Willi-Bredel-Gesellschaft
Geschichtswerkstatt e.V.

Rundbrief 2004, 15. Jahrgang

Inhalt

zum Seitenanfang

Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser!

Aus für alle Hamburger Geschichtswerkstätten und Stadtteilarchive? So war es seit Spätsommer 2003 auf vielen Plakaten im Hamburger Stadtgebiet zu lesen. Was war geschehen? Der damalige Hamburger Mitte-Rechts-Senat wollte aus dem Kulturetat 2004 den Zuschuss für die 14 Geschichtswerkstätten ersatzlos streichen, obwohl der Gesamtetat angehoben wurde. Kein Geld, dafür aber mehr Ehrenamt hieß die Losung.

Am 4. September 2003 hatte die Kultursenatorin Dr. Horáková eine Ausrede, um der zur selben Zeit angesetzten Kulturausschusssitzung und der Protestaktion der Geschichtswerkstätten auf dem Rathausmarkt zu entgehen: In Fuhlsbüttel wurde die neue Ausstellung in der Gedenkstätte Kola-Fu eingeweiht. Allerdings entkam sie nicht dem Protest der Willi-Bredel-Gesellschaft, denn wir hatten vor Ort einen Stand aufgebaut und überreichten der Senatorin eine Liste mit Protestunterschriften.

Aufgrund vielfältiger Proteste der Hamburger Geschichtswerkstätten musste der Senat dann zwar zurückrudern, jedoch beläuft sich die Kürzung der institutionellen Förderung für die Geschichtswerkstätten für 2004 auf 25 %.

Wir meinen, dass der Wert der Arbeit Ihrer lokalen Geschichtswerkstatt durch diesen Rundbrief einmal mehr dokumentiert wird: Unter anderem berichtet Holger Schulze über den Aufbau des „Informationszentrums über Zwangsarbeit in Hamburg“ im ehemaligen Zwangsarbeiterlager am Wilhelm-Raabe-Weg und seine offizielle Eröffnung in diesem Jahr. Eine kritische Würdigung erfährt die neu gestaltete Ausstellung in der Kola-Fu-Gedenkstätte durch Hans Matthaei. Weiterhin können Sie nachlesen, was der bekannte Architekt Fritz Höger (Chilehaus) mit Fuhlsbüttel zu tun hat und wie mit historischer Bausubstanz in unserem Stadtteil umgegangen wird. Wenn alles gut geht, hängt bereits dieses Jahr der restaurierte Sturzbalken von 1762 des abgerissenen ältesten Hauses Fuhlsbüttels im Ortsamt, und einige Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig erhalten das Gedenken an die jüdischen Mitbürger, die während der Naziherrschaft unseren Stadtteil verlassen mussten und in den Tod geschickt wurden. Aktuelles zu unseren Veranstaltungen und Themen lesen Sie bitte ergänzend zu diesem Rundbrief im Internet unter www.bredelgesellschaft.de nach.

Die große Unterstützung im Stadtteil und überregional, ein erfreulicher Mitgliederzuwachs und das hohe Engagement der aktiven „Bredels“ machen uns Mut für die Zukunft. Geschichtswerkstätten wie die Willi-Bredel-Gesellschaft sind in der Hamburger Kulturszene unentbehrlich. Wir werden deshalb trotz aller Widrigkeiten unsere Arbeit fortsetzen.

Holger Tilicki, März 2004

zum Seitenanfang

Zwangsarbeiterbaracken:

Dauerausstellung eröffnet

„Die Doppelstockbetten sind mit alten Säcken bezogen, davor stehen ein Paar Holzpantinen. Eine Kohlenschippe lehnt am winzigen Eisenofen. Eine nackte Glühlampe beleuchtet den kargen, ärmlichen Raum. An den Wänden zeigen großformatige Fotos die ehemaligen Bewohner der Baracke: Zwangsarbeiter aus Holland, Italien, Frankreich und Polen. Sie wurden von Deutschen seit 1942 unter Drohungen in das Gebäude am Wilhelm-Raabe-Weg 23 (Fuhlsbüttel) gebracht.“

Das sind die ersten Eindrücke der Besucher unseres „Informationszentrums über Zwangsarbeit in Hamburg (im Aufbau)“.

Seit April 2003 zeigen wir in einem der vier Segmente der Wohnbaracke eine Ausstellung zur Geschichte der Firma Kowahl & Bruns und des Lagers. Im Mittelpunkt stehen dabei die Lebensbedingungen seiner unfreiwilligen Bewohner. Ein Tischler fertigte nach Zeichnungen des ehemaligen Zwangsarbeiters Theo Massuger die typischen Doppelstockbetten und weitere Möbel an. Andere Einrichtungsgegenstände, die damals in der Baracke vorhanden waren, konnten wir mit Hilfe des Museums für Kommunikation und privater Spender auftreiben. Fundstücke, die in den Baracken und bei Grabungen auf dem Lagergelände gefunden wurden, werden erstmals präsentiert. Besonders eindrucksvoll sind die Privatfotos von den Niederländern, die vorwiegend die Aktivitäten der jungen Männer an Sonn- und Feiertagen auf dem Lagergelände dokumentieren.

Passanten können sich durch eine Info-Tafel, die außerhalb des umzäunten Lagergeländes steht, schnell an Hand einer Chronologie und einiger eindrucksvoller Fotos über die Geschichte der Baracken und des Lagers informieren. Von dieser Möglichkeit wird besonders an Wochenenden ausführlich Gebrauch gemacht.

Bei der ersten Öffnung im April 2003 kamen über 40 Besucher. Dass sich diese Zahl nicht bei jeder Öffnung wiederholen würde, war uns bewusst.

An den jeweils ersten acht Sonntagen von April bis November, an denen wir von 14 bis 16 Uhr geöffnet hatten, kamen ca. 140 Besucher.

Da unsere Ausstellung bisher nur wenig bekannt ist und wir keine aufwändige Werbung durchführten, sind wir mit diesem Resultat für den Anfang durchaus zufrieden.

Einige interessante Besucher lassen erahnen, welche weiteren Aufgaben auf uns zukommen So kamen wir in Kontakt mit zwei ehemaligen Bewohnerinnen der Baracken nach 1945. Es gelang uns, die beiden sowie einen weiteren ehemaligen Bewohner mit ihren Ehepartnern zu einer Gesprächsrunde in die Baracke einzuladen.

Wichtige Dokumente, neue Erkenntnisse und die Aussicht auf authentische Ausstellungsstücke aus der damaligen Zeit zeigen den Erfolg des Nachmittags. Es interessierten sich sogar Mitglieder des Freundeskreises John Heartfield aus Waldsieversdorf für die Ausstellung.

In den Ausstellungsräumen fanden Filmaufnahmen des NDR statt, um für einen Fernsehbeitrag über Zwangsarbeit in Harburg einen authentischen Hintergrund zu liefern.

Damit es uns nicht ähnlich ergeht wie Herrn Keuner in der folgenden Geschichte von Bertholt Brecht, haben wir noch einiges bis zur nächsten Barackenöffnung vor:

Ein Mann, der Herrn Keuner lange nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten: „Sie haben sich gar nicht verändert.“ „Oh!“ sagte Herr Keuner und erbleichte. (aus: Berthold Brecht, Geschichten von Herrn Keuner)

Damit wir nicht erbleichen müssen, soll die kleine Ausstellung bis zur offiziellen „Eröffnung“ durch den ehemaligen niederländischen Zwangsarbeiter Theo Massuger noch erheblich verbessert werden: Alle Objekte werden beschriftet und gegebenenfalls erläutert.

Auf sechs Info-Tafeln wird u.a. über die Entstehung des Lagers , die Bewohnergruppen, den „Luftschutz“, die Firma Kowahl & Bruns, die Firmengründer sowie die Rolle der Firma in der NS-Kriegsmaschinerie mittels Text und Fotos informiert.

Geplant ist auch ein Plakat, das auf die Öffnungszeiten der Baracken hinweist und durch aktuelle Informationen ergänzt werden kann. Es soll an wichtigen Punkten aushängen, um das Interesse der Fuhlsbüttler und Langenhorner zu wecken, einmal die Ausstellung aufzusuchen. Die Idee, ein Modell vom gesamten Lagerbereich herzustellen, wird weiterverfolgt.

Mit Theo Massuger wollen wir im Mai einen niederländischen Zwangsarbeiter begrüßen, der am Wilhelm-Raabe-Weg 23 leben musste und mit ihm und anderen Gästen die Ausstellung am 2. Mai 2004 offiziell eröffnen. Einen Monat vorher beginnt jedoch schon die jährliche Öffnungsperiode.

Holger Schultze

zum Seitenanfang

Beeindruckende Solidarität aus den Niederlanden!

Im Juli 2003 informierten wir Theo Massuger, den Sprecher der niederländischen Zwangsarbeiter, die im Lager Wilhelm-Raabe-Weg 23 von 1943 bis 1945 leben mussten, über die von der Kultursenatorin Dr. Horáková geplante Streichung der Zuschüsse für die Geschichtswerkstätten. Außerdem schickten wir ihm den im Hamburger Abendblatt vom 12./13.7.2003 veröffentlichten Artikel „Notwendige Erinnerung“ über die Gefährdung des geplanten Informationszentrums über Zwangsarbeit in den Baracken zu. Massuger alarmierte nicht nur seine ehemaligen Kollegen aus dem Lager Fuhlsbüttel, sondern informierte auch bei einem Zusammentreffen des Vereins „Ex-Dwangarbeiders Nederland in de Tweede Wereldorlog“ über die akute Bedrohung unseres Projektes. Die Resonanz war beachtlich: Siebzig ehemalige Zwangsarbeiter aus den niederländischen Regionen Drente und Nord Braband solidarisierten sich mit der Bredel-Gesellschaft in einem Brief an die Senatorin. Dieses eindrucksvolle Schreiben, das Theo Massuger verfasste, möchten wir unseren Lesern nicht vorenthalten, da aus ihm eine tiefe emotionale Betroffenheit spricht.

Auch die solidarische Unterstützung eines weiteren ehemaligen Zwangsarbeiters aus den Niederlanden muss in diesem Zusammenhang erwähnt werden: W. Kwast, der bei der Deutschen Werft auf Finkenwerder und am „Friesenwall“ (vgl. Rundbrief 2002, S. 58–63) arbeiten musste, spendete einen namhaften Geldbetrag für den Erhalt der Baracken und schrieb zweimal an die Kultursenatorin. Auf den ersten Brief erhielt er keine Antwort, auf den zweiten innerhalb von einer Woche ein persönlich von der Senatorin unterzeichnetes Schreiben, das u.a. folgenden Satz enthält: „Ich begrüße es sehr, dass es der Geschichtswerkstatt Willi-Bredel-Gesellschaft durch den Einsatz ihrer Mitglieder und mit finanzieller Unterstützung durch die Stadt gelungen ist, Teile des ehemaligen Zwangsarbeiterlagers beim Flughafen Fuhlsbüttel zu erhalten und damit weiterhin an diesen Ort der Zwangsarbeit in Hamburg zu erinnern.“ Außerdem befindet sich in diesem Schreiben vom 2.9.2003 die „großzügige“ Zusage, dass die Kulturbehörde auch im Jahre 2004 die Miet- und Betriebskosten der Geschichtswerkstätten übernehmen wird.

Es ist beschämend, dass achtzigjährige Männer aus den Niederlanden, denen ein erheblicher Teil ihrer Jugend im faschistischen Deutschland gestohlen wurde, sich heute für eine Gedenkstätte, die an ihr schweres Schicksal erinnert, einsetzen müssen.

Während für Auswandererhallen, die disneylandmäßig neu errichtet werden, oder ein Marinemuseum des ehemaligen Springer-Managers Peter Tamm Millionen zur Verfügung stehen, sind für das Andenken an Hunderttausende von Zwangsarbeitern in Hamburg nur Minibeträge übrig. Und auch die nur nach Protesten und politischem Druck. Wir danken an dieser Stelle unseren niederländischen Freunden für ihren Einsatz für unser gemeinsames Ziel. Sie haben mit ihrem Engagement dazu beigetragen, dass unsere Arbeit im Jahr 2004 erst einmal weitergehen kann.

Hans-Kai Möller

Frau Senatorin Dr. Dana Horáková

Von bekante aus Hamburg habe ich gehört das sie die Zuschüsse an die Willi- Bredel- Gesellschaft Geschichtswerkstatt e.V ab 2004 streichen wolle. Ich sage erst mal wer ich bin. Ich bin Theo Massuger ex zwangarbeiter und ex bewohnen von das lager am Wilhelm-Raabe-Weg das "Vergessene Lager".

In Deutschland und in Hamburg weis man jetst was in den kriegszeit passiert ist aber wissen die auch das in und om Hamburg in 1943 bis 1945 uber 400.000 zwangarbeiders waren die meistens in ein lager gewoht haben und das al diese lagers spurlos verschwunde sind ? Nur das "Vergessene Lager" ist teilweise nog da am Wihelm- Raabe­ Weg. Von diesem lager ist die rede dieses Lager ist einzig und einmalig. Die W.B.G. wil das lager als zeuge pflege damit man in die Zukunft beweisen kan was los gewezen ist. Man hat in gans Deutsland verschiedene stellen sowie konsentrationlager arbeitserziehungslager u.s.w als gedänkstette eingerichtet und museum wie Neuengamme aber das "Vergessene Lager" ist ein bisondere umgebung hier haben zwangarbeiters gewohnt.

Ich bin ein von diese und seit 2000 hiermit beschäftigt in 2001 hat die W.B.G 5 exdwangarbeiders eigeladen für ein besuch an Hamburg. Ich habe bei ein besuch an das lager 100 besucher zugesprochen, geredet mit die presse und mit die jugend vom Alstergymnasium alles damit man mal von einen zeuge hört wie es wahr. Vor was die arbeits einsatz angeht sind wier die letste zeugen. Deshalb mein dringende bete an sie las die W.B.G. und uns nicht im stich Wärend eine zusammenkomst von unsere Abteilung "Verein Niederländiesche Zwangarbeiter" habe ich von "Das vergessene Lager" gesprochen und von mein plan einen brief an sie zu schreiben die anwesende gaben zur unterstützung Ihre Unterschrift als Zeugen das sie einverstanden sind und wünschen das alles so kommt wie de W.B.G das geplant hat. Abteilung Drente hat das selbe spontaan gemacht. Darum frage ich sie in name von diese zahllose ex zwangarbeiter mit ganzen Herzen und alles was in mir ist LAS BITTE DIE WILLI-BREDEL-GESELLSCHAFT - GESCHICHTSWERKSTATT e.V. und uns nicht im stich.

Hochachtungsvoll und voller Hofnung.

Theo J. Massuger

Parklaan 99

5611 CW Eindhoven

Nederland

Tel 040 2757487

Bitte verzeihen sie mir meine gramatica ich habe die Deutsche sprache nur von hören angelernt.

zum Seitenanfang

Geschichtswerkstätten vor dem Aus?

Schon Heinrich Heine nannte Hamburg die „schöne Spröde mit der Kaufmannsmoral“ und klagte Anno 1829: „O, lasst mich nicht ersticken hier in dieser engen Krämerwelt!“ Kultursenatorin D r. Horáková bestätigte diese Tradition wie folgt: „Wer Kultur sagt, sagt mit dem gleichen Atemzug auch Geld. Wo die besten Banken sind, sind auch die besten Opern und Museen.“ (Hamburger Abendblatt vom 22.12.2003).

Am 25.Juni 2003 bekamen wir zu spüren, was Kultur aus dieser Perspektive gesehen konkret bedeutet: Per Fax-Rundschreiben „An alle 14 Geschichtswerkstätten“ wurde uns mitgeteilt, dass die „Einstellung des staatlichen Zuschusses zur Förderung von Geschichtswerkstätten“ beschlossene Sache ist. Wolfgang Stiller, in der Kulturbehörde zuständig für Geschichtswerkstätten und Gedenkstätten, schrieb u.a.: „Für diese schmerzliche Entscheidung, die auch uns schwer gefallen ist, bitten wir um Verständnis. Zugleich bitten wir Sie jetzt, Ihre zukünftigen Planungen darauf einzustellen.“ Der damalige Hamburger Mitte-Rechts-Senat hatte also aus dem Kulturetat 2004 von 220Mio.€ die 539.000€ für die 14 Geschichtswerkstätten ersatzlos gestrichen, obwohl der Gesamtetat um 15,9 Mio. € angehoben wurde.

Ein günstiger Zeitpunkt, uns alle kalt zu erwischen: Eine Woche später begannen die Hamburger Sommerferien und wir hatten gerade „Tag der offenen Tür“. Die gute Stimmung war uns jedenfalls gründlich verdorben worden.

Die Zeitungen titelten „Stadtteilgedächtnis gelöscht“ (die tageszeitung vom 2.7.2003) und „Für das Vergessen – gegen das Ehrenamt? – Kultursenatorin will Willi-Bredel-Gesellschaft schließen“ (Lokalanzeiger vom 3.7.2003).

Am 6.7.2003 wandten wir uns schriftlich an die Kultursenatorin und gaben unserer Empörung darüber Ausdruck, dass uns und allen anderen Geschichtswerkstätten die Förderung vollständig gestrichen werden soll. Wir gingen auf die im Fax der Kulturbehörde enthaltene Empfehlung ein, mehr mit anderen Institutionen im Stadtteil zu kooperieren und mehr ehrenamtlich zu arbeiten, um den Wegfall der finanziellen Unterstützung auszugleichen. Wir stellten dar, dass gerade der Zuschuss es ermöglicht, als professioneller Partner der Stadtteilbewohner, der Kirchen, Schulen und anderen tätig zu sein. Ohne uns gäbe es keinen Ansprechpartner für die älteren Mitbürger, die noch direkt unter den Nazis gelitten haben, und ein würdiges Gedenken an die Opfer dieser Zeit im Stadtteil wäre ohne unsere Forschungen und Veranstaltungen kaum möglich. Im übrigen sind alle unsere Mitarbeiter schon heute ehrenamtlich tätig. Wir schrieben abschließend: „Wir fordern Sie daher auf, Ihre Planungen noch einmal zu überdenken, denn Sie zerstören auf diese Weise über Jahre gewachsene Strukturen einer lebendigen Stadtteilgeschichtsarbeit.“

Man dankte zwar zwei Wochen später für unseren „sehr engagierten Brief“, benutzte aber nur etwas anders zusammengesetzte Textbausteine aus dem ursprünglichen Kündigungsfax.

Angeregt durch die ehemalige Vorsitzende der Bezirksversammlung Hamburg-Nord, Renate Herzog (SPD), wurde ein Schreiben an die Kultursenatorin formuliert, das vierzehn Kooperationspartner und Nutzer unserer Aktivitäten unterschrieben. Darin heißt es: „Wir Unterzeichnenden wohnen und arbeiten in diesen Stadtteilen oder tragen für verschiedene Einrichtungen in diesem Teil Hamburgs Verantwortung. (…) Wir haben die Geschichtswerkstatt (WBG) als eine Einrichtung erlebt, die sich durch großes Engagement ausschließlich ehrenamtlicher Mitarbeiter und durch Kompetenz auszeichnet. Auch in Zukunft möchten wir nicht auf sie verzichten! (…) In diesem Sinne bitten wir Sie, Ihr Vorhaben zu überdenken und das Überleben der Geschichtswerkstätten finanziell abzusichern.“ (Unterzeichner siehe Kasten).

Renate Herzog, ehemalige Vorsitzende der Bezirksversammlung Hamburg-Nord

Dörte Hell-Rubow, Buchhändlerin, Bücherstube Fuhlsbüttel

Anke Hartnagel, Mitglied des Deutschen Bundestages

Michael Weidmann, Präses des Zentralausschusses Hamburger Bürgervereine

Elisabeth Fischer-Waubke, Pastorin St.Lukas

Petra Roedenbeck-Wachsmann, Kirchenvorstands-Vorsitzende St.Lukas

Kersten Tormin, Geschäftsführer Mook Wat e.V.

Dagmar Franz, Bürgerverein Fuhlsbüttel

Heike Schott, Geschäftsführerin Grüner Saal e.V.

Andreas Jäger, Schulleiter des Gymnasiums Alstertal

Heidelore Jessen, Schulleiterin Grundschule Ratsmühlendamm

Kurt Rohde, 1. Vorsitzender des Sportclubs Alstertal-Langenhorn e.V.

Heidemarie Herrmann, Vorsitzende der Bezirksversammlung Hamburg-Nord

Bettina Hardiek, Vorsitzende des Ortsausschusses Fuhlsbüttel

Die Presse brachte in allen Hamburger Zeitungen Artikel über die Arbeit der verschiedenen Geschichtswerkstätten und beschrieb die Auswirkungen einer Mittelstreichung. In Hamburg-Nord protestierten auch die Oppositionsparteien SPD und GAL gegen den Wegfall der Zahlungen. Das Hamburger Abendblatt brachte in seiner Wochenendausgabe vom 12./13.7.03 einen Bericht über „Notwendige Erinnerung: Zwangsarbeiter – Die Geschichtswerkstatt Fuhlsbüttel hat ein altes Lager zum Museum ausgebaut. Dem droht jetzt das Aus.“ In der selben Ausgabe wurde unser Ehrenvorsitzender Hans-Kai Möller unter „Menschlich gesehen“ auf der Titelseite portraitiert.

Noch war die Regierungskrise nicht weit genug gegangen, um die Koalition und ihre Politik gegenüber den Geschichtswerkstätten zu stoppen. Daher wurde am 4.9.2003 auf dem Rathausmarkt „Hamburgs Geschichte geschreddert“. Materialien aus den Beständen der Geschichtswerkstätten wurden durch den Reißwolf gedreht und in handlichen „Kultur-Beuteln“ an Politiker und Passanten verteilt. Wir wollten an dieser Aktion teilnehmen, da sie sich aber verzögerte und sich die Kultursenatorin im gleichzeitig tagenden Kulturausschuss in unserem Heimatstadtteil Fuhlsbüttel befand, verstärkten die Kollegen aus der City das Team unseres Proteststandes bei der Eröffnung der neugestalteten Gedenkstätte Kola-Fu. So entging Frau Dr. Horáková unserem Protest nicht. Als hundertprozentig ehrenamtlich tätige Geschichtswerkstatt konnten wir leider nicht an allen Aktionen, die von den Hamburger Geschichtswerkstätten initiiert wurden, teilnehmen. Wir mussten Schwerpunkte setzen und waren selbstverständlich finanziell an den Gemeinschaftsaktionen beteiligt. Als dann tatsächlich am 2.Dezember 2003 die Stadt Hamburg auf einer Kulturausschusssitzung in Anwesenheit von Vertretern aller Geschichtswerkstätten weitere 267.000€ zur Verfügung stellte, war das ein großer Erfolg aller unserer Aktionen, aber nicht etwa die Wiederherstellung der früheren Bedingungen.

In einer Presseerklärung schrieb sich die FDP diesen Erfolg auf ihre Fahnen, aber tatsächlich bedeuten die insgesamt 400.000€, die nicht nur von der Kulturbehörde, sondern auch von der Finanzbehörde stammen, nicht nur eine Kürzung von 25%, sondern wurden auch nur für 2004 bewilligt. Außerdem werden in Zukunft die Bezirksämter für die Geschichtswerkstätten zuständig sein. Für Hamburg-Nord sind das fünf (Eppendorf, Barmbek, Dulsberg, Jarrestadt und Fuhlsbüttel), die um die begrenzten Mittel konkurrieren müssen.

Da der damalige Senat uns mit diesem Geld nur ein Jahr mehr Zeit zur Umstellung geben wollte, ist nicht klar, was im Jahr 2005 und darüber hinaus wirklich passieren wird.

hot

zum Seitenanfang

Wir brauchen deine Hilfe!

Angesichts der Verringerung öffentlicher Zuwendungen muss sich die Willi-Bredel-Gesellschaft verstärkt auf die eigenen Ressourcen stützen. Weit über hundert Mitglieder und etwa 250 regelmäßige Bezieher von Vereinsinformationen bieten zwar einen guten Rückhalt auch in finanziell schlechteren Zeiten. Dennoch sind wir für jede Spende dankbar (Kontonummer im Impressum), nehmen aber auch gern deine Kenntnisse und Fertigkeiten in Anspruch. Auch Sachspenden helfen uns. So hat uns Günther Vetter einen Diaprojektor mit Projektortisch und Leinwand überlassen. Wer uns mit Buchspenden zum Weiterverkauf unterstützen will, sollte beachten, dass wir immer Nachschub an den gern gekauften Bredel-Titeln „Die Prüfung“ und „Die Väter“ suchen!

Auf unseren brieflichen Hilferuf vom Januar 2004 an Freunde und Mitglieder unseres Vereins gingen bisher 63 Rückmeldungen ein. Eine wirklich überraschendes Ergebnis! Vier Mitglieder kündigten Beitragserhöhungen an, drei Freunde erklärten ihren Beitritt zum Verein, drei weitere übergaben uns eine Sofortspende.

Danke!

Wir nutzen diese Gelegenheit, um uns bei allen Freunden zu bedanken, die seit der angedrohten Mittelstreichung durch den Senat uns mit Geld- und Sachspenden, mit Rat und Tat zur Seite gestanden haben. Im Jahr 2003 gingen bei uns Spenden in Höhe von 799,86€ ein.

Buchspenden zum Weiterverkauf in unserem Antiquariat und zur Ergänzung unserer Bibliothek erhielten wir wiederholt von Thomas Simon (Berlin), Hugo Stephan und Käthe Gänsichen (siehe Bild), Klaus und Käthe Baltruschat aus „Marzahns Kleinem Buchladen“ in Berlin (siehe Foto) sowie von Bücherfreund Werner Schneider aus dem thüringschen Hermsdorf. Bücher überließen uns auch Frau Meinecke (Altona), Jutta Freiberg, Eva Nahke (beide Berlin) und viele andere.

Mit ihrem fachlichem know-how, mit ihren Ratschlägen und Ideen stehen uns seit Jahren zur Seite die Berliner Historiker Dr. Eva Nahke und Dr. Hansjörg Schneider und der Leipziger Journalist Dr. Edmund Schulz.

rese

zum Seitenanfang

Neue Ausstellung der Gedenkstätte Kola-Fu eröffnet

Mit einer feierlichen Veranstaltung wurde am 4. September 2003 auf dem Vorplatz des Torhauses die neu gestaltete Ausstellung in der Gedenkstätte Kola-Fu eröffnet. Über zweihundertfünfzig ehemalige Häftlinge des KZ Neuengamme, Gäste aus Kultur und Politik und gleich zwei Senatoren nahmen an der Veranstaltung teil. Justizsenator Kusch – in seine Zuständigkeit fällt die Verantwortung für das Ausstellungsgebäude – unterlief in seiner Ansprache ein peinlicher Fehler: ein gewisser Willi Brendel wurde als Autor des Tatsachenromans „Die Prüfung“ genannt. Ob das von unserer Gesellschaft an die Justizbehörde gesandte Werk von Willi Bredel den Weg bis zur Behördenspitze gefunden hat, ist nicht überliefert. Kultursenatorin Dr. Horáková, zu deren Ressort die KZ-Gedenkstätte Neuengamme mit ihren Außenstellen gehört und Projektleiter Herbert Diercks stellten in ihren Reden die Konzeption der neuen Ausstellung vor. In einem anschließenden Rundgang konnten sich die Gäste die Ausstellung ansehen. Eine kritische Würdigung der neuen Ausstellung soll in diesem Beitrag versucht werden.

Der Eingangsbereich der Gedenkstätte, dem zur JVA hin zugemauerten ehemaligem „Tor zur Hölle“, ist durch eine neue Gedenktafel mit den Namen von 489 Opfern eindrucksvoll gestaltet. Das „Foyer“ im Erdgeschoss links ist leider, wie bereits im Rundbrief 2003 bemängelt, bis auf ein historisches Luftbild der Fuhlsbüttler Strafanstalten inhaltlich nicht in die Ausstellung eingebunden und wirkt im Verhältnis zur Gesamtfläche deutlich überdimensioniert. Die ausführlichen Informationen auf den Tafeln der alten Ausstellung zur historischen Vorgeschichte des Faschismus, die sich bei Gruppenführungen sehr gut zur Einführung eigneten, sind weitgehend entfallen.

Die Ausstellung im Obergeschoss des Torhauses beeindruckt durch ihre weitgehend gelungene optische Gestaltung, die zahlreichen Holzelemente strahlen eine gewisse Solidität aus. Allerdings entsteht durch den Verzicht auf verschiebbare Elemente ein schlauchartiger Charakter des Raumes, der auch eine Reihenbestuhlung erschwert. Das geringe Raumangebot wird ansonsten gut genutzt. Durch die Schaffung von drei Ausstellungsebenen (1. Ebene: Bild- und Texttafeln mit integrierten Gegenständen, 2. Ebene: Holzschuber mit erläuternden Texten, 3. Ebene: Ordner, Literatur, eine Hörstation und ein Computer mit weiterführenden Informationen) sind die Texttafeln besser lesbar und das Informationsangebot ist größer als in der früheren Ausstellung. Ob die vertiefenden Angebote angenommen werden, muss die Erfahrung zeigen. Der Computer wäre sicherlich besser im „Foyer“ untergebracht: dort ist Platz genug und die Betreuer könnten beraten und die Nutzung beaufsichtigen.

Die neue Ausstellungskonzeption schließt sich diesem Trend bei der Umgestaltung von KZ-Gedenkstätten in Ost- und Westdeutschland an: Opfer werden jetzt ausschließlich als Einzelpersonen vorgestellt. Auf eine Sinnstiftung, etwa durch die Schwerpunktsetzung auf den bewussten politischen Widerstand von Frauen und Männern aus der Arbeiterbewegung gegen das faschistische System wird bewusst verzichtet. Jetzt gilt die Botschaft, dass mehr oder weniger willkürlich jeder Mensch ein Opfer der Nazis hätte werden können. Folgerichtig wurde als Ordnungsprinzip für die Einzelbiographien (anstelle von Häftlingsgruppen nach politischer Organisationszugehörigkeit) die alphabetische Reihenfolge der Häftlingsnamen gewählt, die allerdings aus gestalterischen Gründen nicht vollständig durchgehalten werden konnte. Willi Bredel ist mit einer großen Text- und Bildtafel direkt am Treppenaufgang gut positioniert, schließlich fängt sein Familienname mit „B“ an. Bei der im Vergleich zur Ausstellung im Rathausfoyer veränderten Textfassung hat erfreulicherweise unsere Kritik Früchte getragen.

Die von der Bredel-Gesellschaft geforderte Bestuhlungsmöglichkeit ist zumindest vorgesehen. Leider wurde auf die von uns vorgeschlagene Möglichkeit zur Filmvorführung verzichtet (Leinwand, Beamer, Rekorder). Dafür ist wieder ein Fernsehgerät installiert worden, das bei Dauerbetrieb von vielen Besuchern als störend empfunden wird. Nachdem nun auch die Broschüre von Ludwig Eiber aus dem Jahr 1983 (Hamburg Portrait, Heft 18) endgültig vergriffen ist, muss möglichst bald eine Veröffentlichung zur Geschichte des Kola-Fu auf der Basis neuerer Forschungsergebnisse erscheinen. Das in den vergangenen Jahren von der Bredel-Gesellschaft angebotene umfangreiche Bücher-Sortiment wurde ausdrücklich auf Bücher mit einem direkten Bezug zum Kola-Fu begrenzt. So wird zwar weiterhin von Willi Bredel „Die Prüfung“ verkauft, aber nicht mehr „Dein unbekannter Bruder“.

Sehr positiv ist die für 2004 geplante Veranstaltungsreihe in der Gedenkstätte. Während die Bredel-Gesellschaft gemeinsam mit der VVN in den vergangenen Jahren nur zwei bis drei Veranstaltungen pro Jahr anbieten konnte, finden in diesem Jahr 10 von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme organisierte interessante Vorträge, Lesungen und Zeitzeugengespräche statt. Die genauen Termine und Themen sind u.a. auf der Homepage der Bredel-Gesellschaft (www.bredelgesellschaft.de) zu finden.

Kann die Veränderung der Gestaltung und Präsentation trotz einiger Kritikpunkte weitgehend überzeugen, erfolgen jedoch in der inhaltlichen Grundausrichtung einige Zugeständnisse an den „Zeitgeist“. So fordert etwa Olaf Mußmann 2001 im Editorial der von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme herausgegebenen „Beiträge zur Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung in Norddeutschland“, Band 6, für die Neukonzeption von Ausstellungen in KZ-Gedenkstätten: „Veränderungen, die sich um eine aus heutiger Sicht größere Ausgewogenheit bemühen und eine eindimensionale Anpassung an Sinn stiftende Deutungsmuster zu vermeiden suchen.“

Zu hoffen ist, dass die Zahl der Besucher deutlich steigt – die Gedenksätte und vor allem die ehrenamtlichen Betreuer aus den Verfolgtenorganisationen AvS und VVN/BdA haben es verdient. Eine gezielte Werbekampagne – insbesondere in Schulen des Bezirks Hamburg-Nord wäre sicherlich sinnvoll, gerade um junge Menschen mit dem antifaschistischen Widerstand bekannt zu machen.

Hans Matthaei

zum Seitenanfang

Stolpersteine

Immer häufiger können wir in deutschen Städten, wie auch hier in Hamburg, vor einzelnen Häusern kleine Messingplatten auf Pflastersteinen entdecken. Eingravierte Namen, Geburts-, Deportations- und Sterbedaten eines Menschen sind darauf zu erkennen. Diese „Stolpersteine“ werden seit 1992 von dem Künstler Gunter Demnig verlegt. Sie sollen an die Opfer des Nationalsozialismus erinnern. Die Erinnerung trifft uns in unserer unmittelbaren Umgebung, sie wird uns nahe.

Auch hier in Fuhlsbüttel wohnten 38 Menschen, von denen wir wissen, dass sie Opfer des schrecklichen Naziregimes wurden. Das mussten wir bei den Recherchen zur Gedenkwand in der St.Lukas-Kirche schmerzlich erkennen. Sie waren unsere Nachbarn im ehemaligen Mendelson-Israel-Stift, Kurzer Kamp 6 und im Brombeerweg. Zumeist waren es alte Menschen, hilflos und alleingelassen . Sie wurden verfolgt und mussten einen grausamen Tod erleiden, denn sie waren jüdischer Herkunft . Für sie sollen Erinnerungssteine gesetzt werden, an ihrer letzten Wohnstätte vor der Deportation. Wir möchten so jeden einzelnen Menschen in der Erinnerung weiterleben lassen, seinen Leidensweg nicht vergessen .

In der kommenden Zeit wird eine Sammlung für die Finanzierung der „Stolpersteine“ beginnen . Eine Plakataktion in Fuhlsbüttel wird darauf aufmerksam machen – für das Innehalten und Erinnern – gegen das Wegschauen und Vergessen .

Margot Löhr

Spenden können auf das Konto der Willi-Bredel-Gesellschaft eingezahlt werden.Kontonummer: 1057210104 • BLZ: 20050550 • Stichwort: „Stolpersteine“Für einen „Stolperstein“ werden 95€ benötigt. In Zusammenarbeit mit der Kirchengemeinde St. Lukas und dem Gymasium Alstertal.

zum Seitenanfang

Ein Architekt im Zwiespalt zwischen Moderne und Tradition: Fritz Höger

Alles, was in der Vergangenheit einmal gebaut wurde, ist nicht per se erhaltenswert und die WBG versteht sich nicht als traditionalistischer Verein, der sich einer romantisch verklärten Sicht auf die Vergangenheit hingibt. Vermutlich hat auch deswegen niemand von uns protestiert, als 1998 die „Beamten-Siedlung Flughafen Fuhlsbüttel“, besser bekannt als „Lilienthalblocks“, abgerissen wurde. Heute stehen dort, wo einst Fuhlsbüttler wohnten, reine Zweckbauten aus Beton und Glas, in denen Autos vermietet und Luftfrachten auf den Weg gebracht werden.

Niemand vermisst die Wohnhäuser am ehemaligen Lilienthalplatz (den es dort noch gibt), der Lilienthalstrasse und dem Hans-Grade-Weg. Sicher liegt es daran, dass – trotz des noch Ende der 1980er Jahre erfolgten Einbaus von Lärmschutzfenstern in die 155 Wohnungen der 1927/28 erbauten Häuser – von schlechter Wohnqualität gesprochen werden konnte, denn in sechs Jahrzehnten verzehnfachten sich die Flugbewegungen am Airport Hamburg. Das brachte nicht nur Lärm, sondern auch Abgase mit sich, denen sich niemand mehr im Wohnbereich aussetzen möchte. Da waren die den damaligen Bewohnern angebotenen neuen Wohnungen in Alsterdorf weitaus attraktiver.

Die Lilienthalblocks sind den selben Gründen zum Opfer gefallen, die auch zu ihrer Entstehung geführt haben: dem Wachstum der Luftfahrt. In den 1920er Jahren wurde das mittlerweile auch abgerissene Verwaltungsgebäude gebaut, eine moderne Straßenbahnanbindung entstand, neue Hallen für die Passagiermaschinen wurden errichtet. Die dort 70 Jahre existierenden Gebäude waren sogar nur ein Teilstück der ursprünglich geplanten Siedlung am Flughafen.

Weniger bekannt dürfte sein, dass der Architekt dieser Häuser Hamburgs bauliche Gestaltung entscheidend mitgeprägt hat. Es war Fritz Höger (1877–1949), der als „Norddeutscher Klinkerfürst“ 1924 durch das Chilehaus berühmt wurde.

Höger stammt aus Beckenreihe bei Elmshorn und lernte sein Handwerk von der Pike auf. Erst Zimmermann, dann Maurer, machte er auf der Baugewerkschule in Hamburg seine Ausbildung zum Architekten. Von 1901–1905 war er Zeichner bei Lund & Kallmorgen, um sich dann selbständig zu machen.

Höger war vor dem 1. Weltkrieg Mitverfasser des Buches „Die Architektur des Hamburgischen Geschäftshauses“ und gehörte gleichzeitig der industrie- und fortschrittsfeindlichen Heimatschutzbewegung an, die eine „gesunde“ Rückkehr zu Kleinstadtidealen und handwerklichen Werten predigte. 1911/12 zeichnete er für das Klöpperhaus, in dem sich seit 1967 der Kaufhof an der Mönckebergstrasse befindet, verantwortlich. Zehn Jahre später plante er dann das Chilehaus für Henry Barens Sloman, das Broschekhaus in den Großen Bleichen, die Reemtsma-Zigarettenfabrik in Wandsbek und den Sprinkenhof gegenüber dem Chilehaus. Öffentliche Gebäude in Wilhelmshaven und diverse Privathäuser und Geschäftsgebäude in ganz Norddeutschland zählen zu seinen Projekten.

In Hamburgs Norden stehen u.a. die Villa Höger, Langenhorner Chaussee 109 (1905), das Wohnhaus Farnstrasse 40 (1908), das Behindertenwohnheim an der Ecke Alsterdorferstrasse/Sengelmannstraße (1910/11) und mehrere Wohnhäuser in Poppenbüttel und Wellingsbüttel aus den 1930er Jahren.

Der Backsteinbaumeister beschrieb einmal den Grund dafür, warum diese Bauten sich vermutlich auch heute noch so gut in die Mischung aus Natur, Kultur und Technik einer Stadt einfügen: „Es mag scherzhaft klingen, Steine dritter Qualität sind hier verwendet, dritter Qualität deswegen, weil die Steine ein verschiedenes Aussehen haben, der eine Stein ist immer noch mehr verbrannt und versintert, noch krummer und schiefer als sein Nachbar, der eine ist ganz rau, der andere blank wie buckliges Glas. Der Stein hat aber nicht nur farbige Wirkung, sondern, was viel wichtiger ist, stärkere Spiegel- oder Reflexwirkung. Darin liegt der Reiz des Ganzen und das feine Reagieren auf jede Wetter- und Lichtstimmung. Durch die Materialwirkung erhält das Haus Leben, wie es durch den festen Willen seiner rhythmischen Art eine Seele erhält.“[ 1 ] Das klingt schon fast wie Friedensreich Hundertwasser, der einmal auf die in den 1970er Jahren moderne Betonarchitektur Säure gießen wollte, um den Pilzen und Moosen wieder eine Heimstatt zu geben.

Jedoch war Fritz Höger auch sehr anfällig für Deutschtümelei und schrieb 1930 über: „…unser feines heimisches Material, den Backstein, den Klinker…, von Menschenhand aus unserer Heimaterde geformt,… in dem man letzte Liebe zum Werk und deutsches Wesen am feinsten ausdrücken kann.“[ 2 ] Tatsächlich erhoffte er sich vom Dritten Reich „baumeisterliche Spitzenleistungen“ und trat der NSDAP und dem „Kampfbund Deutscher Architekten und Ingenieure“ (KDAI) bei. Allerdings wurde seine Zuneigung von den Nazis nicht erwidert, denn man war mehr an Monumentalbauten eines Albert Speer als an in Norddeutschland verwurzelter Klinkerbauweise interessiert. Er nahm an Wettbewerben teil, die für Nazibauten wie z.B. einer Reichsführerschule in München oder einer Nordischen Halle in Lübeck ausgeschrieben wurden und war nicht sehr erfolgreich. Daher verlegte er sich mehr auf Privathäuser und seine Tätigkeit als Professor an der Norddeutschen Kunsthochschule in Bremen, an die er durch seinen Worpsweder Freund, den Maler Fritz Mackensen, berufen wurde.

1936 überwarf er sich endgültig mit den Nazis und wurde an Planungen zu öffentlichen Großprojekten nicht mehr beteiligt. Es entstanden fast nur noch Privathäuser. Höger plante noch am Wiederaufbau deutscher Städte nach dem 2. Weltkrieg mit und starb 1949 in Bad Segeberg.

Fritz Höger befand sich im Zwiespalt zwischen einer norddeutsch-bäuerlichen Tradition, die ins Nationalistische abzugleiten drohte und den Herausforderungen einer modernen, internationalen Industriezivilisation. Seine Bauwerke stehen heute noch für eine regional geprägte zeitlose Modernität.

Als Zeichen seiner Wertschätzung widmete das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe Höger 2003 eine Ausstellung. Als Beispiel für seine Geschosswohnanlagen stand dort auch ein Modell der Fuhlsbüttler Lilienthalblocks.

Holger Tilicki

[ 1 ] Piergiacomo Bucciarelli, Fritz Höger der norddeutsche Backsteinarchitekt, Wilhelmshaven, 1994, Seite 12 ff.

[ 2 ] dto., Seite 17

zum Seitenanfang

Was ist passiert im Migge-Park…

Die Gartenbauabteilung Nord hat im letzten Jahr die Auslichtung des Gestrüppstreifens zum Parkplatz hin veranlasst. Im letzten Sommer war so ein fast ungehinderter Blick auf die Häuserzeile am Kleekamp und dem U-Bahnhof möglich.

So wurde vielleicht sichtbar, dass diese Art der Begrenzung der Parkanlage nicht die ursprüngliche war.

Der Laubengang am Wacholderpark bildet eine blickdichte Wand zum Straßenraum, und der etwas erhöhte Knick am Bergkoppelweg umfasst den Park in nördlicher Richtung. Beide Begrenzungen enden an dem ausgelichteten nun blickdurchlässigen Grünstreifen.

Beide Begrenzungen gedanklich verlängert und verbunden, bilden ungefähr die Umrisse der ursprünglichen Parkfläche.

Mit Markierungen auf dem Gehweg und der Parkplatzfläche oder auch durch Aufstellen von Stelen um auch vom Park aus den ursprünglichen Umriss wahrnehmen zu können, möchten wir diese besondere Parkanlage ins Stadtteilgespräch einbringen, mit dem langfristigen Wunsch, dass die Parkplatzfläche wieder als öffentliche Grünanlage genutzt werden kann.

Infotafeln über die Geschichte der Parkanlage, eventuell an den beiden Eingängen platziert, sollen dies unterstützen. Die Familien-Stiftung „das Leben förden “ beteiligt sich gern an dieser Maßnahme.

Im letzten Rundbrief habe ich die unbefriedigende Gestaltung des Zuwegs am Bergkoppelweg beschrieben. Doch eine Einigung über die Art der gestalterischen Aufwertung in diesem Bereich konnten wir mit der Gartenbauabteilung und dem Denkmalamt noch nicht erzielen.

Aber die Gartenbauabteilung Nord hat dort eine kleine Veränderung zugelassen und ausgeführt:

Der unmittelbar an der Weggabelung stehende grüne Müllbehälter, der den Blick in den Park beeinträchtigte, ist an den Parkrand versetzt worden. Die dort platzierte Bank wurde abgebaut.

Als möglicher Standort für eine neue Bank wurde der Knick am Bergkoppelweg entlang des Weges erwogen. Von dort lässt sich der Park besonders gut überblicken, gleichzeitig gibt die rückwärtige Knick- Vegetation Schutz.

Eine Bank für diesen Standort muss noch gefunden oder neu gestaltet werden.

Warum ist dieser Park so besonders und wozu brauchen wir einen Park?

Diese Frage möchten wir in einem Beitrag der Bredel-Gesellschaft zu der Ausstellung Hamburger Volkspark, welche die Geschichtswerkstätten initiiert haben und die Ende des Jahres in der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky gezeigt werden soll, einbringen.

Britta Rudoph

zum Seitenanfang

Revolution im Alstertal?

Die Oktoberereignisse 1923 im Oberalstergebiet

Die Bredel-Gesellschaft führte am 22. Oktober 2003 eine gut besuchte Veranstaltung in Erinnerung an den Hamburger Aufstand vor 80 Jahren mit dem Titel „Hamburg auf den Barrikaden“ durch. Es wurde der Versuch unternommen, die politische und wirtschaftliche Situation im Herbst 1923 sowohl im Deutschen Reich als auch in Hamburg lebendig zu machen: Es herrscht eine katastrophalen Lage, die durch Hyperinflation und Massenelend gekennzeichnet war. Die neugebildete Reichsregierung der großen Koalition drohte den Arbeiterregierungen in Sachsen und Thüringen mit der „Reichsexekutive“, also der offenen Reichswehrdiktatur. In der Hoffnung, dass die KPD-SPD-Koaltionsregierungen in Mitteldeutschland zum militärischen Widerstand aufrufen würden, sollte der Aufstand in Hamburg Reichswehrtruppen binden und möglichst das Signal zu reichsweiten Widerstandsaktionen geben. Die Aufstandsplanung in Hamburg und in seinen Vororten sowie die konkreten Aufgaben des Fuhlsbüttler Ordnerdienstes standen im Mittelpunkt des Abends. Abgerundet wurde die Veranstaltung durch ein Tonbandinterview mit dem Aufstandsteilnehmer Otto Gröllmann und Ausschnitten aus dem Film von Klaus Wildenhagen über den Hamburger Aufstand.

hm

Wenn über den „Hamburger Aufstand“ von 1923 gesprochen oder geschrieben wird, stehen meist seine Vorgeschichte und die Kämpfe in Barmbek und Schiffbek im Mittelpunkt des Interesses. Nur wenig bekannt ist, dass es damals auch im Oberalstergebiet und im Norden Hamburgs Ereignisse gab, die in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Aufstandsplan standen. So war es geplant, den Hamburger Flughafen Fuhlsbüttel noch vor dem eigentlichen Aufstandsbeginn durch die örtliche Parteigruppe oder eine Gruppe des Ordnerdienstes der KPD (OD) zu besetzen.[ 1 ] Der Flughafen sollte nicht nur besetzt werden, um die Logistik des Gegners zu schwächen, sondern auch, um das dort befindliche Waffen- und Munitionslager, das nur von wenigen Polizisten bewacht wurde, zu erobern.[ 2 ] Angesichts des Waffenmangels bei den Aufständischen ist es nur schwer nachvollziehbar, warum diese Maßnahme nicht durchgeführt wurde. Die Fuhlsbüttler Kommunisten beteiligten sich stattdessen mit einer Hummelsbüttler Kampfgruppe und Langenhorner OD-Mitgliedern an der Erstürmung der Langenhorner Wache.Das Versäumnis, den Flughafen zu besetzen, sollte sich zwar nicht als kampfentscheidend jedoch als außerordentlich negativ für die Revolutionäre in Barmbek und Schiffbek auswirken. Vor und während des Angriffes der Polizei in Barmbek am 24.10. kreisten von der Polizei gecharterte Flugzeuge über dem Stadtteil.[ 3 ] Auf Grund der hohen und engen Bebauung im Kampfgebiet konnten die Flugzeuge jedoch nur zu Aufklärungszwecken eingesetzt werden. In Schiffbeck dagegen griff am Mittag des 24.10. ein Flugzeug der Gesellschaft für Luftverkehrsunternehmungen sowohl wahllos Wohnhäuser als auch gezielt Aufständische mit Maschinengewehrfeuer an.[ 4 ]

Sehr wichtig für das Gelingen des Aufstandes war die Sperrung von größeren Zufahrtsstraßen nach Hamburg, um möglichen Nachschub für die Polizei fernzuhalten. In den meisten Hamburger Vororten scheiterten diese Sperraktionen aus unterschiedlichen Gründen. Anders in Hummelsbüttel: Die KPD-Mitglieder planten sowohl die unmittelbar bevorstehenden Aktionen als auch die wichtigsten Maßnahmen, die nach dem Sturz der bürgerlichen Regierung notwendig sein würden, sehr genau. Dabei stand insbesondere die Versorgung mit Brot und Lebensmitteln im Vordergrund. Aus diesem Grunde stellten die Aufständischen bei den örtlichen Bäckern den Brotbestand fest. Danach sperrten sie die Hummelsbütteler Landstraße mit Draht und durchsuchten jedes Auto, das vorbeikam, nach Waffen.[ 5 ] Im ebenfalls preußischen Nachbardorf Wellingsbüttel beschaffte sich der KPD-Stoßtrupp, der aus Sasel Unterstützung erhielt, Waffen aus Privatbeständen. Den Kommunisten, die auch von der örtlichen Sozialdemokratie unterstützt wurden[ 6 ], gelang es am späten Vormittag, den S-Bahn-Verkehr zwischen Ohlsdorf und Poppenbüttel zu unterbrechen.[ 7 ]

Die einzige Wache, die im Norden Hamburgs gestürmt wurde, war die Langenhorner Polizeistation. Fuhlsbüttler und Hummelsbüttler Revolutionäre radelten unter Führung des Hummelsbüttler Jungkommunisten Hermann Beckbye nach Langenhorn. In der Tangstedter Landstraße trafen sie auf den „Schutzmann“ Behnke, der mit der KPD sympathisierte und sich widerstandslos entwaffnen ließ. Die Aufständischen überrumpelten die drei Polizisten in der Wache mit Hilfe eines defekten Revolvers, bei dem der Abzugsbügel fehlte.[ 8 ] Auch diese Ordnungshüter ließen sich widerstandslos entwaffnen. Sie trugen lediglich Pistolen. Als ein Polizist um eine Quittung über die requirierten Waffen bat, soll er von Hermann Beckbye die trockene Antwort „Es ist Revolution, da gibt es keine Bescheinigungen!“ bekommen haben. Die drei älteren Familienväter waren anscheinend froh, so glimpflich davongekommen zu sein, gingen sofort nach Hause und begaben sich an die Gartenarbeit.[ 9 ] Allerdings nicht ohne vorher die Fuhlsbüttler Polizeiwache zu informieren. Die telefonisch vorgewarnten Fuhlsbüttler Ordnungshüter räumten eilig ihre Wache und versteckten sich in der Umgebung. Zu einem Angriff auf diese Wache kam es jedoch nicht.[ 10 ]

Einen Monat nach dem Hamburger Aufstand, am 23.11.1923, wurde die KPD reichsweit verboten. Die Lage für die Partei in Hamburg verschärfte sich bereits am 7.11.1923, als die Bürgerschaft die Immunität aller KPD-Bürgerschaftsabgeordneten aufhob. In dieser angespannten Situation fand am 9. November eine Gedenkfeier für die während des Aufstandes gefallenen Arbeiterinnen und Arbeiter auf dem Ohlsdorfer Friedhof statt. Vor dem Friedhof standen Lastkraftwagen mit schwer bewaffneten Polizisten, berittene Polizei war aufgeboten, auf dem Friedhof schlichen Kripo-Beamte und Polizeispitzel umher.[ 11 ] Überraschend erschien plötzlich der per Haftbefehl gesuchte Ernst Thälmann, der durch einen zehnfachen Ring von OD-Kräften geschützt war. Der ehemalige Hamburger Gesundheitssenator Fiete Dettmann schrieb über den weiteren Verlauf dieser Gedenkfeier: Thälmann „sah die vergeblichen Versuche, an ihn heranzukommen. Jeder dieser Bullen wurde von Genossen umringt. So isoliert verhielten sie sich sehr still und entblößten ohne Nachhilfe ihre Häupter zu Ehren der Revolutionsopfer der Jahre 1918 bis 1923. Nach der Rede Ernst Thälmanns ehrten die Genossen im stillen Gedenken die gefallenen proletarischen Kämpfer. Es gab keine Verhafteten an diesem Tag.“[ 12 ] Fast unbemerkt wie er gekommen war, verschwand Thälmann auch wieder. In Anbetracht der für sie ungünstigen Situation auf dem Friedhof verzichtete die Polizei auch nach der Feier auf jeglichen Festnahmeversuch.

Weniger glimpflich verlief eine Gedenkfeier für Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, die am [ 13 ]. 1. 1924 am Denkmal für die Revolutionsopfer auf dem Friedhof Ohlsdorf stattfand. Der Redner bei dieser Gedenkkundgebung war überraschenderweise der polizeilich gesuchte Leiter des KPD-Bezirks Wasserkante, Hugo Urbahns. Nachdem er seine Rede beendet und den Friedhof verlassen hatte, nahm die Kriminalpolizei ihn auf der Fuhlsbüttler Straße fest und brachte ihn in das Gefängnis Fuhlsbüttel.13 Erst ein ganzes Jahr später verurteilte die Strafkammer7 des Hamburger Landgerichts Urbahns zu zehn Jahren Festungshaft. Er wurde im Oktober 1925 bereits wieder freigelassen, da er im Dezember 1924 in den Reichstag gewählt worden war.[ 14 ]

Die jährliche Gedenkfeier für die gefallenen Oktoberkämpfer von 1923 auf dem Ohlsdorfer Friedhof entwickelte sich während der Weimarer Republik zu einer festen Tradition der Arbeiterbewegung in Hamburg.

Hans-Kai Möller

[ 1 ] (Neuberg, A.) d.i. Kippenberger, Hans, Der bewaffnete Aufstand, Versuch einer theoretischen Darstellung. Eingeleitet von Erich Wollenberg, Frankfurt am Main 1971, S. 77.

[ 2 ] Der Militärische Leiter bei der Zentrale der KPD, Valdemar Roze („W.R.“): Bericht über den Hamburger Aufstand, Berlin, Freitag, 26. Oktober 1923, Ein Revolutionsplan und sein Scheitern, Herausgegeben von Bernhard H. Beyerle in (u.a.), 1. Auflage Berlin 2003, S. 250.

[ 3 ] (Neuberg, A.), Kippenberger, Hans, S. 90.

[ 4 ] Vgl. Reissner, Larissa, Hamburg auf den Barrikaden, Berlin 1. Auflage 1960, S. 67, Habedank, Heinz, Zur Geschichte des Hamburger Aufstandes, Berlin 1958, S. 178 und Zeitzeuge Otto Gröllmann in: „… sie werden diesen Augenblick niemals vergessen!“, Schweriner Volkszeitung, 23.10.1953, sowie mündliche Mitteilung an den Verfasser am 23.10.1993.

[ 5 ] Habedank, S. 111 u. S. 127.

[ 6 ] Biehl, Karl Heinrich, Der Thälmann-Putsch in Hamburg und Umgebung, Hamburg 2000, S. 98.

[ 7 ] Voß, Angelika, Büttner, Ursula, Weber, Hermann, Vom Hamburger Aufstand zur politischen Isolierung, Kommunistische Politik 1923–1933 in Hamburg und im Deutschen Reich, Hamburg 1983, S. 11.

[ 8 ] Sammlung Hans-Kai Möller, Handschriftl. Brief von Helmuth Warnke an Hans-Kai Möller v. 4.10.1993 und Warnke, Helmuth, Der Verratene Traum, Langenhorn – Das kurze Leben einer Hamburger Arbeitersiedlung, Hamburg 1995, S. 92.

[ 9 ] Sammlung Möller, Handschriftl. Mitschrift einer Veranstaltung mit Helmuth Warnke in der Bücherhalle Fuhlsbüttel am 23.9.1993.

[ 10 ] Bürgerverein Fuhlsbüttel, Hummelsbüttel, Klein Borstel, Ohlsdorf von 1897 e.V., Blick auf Fuhlsbüttel und das Alstertal, Bilder und Berichte, Hamburg 1973, S. 57.

[ 11 ] Thälmann, Irma, Erinnerungen an meinen Vater, Berlin o.J., S. 11.

[ 12 ] Autorenkollektiv unter Leitung von Günter Hortschansky, Ernst Thälmann, eine Biographie, Frankfurt am Main 1979, S. 188.

[ 13 ] Staatsarchiv Hamburg, 135-1: Staatliche Pressestelle I, B VI, Band 3a, Hamburger Nachrichten 14.1.1924.

[ 14 ] Voß, S. 38 und Biehl, S. 145.

zum Seitenanfang

Zum Tod von Lotte Fürnberg

Für ein Treffen von Freunden antifaschistischer Literatur und Kunst!

Die Mitglieder der Bredel-Gesellschaft werden sich entsinnen: Lotte Fürnberg, einstige Herrin des Louis-Fürnberg-Archivs (im nebenstehenden Foto aus dem Jahr 1959 zusammen mit ihrem Mann) hatte unserer Gesellschaft 1998 bei der Vorbereitung einer literarischen Revue und der Exkursion nach Prag mit Texten und Schallplatten, mit Adressen und Ratschlägen zur Seite gestanden. Auch bei späteren Recherchen zu Bredels Exil in Prag gab sie uns entscheidende Hinweise. Nun ist Lotte Fürnberg tot. Sie, die gebürtige Pragerin, die Witwe des Dichters Louis Fürnberg, die Sozialistin, verstarb am 3. Februar 2004 dreiundneunzigjährig in Weimar. An dieser Stelle sei auf Ulrike Edschmids vorzügliches Büchlein „Verletzte Grenzen“ (erschienen 1992) verwiesen, in dem Lotte Fürnberg selbst zu Wort kommt.

Die heute tonangebenden Medien haben den Namen des Musikers, Lyrikers und Schriftstellers Louis Fürnberg (1909–1957) immer nur mit seinem Gedicht „Die Partei, die Partei, die hat immer recht“ assoziiert und sein übriges Werk erfolgreich vergessen gemacht. Wer kennt heute noch seine schöne, an Rilke geschulte Lyrik, wer seine großartige „Mozart-Novelle“, wer seine Goethe-Erzählung „Begegnung in Weimar“? Wer hat je von seiner Agitprop-Gruppe „Echo von links“ gehört oder von seinem musikalischen Talent? Kannte man im Westen Fürnbergs Namen nur in Zusammenhang mit dem erwähnten Parteilied, so setzte der westdeutsche Literaturhistoriker Jürgen Serke 1987 noch eins drauf. Gestützt auf Aussagen Dritter versuchte dieser, Fürnberg den Verrat an seinem Freund Oskar Kosta anzulasten, der während der Slanský-Prozesse in der Tschechoslowakei zu Gefängnishaft verurteilt worden war. Lotte Fürnberg ist bis zuletzt gegen diesen Verdacht vorgegangen. Für uns gilt weiterhin: Louis Fürnberg zu entdecken lohnt sich!

Ebenso wie Willi Bredel, Fritz Erpenbeck, Jan Koplowitz, Kuba (Kurt Barthel), Hans Marchwitza, Martin Andersen Nexö, Ludwig Renn, Adam Scharrer, Ludwig Turek, Bodo Uhse, Alex Wedding, Erich Weinert, F.C. Weiskopf, Johannes Wüsten, Max Zimmering, Hedda Zinner u.v.a. gehört Louis Fürnberg in die Reihe jener Schriftsteller und Dichter, die in den letzten 15 Jahren verunglimpft und denunziert, im besten Falle nur vergessen wurden. Deren Makel war, zu den proletarisch-revolutionären Schriftstellern gehört oder sich nach Kriegsende für den antifaschistischen Teil Deutschlands entschieden zu haben. Ihnen wird im heutigen Deutschland kein Platz in Verlagsprogrammen und Feuilletons zuteil. Was einmal überwunden schien, wiederholt sich: Die Abkopplung jener antifaschistischer Autoren, die als „Klassiker“ gelten, von denen, die aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden scheinen oder dort nie angelangt sind (so in Westdeutschland). So muss man sich um das öffentliche Interesse an Bertolt Brecht, Egon Erwin Kisch oder Anna Seghers heute keine Sorgen mehr machen. Gewiss, auch sie waren Kommunisten, aber diese Überzeugung wird heute von der offiziellen Literaturwissenschaft mit den „Zeitumständen“ erklärt, verschämt mit der Floskel „Mitglied der KPD“ umschrieben oder durch „Abweichungen von der Parteilinie“ ins rechte Licht gerückt. Unterschlagen wird, dass ihre politische Überzeugung vom Werk nicht zu trennen ist! Auch jener Schriftsteller und Künstler, die in den sowjetischen Gulags verschwanden oder die zu Kritikern des Realsozialismus geworden sind, wurde in den letzten anderthalb Jahrzehnten sehr ausgiebig gedacht. Zu Recht! Die Früchte dieser Forschungen sind bitter, aber auch bitter notwendig. Hin und wieder finden auch Johannes R. Becher, Heinrich Mann, Wieland Herzfelde, Oskar Maria Graf, Lion Feuchtwanger, Friedrich Wolf und Arnold Zweig wegen ihrer bürgerlichen oder jüdischen Herkunft oder wegen ihrer besonderen Stellung im einstigen Literaturbetrieb das Interesse der Forschung oder gar der Verlage. Kurzum: Nur in ihrer Eigenschaft als Klassiker oder als Juden sind sie heute gefragt. Anders bei den Vergessenen. Sie genießen überhaupt keine Beachtung mehr, ebenso wie zahlreiche bildende Künstler und Theaterschaffende, die sich als Antifaschisten verstanden.

Es ist an der Zeit, dass Freunde, die unser Anliegen teilen, an einen Tisch finden, um darüber zu beraten, wie das Interesse an antifaschistischen Schriftstellern und Publizisten, Dichtern und bildenden Künstlern, Theater- und Filmschaffenden neu geweckt und deren Erbe und Andenken bewahrt werden kann. Wir denken an ein Treffen von literarischen Gesellschaften und Vereinen, Verlegern und Lesern, Literatur- und Kunstfreunden, Wissenschaftlern und Journalisten. Die Willi-Bredel-Gesellschaft ist bereit, an einer solchen Begegnung mitzuwirken!

rese

zum Seitenanfang

Wer war „Vatti“ Hoffmann?

Willi Bredel erinnerte an einen Hamburger Arbeiterführer und Widerstandskämpfer

Sie lernten sich vermutlich in der Redaktion der Hamburger Volkszeitung (HVZ) näher kennen. Sie waren beide ursprünglich Metallarbeiter. Sie kämpften beide mit der Waffe in Spanien gegen den Faschismus. Wenn Willi Bredel seine geliebte Heimatstadt Hamburg besuchte, dann meldete er sich fast immer bei Erich Hoffmann und seiner Frau Elsa. Die alte Freundschaft aus der Zeit vor dem Faschismus hatte sich trotz räumlicher Distanz erhalten. So überraschte es auch nicht, dass Willi Bredel in seinem 1960 erschienenen Hamburg-Buch „Unter Türmen und Masten“ Erich Hoffmann mit einer kleinen biografischen Skizze würdigte. Erich war im Vorjahr an den Folgen seiner Verletzung im Spanischen Bürgerkrieg und den Misshandlungen im KZ gestorben. Seine Beisetzung auf dem Ohlsdorfer Friedhof, bei der circa zweitausend Menschen von ihm Abschied nahmen, gestaltete sich zu einer Manifestation gegen das seit 1956 geltende KPD-Verbot. Erichs Frau Elsa war von 1995 bis zu ihrem Tode, 2001, Mitglied der Willi-Bredel-Gesellschaft. Sie vermachte uns einen Teil seines und ihres politischen Nachlasses.

Hans-Kai Möller

Sieben von Thälmanns Hamburger Genossen…

Vatti (Erich Hoffmann)

Er wurde Vatti genannt, schon in seiner Jugend, und zwar wegen seiner Hilfsbereitschaft, seiner Sorge um jeden Kameraden. Als junger Arbeiter schloss er sich der Kommunistischen Jugend an. Sein bester Freund wurde Edgar André. Als der die Leitung des Roten Frontkämpferbundes in Hamburg übernahm, wurde Vatti Leiter des Jungsturms. Wie seine Kameraden hat er sein Leben nicht geschont, um die große Sache der Arbeiterklasse vor Anschlägen und Verbrechen zu schützen.

Die Hamburger Arbeiter wählten Erich Hoffmann, wie seinen Freund Edgar André, als Abgeordneten in das Hamburger Stadtparlament, die Bürgerschaft. Gleichzeitig trat Erich als Redakteur in die Redaktion der „Hamburger Volkszeitung“ ein und wurde in den letzten Jahren der Weimarer Republik wiederholt von den reaktionären Klassenrichtern wegen Lappalien von Pressedelikten ins Gefängnis geworfen.

Als die Nazis in Hamburg die politische Macht an sich rissen, warfen sie Erich Hoffmann ins Konzentrationslager Fuhlsbüttel. Hier wurde er zusammen mit Edgar André viehisch misshandelt. Während sie Edgar André töteten, gelang es Erich Hoffmann, seinen Mördern zu entkommen. Als einer der ersten eilte er nach Ausbruch des militärisch-faschistischen Putsches gegen die spanische Republik nach Spanien und trat als Freiwilliger in die Reihen der Internationalen Brigaden. Er wurde Panzersoldat und in den erbitterten Kämpfen vor Madrid in seinem Panzerwagen schwer verwundet. Er blieb in Spanien. Mit den letzten antifaschistischen Kämpfern verließ er 1939 das Land und wurde beim Grenzübertritt von französischen Behörden in ein Konzentrationslager gesteckt. Dort wurde er festgehalten, bis die Hitlerwehrmacht nach Ausbruch des zweiten Weltkrieges Frankreich besiegt hatte und französische Reaktionäre ihn mit vielen anderen antifaschistischen Spanienkämpfern an die Gestapo auslieferten.

Erich Hoffmann wurde nach Auschwitz transportiert und musste in diesem Massenvernichtungslager ein grauenvolles Martyrium ertragen. Aber er verzagte auch hier nicht. Als erstes gründete er im Lager aus den zuverlässigsten Genossen eine Widerstandsgruppe. In Birkenau rettete er hundertachtundfünfzig jüdischen Kindern, deren Eltern vergast worden waren, das Leben. Es gelang ihm, Stubenältester zu werden und die Aufsicht über diese Kinder zu bekommen. Er war ihnen ein echter Vatti. Als 1945 die Stunde der Befreiung gekommen war, schrieb er: „Als der Tag unserer Befreiung anbrach, konnten wir mit Recht stolz darauf sein, unseren bescheidenen Beitrag für die Niederlage der Hitlerherrschaft nach besten Kräften beigesteuert zu haben. Dies um so mehr, als die Absicht der SS, die Kinder zu vernichten, misslungen war. 158 von 160 ungarischen Kindern konnten den Tag der Befreiung erleben. Das Gelingen unseres Planes zur Rettung unserer Schützlinge sprach für die antifaschistische Haltung der politischen Häftlinge und singt das Hohelied der brüderlichen Solidarität.“

Erich Hoffmann ging unverzüglich nach Hamburg zurück und nahm seine politische Tätigkeit wieder auf. Er nahm sich besonders der Wohnungslosen und der Obdachlosen an. Er wurde erneut in die Hamburger Bürgerschaft gewählt, wurde Chefredakteur der „Hamburger Volkszeitung“. Er schonte sich nicht, galt es doch, unser deutsches Volk auf einen demokratischen und friedlichen Weg zu bringen, eine Staat aufzubauen, in dem das werktätige Volk bestimmte. Er erlebte das Wideraufkommen des neuen deutschen Militarismus, das systematische Hochpäppeln ehemaliger Wehrwirtschaftsführer und Generale Hitlers im Bonner Staat, das Verbot der Kommunistischen Partei und der kommunistischen Presse, auch der „Hamburger Volkszeitung“…

Erich Hoffmann starb an den Folgen seiner Verletzung und seiner Misshandlung im Alter von 53 Jahren. Er liegt, seinem Wunsche entsprechend, auf dem Ohlsdorfer Friedhof bei den Revolutionsopfern, nah dem Grab seines Freundes Edgar André.[ 1 ]


[ 1 ] Willi Bredel, Unter Türmen und Masten, Geschichte einer Stadt in Geschichten, Schwerin 1. Auflage 1960, S. 332–334. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Anna-Maj Kraus.

zum Seitenanfang

Helmuth Warnke gestorben

In der Nacht zum 18. März 2003 ist der nimmermüde Helmuth im Krankenhaus Ochsenzoll sanft eingeschlafen. Dabei hatte er sich so darauf gefreut, seinen 95-sten Geburtstag am 30. Juli gemeinsam mit der Familie und seinen vielen Freunden zu feiern. Im „Langenhorner“ sollte das sein. Als er als 11-jähriger das erste Mal auf einem vorsintflutlichen Fahrrad seines Vater von Eppendorf mit nach Langenhorn kam, fragte nicht nur er sich, sondern viele Hamburger: „Langenhorn, wo liegt denn das?“ Und wen er auch fragte, jeder gab dem Jungen eine andere Antwort. Eine eher romantische erhielt er von seiner Mutter, die meinte: „Wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen“. Aber seine Großmutter wusste es etwas genauer: „Dat is dat letzte Lock vor de Höll“. Helmuth und die Warnkes sind trotzdem in Langenhorn heimisch geworden. Sechs Bücher hat er über und in diesem Stadtteil geschrieben. Sein „Langenhorn“-Buch erschien sogar in der 2. Auflage. Seine „Sperrmüllgeschichten“ hat er nicht mehr beenden können. Viele Artikel und Beiträge von seiner Hand sind entstanden und noch mehr Zeitzeugengespräche hat er in den Schulen geführt. Drei Video-Filme sind über ihn und seine Zeit gedreht worden. Aus seinen Büchern hat er in ganz Hamburg und Norderstedt vorgelesen. Immer in seiner unnachahmlichen Diktion, seiner plastischen Sprache – und immer auf den Punkt. Helmuth wusste, wovon er redete. Das hat ihn 1953 seinen Job als Redakteur gekostet. Lange Jahre war er dann ehrenamtlich in der Internationale der Kriegsdienstgegner tätig. Schon der Balkankrieg ließ ihn fast verzweifeln. Vielleicht hat er vorausgesehen, was gegenwärtig im Irak abläuft. Und sich still und heimlich abgemeldet.

Heinz Biehl

Helmuth Warnke, Mitglied der WGB seit 1998, hat an einer Reihe von Veranstaltungen des Vereins aktiv mitgewirkt. So hat er eine Veranstaltung über seinen ehemaligen Lehrer Hermann Claudius und einen Abend über den von ihm hochverehrten dänischen Schriftseller Martin Andersen Nexö, den roten Wikinger, gestaltet. Helmuth berichtete bei verschiedenen Gelegenheiten über seine Haftzeiten während des Faschismus. Er wurde als Kommunist 1933 gemeinsam mit seinem Vater ins KZ Wittmoor gesperrt. Helmuth war der jüngste Schutzhäftling. Weitere Haftzeiten im Kola-Fu folgen. Die Verfolgungen während der NS-Zeit konnten sein Engagement für seine Ideale nicht brechen. Bis zu seinem Tode blieb er politisch aktiv.

hm

zum Seitenanfang

Erinnern an Anita Sellenschloh

Bereits im Rundbrief von 1998 – dem Jahr nach ihrem Tod – haben wir an Anita Sellenschloh erinnert, die eines der Gründungsmitglieder der Willi-Bredel-Gesellschaft war.

Und sie war nicht nur unser Gründungsmitglied. Sondern sie kämpfte gemeinsam mit der VVN/BdA dafür, dass das Torhaus der JVA Fuhlsbüttel erhalten blieb, so dass die Gedenkstätte für das ehemalige Konzentrationslager eingerichtet werden konnte, in dem sie mehrmals selbst inhaftiert war.

Inzwischen wurden dieser ungewöhnlichen Frau, die ihr Leben lang ihrer kommunistischen Überzeugung treu geblieben ist, post mortem verschiedene Ehrungen zuteil:

Schülerinnen und Schüler der Klasse 10c der Fritz-Schumacher-Schule erarbeiteten 1998 eine Ausstellung über das Leben Anita Sellenschlohs, und von ihnen ging auch die Idee aus, eine Straße nach ihr zu benennen. Dieses Bemühen konnte 2002 realisiert werden, und wenn ich seitdem durch die Fritz-Schumacher-Siedlung fahre – in der ich aufgewachsen bin – grüßt mich das Namensschild meiner Freundin und Genossin Anita Sellenschloh.

Am 29. Januar diese Jahres wurde dieses Schild mit dem Zusatz „nach Anita S. (1911–1997), Widerstandskämpferin gegen den Nationalsozialismus, Lehrerin an der Schule Am Heidberg“ vervollständigt, und wir haben in einer Feierstunde an Anita gedacht, uns an ihr ereignisreiches Leben erinnert und schmerzhaft empfunden, dass es sie nicht mehr gibt.

Ich lernte Anita nach dem Krieg kennen und fühlte die wunderbare freundschaftliche Beziehung zwischen ihr und meiner Mutter; beide kannten sich seit 1932, als sie gemeinsam bei der „Pressereklame“ in Berlin arbeiteten, sich 1934/35 bei der „Verbüßung“ ihrer Zuchthausstrafe in Lübeck-Lauerhof wiederbegegneten und 1938 nochmals von der Gestapo inhaftiert wurden (siehe hierzu auch: Lucie Suhling, Der unbekannte Widerstand).

Ich war sehr glücklich, als Anita 1946 mit ihrer Familie nach Langenhorn zog, wo sie erst gemeinsam mit Familie Gröllmann im Mittelgebäude des Götkenswegs wohnten, dann in die Nr. 2 in eine etwas größere Wohnung zogen, wo wir oft zu Gast waren.

Ebenso machte Anita fast täglich „Station“ bei uns am Wattkorn, wenn sie – mit ihrer kleinen Petra an der Hand – nach dem täglichen Pensum der Lehrerausbildung den weiten Weg vom U-Bahnhof Langenhorn-Nord zum Götkensweg machte. Der Wattkorn lag auf halbem Weg und eine Busverbindung gab es damals noch nicht.

Anita war eine wunderbare Erzählerin, und ich bedaure sehr, dass sie nichts oder nur wenig von dem Erlebten aufgeschrieben hat. Sie meinte immer, sie habe kein Talent dazu. Und sicher wäre es auch kaum möglich, die Atmosphäre solcher Gespräche in einem Buch wiederzufinden.

Anita hat unglaublich Schweres in der Nazizeit durchmachen müssen; Standhaftigkeit, Hilfsbereitschaft und menschliche Wärme, Klugheit und Spontaneität, vor allem aber ihr Optimismus haben sie diese schlimme Zeit überstehen lassen und sie zu einem einzigartigen Menschen gemacht.

Am allerschwersten aber hat sie ihr Parteiausschluss 1951 getroffen. Ich erinnere mich, wie fassungslos sie meiner Mutter darüber berichtet hat, und diese hat – allen Konsequenzen zum Trotz – treu zu ihr gehalten, was zu jener Zeit keineswegs selbstverständlich war.

Anita blieb immer Lucies „älteste und innigste Freundin und Genossin“, und als Lucie 1981 starb, begleitete Anita sie bis zum Ende.

Es war schwer, Anitas letzte Jahre mitzuerleben. Der körperliche Verfall erfolgte schneller als der geistige. Bei meinen Besuchen versuchte ich, etwas „Fröhlichkeit“ in diese Zeit zu bringen.

Aber innerlich heulte ich um den langen Abschied und den Verlust der für mich wunderbaren, einmaligen Freundschaft.

Es ist ein gutes Gefühl, dass Anita in den Herzen ihrer Familie, ihrer Freunde und vielen ihrer Schüler unvergessen ist.

Es ist auch gut, dass aus dem „Anita-Sellenschloh-Ring“ zahlreiche Wege sprießen, die nach seltenen, schützenswerten Blumen benannt sind.

Anita war ein Glücksfall für ihre Freunde, und es ist vor allem den Schülern zu danken für ihr Engagement, etwas gegen das Vergessen dieser großartigen Frau getan zu haben.

Ulla Suhling

zum Seitenanfang

Auf den Spuren Adam Scharrers

Reiseeindrücke aus dem Nürnberger Land

Aus der Bredelgeschichtswerkstatt machten sich zwölf Bredelianer auf die Socken, um auf den Spuren des Arbeiterschriftstellers Adam Scharrer zu wandeln. Am 30. April 2003 saßen wir um 16h07 im ICE und fuhren Richtung Mittelfranken ins Nürnberger Land. Hans hatte genug Lektüre mitgebracht, so konnten wir unseren Adam Scharrer langsam lieben lernen. Die Zeit verging für mich sehr schnell, denn zwischenzeitlich habe ich auch noch den 1. Preis – „einen Reisebericht über unsere Exkursion zu schreiben“ gewonnen, übrigens: mein allererster Gewinn.

Bei lauer Frühlingsluft kamen wir um 20h00 in Nürnberg an. Wir wollten jetzt so schnell wie möglich zum Hotel Hannweber-Parma, um dem leiblichen Wohl zu frönen. Durch „hervorragendes Mitteilungsgeschick“ von Hans und Schöps sausten die einen zur angegebenen Adresse, und die „Wissenden“ zu der aktuellen Adresse, das Bindeglied bildeten Dörte und Katharina.

Die Zimmer waren luxuriös, bis zu vier Betten für zwei Personen, statt dessen fehlten Nachttischlampen sowie Zahnputzbecher. Nun ging es zur ersten Stadterkundung, wir landeten beim „Barfüßler“ bei zünftigem Essen und Getränken.

Am Tag der Arbeit, für viele wohl der erste Tag ohne Demo, wurden wir von der Sonne, Bernd Bauske und Anne mit Leihwagen empfangen.

Auf geht‘s: Auf die Spuren von Adam Scharrer nach Speikern, wo er seine Kindheit als Hütejunge verbrachte.

Aber was für eine Fahrt!!!!

Gott sei Dank befanden wir uns bei den Franken mit ihrer Gelassenheit.

Nachdem wir kurzfristig die Orientierung verloren hatten, parkten wir notgedrungen dort, wo wir absolut nicht halten durften. Die Franken überholten ohne zu hupen. Um zu wenden, landeten wir auf einer satten grünen Wiese …

Franz Semlinger, Vorsitzender des Heimat- und Geschichtsvereins Speikern begrüßte uns im „Museum Fränkische Hopfenscheune“ und erläuterte den für Biertrinker so wichtigen Hopfenanbau, der auch in Scharrers Büchern oft beschrieben wird. Bei einem Rundgang durch den Ort fanden wir viele aus Scharrers frühen Büchern – „In jungen Jahren“ und „Maulwürfe“ – bekannte Schauplätze wieder.

Zum Abschluss des ereignisreichen Tages besuchten wir mit Herrn Semlinger das Industrie-Museum Lauf.

Gezeigt werden Eisenhammer, Getreidemühle – Jupp und Hans mussten gleich Getreide mahlen – sowie Stromerzeugung (alles mit Wasserantrieb) und Dampfmaschinen von 1903, Flaschnerei, Friseursalon, Drogerie, Schusterwerkstatt – wo Gudrun sich in Stöckel verliebte. In der Hut- und Schirmwerkstatt konnte unsere Führerin u.a. mit einem genialen Regen-/Sonnenschirm besonders Kai begeistern. Gottlob hatten wir unseren Sherlock Holmes (René) mit, so konnte er unsere Gudrun vom Abort befreien.

Abgerundet wurde dieser Tag bei leckeren Naschereien im Biergarten des Mühlengasthofes. Obnd‘s um siemar semmer widder nach Nernberch nei gfohrn, hem dot den Enkel, mit saner Fraa Barbara troff‘n.

Unseren Treffpunkt, die „Fleischerinnung“ konnte man in drei Kategorien einteilen, Peter Schülers Beitrag über seinen Großvater war sehr interessant, die Räumlichkeiten ideal (da keine Gäste) und das Essen, wenn mer a Fränkin is, miserabel.

Hier einige Infos, die Peter Schüler uns übermittelte: Adam Scharrer war bereits vierzig jährig, als sein erster Roman „Vaterlandlose Gesellen“ 1929 erschien. Es war ein Protest gegen die verlogene Kriegsliteratur. Scharrer stellte sich die Frage, ob man durch Literatur die Welt verändern kann. Scharrers Bücher wurden in der BRD nicht gedruckt, in der DDR erreichte die Gesamtauflage seiner Werke dagegen 600 000.

Seine Tochter Anneliese wurde 1918 von seiner „Traumfrau“ Sophie, geboren, die leider schon 1923 verstarb. 1933 wurde Anneliese als 14 jährige von den Faschisten ins Kinderheim nach Köln verschleppt. Sie scheiterte am Leben und starb mit 47 Jahren. 1924 heiratete Scharrer seine zweite Frau Johanna. Nach vier Ehejahren kam die Trennung, ohne Scheidung.

Wollte Scharrer nicht in die Hände der Gestapo fallen, gab es für ihn nur die Emigration. Sein erster Roman im sowjetischen Exil war „Die Maulwürfe“.

Scharrers dritte Frau Charlotte – nach deutschen Recht nicht mit ihm verheiratet – folgte in die Emigration. Seine erste Station war Prag, dann die Sowjetunion. Im Gegensatz zu den meisten deutschen Schriftstellern blieb er nicht in Moskau, sondern er wählte ein Dorf in der Ukraine als Wohnsitz.

Nach Ende des Krieges kehrte er nach Deutschland/Mecklenburg zurück. Das gemeinsame Schicksal hat Scharrer und Bredel zusammengeführt. Leider ist Scharrer nur drei Jahre nach dem Krieg am 02. März 1948 in Schwerin einem Herzschlag erlegen. Seinen Traum, über die demokratische Bodenreform zu schreiben, konnte er nicht mehr verwirklichen. Sein Nachlass wurde der Akademie der Künste vermacht.

Am Freitag trafen wir uns nach dem Frühstück mit Bernd Bauske auf dem Aufsessplatz. Von dort starteten wir zu einem alternativen Stadtrundgang. Anschließend hatten wir noch zwei Stunden Luft, die wir nutzten, Nürnberg auf eigene Faust zu erkunden.

Gut gelaunt kamen wir in Klein Schwarzenlohe an, wo Scharrer 1889 geboren wurde. Unsere „Scharrerausgräberin“ Frau Vollmuth hat uns in der Scharrer-Ausstellung der dortigen Bibliothek voll in ihren Bann gezogen. So hat sie z.B. mit ihrer Kollegin, ganz anschaulich in fränkischer Mundart aus Scharrers „Maulwürfen“ vorgetragen, es war beeindruckend.

Außerdem schilderte Frau Vollmuth wie sie vor Ort in Schwerin einige Stücke z.B. Scharrers Schreibtisch, rettete, nachdem ein geist- bzw. herzloser Kulturdezernent Scharrers Bücherregal zersägt hatte. Der Schreibtisch steht jetzt als „Leihgabe“ in der Bücherei. Anschließend begrüßte uns der erste Bürgermeister, hieß uns willkommen und diskutierte mit uns. Wobei durchaus unterschiedliche Betrachtungsweisen über Scharrers Wirken zu tage traten. Auch die örtliche Presse war anwesend, sie hat positiv über unseren Besuch berichtet. Am späten Nachmittag sind wir bei etwas Regen zu Scharrers Geburtshaus marschiert. Es is ans von denner scheena klanna fränkischen Fachwerkhaisli. Die Gemeinde hat dort eine Erinnerungstafel angebracht.

Es hat uns sehr beeindruckt, was diese kleine Gemeinde dem Andenken Adam Scharrers gewidmet hat.

A bisla weider da gibt‘s a lokal „Zu Leos goldenem Stern“. Hier konnten wir je nach Geschmack fränkisch essen und trinken.

Wie schon gewohnt, trennten wir uns: die erste Gruppe fuhr schnurstracks zum „Barfüßler“, der Rest blieb noch beim Jazz-Festival in Schwarzenlohe.

Am Samstag besuchten wir das ehemalige Reichsparteitagsgelände mit seinem neu errichteten Dokumentationszentrum.

Nach der Besichtigung hatten wir Gelegenheit mit einem wissenschaftlichen Mitarbeiter über die Konzeption der Ausstellung ausführlich zu diskutieren. Dabei gab es durchaus kritische Einschätzungen unsererseits, die von dem Dozenten nicht in Abrede gestellt wurden. Zum Beispiel wurde der individuelle, als auch der organisierte Widerstand ziemlich unterbelichtet dargestellt.

Eine weitere Mitarbeiterin des Dokuzentrums führte ergänzend einen zweistündigen Rundgang über das ehemalige Reichtagsgelände durch. Sie stellte uns anschaulich den teilweise noch sichtbaren Ausdruck des Größenwahns der Nazis dar.

Dieser Tag war sehr informativ aber auch anstrengend. Zum Abschluss führte uns Anne in ein fränkisches Lokal, später wurde der Abend individuell gestaltet, z.B. Kino, Rock Cafe Brown Sugar,

Alles im Leb‘m des geht vorbei und ii kumm etz zum Schluss. li hoff es hat Eich a weng gfalln und denkt die vier toch, des war a scheene Zeit. Drum semmer erst am sunntoch um zwölfa widder hamm gfohrn.

Katharina Seifert

zum Seitenanfang

Zeitzeugen berichten

„Es war für uns sehr interessant, was Sie als Zeitzeugen aus Ihrer Kindheit erzählt haben. Und vielen Dank, dass wir so viel fragen durften.“

So bedankte sich die Klassensprecherin der 10. Realschulklasse der Schule Tieloh in Barmbek nach unserer Gesprächsrunde in der Gedenkstätte Kola-Fu. Erna Mayer und ich waren von den 22 Schülern begeistert, denn wir erleben selten, dass eine Klasse so gut durch die Klassenlehrerin informiert und auf das Thema „Kindheit während der Nazizeit“ vorbereitet wurde. Wir spürten echtes Interesse und waren überrascht über die vielen Fragen der Schülerinnen und Schüler. Ist es doch so wichtig, dass die junge Generation motiviert wird, „wider das Vergessen“ einzutreten.

Im vergangenen Jahr fanden nicht nur in der Gedenkstätte Kola-Fu, sondern auch „vor Ort“ an verschiedenen Schulen und Bücherhallen mehrere Veranstaltungen dieser Art statt. Erna Mayer führte die Gesprächsrunden. Rund 380 junge Menschen haben daran teilgenommen. Das bedeutet viel persönlichen Zeit- und Kraftaufwand, der Dank und Anerkennung verdient!

Gundel Grünert

zum Seitenanfang

John Heartfield in der Märkischen Schweiz

Dass Brecht an freien Tagen östlich von Berlin auszuspannen pflegte, ist hinreichend bekannt. Aber wer glaubt, im Herzen Brandenburgs – auf halber Strecke zwischen Berlin und polnischer Grenze – auf die Spuren von John Heartfield zu stoßen?

Es war 1952, als Bertolt Brecht seinen Wochenendsitz in Buckow am Schermützelsee nahm. Dort schuf er 1953 seine Buckower Elegien. Doch in dem malerischen Kurstädtchen suchte der Theatermann nicht nur Ruhe, sondern auch ein kreatives Umfeld. Deshalb regte er den aus englischem Exil 1950 zurückgekehrten John Heartfield an, in seiner Nähe ebenfalls ein Sommerdomizil zu suchen. „Du solltest dieses absurde Leipziger Klima endlich mit dem berühmt guten hier vertauschen“, mahnte Brecht 1952 den Freund. Zwar wurde Heartfield ein gelegentlicher Sommergast im nahegelegenen Waldsieversdorf. Doch erst 1957, ein Jahr nach Brechts Tod, erwarb der Künstler ein kleines Anwesen in der Gemeinde. Das Sommerhäuschen, das John Heartfield bis zu seinem Tode 1968 nutzte, steht heute noch.

Oktober 2003. Die „Bredels“ erhalten Post aus Waldsieversdorf. Der Bürgermeister des 900 Köpfe zählenden Ortes, Manfred Werner, schreibt:

„Bereits 1998 stieß man bei Recherchen über berühmte Persönlichkeiten in der Märkischen Schweiz – ein ABM-Projekt zur Tourismusentwicklung – auf den Namen John Heartfield. Die Nachforschungen, die mit großer Unterstützung der Stiftung „Archiv der Akademie der Künste“ geführt wurden, ergaben, dass John Heartfield viele Jahre in seinem Sommerhaus in Waldsieversdorf verbrachte… Am 21. Juli 2003 gründeten wir den Freundeskreis John Heartfield Waldsieversdorf… Der Freundeskreis pflegt Kontakte zu Personen und Institutionen, die unsere Bemühungen unterstützen. Wir würden uns freuen, Sie ebenfalls dazu zählen zu können.“

November 2003. Drei Mitglieder des Freundeskreises John Heartfield e.V. aus dem brandenburgischen Waldsieversdorf machen sich zu einem Kurztrip nach Hamburg auf, um erste Kontakte zur Bredel-Gesellschaft zu knüpfen. Nach dem Besuch wird die Idee geboren, unsere nächste Exkursion zu Pfingsten 2004 zu den „Heartfields“ in die Märkische Schweiz zu unternehmen. Das Interesse daran ist so groß, dass weit vor Ende der Anmeldefrist im Februar 2004 die Reise ausgebucht ist. Wir werden im nächsten Heft über unsere Studienreise „auf den Spuren John Heartfields“ berichten.

rese

zum Seitenanfang