazis in den Medien. Damit diese Rassisten nicht noch weiter an Boden gewinnen, müssen wir wachsam bleiben und an das schwere, nur wenig bekannte Schicksal von Menschen wie Emil Tisch erinnern, die unter dem faschistischen Rassenwahn leiden mussten.

Holger Schultze

[ 1 ] Beate Meyer, Das „Sonderkommando J“, Zwangsarbeit der „jüdisch Versippten“ und der „Mischlinge ersten Grades“ in Hamburg, in: Zwangsarbeit und Gesellschaft, Beiträge zur Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung in Norddeutschland, Heft 8, Edition Temmen, Bremen 2004, Herausgeberin: KZ-Gedenkstätte Neuengamme, S. 102–110.
[ 2 ] Ebenda, S.108/109.

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Achtung: Stolpersteine

Euthanasieopfer

An der ehemaligen Pförtnerloge der Evangelischen Stiftung Alsterdorf, auf dem Bürgersteig der Dorothea-Kasten-Straße gibt es seit dem 8. Mai 2007 eine Stolperschwelle zum Gedenken an die Euthanasieopfer der Alsterdorfer Anstalten. Diese Schwelle wurde von dem Stolpersteinkünstler Gunter Demnig verlegt. Zwischen 1941 und 1943 wurden 539 Kinder, Frauen und Männer mit Behinderungen aus Alsterdorf in verschiedene Tötungsanstalten gebracht. Damals fuhren von hier die Busse mit den zu „unwertem Leben“ erklärten Menschen ab. Heute stellt sich damit die Stiftung Alsterdorf ihrer unrühmlichen Vergangenheit.

Lübecker Märtyrer

Auf Einladung von Claus Kühn, ehemaliger Geschäftsführer von Studio Hamburg, dessen Familie Nachbarn von Ernst Mittelbach an der Wellingsbüttler Landstraße waren, konnte ich am 18. Juni 2007 vor dem Untersuchungsgefängnis Holstenglacis an der Einweihung von vier Stolpersteinen für die „Lübecker Märtyrer“ teilnehmen. Es handelt sich um die katholischen Geistlichen Vikar Hermann Lange, Adjunkt Eduard Müller, Kaplan Johannes Prassek und den evangelischen Pastor Karl Friedrich Stellbrink. In einer Predigt am Palmsonntag 1942 hatte Stellbrink den britischen Luftangriff auf Lübeck als „Gottesgericht“ interpretiert; alle vier wurden wegen „Rundfunkverbrechen, landesverräterischer Feindbegünstigung und Zersetzung der Wehrkraft“ zum Tode verurteilt und am 10. November 1943 hingerichtet. In einem Abschiedsbrief an seinen Bischof schrieb Kaplan Johannes Prassek: „Heute darf ich sterben. Machen Sie sich keine Sorgen. Im Himmel werde ich noch viel mehr für Sie beten. Ich sterbe in Liebe und Sorge um unser deutsches Vaterland.“

Der katholische Kaplan Oliver Meik und die evangelische Pastorin Dr. Birgit Vocka gestalteten die Feierstunde mit einer Andacht und der anschließenden Segnung der Steine.

Die etwa 60 Anwesenden, darunter auch Bischöfin Maria Jepsen, durften dann unter Beachtung von Sicherheitsvorschriften (Mobiltelefone mussten beim Pförtner abgegeben werden) in den Innenhof des Gefängnisses, an den Ort der Hinrichtungen. Dort ist eine Gedenktafel angebracht, an der die Geistlichen einige Gebete sprachen.

Heinz Prieß

Am 11. Oktober 2006 wurde an der Wellingsbüttler Landstrasse vor dem Wohnhaus von Ernst Mittelbach ein Stolperstein verlegt, worüber wir im Rundbrief 2007 ausführlich berichteten. Leider ist seine Tochter Margret Horn, die bei dieser Feierstunde anwesend war, am 20. November 2007 68jährig verstorben. Wir hatten vorgeschlagen, am selben Ort auch einen Stolperstein für Heinz Prieß verlegen zu lassen. Prieß wurde in der Nazizeit von Mittelbach in dessen Wohnung in Klein Borstel zwar vor der Gestapo versteckt, aber seine ursprüngliche Wohnung war in Billstedt. Als im Laufe des letzten Jahres die VVN Billstedt mit der Bitte an uns herantrat, dort einen Stolperstein verlegen zu lassen, haben wir dem Vorschlag zugestimmt. Daher wurde für diesen von den Nazis ermordeten kommunistischen Widerstandskämpfer an seinem Geburtstag, dem 12. April 2008 eine Stolpersteineinweihung in Billstedt geplant. Leider kommt Gunter Demnig aber erst im Herbst wieder nach Hamburg, um diesen Stolperstein zu verlegen, und die Einweihung wird daher verschoben.

Projekt Stolpersteinbuch

Mitglieder der WBG arbeiten derzeit intensiv an einem von der Landeszentrale für politische Bildung und dem Institut für die Geschichte der Deutschen Juden herausgegebenen Buch über Stolpersteine in Fuhlsbüttel und Umgebung. Diese Veröffentlichung ist Teil einer Schriftenreihe, in der die verlegten Stolpersteine in den einzelnen Hamburger Stadtteilen aufgelistet werden. Ergänzt wird jeder Band durch Kurzbiografien der mit den Stolpersteinen gewürdigten NS-Opfer und einem Stadtteilplan.

Für den Fuhlsbüttler Band der Schriftenreihe hat Margot Löhr die Hauptautorenschaft übernommen, da sie die Recherche und die Organisation der Verlegung der 39 Stolpersteine für jüdische Fuhlsbütteler in den letzten Jahren maßgeblich durchgeführt hat. Biografien von weiteren Personen, z.B. Carl Nickels (Gewerkschafter), Jan Woudstra (Zwangsarbeiter), Ludwig Wellhausen (Sozialdemokrat) werden von anderen Autoren erarbeitet. Auf diese Weise werden der bestehenden Stolpersteinliste weitere Namen hinzugefügt und mit Biografien versehen. Das Buch soll voraussichtlich 2009 erscheinen. Die Gruppe der Autoren trifft sich regelmäßig zum Erfahrungsaustausch und zur Rückkopplung mit den Herausgebern.

Holger Tilicki

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Endlich Denkmal für Zwangsarbeiter der Kettenwerke

Knapp einhundert Menschen hatten sich am 21. Februar 2008 eingefunden, um die Gedenkstele für die 6.000 Zwangsarbeiter aus 19 Ländern einzuweihen, für Menschen, die nach Deutschland verschleppt und von 1940 bis 1945 in einem der größten Rüstungsbetriebe Hamburgs, in den „Hanseatischen Kettenwerken“ (Hak), als Arbeitssklaven gehalten wurden. Nach vier bis fünf Stunden Schlaf ein zweistündiger Zählappell bei jedem Wetter, 12 Stunden Arbeit, quälender Hunger, mangelhafte Kleidung, Hygiene und medizinische Versorgung, Ausgangsverbot und ständige Überwachung, Verbot, mit Deutschen zu sprechen, keinerlei Kenntnis über die Welt außerhalb des Lagers: So erlebten diese Menschen Hamburg. All dies versuchte der Ortsausschussvorsitzende Gebhardt Kraft in seiner Rede, mit der er sich vor allem an die anwesenden zehn- bis zwölfjährigen Schüler wandte, zu vermitteln.

Reinhard Weigel, ein Langenhorner, erzählte mir am Rande der Veranstaltung, dass er als Fünfzehnjähriger auf dem Gelände der Kettenwerke bei der Firma Stielow eine Lehre als Mechaniker begonnen habe. Das war 1953. Zu dieser Zeit prangte an der Giebelwand von Halle 24 noch der große Wahlspruch „Sei wahr, sei klar, sei deutsch – Deutschland braucht dich, wie du Deutschland brauchst“. Niemand habe damals, erinnert sich Weigel, an dieser Losung aus Nazizeiten Anstoß genommen. Überhaupt habe man nie über so etwas gesprochen. – Doch verdrängt wurde auch später noch. Die Industrie- und Verwaltungsgesellschaft (IVG), die Nachfolgerin der Kettenwerke, hat in den vergangenen 10 Jahren – trotz Widerstand – fast all ihr bauliches Erbe aus der Zeit des Faschismus – das waren Produktionshallen, Bunkeranlagen und Baracken – systematisch getilgt. Das kritisierten Ilse Jacob, die für die VVN-BdA Hamburg der Stelenenthüllung beiwohnte, und ich im Namen der Bredelgesellschaft in unseren Ansprachen. Dass sich die IVG nun doch noch veranlasst sah, die 10.000 Euro teure Gedenkstele zu finanzieren, grenzt an ein Wunder und ist wohl nur dem langem Atem einiger Akteure zu verdanken. An erster Stelle muss hier Karl-Heinz Dittmann, Regionalbeauftragter von Fuhlsbüttel, genannt werden, dessen Hartnäckigkeit das zuwege gebracht hat.

Doch wo stünden wir mit unserem Wissen über die Kettenwerke, wenn nicht Karl-Heinz Zietlow, der heute in einer Langenhorner Seniorenanlage lebt, seit 1985 mit seinen Forschungen über KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter im Kettenwerk einen Anfang gemacht hätte? Wesentlich vertieft hat dann ab den 1990er Jahren diese Forschungen zur Hak-Rüstungsproduktion der Ökonom und Journalist Dr. Karl-Heinrich Biehl. Vergessen wir auch nicht die Initiativen des Künstlers Harald Meyer, der mit seiner Kunstinstallation „Gasschleuse“, mit Lesungen und Führungen (teils gemeinsam mit der Bredelgesellschaft) im ehemaligen Verwaltungsgebäude der Kettenwerke dieses unrühmliche Kapitel Langenhorner Geschichte publik gemacht hat. Meyer hat sich dafür eingesetzt, dass das Verwaltungsgebäude als authentischer Ort des einstigen Rüstungsbetriebes erhalten bleibt. Das Gebäude hätte eine Erinnerungsstätte, aber auch ein Haus der Vereine, der Kunst und der Begegnung werden können. Doch vor neun Jahren baggerte die IVG dem Künstler wortwörtlich das Dach über den Kopf weg. Das Haus wurde – wie seither so vieles auf dem Hak-Gelände – abgerissen.

Was bleibt, ist die Erinnerung an die knapp 800 jüdischen KZ-Häftlingsfrauen, für die es seit 1988 einen Gedenkstein an der Essener Straße gibt, und an die 6.000 Zwangsarbeiter der Kettenwerke, für die nun die Stele auf dem Hak-Gelände eingeweiht worden ist. Enthüllt wurde sie von Schülern der Gesamtschule Am Heidberg.

Auf der Grundlage der Vorarbeiten von Karl-Heinz Zietlow, Karl-Heinrich Biehl und Harald Meyer ist die Bredelgesellschaft heute in der Lage, regelmäßig Führungen über das Hak-Gelände und entlang der Essener Straße anzubieten. Um die Erinnerung anschaulicher zu gestalten, hat unser Mitglied Frank Lünzmann vorgeschlagen, die enthüllte Stele um eine Bild- und Texttafel zu ergänzen. Auch dass die Messapparatewerke (Messap) an der Essener Straße 2 (heute Valvopark), die von der Ausbeutung der KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter gleichermaßen profitiert haben wie die Kettenwerke, bisher im Schatten blieben, ist nicht hinnehmbar. Es gibt also viel zu tun, bleiben wir dran.

Noch ein Wort zum 21. Februar: Mit einer Führung entlang der Essener Straße und einer abschließenden Filmvorführung und Lesung im Langenhorner Kulturhaus „ella“ wollten wir das Gedenken sinnlich erlebbar machen. Diese Idee geht vor allem auf Susanne Jung, die ideenreichen Leiterin des Kulturhauses „ella“ in Langenhorn, zurück. Der Anklang hat ihr recht gegeben.

René Senenko

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„… ein Hunger nach Wissen, der genauso schmerzte wie gewöhnlicher Hunger“

Biografische Skizze über die Widerstandskämpferin Hedwig Voegt

Im Dezember 2007 brachte die Willi-Bredel-Gesellschaft eine Broschüre von Ursula Suhling mit dem Titel „Rebellische Literatur – Quelle moralischer Kraft. Hedwig Voegt (1903–1988)“ heraus.

Im Vorwort stellt Hans Matthaei die Veröffentlichung vor:

Zwanzig Jahre nach Eröffnung der Gedenkstätte im Torhaus des ehemaligen Konzentrationslagers Fuhlsbüttel (KolaFu) gibt die Willi-Bredel-Gesellschaft – Geschichtswerkstatt e.V. eine biografische Skizze über Hedwig Voegt heraus. Sie war während der NS-Zeit zu mehreren Jahren Zuchthaus verurteilt worden und dreimal Gefangene im Kola Fu. Diese Veröffentlichung versteht sich als weiterer Mosaikstein für eine Gesamtdarstellung der Geschichte des Konzentrationslagers Fuhlsbüttel, die noch immer aussteht.

Ursula Suhling – im Milieu des Hamburger Widerstandes aufgewachsen – zeichnet den außergewöhnlichen Lebensweg ihrer mütterlichen Freundin „Hedi“ Voegt nach. Sie schildert aus persönlicher Sicht die Lebensstationen eines Hamburger Arbeitermädchens, das 1948 – von politischer Verfolgung und KZ-Haft ungebrochen – als 45-Jährige in die SBZ geht, um das Angebot zu einem Studium zu nutzen; denn weder in der Weimarer Republik noch während der NS-Zeit oder nach der Befreiung vom Faschismus hatte sie in ihrer Vaterstadt Hamburg die Möglichkeit, die von ihr angestrebte wissenschaftliche Ausbildung zu erhalten.

1952 promoviert sie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und lehrt danach zehn Jahre an der Fakultät für Journalistik der Karl-Marx-Universität Leipzig. Mit ihren Forschungen und zahlreichen Publikationen zur Literatur der deutschen Jakobiner wird sie zu einer national und international anerkannten Wissenschaftlerin.

Mit Willi Bredel teilt Hedwig Voegt wichtige Lebenserfahrungen: Ein sozialdemokratisch geprägtes Elternhaus weckt bei ihnen schon sehr früh kulturelle Interessen. Beide erfasst ein Lesehunger, der ein Leben lang anhält. Die ersten literarischen Gehversuche machen sie als Arbeiterkorrespondenten bei der „Hamburger Volkszeitung“ (HVZ). Ihr Engagement für die politischen Ziele der KPD bezahlen sie mit strengster Einzelhaft im KolaFu. Erst nach 1945 in der SBZ/DDR können sie ihre Begabungen voll entfalten: Willi Bredel als freier Schriftsteller, Publizist und Kulturpolitiker, Hedwig Voegt als Universitätslehrerin und Literaturwissenschaftlerin, die durch ihre Forschungen viele der deutschen „Revolutionsmänner“ vor dem Vergessensein bewahrt hat.

Aus berufener Feder stammt das Nachwort. In einem Essay würdigt Dr. Wolfgang Beutin seine Freundin und Kollegin Hedwig Voegt aus literaturwissenschaftlicher Sicht.

hot

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Bredels Erbe(n)

Seit vielen Jahren bemüht sich die Bredel-Gesellschaft darum, den Nachlass von Willi Bredel zu erhalten und zu erschließen sowie ihn in angemessener Weise öffentlich zugänglich zu machen. Darüber hinaus ist es unser Ziel, langfristig eine möglichst große Verbreitung des umfangreichen literarischen Werkes von Bredel zu erreichen.

Im Januar 2005 hatte Anna-May Bredel unserem Verein großzügig die fast 6.000 Bände umfassende Privatbibliothek und Einrichtungsgegenstände aus dem Arbeitszimmer ihres Vaters geschenkt. Ulla Suhling berichtete bereits im Rundbrief 2007, dass die „Forschungsstelle für Zeitgeschichte“ den Leihvertrag über die Aufstellung der Bredel-Bibliothek in ihren Räumen kündigen musste, da die Einrichtung vom Schulterblatt in kleinere Räume im ehemaligen Finanzamt am Schlump gezogen ist. Leider hatten in Hamburg weder die Museen noch die Universität Interesse an der Unterbringung der Privatbibliothek Willi Bredels gezeigt. Deshalb blieb der Bredel-Gesellschaft keine andere Möglichkeit, als übergangsweise einen großen Teil der Bücher in einem Kellerraum des Ortamtes Fuhlsbüttel einzulagern. Nur ein kleiner Teil ist derzeit in den Vereinsräumen der Willi-Bredel-Gesellschaft Im Grünen Grunde aufgestellt.

Jetzt zeichnet sich eine befriedigende Lösung ab: Das renommierte Fritz-Hüser-Institut in Dortmund hat großes Interesse, den gesamten Bibliotheksbestand als Dauerleihgabe zu übernehmen. Diese Einrichtung sammelt und erforscht die Literatur der Arbeitswelt und verfügt bereits über die etwa 12.000 Bände umfassende Privatsammlung von Fritz Hüser sowie die Nachlässe bekannter Arbeiterschriftsteller, u. a. von Max von der Grün, Max Barthel, Bruno Schönlank oder auch dem Hamburger Carl Wüsthoff. In einem Neubau auf dem Gelände der ehemaligen Zeche Zollern II/IV, dem Hauptstandort des Westfälischen Industriemuseums, unterhält das Fritz-Hüser-Institut eine moderne Bibliothek und Ausstellungsräume. Die Vertragsverhandlungen sollen im Frühjahr abgeschlossen werden, so dass die Bibliothek im Sommer nach Dortmund „umziehen“ könnte. Wir freuen uns sehr über diese Lösung, wenn auch die Enttäuschung darüber bleibt , dass sich keine Hamburger Institution bereit gefunden hat, Bredel in seiner Heimatstadt mit der Unterbringung seiner Bibliothek zu würdigen.

Ulla Suhling hat die Zwischenzeit genutzt und die Bibliothek vollständig digital erfasst und katalogisiert. Als Ergebnis dieser immensen Fleißarbeit liegt nunmehr erstmals ein komplettes, nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten aufgenommenes Bestandsverzeichnis vor.

Wenn die Verlagerung der Bredel-Bibliothek nach Dortmund abgeschlossen ist, soll in den Räumen der Bredel-Gesellschaft eine kleine Dauerausstellung zu Willi Bredel entstehen, die neben seinen Werken – überwiegend in Originalausgaben – seinen Schreibtisch, seine Schreibmaschine sowie andere Erinnerungsstücke umfassen wird. Auf Bild- und Texttafeln sollen die wichtigsten Stationen seines bewegten Lebens anschaulich dargestellt werden.

Auch in der Frage der Rechtevergabe an Bredels Werk gibt es eine Zäsur: Nach fast dreijährigem Hin und Her mit dem Amtsgericht Rostock ist Ende Dezember 2007 die Auszahlung der vom Hinstorff-Verlag seit Jahren hinterlegten Tantiemen aus der Herausgabe des Störtebeker-Romans „Die Vitalienbrüder“ erfolgt. Ihren Erbanteil von 50% hatte uns Anna-May Bredel 2005 übertragen. Mittlerweile hat auch Claus Bredel-Charron diese Regelung akzeptiert und das Außenvertretungsrecht der Willi-Bredel-Gesellschaft gegenüber Verlagen und anderen Nutzern anerkannt.

Mit der tatkräftigen und fachkundigen Unterstützung der Notarin a.D. Sabine Herrmann ist der Schenkungsvertrag zwischen Anna-May Bredel und dem Verein zustandegekommen. Als „Expertin“ des Bredel-Nachlasses mit über zwanzigjähriger Erfahrung hat sie mit einem Rechtsgutachten vom Oktober 2007 offensichtlich auch das Rostocker Amtsgericht beeindruckt, denn zwischen der Übersendung ihrer Expertise und der Auszahlungsankündigung durch die „Hinterlegungsstelle“ beim Amtsgericht Rostock lagen gerade einmal 4 Wochen...

In diesem Jahr erreichte uns die überraschende Nachfrage von Hans-Joachim Meyer nach einer Rechtevergabe für eine Übersetzung der „Vitalienbrüder“ ins Harburger Platt. Vielleicht erscheint also demnächst der erste ins Plattdeutsche übersetzte Roman von Willi Bredel, der ja in einigen seiner Werke selbst häufig für Dialoge die Hamburger Mundart verwendet hat.

Ein interessante Theateraufführung hat die Hamburger Radio- und Performancegruppe LIGNA im April/Mai 2007 auf Kampnagel durchgeführt: „Odyssee N&K“. Eine Episode aus Bredels Betriebsreportage „Maschinenfabrik_N&K“ schildert den „wilden“ Streik von 1929 in dieser Fabrik, an dem Bredel aktiv beteiligt war. Ausgestattet mit mobilen Radioempfängern begaben sich die Gäste auf eine Odyssee rund um das Kampnagel-Gelände. Handlungsstränge wurden den Teilnehmern via Funk übermittelt. Ein Ziel der Theaterperformance war, das Publikum mit Hilfe eines „Rundfunkagitators“ zu organisiertem Handeln zu bewegen. Sicherlich ein spannendes Projekt, aber warum wurde die Bredel-Gesellschaft nicht in die Vorbereitungen und Durchführung eingebunden?

Hans Matthaei

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Schildbürgerstreich in Hamburg-Ohlsdorf:
Wellnesstempel statt Freizeitbad !

Am 24. Januar 2008 wurden im überfüllten Gemeindesaal der Marienkirche die detaillierten Pläne von Bäderland und Stadtplanungsamt der empörten Öffentlichkeit vorgestellt:

„Die Bäderland Hamburg GmbH verfolgt, unter der Zielvorgabe der Profilierung zur Sport- und Fitnessanlage, den Umbau des sanierungsbedürftigen Bades Ohlsdorf. Dabei sind neben den Basisangeboten des Schwimmbades ergänzende fitnessbezogene Nutzungsbausteine wie Kursbecken und Aqua-Fitness-Studio vorgesehen. Zusätzlich werden auch Gastronomieeinrichtungen angeboten. In diesem Zuge wird der nicht zeitgemäße und überdimensionierte Freibadbereich zugunsten eines Wasserspielbereichs und eines neuen Außenbeckens bedarfsgerecht reduziert.“

„Teil der Gesamtmaßnahme ist die Veräußerung des nördlichen Grundstücksteils in einer Größe von ca. 9.900_m², auf dem Wohnungsbau realisiert werden soll. Die vorgesehene mehrgeschossige Wohnanlage bietet einen generationenübergreifenden Wohnungsmix für unterschiedliche Nutzergruppen.“ (Bürgerinformation zum Bebauungsplan-Entwurf Ohlsdorf 10)

Was hier so schön im Behördendeutsch formuliert wurde, heißt im Klartext: Das kombinierte Frei- und Hallenbad soll von einem familienfreundlichen Schwimmbad mit großen Außenfreiflächen und Liegewiesen zu einem Wellness- und Fitnesstempel für Gutverdiener, Alleinstehende und Senioren umgewandelt werden. Kinder und Jugendliche sind schon aufgrund der geplanten neuen Wohnanlage auf dem derzeitigen Freibadgelände nicht erwünscht.

Nach dem Bebauungsplanentwurf bleibt für das Schwimmbad nur noch 1/5 der jetzigen Fläche erhalten. Das geplante 25m Außenbecken ist nur in Verbindung mit dem Hallenbad nutzbar und hat weder Wasserrutsche noch Sprungturm. Hier soll man möglichst geräuschlos seine Runden schwimmen.

Hamburg war einmal Vorbild in Deutschland für Sportplätze und Schwimmbäder. Das reiche Hamburg hat jedoch kein Geld für den Erhalt der bisherigen Bäderlandschaft: Das Volksparkbad beim ehemals gleichnamigen Stadion und das Freibad Lattenkamp sind ganz verschwunden, die Grundstücke verkauft. In Ottensen entfällt für eine Generation kleinerer Kinder das Schwimmenlernen durch den Abriss des beliebten Bismarckbades. Das Stadtparkbad hat seit einigen Jahren keine Sprungtürme mehr und seit jeher nur eine Außendusche.

Nachdem die Schließung des Hallenbades Fabriciusstraße nach massiven Bürgerprotesten verhindert werden konnte, ist jetzt das Ohlsdorfer Schwimmbad dran: Das Familienbad ist ruhig und idyllisch gelegen, hat eine große Spielwiese und ist nicht nur Treffpunkt der Fuhlsbüttler. Weil es mit öffentlichen Nahverkehrsmitteln günstig zu erreichen ist, wird es auch von Gästen aus anderen Stadtteilen wie Steilshoop, Barmbek, Langenhorn besucht. Seit einigen Jahren geht jedoch die Besucherzahl zurück. Wegen des Wetters? Wegen besserer Möglichkeiten anderswo? Nein! Die Veränderung der Öffnungszeiten und die Erhöhung der Preise hat bei den meisten die Selbstverständlichkeit eines Badbesuchs früherer Jahre in Frage gestellt. Es war einmal so, dass mit dem ersten heißen Tag jeder, der gerne in ein öffentliches Bad ging, die Sachen packte und den Beginn der Badesaison feierte und ab dann auch bei bedecktem Himmel oder an kühleren Tagen hier zum Schwimmen ging. Bis in die 80er Jahre war es für jeden möglich, täglich ins Schwimmbad zu gehen, ohne an den Preis denken zu müssen; es gab günstige Saisonkarten und man konnte als Senior oder Berufstätiger den Tag ab 6 Uhr morgens mit einem Sprung ins Wasser beginnen. Kleine Kinder haben wie selbstverständlich schwimmen gelernt, weil sie jeden Tag im Wasser herumplanschen konnten. In die Ohlsdorfer Badeanstalt gingen auch gern Kindergartengruppen, weil es im Wasser und auf den Liegewiesen viel Platz zum Toben gibt. Doch inzwischen sind die Preise so hoch und die Öffnungszeiten so reduziert, dass man sich jeden Besuch zweimal überlegen muss. Dass immer weniger Kinder schwimmen lernen, ist die Folge.

Die jetzigen Pläne zeigen: das abwartende Hinnehmen schleichender Veränderungen rächt sich – wo sind die Politiker, die in den entsprechenden Ausschüssen diesen Änderungen zugestimmt haben? Dies, obwohl gerade die Politiker wissen müssen, dass ganz in der Nähe eine Reihe großer Baumaßnahmen stattfindet, die zu einer starken Verdichtung in Ohlsdorf führt: die Wohnungsbauten an der Alsterdorfer Straße, auf dem Gelände der Evangelischen Stiftung, das große Bauvorhaben zwischen Sengelmannstraße, Maienweg, Nesselstraße und Suhrenkamp sowie auch eine mögliche Umnutzung der Fuhlsbüttler Justizvollzugsanstalten.

Die vom Senat zum Sparen verdonnerte Bäderland Hamburg GmbH, die die SPD 1995 durch Herauslösung aus den Wasserwerken geschaffen hat, verkündete stolz, dass es für 2,8 Millionen Euro das 6 Monate lang geschlossene Holthusenbad in Eppendorf ‚modernisiert‘ habe. „Die größte Veränderung: wo früher die Sauna-Umkleiden waren, ist jetzt ein schicker Wellnesstempel entstanden. Gegen Aufpreis kann man sich hier treiben lassen. Zum Beispiel in einer überdimensionalen Muschel mit Magnesiumsulfat (Salzfloating, ab 25 Euro). Oder in einer goldenen XXL-Badewanne mit Aromazusätzen (Kaiserbad, ab 25 Euro). ‚Wir haben jetzt einen Wellnessbereich, wie es in Hamburg keinen zweiten gibt,‘ sagt Bäderlandgeschäftsführer Klauspeter Schelm stolz“ (Hamburger Morgenpost vom 22.01.2005). In einem Flyer heisst es: „Endlich – ein Tempel für Badekultur! Zelebrieren Sie eine Auszeit der ganz besonderen Art – ein Fest für Ihre Schönheit!“

Warum und wie können die ‚Leuchtturmprojekte‘ Hafencity mit ihrer völlig unsinnigen U-Bahnanbindung, die Elbphilharmonie, das Tamm-Seefahrtsmuseum oder Badeinseln in der Außenalster finanziert werden, während die vergleichsweise preiswerte Sanierung von Schwimmbädern jedoch „erwirtschaftet“ werden muss?

Ebenso wie Ausbildung, öffentliche Verkehrsmittel oder Freizeitsport muss man Schwimmbäder als gesellschaftliche Grundversorgung betrachten und nicht als gewinnorientierten Betrieb.

Jetzt soll es also aus und vorbei sein mit dem Schwimmbad, wie es einmal war. Der Protest gegen die Pläne muss vielfältig stattfinden: Vergnügen, Erholung und Sport müssen in Zukunft zu günstigen Preisen möglich sein. Es muss sich in großer Zahl und lautstark für das Ohlsdorfer Schwimmbad eingesetzt werden, nur eine große Koalition von Anwohnern und Verbänden kann die Politiker zum Umdenken zwingen.

Am 13. Februar 2008 hat sich bereits eine Bürgerinitiative gegen die Bebauung des Freibades Ohlsdorf gegründet, ein Bürgerbegehren ist geplant.

Bei der Willi-Bredel-Gesellschaft können weitere Informationen zum aktuellen Stand der Protestaktionen und die Broschüre „Baden im Alsterwasser“ zur Geschichte der Badeanstalt angefordert werden.

Klaus Struck

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