Willi-Bredel-Gesellschaft
Geschichtswerkstatt e.V.

Rundbrief 2007, 18. Jahrgang

Inhalt

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Editorial

Während der „Woche des Gedenkens“ wurde es dieses Jahr wieder deutlich: Es gibt in Hamburg-Nord ein Bündnis aller in der Bezirksversammlung vertretenen Parteien gegen Rechts, gegen das Vergessen und für ein gemeinsames Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus. In diesem Sinne durften wir u.a. dieses Jahr auch einen Gedenkgottesdienst zum Thema Zwangsarbeit in der Langenhorner Ansgar-Kirche mitgestalten. Pastor Tobias Götting stellte den Psalm 126, I in Zusammenhang mit dem Schicksal der Zwangsarbeiter im Hanseatischen Kettenwerk in Langenhorn und bei Röntgenmüller in Fuhlsbüttel.

Ein Bericht in diesem Rundbrief schildert exemplarisch diese Zusammenarbeit mit Schulen und Kirchengemeinden im Gedenken an die Naziopfer bei der Verlegung und den regelmäßigen Treffen bei den Stolpersteinen.

Andererseits liefen im Alsterdorfer Magazin-Kino parallel zur „Woche des Gedenkens“ 2007 unkommentiert Filme des rechtslastigen Historikers Karl Höffkes, wie „Räder müssen rollen für den Sieg“ und „Die Geschichte der Deutschen Luftwaffe 1914 – 1935“. Ebenfalls verwundert es uns, dass Kränze der CDU Alstertal, des Heimatvereins Hummelsbüttel und der Freiwilligen Feuerwehr Hummelsbüttel an einem militaristischen Kriegerdenkmal für „Unsere Helden 1914–1918 und 1939–1945“ an der Hummelsbüttler Hauptstraße niedergelegt wurden. Wir fragen in diesem Rundbrief, ob dieses Denkmal nicht eine Verherrlichung von Krieg, Faschismus und Antisemitismus ist.

Dass ein zufällig beim Renovieren eines Hauses in Klein Borstel gefundenes Paket zur Erstveröffentlichung eines verschollen geglaubten Manuskripts des Hamburger Schulreformers Wilhelm Lamszus führen konnte, verdanken wir dem Literaturwissenschaftler Andreas Pehnke. In diesem Rundbrief befindet sich eine ausführliche Rezension dieses in Leipzig herausgegebenen Buches.

Überregional wirkte eine Veranstaltung im Grünen Saal in Ohlsdorf in der „Woche des Gedenkens“ 2002: Wir haben mit dazu beigetragen, dass die mutige Widerstandsgruppe um den holländischen Zwangsarbeiter Johannes ter Morsche, die gegen die V-Waffenproduktion in Zinnowitz und Peenemünde kämpfte, endlich durch eine Stele im Kulturhauspark des Ostseebades Zinnowitz geehrt wird.

Mit diesen und weiteren Themen möchte unser neuer Rundbrief dazu beitragen, dass die Gefahren des Faschismus nicht kleingeredet werden , dass es wichtig ist, wie mit unserer Geschichte umgegangen wird, sei es beim Denkmalschutz oder im Gedenken an den Widerstand während des Nationalsozialismus.

Holger Tilicki, Hamburg im April 2007

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W. Lamszus: Giftgas über Hamburg

Ein verschollen geglaubtes Manuskript von Wilhelm Lamszus ist durch glückliche Umstände nach über 70 Jahren wieder aufgetaucht. Im Herbst 2006 ist es auf Anregung der Bredel-Gesellschaft von Prof. Andreas Pehnke veröffentlicht worden.

Der Fund

Vor zwei Jahren stieß man bei Umbauarbeiten im ehemaligen Wohnhaus des Hamburger Reformpädagogen und Schriftstellers Wilhelm Lamszus (1881–1965) auf einen sensationellen Fund: Auf dem Dachboden hatte er Bücher, Zeitschriften und Zeitungsausschnitte u. a. zum Thema Gaskrieg sowie unveröffentlichte Manuskripte versteckt, um sich und seine Familie bei einer möglichen Hausdurchsuchung durch die Gestapo nicht zu gefährden (vgl. RB 2005 und 2006). Lamszus‘ Vorsicht war nicht unbegründet, denn bereits sein Werk „Das Menschenschlachthaus“ brachte ihm 1912 ein Disziplinarverfahren der Hamburger Schulbehörde und die Überwachung durch die Politische Polizei ein, die auch nach dem 1. Weltkrieg weitergeführt wurde. Als langjähriges KPD-Mitglied (1918–1927) und engagierter Pazifist war er natürlich auch den Nazis ein Dorn im Auge: Schon im März 1933 wurde er aus dem Schuldienst entlassen.

Das Einzelhaus auf einem Erbbaurechtsgrundstück an der Wellingsbütteler Landstraße 36 wurde von Lamszus 1927 erworben. Nach seinem Tod 1965 blieb seine Frau Antonie Mathilde Lucia Lamszus, geb. Kahl, in dem Haus wohnen. Nachdem sie verstarb, verkauften seine Kinder Marianne, Hellmut und Olaf das Elternhaus am 6. Oktober 1969 an Alma Wüstenhagen und Ernst Reisch.

Der wichtigste Fund auf dem Dachboden ist ein undatiertes Manuskript über den Ausbruch eines neuen Weltkrieges, das in zwei Fassungen vorliegt. Auf den Deckblättern sind Titel und Autorenname herausgeschnitten. Die Bredel-Gesellschaft bat 2005 Prof. Andreas Pehnke um Verifizierung und Herausgabe dieser Texte. Im Herbst 2006 erschien nun im SAX-Verlag das Buch „Der Hamburger Schulreformer Wilhelm Lamszus (1881–1965) und seine Antikriegsschrift ,Giftgas über uns‘ – Erstveröffentlichung des verschollen geglaubten Manuskripts von 1932“.

Die Veröffentlichung

Prof. Pehnke ist ein ausgewiesener Lamszus-Kenner. Er lehrt Erziehungswissenschaften an der Universität Greifswald und hat eine Reihe von Biografien sächsischer Reformpädagogen (Fritz Müller, Waldus Nestler, Moritz Nestler, Kurt Schumann) herausgegeben. Bereits zu DDR-Zeiten hatte er sich 1988/1989 um eine kommentierte Neuauflage von Lamszus‘ Schriften bemüht, die allerdings am Volksbildungsministerium scheiterte. 2003 erschien seine Sammeledition „Wilhelm Lamszus – Antikrieg. Die literarische Stimme des Hamburger Schulreformers gegen Massenvernichtungswaffen“ im Peter-Lang-Verlag. In diesem Band hat Pehnke fünf Werke von Lamszus mit einer umfangreichen Einleitung vorgelegt.

Pehnke ordnet die auf dem Dachboden gefundenen Manuskripte aufgrund des Fundortes, des Stils und des Themas eindeutig Lamszus zu. Den Titel „Giftgas über uns“ hat er anhand einer – allerdings durchgestrichenen – Textzeile aus dem Manuskript ausgewählt, auch die Datierung auf das Jahr 1932 ist von ihm vorgenommen worden.

Das 215 Seiten umfassende Buch ist ansprechend gestaltet und mit zahlreichen Abbildungen ausgestattet. Das Lamszus-Manuskript wird in der vermutlich zweiten Fassung abgedruckt. In einem dokumentarischen und textkritischen Anhang verweist der Herausgeber auf Passagen aus der ursprünglichen Fassung und gibt Erläuterungen und weiterführende Hinweise zu einigen Textstellen. Dem Lamszus-Roman ist ein Vorwort Pehnkes u. a. mit einer politischen Interpretation von Lamszus‘ Biografie und Werk sowie ein umfangreiches Essay mit dem Titel „Die literarische Stimme des Hamburger Schulreformers gegen Massenvernichtungswaffen“ vorangestellt. Hier wird das schriftstellerische und friedenspädagogische Engagement von Lamszus gewürdigt und in den historischen Kontext eingeordnet.

Der Roman

Zu Beginn seines „Giftgas“-Romans skizziert Lamszus das Ausgangs-Szenario eines neuen (2.) Weltkrieges, wie er ihn Ende der Zwanziger Jahre heraufziehen sieht. Mussolini hatte 1922 die Macht in Italien übernommen und verkündete sein imperialistischen Ziel, die Beherrschung des Mittelmeer-Raums. Die Gefahr einer NSDAP-Regierung in Deutschland wird von Lamszus dagegen im Roman nicht angedeutet. In der ersten Fassung sind die Kriegsgegner und ihre Motive klar benannt: Die imperialistischen Großmächte Frankreich und Groß-Britannien überfallen – abgesegnet durch ein Völkerbundmandat – den politischen Erzfeind, die Sowjetunion. Deutschland ist Aufmarschgebiet und beteiligt sich an der Aggression.

Lamszus antizipiert in seinem Manuskript sowohl die Blitzkriegsstrategie, wie sie von der deutschen Wehrmacht ab 1939 tatsächlich angewendet wird, als auch die verheerenden Luftangriffe mit Gift- und Brandbomben gegen die Zivilbevölkerung großer Städte und industrieller Ballungszentren. In zahlreichen Zeitungsausschnitten, die Lamszus auf dem Dachboden versteckt hatte, finden sich Hinweise auf diese im Vergleich zum 1. Weltkrieg neuen Kriegsstrategien.

In der zweiten von Pehnke veröffentlichten Fassung fehlt diese internationale Einordnung des Kriegsbeginns. Lamszus steigt unmittelbar mit der Schilderung der explosiven Stimmung am Tag des Kriegsausbruchs in die Romanhandlung ein. Die Pressemeldungen überschlagen sich: „Ultimatum des Völkerbundes an Russland drahtlos überreicht... Bolschewistische Flieger werfen Bomben auf offene Grenzstädte, wehrlose Bevölkerung zu Tausenden getötet“ (S.89).

Die Hauptfigur des Romans, der sozialdemokratische Polizeipräsident Hildebrandt, beobachtet aus seinem Bürofenster die Vorgänge vor dem Polizeipräsidium: Eine rechtsradikale Menge, zu der auch sein älterer Sohn Heinrich gehört, zieht durch die Straßen und fordert „Nieder mit Moskau! Tod der Bolschewistenpest!“ (S.89). Bei den kommunistischen Gegendemonstranten vermutet er seinen jüngeren Sohn Hans. Seine tiefreligiöse Frau und seine Tochter, die als Kinderkrankenschwester arbeitet, vervollständigen die Familie. Mit diesem Personenensemble versucht Lamszus, wichtige politische und soziale Pole in der Weimarer Republik in einer Familie abzubilden.

Unter der Fragestellung, wie ein imperialistischer Krieg zu verhindern sei, ist die Hauptfigur als Sozialdemokrat in leitender Staatsfunktion zwischen Anpassung an die kapitalhörigen Machthaber und einem revolutionären Ausweg aus der Krise hin- und hergerissen. Sein Sohn Hans fordert am Vorabend des Krieges von ihm: „Verstehst du denn nicht, Vater, jetzt ist es Zeit, ihr müsst euch an die Spitze stellen, ihr müsst sofort den Generalstreik erklären und das Proletariat auf die Straße rufen!“ (S.91). Zwar erinnert sich Hildebrandt an den Kriegsausbruch 1914, als er dem Kreis um Liebknecht nahestand und wegen der Verteilung von Antikriegs-Flugblättern verhaftet wurde (S. 92), aber letztlich folgt er nur zu gern den beschwichtigenden Worten des Gewerkschaftssekretärs Markmann, der nicht an einen Kriegsausbruch glaubt (S. 96).

Während Hildebrandt über Evakuierungspläne der städtischen Bevölkerung sinniert, zeigt die Reaktion ihr Gesicht: Der General des Wehrkommandos und der Führer des Stahlhelms erklären das Kriegsrecht und nehmen seinen Sohn Hans als Geisel, um auch von Hildebrandt die Unterschrift für Ausgehverbote und Schutzhafterlasse zu erhalten. Originalton General: „Herr Polizeipräsident, ich habe keinen Augenblick an Ihrer patriotischen Gesinnung gezweifelt“ (S. 102).

Lamszus schildert die Schrecken der Flächenbombardements am Schicksal der Kinder Hildebrandts: Heinrich, der als Redakteur der „Nationalzeitung“ vom Angriff fasziniert trotz Gasmaske an einem Gasgemisch erstickt. Seine schwangere Tochter Lotte verbrennt durch Phosphor-Bomben in einem Kinderkrankenhaus. Auf der Flucht aus der Großstadt versucht Hildebrandt, seinen Sohn Hans aus dem Zuchthaus zu retten, denn „das Wehrmachtskommando hatte in weiser Voraussicht des Kommenden mit fester Hand und großer Sachkenntnis zugegriffen und sämtliche Funktionäre, deren man habhaft werden konnte, hinter Schloss und Riegel gesetzt. Von der Straße weg, aus den Betten heraus führte man sie fürsorglich in Schutzhaft ab“ (S.142). „Die Gefangenen sollten gegebenenfalls unter militärischer Bewachung in irgendein noch zu errichtendes Konzentrationslager gebracht werden“ (S.144). Das Zuchthaus wird, von den russischen Piloten versehentlich für eine Kaserne gehalten und bombardiert, Hans stirbt in den Armen seines Vaters.

In einer bürgerkriegsähnlichen Szene stellt sich Hildebrandt an die Spitze eines Flüchtlingszuges, der auf einen mondänen Badeort zu marschiert, in den sich die großstädtischen Eliten dank „dem Witterungsvermögen, das der Besitz des Geldes unstreitig verleiht“ (S.154) bereits vor Kriegsausbruch zurückgezogen hatte. Hildebrandt wird von Mitgliedern der Schwarzen Reichswehr erschossen. Lamszus resümiert: „Ja, dieser kleine Schlosser, den die Republik, weil sie ihn brauchte, auf die Höhe gehoben und Polizeipräsident einer Millionenstadt hatte werden lassen, – er hatte tatsächlich … bis zum Ausbruch des Krieges an die Schicksalsverbundenheit der Werktätigen mit den Besitzenden geglaubt. Jetzt, angesichts des Untergangs seiner Familie, des Untergangs der ganzen Bevölkerung – was war mit ihm geschehen? Stieg eine Ahnung in ihm, welche Rolle er in dieser Tragödie gespielt hatte? Besann er sich auf seine revolutionäre Vergangenheit? Kehrte der Sohn des Volkes in den Schoß des Proletariats zurück? Oder hatte er sich nur an die Spitze dieses Zuges von Aufrührern gesetzt, um, wenn die Stunde gekommen, auch diese Bewegung rechtzeitig in geordnete Bahnen hinüberzulenken?“ (S.174f).

Im Schlusskapitel zeigt Lamszus auf, wie ein Ausweg aus dem beginnenden Krieg gefunden werden könnte. Der sozialdemokratischen Anpassungsstrategie des Polizeipräsidenten Hildebrandt setzt er die von Kommunisten geführte Revolution entgegen: Die Rote Armee hatte statt Bomben Flugblätter über einer chemischen Fabrik abgeworfen, die Arbeiter stürmen nach gewalttätigen Auseinandersetzungen in einem Bunker die Fabrik. „Fünf Minuten später flatterte von der Spitze des riesigen zehntausend Arbeiter umfassenden Werkes die rote Fahne und grüßte die am fernen Horizont der Heimat der auferstandenen Menschheit entgegen eilenden roten Fliegern.“ (S.195)

Die Interpretation

Im „Menschenschlachthaus“ hatte Lamszus 1912 die „Bilder vom kommenden Krieg“ mit einem expressionistischen Stil plastisch heraufbeschworen. Martin Andersen Nexö schrieb 1916 über dieses Buch: „Die prophetische Energie, mit der er der Wirklichkeit vorgreift, und die ihn befähigt auf gut hundert Seiten alle Höllenkräfte des Weltkrieges zu entfesseln: sie verrät, wie tief das Gefühl von der Unvermeidlichkeit des Krieges auch ihn durchdrungen hat.“ (J. Merkel/D. Richter, Wilhelm Lamszus – Das Menschenschlachthaus, München 1980, S. 200). Mit dem Giftgas-Roman, der wieder in prophetischer Weise die Bilder vom kommenden Krieg zeigt, bemüht sich Lamszus, jetzt stärker vom Realismus geprägt, um die Aufdeckung der Kriegsursachen aus marxistischer Perspektive. Bei dem Krieg gegen die Sowjetunion geht es um ungeahnte Bodenschätze und Rohstoffquellen“ (S.158), sogar die Gewinnchancen des Wiederaufbaus nach dem Krieg werden thematisiert: „Ein Konzern zum Serienbau provisorisch zu errichtender Baracken für die obdachlos gewordene Bevölkerung war in Bildung begriffen“ (S. 159). Kriege sind nicht mehr unvermeidbar, sondern haben ihre Ursache im kapitalistischen System, das es mit Unterstützung der Sowjetunion durch eine sozialistische Revolution in Deutschland zu beseitigen gilt.

Lamszus polemisiert in vielen Passagen des Buches gegen die kompromisslerische Haltung der SPD gegenüber den Kriegstreibern und folgt mit dem Verlauf der Handlung der kommunistischen Linie „den Weltkrieg in einen Bürgerkrieg zu verwandeln“ (S.145). Auch wenn Lamszus der Kraft der KPD skeptisch gegenübersteht (S.142) – wird er sich im Februar 1933 bestätigt gefühlt haben – denn er schildert den sofort mit Kriegsbeginn einsetzenden Terror gegen die KPD genau so, wie er 1933 eintrat. Als historisches Vorbild für die Hauptfigur des Romans wird Lamszus der gelernte Zimmermann und und Sozialdemokrat Adolph Schönfelder (1875–1966) gedient haben. Schönfelder wurde 1925 Mitglied des Hamburger Senats und war bis zum 3.3.1933 Polizeipräsident. In vorauseilendem Gehorsam gegenüber dem nationalsozialistischen Reichsinnenministerium ließ er am 2.3.1933 75 führende Hamburger Kommunisten verhaften, darunter auch Lamszus‘ Schüler, Freund und Schriftstellerkollegen Willi Bredel. Ironie des Schicksals: Trotz seiner Anbiederung im Hildebrandtschen Stil an die NSDAP, u. a. mit einer Erklärung im “Hamburger Tageblatt“ am 2.6.1933, wird Schönfelder am 16.6.1933 selbst verhaftet und misshandelt.

Fragwürdig ist Pehnkes Interpretation des Manuskripts: „Lamszus‘ Text gehört auch zu den eindrucksvollen Zeugnissen aus der frühen Stalinzeit. Neben seiner Anklage gegen die gewissenlose Profitgier der Rüstungsindustrie und der menschenverachtenden Befehle militärischer Oberbefehlshaber sowie der Heiligsprechung der Waffen durch die Kirchen, karikiert er den sich gegenseitig behindernden Streit in den linken und rechten Flügeln der Arbeiterbewegung um Parteiprogramme.“ (S.12).

Lamszus geht es in seinem Buch keineswegs darum, die politischen Differenzen zwischen SPD und KPD zu karikieren, sondern vielmehr um eine Abrechnung mit der SPD-Politik des kleineren Übels, personifiziert in der Hauptperson des Polizeipräsidenten Hildebrandt. Zwei Absätze aus Lamszus‘ Roman (S. 142/145) und sein KPD-Austritt reichen Pehnke, um den Roman zu einem Zeugnis der „frühen Stalinzeit“ zu erklären. So geraten Pehnke weite Teile des Vorworts zu einem totalitarismustheoretischen Exkurs, der den Bogen von Lamszus über die Bekenntnisse der Hamburger Antifaschistin Katharina Jacob bis zur „belletristischen Aufarbeitung von Schicksalen in autoritären Regimen“, z. B. Per Wahlöös in Franco-Spanien angesiedelten Roman „Das Lastauto“, spannt und überspannt (S. 12 ff)! Pehnke schafft es auch, Mussolinis Giftgas-Krieg in Abessinien 1935/36 in einem Atemzug mit Maos angeblich 1930 geäußertem Wunsch nach Giftgas, „damit er seine skrupellosen Säuberungsaktionen gegenüber dem chinesischen Volk effektivieren könne“, zu nennen (S. 60).

Das Jahr des KPD-Austritts von Lamszus wird von Pehnke mal mit 1927 (S. 13), mal mit 1928/29 (S. 203) angegeben. Als Grund für diesen Austritt gibt er ohne genauen Quellennachweise an, dass „Wilhelm Lamszus die Stalinisierung der KPD nicht mittragen wollte und eine Vormachtstellung Stalins in der Komintern ablehnte“ (S.203). Nun mag die genaue Datierung für Pehnke keine große Rolle spielen, für die Einordnung in den historischen Kontext ist das Austrittsjahr aber von erheblicher Bedeutung. Jedenfalls gibt Bernhard Gleim (B. Gleim, Erinnerungen an Wilhelm Lamszus, in: J. Merkel/D. Richter, Das Menschenschlachthaus, München 1980, S. 185), auf dessen Text sich Pehnke im biografischen Teil im wesentlichen stützt, das Jahr 1927 an. Vermutlich war Lamszus von den lähmenden Fraktionskämpfen innerhalb der KPD enttäuscht, die bereits 1926 zum Ausschluss der „ultralinken Gruppe“ um Ruth Fischer und Arkadi Maslow führte. Nach Pehnkes Einschätzung sympathisierte Lamszus eher mit dem „rechten Flügel“, der aber erst Ende 1928 die KPD verließ. Im Dezember 1928 wurde unter Führung von Heinrich Brandler und August Thalheimer die KPD (Opposition) gegründet und erst ab diesem Zeitpunkt verfolgte die KPD weitgehend den Kurs der Kommunistischen Internationale. Auch in den historischen Standardwerken wird das Ende der kollektiven Führung der KPdSU und der Beginn der Machtkonzentration auf Stalin für gewöhnlich am Ausschluss Bucharins aus dem Politbüro im November 1929 festgemacht.

In der DDR wird Lamszus allerdings am 12. November 1960 von der Pädagogischen Fakultät der Humboldt-Universität mit der Ehrendoktorwürde geehrt „in Würdigung seiner Verdienste um die Erziehung der deutschen Jugend im Geiste des Friedens und der Völkerverständigung sowie seines Eintretens für eine fortschrittliche demokratische Schulentwicklung in Westdeutschland.“ (Pehnke 2003, S. 57).

Ferner muss der Datierung des veröffentlichten Manuskriptes auf 1932 widersprochen werden: Zwar hat Lamszus das Manuskript in diesem Jahr der „Weltbühne“ angeboten, aber sicherlich ist auch die 2. Fassung vor der Reichstagswahl am 14. September 1930 entstanden. Ein Schriftsteller wie Lamszus mit seinem feinen Gespür für die von den reaktionären Kräften ausgehenden Gefahren wird angesichts des Wahlerfolges der NSDAP (1928: 12 Sitze, 1930: 107 Sitze) dieser Partei nicht nur beiläufig erwähnen.

Auch wenn Pehnkes Einschätzungen in wichtigen Punkten Lamszus‘ Leben und dem vorliegenden Roman nicht gerecht werden, ist „Giftgas über uns“ ein höchst interessantes Zeitdokument, für das auch Nexös Aufforderung von 1916 – bezogen auf „Das Menschenschlachthaus“ – gleichermaßen gilt: „Lies das Buch.“ Das Buch ist über die WBG für 18 Euro zu beziehen.

Hans Matthaei

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Eindrucksvolle Präsentation des neuen Lagermodells in der Zwangsarbeiterbaracke

Am 7. Mai 2006 wurde ein originalgetreues Modell des Zwangsarbeiterlagers am Wilhelm-Raabe-Weg 23 im Rahmen einer feierlichen Veranstaltung mit dem ehemaligen niederländischen Zwangsarbeiter Theo Massuger, der Vorsitzenden der Bezirksversammlung Nord a. D. Renate Herzog sowie der Modellbauerin Heike Leps der Öffentlichkeit präsentiert.

Wie viele Baracken gab es ursprünglich? Sahen sie so aus wie die beiden erhaltenen Baracken? Wo standen sie? Wie sah das Lagergelände aus? Gab es noch andere Gebäude auf dem Gelände?

Diese und ähnliche Fragen wurden uns immer wieder von Besuchern der Dauerausstellung in der ehemaligen Zwangsarbeiterbaracke gestellt. Seitdem große Teile des ehemaligen Lagergeländes, die wir 1998 leider nicht mitpachten konnten, von der Großbaustelle für die Hamburger Flughafen-S-Bahn „okkupiert“ wurden und die beiden erhalten gebliebenen Baracken von Baukränen, Baumaschinen, Silos und einer hohen Bauhalle fast eingerahmt sind, fällt es sehr schwer, sich die Anlage des ehemaligen Zwangsarbeiterlagers plastisch vorzustellen. Da auch die von den Zwangsarbeitern geknipsten Fotos nur kleine Ausschnitte des Lagers abbilden und nur ein wirklich brauchbares Luftfoto des gesamten Lagers von der Royal Air Force aus dem Jahr 1952(!) existiert, entschlossen wir uns dazu, ein maßstabsgetreues Modell des Lagers von einer Modellbauerin anfertigen zu lassen.

Am 7. Mai 2006 wurde es im Rahmen einer beeindruckenden Veranstaltung erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Der 82-jährige ehemalige niederländische Zwangsarbeiter Theo Masssuger, der 1943 als Neunzehnjähriger in das Lager kam, und seine Frau Christine, von der auch drei ihrer Brüder als Zwangsarbeiter in Deutschland arbeiten mussten, waren spontan zu diesem Ereignis angereist. Massuger hatte ursprünglich Weber in der Tilburger Textilindustrie gelernt. Nach der Schließung seines Betriebes durch die deutsche Besatzungsmacht wurde er in die kriegswichtigen Philips-Fabriken in Eindhoven zur Arbeit geschickt. Unter Androhung des Einzugs der Lebensmittelkarten für die zehnköpfige Arbeiterfamilie wurde er im Sommer 1943 gezwungen, bei dem Philips-Tochterbetrieb Röntgenmüller in Hamburg-Fuhlsbüttel zu arbeiten.

In ihrer engagierten Rede betonte die ehemalige Vorsitzende der Bezirksversammlung Hamburg-Nord, Renate Herzog:

„Ich denke, es ist an der Zeit, vor allem an die Kulturbehörde zu appellieren, dieses letzte und eindrucksvolle Zeugnis eines unmenschlichen Zwangsarbeitssystems in Hamburg nicht allein einer ehrenamtlich arbeitenden Geschichtswerkstatt zu überlassen, sondern es auch materiell in das Hamburger System des Gedenkens einzubinden. Ich denke immer wieder an die Schilderung von Theo Massuger, wie sehr er von ehemaligen Zwangsarbeitern anderer Lager darum beneidet wird, hier am Wilhelm-Raabe-Weg in Fuhlsbüttel eine Stätte des Erinnerns wiedergefunden zu haben, an deren Erhalt und Ausgestaltung er auch noch sehr maßgeblich mitarbeiten konnte. Anderen Zwangsarbeitern ist die Wiederbegegnung mit ihrer Vergangenheit schon deshalb nicht mehr möglich gewesen, weil die Lager in der Regel sehr bald abgerissen wurden. Wir erinnern uns, dass wir es einem Zufall sowie der Initiative der Willi-Bredel-Gesellschaft und des Ortsamtsleiters Günter Schwarz zu verdanken haben, dass diese letzten Zwangsarbeiterbaracken erhalten werden konnten.“

Theo Massuger erinnerte in seiner Ansprache an die große Kameradschaft unter den niederländischen Zwangsarbeitern in diesem Lager, die es den jungen Männern leichter machte, die harte Arbeit, die schlechte Ernährung, die Angst vor Bombenangriffen und das Heimweh zu ertragen. Er erinnerte aber auch sichtlich ergriffen an den Tod seines Kameraden Jan Woudstra, der wegen unterlassener medizinischer Hilfeleistung des Betriebssanitäters und Nazis Martin Giese zu spät ins Krankenhaus eingeliefert wurde und dort starb. An diesen und ähnliche Vorfälle wird seit kurzem auf einer neuen Bild-Text-Tafel in der Ausstellung erinnert.

Im Anschluss an die beiden Ansprachen enthüllten die Modellbauerin Heike Leps und Theo Massuger gemeinsam das Modell, das im Maßstab 1 : 87 u.a. auf der Grundlage von zwei Luftfotos der Royal Air Force aus den Jahren 1946 und 1952, zahlreichen Privatfotos ehemaliger niederländischer Zwangsarbeiter sowie Skizzen der ehemaligen Lagerbewohner Theo Massuger und Jan de Groot erstellt wurde. Es zeigt detailgetreu die ursprünglich vier Baracken des Lagers und gewährt auch einen Einblick in das „Innenleben“ der Baracken mit ihrer spartanischen Möblierung und den völlig unzureichenden Heizmöglickeiten. Auch für den Kriegsalltag der Zwangsarbeiter wichtige Dinge wie die beiden Splitterschutzgräben, die vor Luftangriffen schützen sollten, die beiden Feuerwachen (Minibunker) zur Warnung vor Luftangriffen, der Hydrant und der Firmen-LKW mit Anhänger sind zu entdecken.

Fast eine Stunde lang beantwortete Theo Massuger vor dem Modell Fragen der Besucher zu den Lebensbedingungen im Lager (Beheizung, Hygiene, Ungeziefer, Verpflegung, Freizügigkeit), zu den im Lager vertretenen Nationen (Niederländer, italienische Militärinternierte, Franzosen, Belgier, Dänen, Polen und Russen) und deren Verhältnis zueinander, zu den Betrieben der Lagerbewohner (Röntgenmüller, Höger & Höhne, Kowahl & Bruns und Werften), zu den Arbeitsbedingungen sowie zur Befreiung. Anschließend führte er noch zahlreiche Einzelgespräche mit den Besuchern. Nach zwei Stunden „Dauereinsatz“ kam dann die verdiente Erholung bei Kaffee und Kuchen im Garten der Familie F., unweit der Fabrik, in der er 61 Jahre zuvor unfreiwillig für den „Endsieg“ schuften musste.

Die rein ehrenamtlich arbeitende Gruppe „Zwangsarbeit“ der Bredel-Gesellschaft freute sich über das große Interesse: Fast 60 Besucher wollten das Modell und die erweiterte Dauerausstellung sehen. Darunter waren auch der Leiter der KZ-Gedenkstätte Neuengamme Prof. Detlev Garbe, der sich im Winter 1998 tatkräftig gegen den Abriss der beiden Baracken engagiert hatte, und der neue Leiter des Ortsamtes Fuhlsbüttel-Langenhorn Karl-Heinz Dittmann. Beide waren voll des Lobes über die Dauerausstellung und das Modell des Zwangsarbeiterlagers.

Vergessen werden darf bei aller berechtigten Freude über die Fortschritte bei der Gestaltung der Dauerausstellung aber nicht, dass es die Hamburger Kultursenatorin Karin von Welck bisher nicht für notwendig hielt – trotz freundlicher Einladung – die einzigen weitgehend im Originalzustand erhaltenen Zwangsarbeiterbaracken zu besichtigen. Der Senat hat an dem Thema Zwangsarbeit offensichtlich wenig Interesse. Seine ungeteilte Sympathie gilt dem Tamm-Marine-Museum, das unkritisch die Geschichte der kaiserlichen und der faschistischen Marine darstellen will und für das beispielsweise ein Thema wie „Zwangsarbeit in der Seefahrt“ ein Spezialinteresse darstellt, das nicht ausstellungsrelevant ist.

Hans-Kai Möller

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Ehrung der Widerstandsgruppe um Johannes ter Morsche in Zinnowitz

Ehrung der Widerstandsgruppe um Johannes ter Morsche in Zinnowitz

Viele Mitglieder und Freunde der Bredelgesellschaft erinnern sich sicherlich noch an unsere beeindruckende Veranstaltung während der Auschwitz-Gedenkwoche 2002. Der Historiker Prof. Karl-Heinz Jahnke und Marie ter Morsche, die Tochter des niederländischen Zwangsarbeiters Johannes ter Morsche, berichteten damals über die mutige Widerstandsgruppe, die gegen die V-Waffenproduktion in Zinnowitz und Peenemünde kämpfte. Empörung kam bei der Veranstaltung auf, als Jahnke darüber informierte, dass eine zu DDR-Zeiten nach Johannes ter Morsche benannte Straße wieder in Waldstraße zurück benannt worden war.

Die Verdienste dieses Mannes wurden mit einem Federstrich gelöscht. Ein anderer, der in 1940er Jahren mit Fritz Todt, dem Reichsminister für Bewaffnung und Munition, auf Fotos in Peenemünde abgebildet ist und der für den Bau der Zwangsarbeiterbaracken zuständig war, brachte es im Nachkriegsdeutschland bis zum Bundespräsidenten. Sein Name ziert heute noch in verschiedenen Städten Plätze und Straßen: Heinrich Lübke.

Die Wut blieb aber an diesem Abend nicht im Bauch stecken, sondern führte zu der Unterschriftenaktion „Wir fordern die Rückbenennung!“ Die Kraft der Veranstaltung als Anschub nutzend, begann ich meine Aktivitäten, deren Anfänge ich im Rundbrief 2003 festhielt. Nun – 4 Jahre danach – halte ich den Brief des Zinnowitzer Bürgermeisters Herrn Michalk in den Händen, der sich im Namen der Gemeindevertretung ganz herzlich dafür bedankt, dass auch die Bredelgesellschaft dazu beigetragen hat, eine Würdigung der Widerstandsgruppe zu ermöglichen. Eine Einladung zur Einweihung der Stele am 19. November 2006, dem Volkstrauertag, wird darin ausgesprochen.

Keine Frage, dass ich mich gerne auf den Weg begebe. Während die Mecklenburgische Landschaft an mir vorüberzieht, hänge ich meinen Gedanken nach: Die verschiedenen Briefe an den Bürgermeister Krug, der am Volkstrauertag 1999 am Wohnhaus der Familie ter Morsche in der Waldstraße 12 eine Tafel zur Erinnerung an die Opfer des NS-Terrors und die fünf Hingerichteten anbringen lässt.

Auf der anderen Seite prallen an ihm hartnäckig die Vorschläge für eine Rückbenennung ab. Da bekanntlich steter Tropfen den Stein höhlt, ergab sich in Zusammenarbeit mit der „Historischen Gesellschaft Zinnowitz“ eine neue Idee. Wie wäre es denn mit der Benennung einer Straße nach Johannes ter Morsche in einem Neubaugebiet? Aber als dann zum Wohngebiet Salzhorststraße zwanzig Vorschläge eingingen, konnte man über die Ostseezeitung vom 17.2.2005 nur den Kopf schütteln. In einer Überschrift war zu lesen „Sträucher oder Widerstandskämpfer?“ Dem Bürgermeister, Herrn Lichner, standen wohl die Sträucher wie Sanddorn, Schlehe, Ginster und Flieder politisch näher, als die Namen von Widerstandskämpfern.

Inzwischen führt meine Fahrt an Rostock vorbei und meine Gedanken wandern zu Karl Heinz Jahnke, der leider an der Einweihung nicht teilnehmen kann. Er hat mit seinem Buch „Marie ter Morsche kann ihren Vater nicht vergessen“, aus dem ich viele Hintergründe für diesen Artikel entnahm, nicht nur den Widerstandskämpfern eine Anerkennung gezollt, sondern geht auch auf den Umgang der Stadt Zinnowitz mit der Tochter ein. Inzwischen ist es sehr erfolgreich ins Niederländische übersetzt worden.

Dank verschiedener Mitglieder der PDS (maßgeblich Wolf Horter) und der UWS (Unabhängige Wählergemeinschaft) gelingt es, nicht nur für die Idee der Aufstellung einer Stele eine Mehrheit zu finden, sondern auch durch Spenden, an denen sich u. a. die Kirche beteiligt, das Projekt auf den Weg zu bringen.

Passend zu diesen jahrelangen komplizierten Anstrengungen zum Ziel zu gelangen, kann ich auch Zinnowitz nicht direkt erreichen, sondern muss eine Umleitung fahren.

Ich erreiche den Kulturhauspark und stoße auf die vier Meter hohe, noch verhüllte Stele, die für die Besucher des Ostseebades in Richtung Strand nicht zu übersehen ist.

Gegen 12 Uhr beginnt die feierliche Einweihung mit der Enthüllung. Bürgermeister Michalk, die Landrätin Dr. Syrbe und der Pfarrer i.R. der katholischen Kirche Norbert Illmann, würdigen die Verdienste der Widerstandsgruppe. Die Beiträge wechseln sich ab mit den Liedern des Seniorenchores der Volkssolidarität. Ohne Wortbeiträge, aber als maßgeblicher Verein im Hintergrund, agiert die Historische Gesellschaft Zinnowitz mit ihrer Vorsitzenden Ute Spohler und mit Otfried Stöckert.

Die Hauptperson ist Marie ter Morsche, die nicht nur ihre beste Freundin mitbringt, sondern in zwei Bussen auch ihre Verwandtschaft. Von der Ankunft bis zur Abreise wurde alles vom niederländischen Fernsehsender RTV Oost aufgenommen. Sie sprach als Hauptrednerin und freute sich über die mehr als 100 Teilnehmer. „Diese Stele kann uns keiner mehr nehmen!“ war der Kernsatz ihrer Rede.

Im wahrsten Sinne des Wortes ein Denkmal, nämlich „denk mal drüber nach“ über das gleiche Todesjahr der fünf namentlich aufgeführten Kämpfer Prälat Dr. Carl Lampert, Johannes ter Morsche, Gerardus Pelkmann, Tadeus Sikierski und Dr. Alfons Maria Wachsmann, die alle 1944 hingerichtet wurden. Und warum noch zwei andere Namen: Luise Feike und Pfarrer Vincenz Plonka?

Die Recherchen stammen von Karl Heinz Jahnke: Der Oberschwester war es zu verdanken, dass die Lebensmittelversorgung der Widerstandsgruppe gesichert war; der Pfarrer stand in Verbindung mir anderen oppositionell eingestellten Zinnowitzer Bürgern und arbeitete ab 1943 mit ihnen zusammen. Mit der Stele haben alle Mitglieder der Gruppe die gebührende Ehrung erfahren.

Die Tauben an den Seiten des Denkmals stammen von Henk ter Morsche, einem Enkel der Familie. Sie symbolisieren den Friedenskampf, der auch durch Gefängnismauern nicht aufzuhalten ist.

Am Schluss sind alle überglücklich, dass „Tropfen“ sei es aus Zinnowitz, den Niederlanden, aus Rostock oder Hamburg mit geholfen zu haben, „den Stein zu höhlen“.

Dem Ostseebad Zinnowitz steht die Stele gut zu Gesicht. Die Würdigung am Volkstrauertag findet ihren Abschluss bei einem Empfang im Hotel „Preußenhof“. Bedanken muss sich die Stadt ganz sicherlich auch bei den Mitgliedern der Historischen Gesellschaft, die in ihrem Heimatmuseum die Verdienste von Johannes ter Morsche eindrucksvoll darstellen. Das bildet einen wichtigen Gegensatz zu Begebenheiten, die in den Annalen von Zinnowitz nicht verschwiegen werden konnten. So gründeten rechtskonservative Einwohner bereits 1920 den „Zweckverband zur Freihaltung des Ostseebades für deutschblütige Kurgäste“. 1931 weigerten sich die Zinnowitzer Hotel- und Gaststättenbesitzer, ihre Räume für die Gründung der Ortsgruppe der SPD zur Verfügung zu stellen.

Wie Marie ter Morsche können wir auch Genugtuung darüber empfinden und stolz darauf sein, dass es auch mit unserer Hilfe zu dieser würdevollen Stele gekommen ist.

Holger Schultze

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Aktivitäten um alte und neue Stolpersteine

Die Geschichte der Stolpersteinverlegungen ist eine erstaunliche Erfolgsgeschichte. Bundesweit wurden bis Ende 2006 über 9.000 Stolpersteine, davon mehr als 1.000 in Hamburg verlegt. Ein Hauptgrund dürfte sein, dass das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus hier nicht über staatliche Institutionen angeregt wird oder durch Politikerreden an den entsprechenden Gedenktagen vollzogen wird, sondern sozusagen auf die Straße hinaus gebracht wird.

Jeder, der einem Opfer dieses verbrecherischen Regimes gedenken möchte, kann sich an den Künstler oder in Hamburg an den Organisator der Verlegungen, Herrn Peter Hess, wenden. Dazu muss er selbstverständlich durch eigene Recherchen nachweisen, dass die jeweilige Person auch tatsächlich ein direktes Opfer geworden ist, was wiederum von den Organisatoren z. B. im Staatsarchiv gegengeprüft wird.

In unserem letzten Rundbrief berichteten wir über die Verlegungen von 39 Stolpersteinen für Juden aus Fuhlsbüttel im Oktober 2005, die Opfer der Nazis wurden. Unser Mitglied Margot Löhr, die zusammen mit der St.-Lukas-Gemeinde und dem Alstertal Gymnasium dieses Ereignis ermöglicht hat, war der Meinung, dass es mit der Verlegung allein noch nicht zu Ende sein sollte. Deshalb rief sie, um das Gedenken weiter wachzuhalten, zu einem jährlichen Treffen bei den Stolpersteinen am Jom ha Shoah, dem nationalen Gedenktag in Israel für die Opfer der Nazis, auf. Im vorigen Jahr am Jom ha Shoah haben Schüler der 4. Klassen der Ohkampschule mit ihrer Lehrerin Lena Hohenstein mit großem Einsatz die Steine gereinigt.

Angeregt durch die Stolpersteinverlegungen nahm auch die Lehrerin Ilse Bornholdt von der Ratsmühlendammschule das Thema Stolpersteine in den Unterricht ihrer 4 b auf. Sie lud Margot Löhr für den 22. Juni 2006 in den Unterricht ein, um darüber zu berichten, und die Klasse ging auch zu den Stolpersteinen, um diese zu putzen. Die Kinder zeigten sich sehr interessiert am Schicksal der Juden in ihrem Stadtteil während der Nazidiktatur und nahmen ein Video mit Fragen an einen ehemaligen Schüler ihrer Schule auf, der mit seiner Familie emigrieren musste, um dem Naziterror zu entkommen. Er lebt heute in den USA.

Es war schön zu erleben, mit welch großem Interesse die Kinder an dem Schick sal der Opfer Anteil nehmen. Auch als Paten für die Stolpersteine haben sich Schüler in eine Liste eintragen. Weiterhin wollen sie sich verantwortlich fühlen, die Opfer dieses menschenverachtenden Naziregimes nicht zu vergessen. Erinnerungen von Zeitzeugen sind dabei eine wichtige Hilfe. Wer sich an Menschen erinnert, die in der nationalsozialistischen Zeit verfolgt wurden, auch aus den angrenzenden Stadtteilen, kann sich gerne melden. Zeitzeugengespräche finden häufiger mit dem Lehrer Gerhard Brockmann und Schülern des Gymnasiums Alstertal statt.

Auch 2006 wurden wieder unter der Mitorganisation der WBG Stolpersteine verlegt, dieses mal für den Gewerbelehrer Ernst Mittelbach, der in Fuhlsbüttel und Klein Borstel lebte. Wir berichten unten stehend darüber.

Anfang März diesen Jahres begann sogar die BILD-Zeitung mit einer Aktion, die in der ganzen Hansestadt verlegten Stolpersteine zu putzen. Bürger und auch „Prominente“, wie z.B. der Bürgerschaftspräsident Berndt Röder (CDU) und Kaffeeunternehmer Darboven ließen sich beim Stolpersteinputzen fotografieren. Fußballlegende Uwe Seeler putzte den Stolperstein von Edgar Hirsch am Brombeerweg 47 in Fuhlsbüttel und sagte: „Kaum 30 Jahre alt [ 1 ], wollte er die Stadt trotz der Bedrohung in der Hitlerzeit nicht verlassen, wurde deportiert. Seine Liebe zu Hamburg hat Edgar Hirsch sein Leben gekostet. Das ist für mich jede Erinnerung wert.“ (Bild Hamburg 20.3.2007)

Die Willi-Bredel-Gesellschaft führte auch dieses Jahr wieder zusammen mit der Kirchengemeinde St. Lukas und dem Alstertalgymnasium am 27. Nissan, der dieses Jahr auf den 15. April fiel, ein Treffen bei den Stolpersteinen für die jüdischen Opfer durch.

Auch die nächsten Jahre werden für uns im Zeichen der Stolpersteine stehen. Einmal haben wir vor, die Einweihung des Stolpersteins für den Widerstandskämpfer Heinz Priess zu organisieren, einem engen Freund von Ernst Mittelbach. Außerdem werden wir an einem Buchprojekt mitarbeiten, dass das Institut für die Geschichte der Deutschen Juden zusammen mit der Landeszentrale für politische Bildung durchführt, in dem Biografien von allen Personen, die in Hamburg einen Stolperstein bekommen haben, dokumentiert werden sollen.

Darüber hinaus haben wir Ideen für weitere Stolpersteine für Widerstandskämpfer und andere Opfer der Nazis in Fuhlsbüttel.

Holger Tilicki

[ 1 ] Hier irrt Uwe Seeler: Edgar Hirsch wurde 47 Jahre alt.

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Stolpersteine für Ernst Mittelbach in Klein Borstel und am Berliner Tor

Mit der ihm eigenen Gründlichkeit recherchierte unser Mitglied Klaus Timm in engem Kontakt zu den Hinterbliebenen sein Buch „Die Ermordung des Lehrers Ernst Mittelbach“, dass als Band 20 aus der Reihe „Geschichten aus Klein Borstel“ erschien. Während dieser Arbeit erwuchs der Wunsch, an Mittelbach auch durch einen Stolperstein vor seinem ehemaligen Wohnhaus an der Wellingsbütteler Landstraße zu erinnern. Da Mittelbach nicht nur in seinem unmittelbaren Wohnumfeld, sondern auch in seinem Beruf als Gewerbelehrer den Nazis mutig gegenüber trat, sollte sich die Stolpersteinverlegung nicht ausschließlich auf den Wohnort Wellingsbütteler Landstraße beziehen. Auch seine berufliche Wirkungsstätte sollte mit einbezogen werden. So baten wir den Künstler Gunter Demnig zwei Stolpersteine für Ernst Mittelbach zu verlegen. Erfreulicherweise stimmte Demnig unserem Anliegen zu.

So standen also am Vormittag des 11. Oktobers 2006 einige hundert Schüler der Ernst-Mittelbach-Gewerbeschule G 15 am Brekelbaumspark nahe dem Berliner Tor, im Halbkreis vor dem Haupteingang der Schule, wo der Stolperstein zum Gedenken an den Namensgeber ihrer Schule verlegt werden sollte.

In seiner Rede, begrüßte der Schulleiter Hans Werner Lüers nicht nur die Organisatoren dieses Ereignisses, sondern konnte auch die in London lebende Tochter Ernst Mittelbachs Margret Horn und deren Tochter Yvonne Seils willkommen heißen. Er sagte: „Wir wollen hier heute mit diesem Stein Ernst Mittelbachs gedenken und alle Schüler und vorbeigehenden Passanten mit der Inschrift an sein erlittenes Schicksal erinnern. Wir hoffen, dass die Menschen neugierig werden und Fragen stellen … (und sich vielleicht) dadurch auch aufgefordert fühlen, sich in unserer Dauerausstellung über das Leben und Schicksal von Ernst Mittelbach zu informieren und daraus ihre Lehren zu ziehen.“

Der Schulleiter skizzierte den Werdegang von Ernst Mittelbach und seine Arbeit als Gewerbelehrer und bei der Außenstelle der Klöckner-Flugmotorenbau in Moorfleet bis Oktober 1942. Er beschrieb auch die Freundschaft zwischen ihm und einem seiner Schüler, Heinz Priess, der nach seinem Ingenieursexamen als Konstrukteur im Flugzeugbau bei Blohm & Voss arbeitete. Beide waren überzeugte Gegner des Regimes, Priess als Kommunist, Mittelbach als bis 1933 der SPD-Nahestehender. Mittelbach wehrte sich hartnäckig gegen die Bestrebungen der Schulbehörde, ihn zum Eintritt in die NSDAP zu bewegen. Lüers beschrieb, dass Mittelbach am 20.10.1942 verhaftet wurde, weil ihm u.a. Kontakt mit Kommunisten („in seinem Hause verkehrte häufig der Kommunist Heinz Priess … nahm Mutter des Priess in sein Haus auf“) und das Hören von Feindsendern vorgeworfen wurde. Das Verfahren vor dem Volksgerichtshof endete am 3.5.1944 mit dem Todesurteil wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“, das am 26.6.1944 im Untersuchungsgefängnis Hamburg vollstreckt wurde.

„Durch die Aktion heute wollen wir dieses Menschen gedenken, der in schwieriger Zeit zu seiner Meinung stand, der nicht abkehrte vom Glauben an Gerechtigkeit und Menschlichkeit, den wir wegen seiner Zivilcourage als Leitbild für junge Menschen ansehen. Sein Verhalten zeigt uns, dass wir nicht abrücken sollen von unseren Vorstellungen und Ideen vom menschlichen Umgang miteinander und uns nicht einschüchtern lassen sollen durch Totalität, Gewalt und Indoktrination.“ Mit diesen Worten holte Hans Werner Lüers die anwesenden Angehörigen, Schüler und Lehrer zurück in die Gegenwart und appellierte an sie: „Schauen sie nicht weg, wenn Menschen geschlagen, verfolgt oder sonst wie drangsaliert werden. Bedenken Sie, dass auch sie selbst einmal Betroffener sein und von der Hilfe anderer abhängig sein könnten.“

Eingeladen von der Willi-Bredel-Gesellschaft hatte sich am späten Nachmittag ein Kreis von ca. vierzig Menschen an der Wellingsbütteler Landstraße 186 eingefunden, um auch den Stolperstein in Klein Borstel würdig zu begrüßen. Bevor der Lokalhistoriker Klaus Timm hier seine Ansprache hielt, bedankte sich der ehemalige NDR-Direktor Claus Kühn, ein ehemaliger Nachbar, bei den Initiatoren für diesen Stolperstein.

Claus Kühn kannte Ernst Mittelbach nur flüchtig, denn in der fraglichen Zeit war er als Soldat eingezogen und wurde zuletzt an der Kurland-Front eingesetzt. Er war nur auf kurzen Heimaturlauben zu Hause in Klein Borstel. Claus Kühn, Träger des Gregoriusordens und der Ansgarmedaille der Katholische Kirche, ist ein Sohn des Journalisten und Schriftstellers Erich Kühn (1887–1953), an den die nicht weit vom Stolperstein befindliche „Kühnbrücke“ im Alsterpark erinnert. Die Familie Kühn versteckte während der Nazizeit einen jüdischen ehemaligen Richter und dessen Frau in ihrem Haus. Erich Kühn war nach 1945 für die CDU als Kommunalpolitiker im Fuhlsbüttler Ortsausschuss.

Dieser 11. Oktober 2006 stand also ganz im Zeichen des Gedenkens an einen Antifaschisten, der sein Engagement gegen die Machthaber im Dritten Reich mit dem Leben bezahlen musste. Von manchen aufrechten Frauen und Männern aus dieser Zeit wissen wir nur sehr wenig über ihre Motivation und die Hintergründe ihres Handelns. Überlebende Zeitzeugen konnten uns jedoch in den vergangenen Jahrzehnten persönlich darüber berichten, viele hatten politische Gründe zum Widerstand: Sie waren Kommunisten und standen damit durch ihre Vision von einer besseren Gesellschaft von gleichberechtigten Individuen im klaren Gegensatz zu den Nazis und ihrer völkisch-rassistischen Weltsicht.

Aus welchen Gründen leistete nun Ernst Mittelbach so mutig Widerstand? Klaus Timms Nachforschungen legen nahe, dass er christlich motiviert war. Dafür spricht insbesondere der Abschiedsbrief an seine Frau Katie, in dem er schreibt: „Wenn Du diesen Brief erhältst, bin ich heimgegangen bei Gott im Himmel. Der Pfarrer ist bis zuletzt bei mir. Meine Seele wird immer um Dich sein, Du meine einzig Geliebte! Ich habe nur einen Wunsch, dass Gott Dich trösten möge über dies unsagbare Leid, das ich über Dich gebracht habe.“ [ 1 ] Zweifellos sprechen aus diesen Worten religiöse Gefühle und sie zeigen die ganze menschliche Tragik im Angesicht des Todes. Aber nirgends in der Literatur über Ernst Mittelbach findet sich ein Hinweis auf eine besondere christliche Motivation.

Eine weitere Passage aus dem Brief lautet: „Leute wie unsere ehemaligen Mieter sind Verbrecher, hüte Dich vor solchen. Sie sind ja auch Anlass dieser Katastrophe.“ [ 2 ] Wen und welche Umstände meint Mittelbach? Distanziert er sich hier sehr scharf von Heinz Priess und seiner Mutter, die er vor der Gestapo in seinem Haus versteckte? Setzt er hier Kommunisten mit Verbrechern gleich? Das mag ein Antikommunist so ausdrücken, es passt möglicherweise in die heute allgemein verbreitete Deutung der Geschichte, aber will uns Ernst Mittelbach das wirklich sagen? Die Worte „Verbrecher“ und „Katastrophe“ weisen für mich eher auf die Nazis und die desolate Situation Deutschlands unter ihrer Herrschaft im Sommer 1944 hin, als selbst hartgesottene Offiziere ihre oberste Führung lieber in die Luft sprengen wollten, als weiter zu kämpfen. Hatte Mittelbach vielleicht wirklich auch Mieter, die Nazis waren?

Aber selbst, wenn Mittelbach am Ende seines Lebens zum Christentum gefunden hat und den Freund und Kommunisten Priess und dessen Mutter als „Verbrecher“ erkannt haben will, so hat diese Wertung keinen Einfluss auf die Bedeutung seines Widerstands. Klaus Timm schreibt vom „fundamentale(n) weltanschauliche(n) Gegensatz zwischen Ehepaar Mittelbach und der ,Linken‘“, [ 3 ] meint irgendetwas passe nicht. Als Beleg für seine christliche Weltanschauung wird aus einem Brief von Mittelbachs Studienkollegen Arthur Zenker an die Tochter Margret Horn von 1990 zitiert: „Vielleicht stehen Sie auch im Glauben wie Ihre lieben Eltern damals?“ [ 4 ] Diesem Brief legte Zenker einige Zeilen von Dietrich Bonhoeffer [ 5 ] bei. „Linke“ und „Christen“ stellen deshalb aber noch lange keinen fundamentalen Gegensatz dar.

Die Hamburger Volkszeitung erinnerte bereits am 26.6.1946, am zweiten Jahrestag der Ermordung Ernst Mittelbachs, in einen Artikel mit der Überschrift „Leuchtende Beispiele der Einheit“ an die Hamburger Antifaschisten, die an diesem Tag hingerichtet wurden. Fotos von Ernst Mittelbach, Otto Mende, Paul Thürey, Robert Abshagen und Willi Stein illustrieren den Bericht. Es wird auf die Einheit der Arbeiterbewegung im Widerstand hingewiesen.

Tatsächlich wurde Ernst Mittelbach bisher immer auch als Teil des Widerstands der Arbeiterbewegung geehrt, sei es in der Literatur [ 6 ], sei es bei regelmäßigen Gedenkfeiern der VVN Hamburg zur Erinnerung an die Widerstandskämpfer der Bästlein-Jacob-Abshagen-Organisation. Mittelbach war sicherlich kein Kommunist, aber auch garantiert kein Antikommunist.

Die Willi-Bredel-Gesellschaft plant, der Verlegung eines Stolpersteins für den ebenfalls hingerichteten Heinz Priess im Laufe des Jahres 2008 einen würdigen Rahmen zu geben. Dazu gehört auch das Zusammentragen und Veröffentlichen aller Fakten seiner Widerstandsarbeit. Wir hoffen dabei auch gesichertere Kenntnisse über Ernst Mittelbach zu gewinnen.

Bis dahin gilt sein letzter Satz aus dem bereits zitierten Abschiedsbrief: „Ich hätte ja im Kriege fallen können.“ Ernst Mittelbach hat nicht als Soldat für, sondern als Widerstandskämpfer gegen die Nazis gekämpft und dafür verdient er unseren ungeteilten Respekt.

Holger Tilicki


[ 1 ] Klaus Timm, Die Ermordung des Lehrers Ernst Mittelbach, Geschichten aus Klein Borstel, Band 20, Hamburg 2006, Seite 71 (Abschrift des letzten Briefes an seine Frau vom 26.6.1944, Todestag)
[ 2 ] Ebenda
[ 3 ] Ebenda, S. 83
[ 4 ] Ebenda, S. 84
[ 5 ] Dietrich Bonhoeffer (4.2.1906–9.4.1945), Widerstandskämpfer, Vertreter der Bekennenden Kirche, hingerichtet im KZ Flossenbürg
[ 6 ] Verschiedene Bücher zum Thema Widerstand in Hamburg, sowie Materialsammlungen zur Namensgebung einer Straße in Niendorf (1982) und der Gewerbeschule (1992) beschäftigen sich mit Ernst Mittelbach. Lesenswerte Beispiele: Gedenken heißt: Nicht schweigen, Schüler des Gymnasiums Ohmoor informieren, Seite 45–47, Hamburg 1984 (auch veröffentlicht in: Hamburg, Schule unterm Hakenkreuz, Hsg. Ursel Hochmuth und Hans-Peter de Lorent, Seite 265 f, Hamburg 1985); Hilfe für Verfolgte in der NS-Zeit, Jugendliche forschen vor Ort, Hsg. Johannes Rau, Seite 245–259 (Benjamin Herzberg), Hamburg 2002

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Verherrlichung von Krieg, Faschismus und Antisemitismus in Hamburg-Hummelsbüttel?

Hamburg-Hummelsbüttel hat viele Denkmäler. Dazu gehören z. B. die dänischen Grenzsteine (z. B. an der Hummelsbüttler Hauptstraße und am Hummelsbüttler Kirchenweg) aus dem 19. Jahrhundert, die daran erinnern, dass Hummelsbüttel bis vor 140 Jahren dänisch war. Wäre es dänisch geblieben, wären Hummelsbüttel fünf Angriffskriege [ 1 ] und ein Denkmal an der Hummelsbüttler Hauptstraße erspart geblieben. Dieses Denkmal befindet sich neben der Bushaltestelle „Am Gnadenberg“ der Linie 174, etwas versteckt und ist von der Straße kaum einsehbar.

Es ist ein Stein des Anstoßes – und das nicht nur im übertragenen Sinne. Es verherrlicht den Krieg und den Nationalsozialismus. Und es verhöhnt die Opfer des deutschen Militarismus, Faschismus und Antisemitismus, weil es denen gedenkt, die sie zu Opfern werden ließen.

Was macht dieses Denkmal so unmöglich? Drei Granitfindlinge sind hier aufgetürmt. An einem sind ein bronzener Tornister, ein Stahlhelm und ein Gewehr montiert. In einen der drei Findlinge ist ein Text eingemeißelt, der jeden Demokraten erschauern lässt: „Unsern Helden 1914–1918 1939–1945“. Eingeweiht wurde das Denkmal am 19. April 1925 [ 2 ]. Nach dem 2. Weltkrieg wurde dann der Zusatz „1939–1945“ eingemeißelt.

Geschaffen hat dies Denkmal übrigens Hermann Perl, ein Hummelsbüttler Bildhauer. [ 3 ]

Was sich alles so um dieses Denkmal in schwarz-brauner Vorzeit abgespielt haben dürfte, lässt folgendes Zitat leicht erahnen: „Der Platz um das Denkmal war ursprünglich mit einem Maschendrahtzaun und einer kurz geschnittenen Hecke eingefriedet; der mit gelbem Grand abgedeckte Aufmarschplatz wurde zum Wochenende … von Unkraut gereinigt und penibel geharkt.“ [ 4 ]

Dieses Denkmal steht für die antidemokratischen und faschistischen Kräfte, die sich mit dem Scheitern der imperialistischen Politik nach dem 1. Weltkrieg nicht abfinden wollte und die die Weimarer Republik zerstörten. Der Antisemitismus und Rassismus dieser Kräfte mündete in einem Angriffs- und Vernichtungskrieg mit 50 Millionen Toten. Dass ein solches Denkmal noch den öffentlichen Raum Jahrzehnte geziert hat und noch immer zieren darf, ist ein Skandal. Da das Denkmal pauschal die Helden der beiden Weltkriege gedenkt, kann auch nicht eingewandt werden, dass mit den „Helden“ nicht alle Kriegsteilnehmer gemeint gewesen seien.

Bedenkt man, dass das Denkmal selbst und auch die zusätzliche Inschrift nicht während des Nationalsozialismus entstanden sind, kann man dies als unkritische Haltung oder bewusste Nähe des konservativen Bürgertums zum deutschen Faschismus interpretieren. Die zumindest unkritische Haltung der bürgerlichen Mitte setzt sich bis heute fort, wenn aktuell Organisationen am Volkstrauertrag mit Kränzen dieser „Helden“ gedenken [ 5 ]: wie z. B. der Heimatverein Hummelsbüttel, die Freiwillige Feuerwehr Hummelsbüttel, die CDU Alstertal, Hummelsbüttler Sportvereine, Bürger helfen Bürgern e. V.

Vor einigen Jahren hatten die Grünen in der Bezirksversammlung Hamburg-Wandsbek eine Initiative zur Umgestaltung des Denkmals in Gang gesetzt, leider ohne Erfolg. Die CDU und die rechtskonservative „Schill“-Partei sahen keinen Handlungsbedarf! Eine Mehrheit des Ortsausschusses Alstertal vertrat die Auffassung, dass das Denkmal die historische Sicht darstellt und deshalb akzeptiert werden sollte [ 6 ]. Der Skandal wiederholt sich! Es ist auch nicht ersichtlich, warum im Gegensatz zum Klotz am Dammtor das Hummelsbütteler Denkmal nicht zumindest eine Kommentierung erfahren sollte. Gerade durch die Tatsache, dass nach Kriegsende – also in Kenntnis der Verbrechen- die Daten des zweiten Weltkrieges hinzugefügt wurden, bedarf der Erklärung. Die Ablehnung einer Kommentierung zeigt, dass auch im Kleinen Beiträge für eine militaristische Erinnerungskultur in Hamburg aufgebaut bzw. wie in diesem Fall bewahrt werden sollen (andere Beispiele sind das Tamm-Museum oder das Askari-Relief bei der Lettow-Vorbeck-Kaserne).

Denkmäler, die die militaristische und faschistische deutsche Vergangenheit unkommentiert positiv hervorheben, dürfen keinen Platz in einem demokratischen Deutschland haben. Eine eindeutige politische Stellungnahme der demokratischen Parteien in diesem Sinne wäre wünschenswert. Die rechte Szene tritt einerseits immer aggressiver und gewaltbereiter auf und versucht andererseits, unter dem Deckmantel der demokratischen Läuterung neues Terrain zu gewinnen. Laut Hamburger Morgenpost vom 25.01.2007 (S. 3) sind die rechtsextremistischen Straftaten in Hamburg im Jahre 2006 im Vergleich zum Vorjahr um 36 Prozent gestiegen. Um so dringender ist es, dass die Glorifizierung der faschistischen deutschen Vergangenheit durch Denkmäler, wie in Hamburg-Hummelsbüttel, kritisch kommentiert oder diese aus der Öffentlichkeit entfernt werden [ 7 ]. Es könnte z. B. seitens der Hamburger Verwaltung ein Geschichtswettbewerb initiiert werden, der sich aktiv mit der Umgestaltung des Hummelsbüttler Denkmals hin zu einem Gedenken an die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft in einem ersten Schritt auseinandersetzt und in einem zweiten Schritt umsetzt. Die Arbeiten hierzu sollten unverzüglich beginnen.

nfa


[ 1 ] Gemeint sind die Angriffskriege gegen Österreich 1866, gegen Frankreich 1870/71, der 1. Weltkrieg, der Krieg gegen das republikanische Spanien und der 2. Weltkrieg.
[ 2 ] Steinfath, Hummelsbüttel. Grützmühle und Hallenhäuser, Leben unter dem Strohdach, Hamburg 1986, S. 50
[ 3 ] Steinfath, ebenda
[ 4 ] Steinfath, ebenda, S. 51
[ 5 ] So von der WBG festgestellt.
[ 6 ] Aus dem Antrag „Gedenktafel neben Kriegerdenkmal“ der GAL Wandsbek v. 10.02.2003
[ 7 ] Eine solche Forderung ist nicht abwegig ist. Hatte doch z. B. die britische Militärregierung 1945 die Beseitigung des Nazi-Denkmals am Dammtor angeordnet. Dass es dazu nicht kam, zeigt das Beharrungsvermögen der restaurativen Kräfte in Hamburg.

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Das Hakenkreuz im öffentlichen Raum – ein neues Problem?

Es geht hier nicht um die Swastika, das alte Rad des Lebens aus Indien, verbreitet in China als Symbol für Sonne und Unendlichkeit, aber auch in Europa ab etwa 3500 vor unserer Zeitrechnung auf Kreta zu finden und Anfang des 20. Jahrhunderts als Werbung für Coca-Cola (USA) oder die Tuborg-Brauerei (Dänemark) als positives Symbol verwendet. Es geht hier um das Hakenkreuz als „Markenzeichen“ der NSDAP, seit dem 5. März 1933 auf der zweiten Nationalflagge und von 1935 bis 45 als ausschließliche National- und Handelsflagge des Deutschen Reiches in Gebrauch.

Ein wichtiger Unterschied besteht allerdings auch zwischen dem deutschen Hakenkreuz und dem blauen Hakenkreuz der finnischen Luftwaffe zwischen 1914 und 1944: Dieses hat nichts mit dem Nationalsozialismus zu tun, auch wenn beide Luftstreitkräfte zeitweilig zusammen gegen die Sowjetunion gekämpft haben.

In der Bundesrepublik Deutschland ist es gemäß § 86 a des Strafgesetzbuchs verboten, das Hakenkreuz in der Öffentlichkeit zu verbreiten und zu benutzen. Das bedeutet, dass eine Hakenkreuzschmiererei auf einer öffentlichen Wand am Langenhorner Markt genauso eine Straftat ist, wie das Ausstatten eines im Dritten Reich angesiedelten Computerspiels mit Hakenkreuzen am Ärmel eines Nazi-Offiziellen oder dem Leitwerk einer Junkers Ju-52. [ 1 ]

Selbstverständlich soll dieses Verbot verhindern, dass Neonazis unter diesem Symbol der Unmenschlichkeit wieder durch die Straßen marschieren, mit diesem Zeichen Propagandamaterial bedrucken oder anderweitig ihre Gesinnung kundtun können.

Fallen aber auch Hakenkreuze im historischen Zusammenhang darunter, die im öffentlichen Raum die Jahrzehnte überdauert haben, z. B. auf dem Ohlsdorfer Friedhof oder am Turm der Ansgar-Kirche an der Langenhorner Chaussee?

Ein profilierungssüchtiger Jungliberaler aus Hamburg-Nord lancierte im Sommerloch 2006 in einer Hamburger Tageszeitung und auf dem Titelblatt des „Lokalanzeigers für Langenhorn, Fuhlsbüttel, Hummelsbüttel und Ohlsdorf“ einige Artikel über den angeblichen „politischen Wirbel“ um 30 Grabstätten auf dem Ohlsdorfer Friedhof, die mit Hakenkreuzen versehen sind. Es ginge um den guten internationalen Ruf des größten Parkfriedhofs der Welt. O-Ton des Artikels: „Einige verbliebene Steine mit nationalsozialistischen Symbolen … werden als Zeitdokumente bei Führungen – zum Beispiel der Geschichtswerkstatt Neuengamme – gezeigt. Doch das „Zeigen“ ist das Problem: Kennzeichen und Symbole verbotener rechtsextremistischer Organisationen dürfen … nur im Rahmen der staatsbürgerlichen Aufklärung … verwendet werden.“ [ 2 ]

Abgesehen davon, ist die Willi-Bredel-Gesellschaft nicht die Geschichtswerkstatt Neuengamme, auch wenn unser Mitglied Herbert Diercks, der seit über 10 Jahren diese Führungen über den Ohlsdorfer Friedhof mehrmals jährlich für uns veranstaltet, als Historiker in der Gedenkstätte des ehemaligen KZ Neuengamme arbeitet. Außerdem „zeigen“ wir die Hakenkreuze nicht nur, sondern betreiben eben gerade diese angemahnte politische Aufklärung. Der Vorwurf, der dort gegen uns mitschwingt, ist also einfach lächerlich.

Der Jungliberale tut so, als wenn er etwas Neues, Skandalöses herausgefunden hätte, dabei hat Diercks schon 1992 im von der WBG herausgegebenen Buch „Friedhof Ohlsdorf – Auf den Spuren von Naziherrschaft und Widerstand“ ein ganzes Kapitel den Nazi-Grabsteinen gewidmet.

Aus aktuellem Anlass schrieb Herbert Diercks dazu im November 2006 in „Ohlsdorf – Zeitschrift für Trauerkultur“: „Vollständig oder teilweise entfernte Symbole laden wie auch noch vorhandene NS-Zeichen zum Diskurs über einen angemessenen Umgang mit NS-Vergangenheit ein. Ist es Ignoranz und Unverbesserlichkeit, auf einer Familiengrabstätte ein Hakenkreuz zu belassen? Welche Diskussionen und Einsichten führten zur Veränderung bzw. Entfernung eines NS-Symbols? Welche unterschiedlichen Hintergründe und damit Betrachtungsweisen haben Familienangehörige, ehemals Verfolgte und deren Angehörige, Denkmalschützer, Friedhofsangestellte und Historiker? (…)Die wenigen noch vorhandenen nationalsozialistischen Symbole auf Grabsteinen auf dem Ohlsdorfer Friedhof, wenn man sie denn findet, haben aus meiner Sicht die ihnen ursprünglich zugedachte Funktion verloren. Sie sind Relikte einer vergangenen Zeit – in jedem Fall mit Tod verbunden. Ursprünglich waren sie einmal als Symbole von Aufbruch, Ausgrenzung, Anderssein, Tabubruch gedacht – für aufgeklärte Zeitzeugen Zeichen eines verbrecherischen Systems, das in der Geschichte der Menschheit einmalig ist. Das dürfte auch der Grund dafür sein, dass diese Gräber keinerlei Anziehungskraft für Neonazis haben; davon habe ich niemals gehört.“ [ 3 ]

Viel angebrachter wäre ein Engagement der JuLis gegen die den Faschismus und seine Wehrmacht verharmlosenden Bücher, Zeitschriften, Webseiten und Filme, die unter dem Etikett „historische Dokumentationen“ öffentlich zugänglich sind. Viele dieser Publikationen wollen nicht bloß informieren, sondern leisten – so wie die Filme des Historikers Karl Höffkes, die mittlerweile sogar im „Magazin“-Kino in Winterhude gezeigt werden – der rechten Propaganda Vorschub.

In diesem Zusammenhang ist es empörend zu erfahren, dass 2006 ein Versandhändler, der u. a. Aufkleber, Anstecker und T-Shirts mit antifaschistischen Symbolen verkaufte – durchgestrichene, zerstörte und anderweitig im eindeutigen Anti-Kontext dargestellte Hakenkreuze – vom Landgericht Stuttgart zu einer Geldstrafe wegen Verbreitung verfassungsfeindlicher Symbole verurteilt wurde. Im Zuge dieser Maßnahme kamen sogar einzelne Antifaschisten ins Schussfeld der Justiz. Auch dieser Rundbrief bedient sich traditionell der Symbolik des zerstörten Hakenkreuzes auf der Rückumschlagseite.

Was könnte auf alle Antifaschisten zukommen, wenn sich Gerichte in anderen Bundesländern dieser Praxis anschließen würden?, fragten wir uns, bis dann glücklicherweise am 15. März 2007 „eines der absurdesten Verfahren der jüngeren deutschen Rechtsgeschichte“ (junge Welt vom 16.3.07) sein Ende fand und der Bundesgerichtshof in Karlsruhe dieses Urteil vernünftigerweise aufhob.

Wir müssen mit unserer Geschichte leben und akzeptieren, dass wir Spuren davon auch im öffentlichen Raum wiederfinden. Schließlich sind Zwangsarbeiterbaracken und die Gelände und Gebäude ehemaliger KZs auch nichts Anderes und dienen heute der Aufklärung über diese Zeit.

Eine rein formale Verbannung des Hakenkreuzes aus der deutschen Öffentlichkeit, ohne Bewertung des Zusammenhangs, in dem es benutzt wird oder vorhanden ist, würde einer extremen Verdrängung gleichkommen und die Auseinandersetzung mit der Nazizeit noch schwieriger machen. Rechtliche Schikanen gegen Antifaschisten, die das Hakenkreuz in einem klaren Anti-Kontext verbreiten, stellen eine (bewusste?) Behinderung unserer antifaschistischen Arbeit dar und sind auf das Schärfste zu verurteilen.

Holger Tilicki


[ 1 ] Dieses Verbot ist im heutigen Internetzeitalter natürlich nicht durchzusetzen, wenn sich ein deutsches Mitglied der internationalen Flugsimulator-Community von einer völlig legalen ausländischen Website z. B. Tarnanstriche („Skins“) mit Hakenkreuz für seine virtuellen Flugzeuge herunterlädt.
[ 2 ] Lokalanzeiger, Wochenblatt für Langenhorn, Fuhlsbüttel, Hummelsbüttel, Ohlsdorf, Nr. 35, 31.8.2006, Seite 1.
[ 3 ] Ohlsdorf – Zeitschrift für Trauerkultur, Nr. 95, IV, 2006, 10.11.2006, herausgegebenen vom Förderkreis Ohlsdorfer Friedhof e. V.

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Bauer Wagners „Gutspark“ oder Denkmalschutz light

Seit über einem Jahr finden auf der letzten noch erhaltenen Hofanlage in Fuhlsbüttel/Klein Borstel an der Wellingsbütteler Landstraße 59 (Esso-Tankstelle) umfangreiche Bauarbeiten statt, die zu einer weitgehenden Zerstörung des ursprünglichen Charakter dieses denkmalgeschützten Hofes geführt haben.

Bauer Wagners Hof an der Wellingsbütteler Landstraße ist eine der letzten Spuren der bäuerlichen Vergangenheit des Dorfes Klein Borstel. In einem Gutachten des Denkmalschutzamtes aus dem Jahr 2003 heißt es: „An diesem wohlerhaltenen Ensemble ist besonders anschaulich die historische bäuerliche Wirtschaftsweise im Alstertal durch die im Abstand von über hundert Jahren entstandenen Baulichkeiten belegt. Mit der auf die Stadt Hamburg ausgerichteten Produktionsweise der Milchwirtschaft (Butterbauern) sind diese Gehöfte im Weichbild der Stadt ein wichtiges historisches Dokument. Durch die repräsentative Bauernvilla wird der wirtschaftliche Aufschwung im späten 19. Jahrhundert in diesem Teil Hamburgs deutlich, der für manche Bauern durch den Verkauf von Flächen für den Zentralfriedhof in Ohlsdorf finanzielle Vorteile gebracht hat.“

Ein Teil der großbäuerlichen Hofanlage diente bereits ab 1943 als Kohlenhandlung. Die Wirtschaftsgebäude wurden in der Nachkriegszeit als Garagen und Lagerräume genutzt. Vor allem aber hat der Bau der Esso-Tankstelle in den Fünfziger Jahren dem Hof-„Ensemble“ nachhaltig geschadet.

Von Geldnöten getrieben wollte die Familie Wagner, die Erben von Walther Wagner, Ende der Neunziger Jahre den Hof verkaufen. Nach einem Abriss der Gebäude, für den eine vorläufige Genehmigung vorlag, war die Errichtung eines Penny-Marktes im Gespräch. Letztendlich fand die Familie Wagner 2001 einen Investor für die gesamte Fläche des Flurstückes 19 mit 9094 qm einschließlich der maroden „Wagner-Villa“. Käufer ist die P.I.S.A. (Planung-Industrie-Städtebau-Architektur GmbH), als Bauherr tritt die „GbR Wellingsbütteler Landstraße 59“ auf.

Nach Anwohnerprotesten erkannte endlich auch das Hamburger Denkmalschutzamt die Bedeutung dieses Rest-Hofes und stellte ihn am 10.6.2003 in Teilbereichen unter Schutz , da „der Erhalt in öffentlichem Interesse liegt“. Der Schutz gilt für die Hofanlage, bestehend aus einem „vermutlich aus dem 18. Jahrhundert stammenden reetgedeckten Fachwerkhaus, aus einem neueren 1898 errichteten Wohn-/Wirtschaftsgebäude, Schweinestall und Scheune sowie einem Vorgarten mit Einfriedung, einer teilweise gepflasterten Hoffläche und einer baumbestandenen Weide“. Allerdings bedeutet die Eintragung in die Denkmalliste „kein absolutes Veränderungsverbot, sondern bewirkt lediglich einen Genehmigungsvorbehalt durch das Denkmalschutzamt bei jeglichen zukünftigen Veränderungen, auch bei Abbruch“.

Da ein Abriss der historischen Gebäude nun nicht mehr möglich war, entwickelte der Investor folgenden Plan: Die Freiflächen werden mit 20 Stadt-Reihenhäusern unter dem Motto „Wohnen am Gutshof“ bebaut, die Villa wurde mit einem Grundstück von ca. 938 qm separat verkauft, und die Wirtschaftsgebäude werden zu 6 dreigeschossigen Wohnungen ausgebaut. Ende 2007 soll die Tankstelle abgerissen werden, so dass Platz für weitere Reihenhäuser und PKW-Stellplätze geschaffen wird.

Die Sanierung der Villa, die heute zwar immer noch kein „Gutshof“ ist, aber doch in neuem Glanz erstrahlt, die Umnutzung der Wirtschaftsgebäude zu Wohnzwecken sowie der geplante Abriss der Tankstelle sind begrüßenswert und ohne den Bau der Reihenhäuser auch sicherlich nur für einen finanzkräftigen Liebhaber alter Gebäude finanzierbar. Die Freie und Hansestadt Hamburg hat ja bekanntlich kein Interesse an derartigen Projekten, stattdessen wird sie wohl eher auch noch ihre letzten Liegenschaften verscherbeln. Mehrere vollständig neu errichtete Gauben auf dem Dach auf dem Wirtschaftsgebäude sowie gigantische, in die Mauer dieses Gebäudes brutal eingefügte Fenster zeigen einen unverantwortlichen Umgang des denkmal“schutz“amtes mit der historischen Gebäudesubstanz. Vorrang hatte nicht der Denkmalschutz, sondern das Profitinteresse des Investors.

Was wird nun aus dem Fachwerkhaus? Weder vom Denkmalschutzamt noch von der Baugesellschaft ist Näheres über die Sanierung und spätere Nutzung zu erfahren. Zur Zeit wird die Bauernkate entkernt. Bauarbeiter berichten, dass ein weitgehender Abriss und anschließend ein Neuaufbau geplant sei. Wenn diese Informationen zutreffen, würde zwar wieder ein Fachwerkhaus entstehen – mit dem Charme eines Fertighauses auf dem Lande. Das Denkmalschutzamt und die Öffentlichkeit sind gefordert, einer Zerstörung dieses im Alstertal einmaligen historischen Gebäudes, das fast bis zum Beginn der Bauphase noch bewohnt war, zu verhindern und die Rettung der noch vorhandenen historischen Bauelemente (Balken, Treppe, Herdstelle usw.) sicherzustellen.

Hans Matthaei Recherche: Klaus Timm

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Neues von Bredels Privatbibliothek

Bereits in unseren Rundbriefen von 1997 und 1999 wurde das wechselvolle Schicksal von Willi Bredels Privatbibliothek beschrieben.

Im Vordergrund steht bis heute unser Anliegen, diese umfangreiche Bibliothek (sie umfasst nach letzter Sichtung ca. 5.600 Bände) als Ganzes zu erhalten und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Nachdem die Witwe Willi Bredels, Maj Bredel, im Jahre 1988 schwer erkrankt war, konnten die Bücher nicht mehr in ihrer Wohnung in der Ifflandstraße in Berlin bleiben. Eine Unterbringung in Bredels ehemaligem Wohnhaus in Schwerin, dem Kultur- und Begegnungszentrum am Weinbergsweg, scheiterte, weil das Haus noch bewohnt war. Die Bücher wurden daher zur Zwischenlagerung ins Schweriner Schloss gebracht, in die Bibliotheksräume der ehemaligen Herzöge von Mecklenburg.

Seit 1992 bemühte sich die Willi-Bredel-Gesellschaft um die Privatbibliothek Willi Bredels als Leihgabe, und 1995 gelang es ihr, die Bücher nach Hamburg zu holen.

Aber wohin damit?

Unsere eigenen Räume waren viel zu klein für die ca. 200 lfd. Meter Bücher.

Bevor sie nach Hamburg gelangen konnten, musste eine Unterbringungsmöglichkeit gefunden werden. Die „Forschungsstelle für die Geschichte des Nationalsozialismus“ am Schulterblatt war daran interessiert, diesen Bücherschatz bei sich aufzunehmen, und der Umzug von Schwerin nach Hamburg konnte beginnen. Die ca. 200 Kisten umfassende Bibliothek wurde in einem gesonderten Raum aufgestellt, am 23.4.1998 wurde sie der Forschungsstelle feierlich als Dauerleihgabe übergeben.Leider war die „Dauer“ nur von relativ kurzer Dauer. Im Zusammenhang mit den Sparmaßnahmen der Kulturbehörde Hamburg musste die Forschungsstelle ihre Räume am Schulterblatt verlassen und zog in das ehemalige Finanzamt am Schlump, wo ihr wesentlich weniger Platz zur Verfügung stand. Die Forschungsstelle musste sich daraufhin von einigen Sammlungen trennen, so auch von der Privatbibliothek Willi Bredels.

Wiederum bemühten wir uns bei verschiedenen Einrichtungen – von den Hamburger Museen bis zur Akademie der Künste in Berlin – die Bibliothek unterzubringen, um sie als Ganzes zu erhalten und aufzustellen. Von überall kamen Absagen.

Zudem war für die Willi-Bredel-Gesellschaft inzwischen eine neue Rechtslage entstanden: Die Tochter Willi Bredels, Anna-May, hatte uns im Januar 2005 die Bibliothek ihres Vaters in Form einer Schenkung übergeben, d. h. seitdem sind wir für alles verantwortlich, was die Bibliothek betrifft.

Wir waren also in der Pflicht, die Bibliothek zu übernehmen und wollten versuchen, wenigstens einen Teil davon in unseren Räumen aufzustellen. Das hieß, wir mussten eine Auslagerungsmöglichkeit für einen Teil unserer eigenen Bestände und für den größten Teil der Privatbibliothek Willi Bredels finden. Ideen gab es einige: Zwangsarbeiterbaracke, Ausbau des Dachgeschosses über unseren Büroräumen – alles nur Notlösungen, denn: waren dort die Bücher sicher?

Schließlich stellte uns das Ortsamt Fuhlsbüttel an der Hummelsbütteler Landstraße einen hellen, trockenen Kellerraum zur Verfügung, und der Count-down konnte beginnen:

Zunächst mussten unsere eigenen Bestände minimiert, verpackt und ins Ortsamt geschafft werden, um Platz für Willis Bücher zu schaffen: ca. 60 Kisten.

Parallel zu dieser eher physisch zu leistenden Arbeit, wurde ich aber auch geistig gefordert: meine Freunde von der Willi-Bredel-Gesellschaft hatten sich einfallen lassen, mir zum 70. Geburtstag ein großartiges Geschenk zu machen: einen Computer. Ob ich wollte oder nicht: ich musste mich von nun an mit den Tücken dieses Gerätes vertraut machen.

Es gab eine Liste vom Bestand der Privatbibliothek, ca 300 Seiten stark; sie war vor Jahren auf einer mechanischen Schreibmaschine angefertigt worden, reichlich mit Tippfehlern versehen, aber auch mit sinnentstellenden, kuriosen „Entgleisungen“, die teilweise sehr belustigend waren. Die Umwandlung dieser Ur-Liste in die digitale Form war also recht spannend und machte mir viel Vergnügen. Das Excel-Programm habe ich dabei fast nebenher gelernt.

Diese Arbeit mit dem Bücherschatz Willi Bredels war aber auch eine gute Gelegenheit für mich, ihn noch besser kennen zu lernen. Was für eine großartige Sammlung wertvoller Bücher hat er in seinem relativ kurzen Leben zusammengetragen! Wie viele Wissensgebiete beinhaltet diese Bibliothek. Leider blieb ihm neben den zahlreichen gesellschaftlichen Verpflichtungen und Funktionen immer weniger Zeit, seinen Lese- und Wissenshunger zu stillen. Es gibt zahlreiche Hinweise von ihm, wie sehr er diesen Zustand bedauerte.

Wir konnten zwar nur einen Teil seiner Bücher in unseren Räumen aufstellen, aber schon diese bescheidenen Auswahl hat manchen unserer Besucher zum Staunen gebracht.

Alle Bücher sind jetzt also digital erfasst und zwar in 3 Listen:

  1. Gesamtbestand von Willi Bredels Privatbibliothek,
  2. ins Ortsamt Fuhlsbüttel ausgelagerte Bände (ca 4000 Stück) und
  3. in unseren Räumen aufgestellte Bände (ca 1600 Stück).

Somit gibt es erstmals ein vollständiges Gesamtverzeichnis der Privatbibliothek. Sie enthält zahlreiche Bände mit persönlichen Widmungen bekannter Schriftsteller und anderer Persönlichkeiten, zahlreiche bibliophile Kostbarkeiten u. ä. Alle diese besonderen Merkmale sind in den Listen erfasst.

Parallel zu dieser „Bürotätigkeit“ habe ich die Bücher in der Forschungsstelle verpackt und zwischengelagert: Ca. 160 Kisten. Diese wurden in drei Etappen von Mook-wat e. V. per LKW in die Willi-Bredel-Gesellschaft transportiert.

Dreimal wurden jeweils mehr als 50 Kisten ausgepackt, jedes einzelne Buch in die Hand genommen, seine Daten mit der Liste verglichen, die Eintragungen ggf. korrigiert. Der größte Teil der Bücher wurde dann wieder verpackt und ausgelagert, der Rest – ca ein Viertel – bei uns aufgestellt und zwar in genau derselben Gliederung wie Bredel sie geordnet hatte und wie sie einst in seiner Wohnung gestanden haben.

Zwischen den einzelnen Transporten blieben jeweils vier Wochen Zeit, um eine Fuhre durchzuarbeiten und neuen Platz für die nächsten Kisten zu schaffen.Ende April 2006 war dann – mit tatkräftiger Hilfe durch Antje Kosemund und Beata Rose – alles geschafft: ca. 1600 Bände prangen nun in unseren Räumen, ca. 200 Kisten bleiben vorläufig ausgelagert.

Natürlich kann der jetzige Zustand nur eine unbefriedigende Zwischenlösung sein. Wir werden weiter nach Möglichkeiten suchen, Willi Bredels Privatbibliothek in würdigem Rahmen als Ganzes zugänglich zu machen. Sie ist es wert.

Ulla Suhling

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Bücher haben ihre Schicksale

Begegnung am Ebro – Willi Bredels Spanien-Roman

Am 1. Juli 1937 trifft Willi Bredel mit seinem Freund und Genossen Erich Weinert in der spanischen Hafenstadt Valencia an der Levante-Küste ein. Sie wollen am II. Internationalen Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur teilnehmen und damit den Kampf der Spanischen Republik gegen die faschistischen Putschisten unter General Franco unterstützen. Bredel will aber noch mehr. Er ist mit dem festen Vorsatz nach Spanien gereist bis zum Ende des Krieges in den Internationalen Brigaden mitzukämpfen. [ 1 ] Nach dem Kongress fährt er am 20.7. nach Madrid und wird am 24.7.1937 als Kriegskommissar des 3. Bataillons der 11. Internationalen Brigade eingesetzt. Am 11. August beginnt sein ständiger praktischer Einsatz bei dieser als Thälmann-Bataillon bezeichneten Einheit, der genau drei Monate dauern wird.

Bis Anfang Juni 1938 bleibt Bredel in Spanien und lebt vorwiegend in Barcelona. Er hat von der Leitung der Internationalen Brigaden den Auftrag bekommen, ein umfangreiches Buch über die Geschichte der 11. Internationalen Brigade zu schreiben. Im März 1938 wird er angesichts der faschistischen Ebro-Offensive noch einmal zum Fronteinsatz im Thälmann-Bataillon herangezogen.

Seine Erlebnisse verarbeitet er zu der Romanchronik „Begegnung am Ebro“, die den Leser unmittelbar an den dramatischen Ereignissen teilnehmen lässt. Der Schriftsteller F.C. Weiskopf berichtet, dass Bredel das erste Kapitel „in einer aragonesischen Sandkuhle…, unmittelbar hinter der ersten Linie des Thälmann-Bataillons in einer Gefechtspause konzipiert habe.“ [ 2 ] In einem Brief vom 26.12.1937 an seine Frau Lisa berichtet er erstmals über sein Vorhaben. [ 3 ]

Der Inhalt

Bereits mit dem ersten Kapitel – Am Tag vor der Offensive – des zehn Kapitel umfassenden Werkes gelingt es Bredel den Leser hautnah mit dem harten Kriegsalltag der Interbrigadisten vertraut zu machen. Der Leser ist gern dazu bereit dem Ich-Erzähler dabei zu folgen, da er Widersprüche, Schwierigkeiten und Konflikte nicht ausblendet und auch seine persönlichen Empfindungen und die seiner Kameraden offen und ungeschminkt darstellt. So schreibt er u.a. über die drei Tage dauernde Fahrt von Madrid ins Kampfgebiet der Provinz Aragon:

„War die Fahrt auf offenen Lastwagen in der tropischen Hitze schon eine nahezu unerträgliche Qual gewesen – die an Unterbrechungen, Umkoppelungen, Umrangieren reiche, ermüdend langsame Schlangenfahrt mit der Bahn durch das Gebirge …war es nicht minder. Und die landschaftlich schönste, reizvollste Fahrtstrecke war für uns zugleich die qualvollste. Es ging unmittelbar am Meer entlang, das in der Sonne funkelte und glitzerte. Der goldgelb leuchtende Strand stach uns in die Augen und auch die vielen Menschen, die …sich sonnten, mehr noch aber die, die sich lärmend in den Wellen tummelten, die Frauen vor allem in ihren farbenfrohen Trikots….Nun verschlangen sie das Unerhörte mit fiebrigen Blicken, und der Zug, der allen bisher so empörend langsam fuhr, schien ihnen plötzlich zu rasen. [ 4 ] Eindringlich vermittelt Bredel durch die Aussage seines Kommandeurs Georg Elsner die besondere Motivation der deutschen Antifaschisten in Spanien zu kämpfen: „ Für uns sei hier doch nur die Fortsetzung eines Krieges, den wir bereits seit vier Jahren führten. Ob an der Spree, an der Ruhr oder an der Elbe, am Manzanares oder Ebro, es sei ein Krieg mit verschiedenen Frontabschnitten. Er wüßte Hunderte, Tausende, die die Hälfte des noch vor ihnen liegenden Lebens gäben, könnten sie mit uns, die Knarre geschultert, gegen den Faschismus marschieren, nämlich die Insassen der Konzentrationslager und Zuchthäuser.“ [ 5 ]

In diesem Zusammenhang erinnert Bredel auch an seinen Kameraden Heinrich Thorsten, das ist der dem Leser der „Prüfung“ sicherlich bekannte ehemalige KPD- Reichstagsabgeordnete Mathias Thesen, mit dem er sich im KZ Fuhlsbüttel mit Hilfe des Klopfalphabets verständigt hatte. [ 6 ]

Episoden über den Tod der dem Ich-Erzähler persönlich eng verbundener Kameraden oder über das grausame Schicksal von Schwerverwundeten wechseln mit Erlebnissen, bei denen der Autor seine Gestalten und auch sich selbst humorvoll von einer bisher unbekannten Seite zeigt. Erwähnt seien hier nur die illegale Zechtour Bredels mit dem Kommandeur Georg Elsner oder die Begegnung mit Hassan, dem „Hamburger Kümmeltürken“.

Ein Höhepunkt des Buches bildet bereits das zweite Kapitel „Here is the Lincoln, what shall we do?“ In diesem Kapitel schildert der Autor sehr offen die Ängste bei seiner Feuertaufe, der Schlacht bei Quinto. Nach dem Tod Elsners muss der militärisch vollkommen unerfahrene Bredel die Führung des Bataillons übernehmen: „Salve auf Salve donnerte gegen die faschistischen Stellungen. Mir schien, alle Kameraden in der Mulde sähen auf mich. Sie wußten ja, daß dies mein erster Kampf war, und sie mochten ein wenig kopfschüttelnd und verwundert die Rolle, die ich zu spielen gezwungen war, kommentieren. Ich fühlte das lächerliche, aber in meiner Lage wohl nur zu begreifliche Verlangen, ihnen zu beweisen, daß ich keine Angst hatte.“ [ 7 ] Aber Bredel hat Glück, plötzlich erscheint die kampfstarke amerikanische Lincoln-Brigade und Bredel schickt sie schlitzohrig nach einem fingierten Telefonat mit dem Brigadestab zur Verstärkung in die vorderste Stellung. Dem Leser aber teilt er offen seine Gedanken und Gefühle mit: „Über mich kam wieder die alte Unruhe und Angst. Wenn nun auch dieser Sturm mißlang? Mit welchem Recht hatte ich das Bataillon ,Lincoln‘ kommandiert; nicht genug, daß ich am Tage meiner Feuertaufe das Kommando über das eigene Bataillon übertragen bekam, hatte ich mir noch die über ein Bataillon einer anderen Brigade angemaßt...Wenn das nur gut ausging...Ich stand da äußerlich ruhig und zuversichtlich, doch der Herzschlag drängte die Kehle hoch, und auf meinen Lippen lag Zittern.“ [ 8 ] An anderer Stelle bekennt der Ich-Erzähler Bredel offen: „Nein, ich bin nicht gern Soldat, Wüßte ich nicht, um was es geht, was alles von dem Ausgang dieses Kampfes abhängt, niemand würde mich hierher bringen….Wer durch bombardierte Ortschaften kam, schreiende Frauen aus zusammenbrechenden Häusern rennen sah, kleine blutige Kinderfüße in den Gassen fand wie weggeworfene, unnütze Schuhe, wie kann der eigentlich gern Soldat sein?“ [ 9 ]

Besonders eindrucksvoll gelingt Bredel die Darstellung des Andalusiers Pedro. Der anarchistische Revolutionär und der kommunistische Politkommissar stehen sich anfangs reserviert und misstrauisch gegenüber. Dem Erzähler gelingt es, Pedro dazu zu bewegen, die Gründe für seine Distanz gegenüber den Internationalen offen auszusprechen. Bredel stellt am Verhältnis zwischen Pedro und dem Ich-Erzähler die Vorbehalte und Vorurteile beider Seiten offen dar und versucht, am Beispiel „seines“ Verhaltens gegenüber Pedro und den katalanischen Anarchisten im Bataillon seine Vorstellungen über einen einfühlsamen und vertrauensvollen Umgang mit diesen Antifaschisten zu vermitteln. Durch diesen für beide Seiten schwierigen und widerspruchsvollen Prozess entwickelt sich im Falle von Pedro sogar eine enge persönliche Freundschaft. [ 10 ] Auch das durch viele Vorbehalte und Missverständnisse belastete Zusammenfinden zwischen den Kämpfern der Internationalen Brigaden und der bäuerlichen Zivilbevölkerung gestaltet Bredel in mehreren Episoden. In dem armen Dorf Torralba werden von der Brigade ein Kulturklub aufgebaut, Alphabetisierungskurse durchgeführt und sogar eine Dorfschule eingerichtet. [ 11 ]

Habent sua fata libelli

Das Sprichwort der alten Römer - Bücher haben ihre Schicksale – bringt die dramatische Geschichte der Herstellung und Veröffentlichung gerade dieses Buches auf den Punkt: Willi Bredel arbeitete von Januar bis Juli 1938 intensiv an seinem Buch und schickte nach und nach die fertiggestellten Kapitel an seine damalige Frau Lisa. Von ihr und seinem Freund und Verleger Wieland Herzfelde erhielt er aus Moskau bzw. Prag Vorschläge zur Bearbeitung, die er zumeist akzeptierte. Bevor er das endgültige Manuskript an Herzfelde schicken konnte, wurde Bredels Hotel in Barcelona bombardiert. Das Manuskript konnte zwar aus den Trümmern des Hotels geborgen werden, aber nun scheiterte der Druck für den Malik-Verlag an der Annexion des Sudetenlandes durch Hitlerdeutschland. Die Druckerei in Leipa wurde beschlagnahmt und der Bleisatz von der Gestapo eingeschmolzen. Glücklicherweise hatte ein Drucker heimlich einen Bürstenabzug gemacht, den eine mutige amerikanische Journalistin in ihrem Koffer durch Deutschland nach Paris schmuggelte. [ 12 ] Hier konnte das Buch im Dezember 1938 im neu gegründeten Verlag „10. Mai“, einem Unternehmen der Internationalen Schriftstellervereinigung zur Verteidigung der Kultur (ISVK), erscheinen. Der Verlag, dessen Name an die Bücherverbrennung der Nazis erinnern sollte, wurde offiziell erst im Januar 1939 gegründet, die faktische Leitung lag bei Willi Bredel, der im Juni 1938 nach Paris übergesiedelt war. [ 13 ] Die „Begegnung am Ebro“ wurde von der antifaschistischen, deutschsprachigen Öffentlichkeit im Exil sehr positiv aufgenommen. Anfang Mai 1939 waren fast alle Exemplare der 3000 Bücher zählenden Auflage vergriffen. [ 14 ] Willi Bredel hatte allerdings auch gute Vorarbeit für diesen Erfolg geleistet. Immer wieder hatte er seit Februar in Barcelona und verstärkt seit Juni 1938 in Paris auf öffentlichen Veranstaltungen aus dem Manuskript vorgetragen und war dabei auf eine sehr positive Resonanz gestoßen. [ 15 ] Zu dem guten Verkaufserfolg trugen sicherlich auch die zahlreichen positiven Rezensionen, die hauptsächlich in deutschsprachigen Exilpublikationen in Paris erschienen, bei. Die Bredel-Bibliographin Brigitte Nestler gibt für das Jahr 1939 insgesamt elf Rezensionen an. [ 16 ] Wahrscheinlich kurz nach der Annexion der Tschechoslowakei erschien 1939 eine Sammelrezension zusammen mit Friedrichs Wolfs Roman „Zwei an der Grenze“ in einer Tarnschrift der KPD mit dem Titel „Wollen Sie Salzburg kennen lernen?“. [ 17 ]

Anfang 1939 kam das Buch ebenfalls in deutscher Sprache im Staatsverlag der nationalen Minderheiten der Ukrainischen SSR in Kiew heraus. [ 18 ]

Bei Kriegsbeginn beschlagnahmte die französische Polizei die Restexemplare in Paris. Die Gestapo, der nach der Besetzung Frankreichs diese Bücher in die Hände fielen, vernichtete sie offensichtlich nicht oder nur unvollständig. So gelangten vier Jahre später die Bücher noch in die Hände deutscher Leser und zwar in den Kriegsgefangenenlagern der Alliierten hinter der Westfront. [ 19 ]

Fast zehn Jahre nach der Erstausgabe erschien im Mai 1948 in der damaligen Sowjetischen Besatzungszone eine grundlegende Neubearbeitung des Werkes. Willi Bredel ließ ganze Kapitel weg, fügte neue hinzu und veränderte einige sehr stark. Manfred Hahn, der Herausgeber der beiden hervorragenden Spanienbände, in denen fast alle Arbeiten Bredels, die sich mit dem Kampf in Spanien befassen, erschienen, kritisierte diese Neufassung zurecht: „Sie nimmt jedoch allzu viel von der widerspruchsvoll-lebendigen Fülle angehäufter Wirklichkeitsstücke und von der rauhen Wirklichkeitskontur der ursprünglichen Fassung weg. Das gilt für das Ganze...und das gilt auch für die Gestaltung im einzelnen.“ [ 20 ] Über die Pariser Erstausgabe, auf deren Basis auch dieser Artikel entstand, bemerkte Hahn treffend: „Das ist Wirklichkeit, ganze Wirklichkeit mit ihren Schwierigkeiten, ihren Unabänderlichkeiten und ihren Notwendigkeiten und Möglichkeiten für großes Handeln. Ungeglättete Wirklichkeit.“ [ 21 ] Diese Einschätzungen veranlassten Manfred Hahn vierzig Jahre nach Bredels Kampfeinsatz in den Internationalen Brigaden, 1977, den Lesern in der DDR die damals fast vergessene Pariser Erstausgabe zugänglich zu machen. Das eindrucksvolle Werk, dessen Erscheinen und Verbreitung die Nazis fast verhindert hätten, gelangte so auch in der besonders lesenswerten Originalfassung in die Hände der Bredel-Freunde und vermag auch heute noch zu begeistern.

Hans-Kai Möller


[ 1 ] Willi Bredel, Spanienkrieg II, Begegnung am Ebro, Schriften, Dokumente, Willi Bredel in Spanien 1937-1938, Eine Chronik, Herausgegeben von Manfred Hahn, Berlin und Weimar, 2. Auflage 1986, S. 363.
[ 2 ] F. C. Weiskopf, Schicksal eines Buches, (Auszug), in: Willi Bredel, Dokumente seines Lebens, Berlin 1961, S. 123.
[ 3 ] Bredel, Spanienkrieg II, Anmerkungen zu Band 2, „Begegnung am Ebro“ - kämpfende Kunst, S. 401.
[ 4 ] Bredel, Spanienkrieg II, Begegnung am Ebro, Aufzeichnungen eines Kriegskommissars, S. 7/8.
[ 5 ] Ebenda, S.14.
[ 6 ] Ebenda, S. 15.
[ 7 ] Ebenda, S. 44.
[ 8 ] Ebenda, S. 46.
[ 9 ] Ebenda, S. 89/90.
[ 10 ] Vgl. Bredel, Spanienkrieg II, Begegnung am Ebro, S. 62-66, S. 107-109, S. 128-132.
[ 11 ] Ebenda, S. 100-106.
[ 12 ] F.C. Weiskopf, S. 123/124, Willi Bredel, Spanienkrieg II, Habent sua fata libelli, S.299 und ebenda, Anmerkungen zu Band 2, Begegnung am Ebro, S. 403.
[ 13 ] Dieter Schiller, Zwischen Moskau und Paris, Skizzen zu Willi Bredel als Literaturpolitiker und Verleger in den Jahren 1934-1939, Pankower Vorträge, Heft 34, Berlin 2006, S. 39.
[ 14 ] Ebenda, S. 52.
[ 15 ] Bredel, Spanienkrieg II, Anmerkungen zu Band 2, „Begegnung am Ebro - kämpfende Kunst, S. 403.
[ 16 ] Brigitte Nestler, Bibliographie Willi Bredel, Frankfurt a. Main; Berlin; Bern; New York; Paris; Wien 1999, S.409-412.
[ 17 ] Willi Bredel (1901-1964), Findbuch des literarischen Nachlasses, Bearbeitet von Gerda Weißenfels, Berlin 1987, S. 261.
[ 18 ] Nestler, S.78.
[ 19 ] F. C. Weiskopf, Unter fremden Himmeln, Ein Abriß der deutschen Literatur im Exil 1933-1947, Berlin 1948, S.63.
[ 20 ] Bredel, Spanienkrieg II, Nachwort Spanische Prüfung, S. 340.
[ 21 ] Ebenda, S. 337.

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Sprechstunde

Häufig gehen bei uns „Bredels“ Hinweise und Anfragen ein, zumeist an einem Dienstag zur Sprechstunde zwischen drei und sechs. Welche Geschichten sich daraus entwickeln können, zeigen zwei Fälle, die ich hier vorstellen möchte.

Unpolitische „Speeldeel“

Anfang August 2006, zwei Monate vor der Ausstrahlung des ZDF-Zweiteilers „Neger, Neger, Schornsteinfeger“, klingelte im Büro der Bredelgesellschaft das Telefon. „Sie haben doch sicher den ersten Band von Hans-Jürgen Massaquois Erinnerungen gelesen?“ eröffnete die Anruferin aus Hamburg das Gespräch. „Dann entsinnen Sie sich doch des Schulleiters, der den Afrikanerjungen, der in der Nazizeit in Hamburg noch zur Schule ging, so gepeinigt hat.“ Worauf wollte Sonja Roesink, so der Name der Anruferin, hinaus? Sie habe nämlich aus den Medien erfahren, dass die bekannte Finkenwerder Lieder- und Tanzgruppe „Finkwarder Speeldeel“ im September ihr 100-Jahr-Jubiläum feiern wollte. Obendrein sei auf dem Hamburger Rathausmarkt ein großer Empfang geplant. „Und was hat diese Folkloretruppe mit dem Massaquoi zu tun?“ wollte ich wissen. „Das Bindeglied heißt Hinrich Wriede,“ klärte die Anrruferin mich auf. Der 1882 auf Finkenwerder geborene Hinrich Wriede sei vom Beruf Lehrer gewesen, habe nicht nur der niederdeutschen Sprachepflege gefrönt und zusammen mit Gorch Fock die „Speeldeel“ (seinerzeit als Theatergruppe) aus der Taufe gehoben, sondern er sei auch ein ausgesprochener Rassist gewesen.

Nach 1933 war er Gauredner der Nazis, trat der SA bei und erhielt das Goldene Parteiabzeichen. Und dieser Hinrich Wriede wurde 1933 als Schulleiter an jene Barmbeker Schule berufen, die auch Hans-Jürgen Massaqoi als Kind besuchte. Hatte es der Junge im damaligen Nazi-Hamburg nicht eben leicht, sein Direktor machte ihm die Schule zur Hölle. „Am erbarmungslosesten und grausamsten war eindeutig Herr Hinrich Wriede, unser neuer Schulleiter“, urteilt Massaquoi in seinem 1999 erschienenem Buch. Welche verbalen Attacken durch Herrn Wriede der 12-jährige seiner dunklen Hautfarbe wegen zu ertragen hatte, zitiert Massaquoi aus der Erinnerung: „Der Führer wird dafür sorgen, dass Deutschland nie wieder zu einer Zufluchtstätte für verräterisches Gesindel wie Juden, Neger und andere Außenseiter wird.“

Wriedes herzloses Verhalten, ja seine Rolle in der Zeit des deutschen Faschismus, sei – darauf wies uns Sonja Roesink hin – sowohl in der neuen Chronik der Speeldeel [ 1 ] als auch in der Ausstellung, die in der Bleichenhof-Passage laufe, ausgeblendet worden. In der Chronik erwähne die Autorin Monika Mönkemeier zwar, Wriede habe sich „zunehmend als aktives Parteimitglied exponiert“, doch habe er als 1. Vorsitzender seine Quickborn-Gesellschaft vor der Gleichschaltung im Dritten Reich „gerettet“. Nach diesem Anruf nahmen Frank Lünzmann und ich die Speeldeel-Ausstellung in Augenschein, recherchierten in der Staatsbibliothek und telefonierten mit dem Journalisten Philipp Ratfisch. Mit einem kritischen Artikel über Wriede, der am Vortag des Speeldeel-Geburtstages in der Hamburger taz erschien, spuckte Ratfisch den Jubilaren ganz kräftig in die Festtagssuppe. [ 2 ] Trotz aller Bemühungen von Sonja Roesink wagte keine der anderen Hamburger Tageszeitungen, die Geschichte aufzugreifen. Und die Speeldeel selbst? Räumte das Ensemble seine mangelnde Aufarbeitung bei den ersten Nachfragen ein? Fehlanzeige. Gegenüber Ratfisch meinte die Speeldeel-Vorsitzende Christa Albershardt, Wriede sei „nur zufällig unser Gründer“ gewesen, er habe „mit der Speeldeel absolut nichts zu tun.“ Dabei konnte es in ihrer frisch gedruckten Chronik jeder nachlesen: Die Speeldeel spielte nicht nur häufig und gern die Stücke aus der Feder Wriedes, sondern erhob ihn 1956 noch zum „Ehrenspeelboos“. „Ich kann einigermaßen nachempfinden“, so Sonja Roesink in einem ihrer Briefe an uns, „dass Frau Albershardt kurz vor der 100-Jahr-Feier nicht an unangenehme Themen erinnert werden mochte, aber die Richtung hin zum Verschweigen war wohl schon vor der Abfassung der Chronik vorgegeben.“

Kurz vor Abschluss unserer Recherche bekam ich noch den 1927 erschienenen Band 10 der „Deutschen Rassenkunde“ in die Hände. Sein Titel: „Die Elbinsel Finkenwärder“ [ 3 ]. Das Werk besteht aus zwei Aufsätzen von Hinrich Wriede und Walter Scheidt und weist einen Anhang zu rassekundlichen und volkstumskundlichen Erhebungen auf. Wriede, darin Autor des volkskundlichen Beitrags über Finkenwerder, schwankt in seiner Schilderung zwischen einer sozialen Idylle und leisen Andeutungen der nüchternen Wirklichkeit. Ihm war wohl bewusst, dass die Tage ungetrübten „Volkstums“ auf der Insel abgelaufen waren, gesteht es sich aber nur recht matt ein. Walter Scheidt hingegen ist Rassekundler. Akribisch hat er die Nasen- und Lippenform, die Kopf- und Körperlänge der Insulaner untersucht und seine Resultate im zweiten Buchbeitrag, „Bevölkerungsbiologie der Elbinsel Finkenwärder“, ausgebreitet. Trotz einiger Abweichungen durch „fremde Rasseeigenschaften“ kann der Autor es rechtfertigen, in den Bewohnern Finkenwerders einen „Schlag nordischer Rasse“ zu erblicken. Um dies zu unterstreichen, lichtet er auf einer der beigefügten Fototafeln von Finkenwerder Rasse- und Volkstypen auch vier Dichter ab, unter ihnen Hinrich Wriede und Gorch Fock.

Erleichtert zieht Scheidt das Fazit, dass bei den von ihm untersuchten siebzehn „führenden Männern“ Finkenwerders „sich keine sicheren Unterschiede gegenüber den typischen Merkmalsausprägungen“ hätten finden lassen. Das soll heißen: Im rassischer Hinsicht seien die führenden Männer der Insel ganz echte Finkenwerder.

In den letzten Jahren haben Historiker sich zunehmend auch der Gesinnung einstiger niederdeutscher Sprachpfleger und Künstler zugewandt. Sie kamen zu dem Schluss, dass sich deren realitätsferne Heimattümelei rascher in der Blut-und-Boden-Ideologie der Nazis wiederfand als viele von ihnen vor und nach 1945 wahrhaben wollten. Diese schleichende Gleichschaltung ging auch deshalb so reibungslos, weil sich viele von ihnen als unpolitisch verstanden. Nicht nur in ihrem Schaffen blendeten sie die Realitäten aus, auch in ihrem Verhältnis zur Gesellschaft. Bei der Speeldeel ist das offenbar heute noch so. Ratfisch zitiert die Vereinsvorsitzende mit den Worten: „Die Speeldeel war nie politisch.... Wir haben mit ganz jungen Leuten zu tun. Die können doch damit gar nichts anfangen.“ Ich frage mich, welches Geschichtsbewusstsein sich bei Jugendlichen Finkenwerders herausbilden mag, wenn es vor Ort noch einflussreiche Gruppen gibt, die ihre Vergangenheit nur schönreden?

Elke Olsson findet ihren Vater

Im Vorjahre erhielten wir von Elke Olsson aus dem schwedischen Sundsvall eine E-Mail. Ihr Deutsch war nach so vielen Jahren fern der Heimat schon etwas unsicher und mit schwedischen Wörtern durchsetzt. Elke Olsson, eine geborene Kielerin, die 1961 mit ihrem Mann nach Schweden ausgewandert ist, bat uns, ihr bei der Suche nach Dokumenten über ihren Vater behilflich zu sein. Ihr Vater Willi Dittmann, 1905 in Kiel geboren, verheiratet, 4 Kinder, wurde gleich mit Beginn des 2. Weltkriegs als Kraftfahrer zur Wehrmacht eingezogen. Dort belieferte er Truppenteile mit Proviant. „Mein Vater“, so Elke Olsson, „war vor dem Krieg schon an Widerstandsaktionen beteiligt. Darauf bin ich sehr stolz. Er ist dann als Soldat mit einem ganzen Zug ins Feindland desertiert und dann 1943 in Frankreich von den Besatzungsbehörden wieder gefangen genommen worden. 1944 wurde er nach Hamburg gebracht und dort am 1. Februar 1945 im Innenhof des Hamburger Untersuchungsgefängnisses hingerichtet.“ Inhaftiert war Dittmann im Kolafu. Zu Todesort und -zeit heißt es lakonisch auf dem Totenschein: „Hamburg, Holstenglacis 3, um 16:09 Uhr verstorben“.

Durch eine Anfrage im Internet hatte die Tochter des Hingerichteten im Jahr 2005 zum ersten Mal erfahren, dass ihr Vater nach dem Krieg in einem Soldatengrab auf Ohlsdorf seine letzte Ruhe gefunden hat. Elke Olsson fuhr mit ihrem Mann nach Deutschland und besuchte die Grabstätte des Vaters, 60 Jahre nach seinem Tod. Doch was sie über ihren Vater wusste, war äußerst spärlich. „Mein größter Wunsch ist es, die Kolafu-Gedenkstätte zu besuchen und auch die Gefängniszellen zu sehen, um zur Ruhe zu kommen“, schrieb sie uns im Dezember 2006. Deshalb bat sie uns um Mithilfe. Wir halfen ihr zunächst mit Adressen von Archiven und Auskunftsstellen und blieben mit Elke Olsson in Verbindung. Sie ihrerseits schilderte uns ihre Kindheit im Krieg.

„In Kiel-Gaarden haben wir in einer Siedlung, die 1938/39 fertig gestellt worden ist, gewohnt. Da haben wir schwere Zeiten erlebt und große Ängste ausgestanden, da haben wir gefroren und gehungert. Das obere Stockwerk unseres Hauses war weggebombt. Ich konnte nicht raus gehen, weil ich keine Schuhe hatte, meine älteren Geschwister konnten nicht die Schule besuchen, weil sie weder Kleider noch Schuhe hatten. Aber so war das ja für die meisten Bürger.“

Nach dem Krieg versuchte ihre Mutter, mit der Hinterbliebenenrente sich und ihre 4 Kinder durchzubringen. Im November 1951 flatterte ihr ein Brief vom Kieler Versorgungsamt ins Haus. Sie habe keinen Anspruch auf Hinterbliebenenrente mehr, hieß es darin; die Zahlung werde Ende Dezember 1951 eingestellt. Die Soldatenwitwe Käte Dittmann legte Widerspruch ein. Als sie nach einer ersten Ablehnung in Berufung ging, wurde diese im Juli 1952 von der zuständigen Spruchkammer in Schleswig mit folgender Begründung endgültig abgewiesen: „Fahnenflucht ist zu allen Zeiten und in allen Nationen mit den schwersten Strafen geahndet worden. Der Ehemann der Klägerin ist (…) zusammen mit seinem Zugführer und dem ganzen Zug zum Feind übergelaufen. (…) Er ist aus eigennützigen Gründen fahnenflüchtig geworden und hat damit seine Beziehung zur Wehrmacht gelöst. Die Hinrichtung steht demnach nicht mit dem militärischen Dienst in ursächlichem Zusammenhang.“

Derselbe Pastor, der im Krieg den Familien in der Siedlung die Todesnachrichten von den gefallenen Männern überbrachte, erhielt nach dem Krieg das Vertrauen, das für die Siedlung zugeteilte Milchpulver an die Familien zu verteilen. Es war Pastor Müller von der Michaelis-Kirche in Kiel-Gaarden, im Wulfsbrook. „Ich sehe diesen Kerl in seinem langen schwarzen Rock noch heute vor mir. Er hat meine Mutter übel beschimpft und ihr das Leben zur Hölle gemacht“, erinnert sich Elke. „Mutter musste mich erst taufen lassen“, so Elke, „bevor auch wir das Milchpulver bekamen.“

Die Mutter Elkes fühlte sich allein gelassen, erhielt bei der Suche nach dem Todesurteil ihres Mannes und anderen Dokumenten, die ihr vielleicht zum Recht verholfen hätten, nur Absagen. Sie sprach aber vor ihren Kindern über fast vier Jahrzehnte nicht von diesem Nervenkrieg mit dem Behörden. Nachdem Käte Dittmann verbittert und nervlich zerrüttet 1993 verstorben war, bekam Elke erstmals diese Unterlagen zu Gesicht. Da flogen ihre Gedanken zurück. Vier Jahre war sie alt, als sie den Vater das einzige Mal bewusst erlebt hat. Das war 1943 zu seinem letzten Fronturlaub.

Jetzt ließ ihr das Schicksal ihres Vaters und die kalte Abservierung ihrer Mutter durch die Behörden nach dem Krieg keine Ruhe mehr. Als sie im August 2006 ein zweites Mal am Grab ihres Vaters stand, hat sie sich geschworen, nicht eher zu ruhen bis dieses Unrecht annulliert ist. Sonst könnten Vater und Mutter nicht wirklich Ruhe finden, meint sie.

Wir von der Bredelgesellschaft haben Elke Olsson vorgeschlagen, in Kiel Partner ausfindig zu machen, die sich dafür einsetzen, dass in der Rendsburger Landstraße 157, wo die Familie Dittmann seit Ende der 30er Jahre gelebt hat, ein Stolperstein gesetzt wird, der an einen mutigen Mann erinnert, an ihren Vater Willi Dittmann, Wehrmachtsdeserteur, hingerichtet noch im Februar 1945. „Ich wäre glücklich, wenn ich das noch erleben könnte“, schreibt uns Elke im Januar 2007.

René Senenko


[ 1 ] Frische Bris van de Ilv. 100 Jahre Finkwarder Speeldeel, eine Chronik von Monika Mönkemeier. Hamburg 2006
[ 2 ] Ratfisch, Philipp: Ein Gauredner in Finkenwerder Tracht. taz Nord, Ausgabe Hamburg, 6.9.2006
[ 3 ] Walter Scheidt/ Hinrich Wriede: Die Elbinsel Finkenwärder. Deutsche Rassenkunde Band 10, München 1927

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Hamburger Katholiken – Blutopfer des Nationalsozialismus

Unter dem Titel „Beim Namen gerufen! – Christliche Blutzeugen in Hamburg während der NS-Zeit“ fand im November 2006 in der Katholischen Akademie ein Vortrag von Prälat Dr. Helmut Moll statt, der 20 christliche Opfer der Nazizeit in Hamburg vorstellte. Moll ist Herausgeber des zweibändigen Werkes „Zeugnis für Christus – Das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts“ und Beauftragter der Deutschen Bischofskonferenz zu diesem Thema, dessen Erforschung auf einen Aufruf von Papst Johannes Paul II zurückgeht.

Er berichtete z. B. über Pater Edmund Größer, der mit dem „Hilfswerk katholischer Nichtarier“ getauften Juden die Auswanderung erleichterte und 1940 von den Nazis ermordet wurde, über Dr. Ruth Kantorowitz, gebürtige Jüdin, die als Katholikin in Auschwitz umgekommen ist und über Josef Fehler, der jüdischen Familien Unterschlupf gewährte und nach langer Haft im KZ Neuengamme auf der „Cap Arkona“ den Tod fand. Weitere Personen, die die Katholische Kirche als Märtyrer ihrer Sache auffasst, sind die Mitglieder der „Weißen Rose“, aus deren Hamburger Zelle u. a. Hans Heinrich Meier 1944 im Kolafu zu Tode gekommen ist. Das christliche Martyrium im Nationalsozialismus grenzt im ökumenischen Verständnis weder evangelische Christen, noch die von der Amtskirche nicht als „Christen“ definierten Mormonen, wie Helmuth Hübner, aus.

Zu den Märtyrern im 20. Jahrhundert zählen für die Katholische Kirche auch Opfer der Stalinzeit ebenso wie Missionare, die in China oder Papua Neuguinea im Rahmen ihrer Tätigkeit umgebracht wurden. Sie alle werden als Zeugen Gottes in der Nachfolge Christi, die Zeugnis der Wahrheit „beim Ertragen von Leiden und Anfeindungen durch widerchristliche Mächte und Gewalten“ ablegen, verstanden.

In der nachfolgenden Diskussion bekam man einen Eindruck von der moralischen Rigorosität der katholischen Lehre: Widerstandskämpfer, die unter der Folter der Nazi-Schergen zerbrachen und Selbstmord begingen, gelten nicht als Märtyrer im Widerstand. Auch das Töten des Tyrannen (Hitler-Attentate) kommen für katholische Christen (fast) nicht in Frage. Bezugnehmend auf Thomas von Aquins Schrift „Über die Fürstenherrschaft“ soll der Tyrann möglichst an seinem Tun so weit wie möglich gehindert werden – ohne ihn zu töten.

Es ist sehr anerkennenswert, weitgehend unbekannte katholische Widerstandskämpfer, die Opfer der Nazis wurden, bekannt zu machen und sie als vorbildlich zu ehren. Aber leider fehlte eine Einordnung dieser positiven Personen in die Gesamtsituation der Katholiken und der Haltung der Amtskirche in Hamburg während der NS-Herrschaft.

hot

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Hartwig Baumbach (1923–2007)

Ein Leben für Frieden, Menschlichkeit und soziale Gerechtigkeit

Am 23. März 2007 verstarb unser langjähriger Mitstreiter Hartwig (Hatto) Baumbach an den Folgen eines schweren Schlaganfalls. Er wurde in der Bredel-Gesellschaft vor allen Dingen wegen seines umfangreichen Wissens über geschichtliche und politische Zusammenhänge sehr geschätzt. Hinzu kam seine sympathische Persönlichkeit, die sich durch Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft, Zuverlässigkeit und Bescheidenheit auszeichnete. Er kam mit seiner Frau Inge durch seinen Freund und Lehrerkollegen Walter Flesch zur Bredel-Gesellschaft und fehlte nur selten bei einer unserer Veranstaltungen. Unvergessen bleibt seine engagierte und kenntnisreiche Mitarbeit in der Autorengruppe unseres Buches „Fuhlsbüttel unterm Hakenkreuz“ und sein eigener hervorragender Beitrag „Isoliert im braunen Fuhlsbüttel - Verweigerung war unsere Gegenwehr“. Bei der Arbeit an diesem Buch lernte ich Hatto näher kennen und möchte mich mit der folgenden kleinen biographischen Skizze bei ihm bedanken und dazu beitragen, dass sein Leben und sein Engagement nicht in Vergessenheit geraten.

Hartwig Baumbach wird am 20.4.1923 in Hamburg geboren. Sein Vater, der Kaufmann Alfred Baumbach, tritt Ende des Jahres in die KPD ein. Ausschlaggebend für diese Entscheidung, die auch das Leben seines Sohnes beeinflussen sollte, ist der Hamburger Aufstand, der ihn stark beeindruckt. Hatto besucht ebenso wie seine ältere Schwester Susi die Versuchsschule Tieloh-Süd in Barmbek, die durch reformpädagogische Vorstellungen geprägt ist. Sein Vater wird am 2.3.1933 im Zuge der Verhaftungswelle nach dem Reichstagsbrand neun Tage lang inhaftiert und verliert seine Arbeit. Notgedrungen entschließen sich die Eltern Barmbek zu verlassen und in eine kleinere, kostengünstigere Wohnung im Laubenganghaus Niedernstegen 15 in Fuhlsbüttel zu ziehen. Die Bewohner dieses Hauses beschreibt Hatto sehr anschaulich in seinem erwähnten Aufsatz. [ 1 ] Der Schulwechsel von der Reformschule in die autoritär geführte Schule am Ratsmühlendamm, wo noch der Rohrstock regiert, schockiert den kleinen Hartwig und verfolgt ihn bis in seine Träume. [ 2 ] Dem Druck, dem Jungvolk beizutreten, widersteht er mit Hilfe seiner Eltern und nimmt dafür auch regelmäßige sonnabendliche Gartenarbeit im Schulhof in Kauf.

Inmitten einer überwiegend nazistisch geprägten Umgebung in Fuhlsbüttel entwickeln sich bei Hatto früh antifaschistische Gefühle und Einstellungen:

„Mit Beginn des Spanienkrieges gab es für meinen Vater und Egon ein neues politisches Dauerthema. Eine Spanienkarte wurde im Zimmer angebracht und der Frontverlauf mit Markierungsnadeln gekennzeichnet. Mit großen Hoffnungen verfolgten die beiden – und mit ihnen wir Kinder – die Kämpfe der von den internationalen Brigaden unterstützten republikanischen Truppen.“ [ 3 ]

Auch die erneute nächtliche Verhaftung seines Vaters durch die Gestapo am 10.4.1937 bestärkt ihn in seiner Anti-Nazi-Haltung. Glücklicherweise kommt Alfred Baumbach nach zwei Monaten wieder frei, muss allerdings seinen Ölhandel aufgeben und ist wieder arbeitslos.

Auf Grund des „Gesetzes zur Durchführung der Jugenddienstpflicht“ muss sich Hartwig zum offiziellen Antrittsappell bei der Allgemeinen HJ melden. Ihm wird nun die Pistole auf die Brust gesetzt: Entweder „freiwilliger Eintritt“ oder regelmäßiges sonntägliches Exerzieren. Mit Hilfe eines Freundes gelingt es ihm, sich vor beidem zu drücken. Nach dem Abitur studiert er in Göttingen Volkswirtschaft, wird aber im September 1942 eingezogen und im besetzten Russland ausgebildet. Im Jahr 1943 trifft es ihn hart: Er wird in der Sowjetunion verwundet und sein Vater abermals verhaftet. Hartwig wird wieder gesund, aber Alfred Baumbach kommt ins Kola-Fu und danach ins KZ Neuengamme. Er überlebt das KZ und den Todesmarsch in Richtung Lübecker Bucht. Am 2. Mai 1945 wird er von er von einer englischen Vorausabteilung befreit. Sein Sohn erlebt das Kriegsende in einem Lazarett im besetzten Dänemark. Nach kurzer englischer Kriegsgefangenschaft und vier Monaten Arbeitseinsatz in der Landwirtschaft kann seine Mutter, Dora Baumbach, ihren Sohn im September 1945 wieder in ihre Arme schließen.

Nun entscheidet er sich Lehrer zu werden und beginnt an der Universität Hamburg ein Pädagogikstudium, das er 1949 erfolgreich abschließt. Seine Kriegserlebnisse und das Schicksal des Vaters veranlassen ihn dazu, sich gegen Krieg und Faschismus zu engagieren. Er tritt aber keiner Partei bei, da er hofft, dass die beiden Arbeiterparteien SPD und KPD aus ihrer Niederlage 1933 die Konsequenz ziehen und sich vereinigen. Solange will er abwarten. Seine Hoffnungen werden aber enttäuscht. So entschließt er sich, 1947 der KPD beizutreten. Außerdem engagiert er sich in der Freien Deutschen Jugend (FDJ) in Fuhlsbüttel. Die Gruppe trifft sich einer kleinen Baracke auf dem Firmengelände des Fuhlsbütteler Kohlenhändlers und Widerstandskämpfers Hermann Beckbye in der Hummelsbütteler Landstraße 46. Bei der FDJ lernt Hatto auch seine spätere Ehefrau Inge kennen. Beide haben über diese Zeit auf unserer Veranstaltung über das KPD-Verbot am 29.8.2006 berichtet.

Im Jahr 1954 gehört der junge Friedenspädagoge zu den Mitbegründern des Schwelmer Kreises, eines Zusammenschlusses von Pädagogen aus der BRD und der DDR, die sich unter den schwierigen Bedingungen des Kalten Krieges für eine Verständigung zwischen den beiden deutschen Staaten und eine Politik der Entspannung zwischen Ost und West einsetzen. In der Zeitschrift des Kreises „Der Pflüger“ sind zahlreiche Artikel aus Hattos Feder erschienen. Eine fast vollständige Sammlung dieser heute nur noch wenig bekannten Zeitschrift befindet sich im Bestand der Bredel-Gesellschaft.

Auch in den schwierigen Zeiten nach dem KPD-Verbot 1956 lässt er sich nicht durch den militanten Antikommunismus und die Verfolgung beirren und ist weiterhin für seine Überzeugung aktiv. Nach der Gründung der DKP im September 1968 tritt er dieser Partei bei und ist in Schleswig-Holstein in wichtigen Parteifunktionen aktiv. Wegen seiner Mitgliedschaft in der DKP ist er auch vom Berufsverbot bedroht und muss sich 1972/73 mit vier anderen Hamburger Lehrern einer „Anhörung“ unterziehen. Nicht zuletzt wegen der großen, auch internationalen Protestbewegung gegen den „Radikalenerlass“ verzichtet Hamburg später auf eine Fortsetzung der Berufsverbotepraxis, so dass Hartwig seinen Beruf bis zur Pensionierung 1985 ausüben kann. Von 1950 bis zu seinem Tode ist er Mitglied der Pädagogengewerkschaft GEW und engagiert sich besonders im Ausschuss für Friedenspädagogik. Große Anerkennung erwirbt er sich durch die Mitarbeit in der Friedensgruppe seines Wohnortes Bargteheide, wo er sich u.a. für auf Frieden und Verständigung orientierte Gedenkveranstaltungen zum Volkstrauertag engagiert. Häufig trifft man Hatto und Inge auch trotz ihres fortgeschrittenen Alters auf Protestdemos gegen Aufmärsche der Neonazis in Schleswig-Holstein.

Hatto Baumbach war für unsere Geschichtswerkstatt ein „idealer Zeitzeuge“, da er fast seine gesamte Kindheit und Jugend während des Faschismus und der Nachkriegszeit in Fuhlsbüttel verbrachte. Da seine Eltern und er der Nazidiktatur ablehnend gegenüberstanden und sich nach 1945 auch nicht an der großen Verdrängung beteiligten, waren und sind seine Erinnerungen für unsere kritische Geschichtsarbeit von ganz besonderer Bedeutung. Positiv kam hinzu, dass er ein sensibler Beobachter war, der seine Eindrücke sehr genau reflektierte, bevor er sie öffentlich aussprach oder niederschrieb. Hatto wirkte in der Bredel-Gesellschaft aber nicht „nur“ als Zeitzeuge sondern auch bei mehreren Veranstaltungen und anderen Aktivitäten mit. So erinnere ich mich noch besonders an sein Engagement während des Besuches der fünf ehemaligen niederländischen Zwangsarbeiter, die im Lager Wilhelm-Raabe-Weg 23 gelebt hatten, im Sommer 2000. Diese Menschen, die in Deutschland wenig Erfreuliches erlebt hatten, fanden zu dem Gleichaltrigen, der ebenfalls unter den Nazis gelitten hatte und nicht „mitgemacht“ hatte, schnell einen guten Draht. Auch während dieser beeindruckenden Besuchswoche wirkte Hatto in seiner bescheidenen Art im Sinne der Völkerverständigung.

Hartwig lebt nicht mehr. Er hat viel von seinen Erlebnissen und Vorstellungen an uns weitergegeben. Sie werden in unserer kritischen, antifaschistischen Geschichtsarbeit weiterleben.

Hans-Kai Möller


[ 1 ] Hartwig Baumbach: Isoliert im braunen Fuhlsbüttel – Verweigerung war unsere Gegenwehr, in: Fuhlsbüttel unterm Hakenkreuz / hrsg. v. d. Willi-Bredel-Gesellschaft Geschichtswerkstatt e. V. , Hamburg 1996, S. 23/24.
[ 2 ] Ebenda, S. 26.
[ 3 ] Ebenda, S. 30. Alfred Baumbach hatte seinem Freund und Genossen, dem Hauptmann a. D. Egon Möller und seiner Familie eine Wohnung im Niedernstegen 15 besorgt. Er kannte Möller vermutlich aus der Zusammenarbeit im antifaschistischen „Aufbruch-Kreis“, einem Zusammenschluss ehemaliger Militärs und Nazis gegen Hitler.

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