Willi-Bredel-Gesellschaft
Geschichtswerkstatt e.V.

Rundbrief 2003, 14. Jahrgang

Inhalt

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Editorial

Im 15. Jahr der Bredelgesellschaft hat der "Rundbrief" nunmehr Jahrbuchstärke angenommen - Ausdruck der zunehmenden Breite der Vereinsaktivitäten. Aus aktuellem Anlass wird zunächst ein Blick auf die Gründungsgeschichte unseres Vereins gelenkt, die mit der Einrichtung der Gedenkstätte Kola-Fu eng verknüpft ist. In einer Stellungnahme zur umstrittenen Neugestaltung der Gedenkstätte werden unsere langjährigen Aktivitäten rund um die Gedenkstätte dargestellt und eine Bilanz der bisherigen Gedenkstättenarbeit gezogen so wie unsere Vorstellungen zu den geplanten Veränderungen vorgestellt. Mit einer Studie über die Entstehungsgeschichte von Willi Bredels dokumentarischen Roman "Die Prüfung" über seine Hafterlebnisse im Kola-Fu erinnert Hans-Kai Möller mit neuen Forschungsergebnissen an die Bedeutung unseres Namensgebers.

Da nach der Wende in der Hamburger Senatspolitik die Verhandlungen mit der KZ-Gedenkstätte Neuengamme über eine Übernahme der Zwangsarbeiterbaracke am Wilhelm-Raabe als weitere Außenstelle vorerst zum Stillstand gekommen sind, geht es nun aus eigener Kraft voran. über die nächsten Schritte der Arbeitsgruppe "Zwangsarbeit", wie die Herausgabe eines Faltblattes, regelmäßige Öffnungszeiten und die Vorbereitung einer Ausstellung, berichtet Holger Schultze. Zwei weitere Beiträge beschäftigen sich mit Einzelschicksalen von Zwangsarbeitern und unseren Bemühungen, ihnen bei Firmen und Kommunen Anerkennung zu verschaffen.

Die zahlreichen Aktivitäten unserer neu gegründeten "Denkmalschutz-Gruppe Fuhlsbüttel" werden in einer Reihe von Artikeln vorgestellt, die mit einem Beitrag von Holger Tilicki eingeleitet werden.

Auf unsere Initiative hin werden einige Hamburger Geschichtswerkstätten 2003 einen Erfahrungsaustausch der Geschichtswerkstätten veranstalten. Im Anschluss an eine ganztätige Arbeitstagung mit Wissenschaftlern und Pressevertretern in der Galerie Morgenland soll am 1.11. im Grünen Saal in einem intimeren Rahmen ein Werkstattgespräch mit auswärtigen Gästen über das heutige Selbstverständnis und die Perspektiven der Geschichtswerkstattbewegung stattfinden. Am Abend ist nach einem Kulturprogramm eine Nostalgie-Fete der Bredel-Gesellschaft geplant.

Seit der Vereinsgründung fanden unsere Mitgliederversammlungen im Herbst statt. Dieser Zeitpunkt ist in sofern ungünstig, als unsere Rechenschaftslegung gegenüber der Kulturbehörde und unser Haushaltsjahr sich jeweils auf ein Kalenderjahr beziehen. Um die Rechenschaftslegung gegenüber den Mitgliedern zu vereinfachen, wird daher im Zukunft die Jahresmitgliederversammlung Anfang Februar eines jeden Jahres stattfinden.

Hans Matthaei, März 2003

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Umstritten Die Neugestaltung der Gedenkstätte Kola-Fu

Die im November 1987 eröffnete Gedenkstätte Konzentrationslager Fuhlsbüttel soll in diesem Jahr aufwendig umgestaltet werden. Anlass genug für einen Rückblick auf die Einrichtung und Entwicklung der Gedenkstätte und eine Stellungnahme zur Neukonzeption aus der Perspektive der Bredel-Gesellschaft.

Anfang der achtziger Jahre sollte im Zusammenhang mit dem Bau eines neuen Eingangs zur JVA Suhrenkamp das als "Tor zur Hölle" bekannte alte Eingangsgebäude von 1879 abgerissen werden. Die Ortsvereinigung der VVN/BdA Alstertal/Walddörfer hatte bereits im August 1982 die Errichtung einer Gedenkstätte am Suhrenkamp gefordert und auf einem Stadtteilfest eine Erinnerungstafel für die Opfer des Kola-Fu aufgestellt. Eine Ende 1982 gegründete Bürgerinitiative "Gedenkstätte Fuhlsbüttel" forderte neben dem Erhalt des Gebäudes ebenfalls die Einrichtung einer Gedenkstätte für die Opfer des Faschismus, die 1933 bis 1945 in den Strafanstalten Fuhlsbüttel einsaßen, gefoltert und ermordet wurden. In einem Aufruf dieser Initiative zu einer Demonstration und Kundgebung am 27.2.1983 wurde als Ziel formuliert, die Gedenkstätte "nicht zu einem sterilen Museum, sondern zu einer stadtteilbezogenen Erinnerungs- und Begegnungsstätte zu machen".

Die Bezirksversammlung Hamburg-Nord griff am 28.10.1982 diese Forderungen auf und beschloss: "Der Bezirksamtsleiter wird aufgefordert, sich dafür einzusetzen, dass das Torhaus der Justizvollzugsanstalt am Suhrenkamp unter Denkmalschutz gestellt wird und somit ein Abriss verhindert wird. Gleichzeitig soll das Torhaus zu einer Gedenkstätte für die Opfer des Nazi-Terrors umgestaltet werden." Der damalige SPD-Fraktionsvorsitzende in der Bezirksversammlung - heute Staatsrat in Schills Innenbehörde Walter Wellinghausen - schrieb im "Langenhorner Markt" in diesem Zusammenhang: "Die Stätte des KZ Fuhlsbüttel soll auf einstimmigen Vorschlag der Bezirksversammlung Hamburg-Nord durch den Erhalt des Torhauses als Mahnmal gesichert werden. Das ist notwendig, wenn man den wieder und stärker aufkeimenden Rechtsradikalismus beobachtet".

Die vielfältigen Aktionen der Bürgerinitiative - neben Unterschriftensammlungen, Demonstration und Kundgebung mit ca. 250 Teilnehmern, Aufstellen von (nicht genehmigten) Gedenktafeln, versuchte Straßenumbenennung und Kranzniederlegungen sowie die Unterstützung der lokalen parlamentarischen Gremien - führten schließlich zum Erfolg: Mit einer Gedenkfeier am 6. November 1987 in der Gefängniskirche wurde die Ausstellung in der Trägerschaft der KZ-Gedenkstätte Neuengamme eröffnet. Schon seit August 1983 wurde eine von Dr. Ludwig Eiber in Zusammenarbeit mit Studenten der Hamburger Universität konzipierte Wanderausstellung zunächst im Museum für Hamburgische Geschichte und anschließend an mehreren Orten gezeigt.

Schwerpunkt der Ausstellung bildet die in Hamburg wenig gewürdigte Verfolgung von antifaschistischen Widerstandskämpfern aus den Reihen der Arbeiterbewegung. Die Biografien von Gewerkschaftern, Sozialdemokraten und Kommunisten bilden das Herzstück der Ausstellung. Von Beginn an haben daher die AvS (Arbeitsgemeinschaft verfolgter Sozialdemokraten) und die VVN/BdA (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschisten) die Betreuung in Absprache mit der KZ-Gedenkstätte Neuengamme jeden Sonntag von 10 bis 12 Uhr übernommen. über diesen Sonntagsdienst hinaus haben die Zeitzeugen im Laufe der Jahre zahlreiche Sonderführungen für Gruppen und Schulklassen durchgeführt.

Auch die Initiative zur Gründung der Willi-Bredel-Gesellschaft ist im Rahmen der Bürgerbewegung zur Einrichtung der Gedenkstätte Kola-Fu entstanden. Am 15.3.1988 fand im Torhaus die Gründungsversammlung des Vereins statt. An der Gründung beteiligt war der in Fuhlsbüttel wohnende ehemalige Kola-Fu-Häftling Walter Flesch sowie einige politisch und historisch interessierte Fuhlsbüttler.

In der Gründungseinladung heißt es zu den Zielen des Vereins: "Durch die Einrichtung der Gedenkstätte Kola-Fu mit ihrer eindrucksvollen Ausstellung ist endlich die Möglichkeit entstanden, die weitgehend verdrängte Geschichte des Fuhlsbüttler Gefängnisses während der Nazi-Diktatur einer breiten Öffentlichkeit bekannt zu machen.

Die Willi-Bredel-Gesellschaft - Forum für Geschichte und Kultur - möchte zusammen mit anderen Organisationen und Einzelpersonen dazu beitragen, dass das Torhaus ein Ort lebendiger und aktiver Geschichtsvermittlung wird. Dabei halten wir die Zusammenarbeit mit ehemaligen Häftlingen für besonders wichtig. Darüber hinaus beabsichtigt die Willi-Bredel-Gesellschaft, das Torhaus für Veranstaltungen über Faschismus und Widerstand zu nutzen. Lesungen aus dem umfangreichen Werk Bredels, insbesondere aus seinem Kola-Fu-Roman ,Die Prüfung' könnten ebenfalls in der Gedenkstätte veranstaltet werden."

Aus diesem zunächst von nur 8 Gründungsmitgliedern getragenem Projekt ist heute ein Verein mit über 100 Mitgliedern und vielfältigen Aktivitäten geworden. Die im Gründungsaufruf benannten Ziele des Vereins wurden in den vergangenen fast 15 Jahren nicht vernachlässigt. Zeitzeugengespäche und Führungen in der Gedenkstätte sind ein fester Bestandteil unserer Arbeit. Obwohl nur etwa 25 Stühle vorhanden sind, nahmen bis zu 60 Besucher an Veranstaltungen teil.

Um die Attraktivität der Gedenkstätte zu erhöhen, hatte die WBG in einem Vertrag mit der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und in enger Zusammenarbeit mit den Verfolgtenorganisationen AvS und VVN/BdA vom 1. September 1999 bis zum 31. März 2002 die Öffnungszeit sonntags auch für die Nachmittagsstunden bis 17 Uhr übernommen. Insgesamt 17 Vereinsmitglieder haben nach einer intensiven inhaltlichen Vorbereitung den Dienst in der Gedenkstätte durchgeführt. Ein Teil von ihnen kann aus persönlicher Erinnerung über das Schicksal ihrer Verwandten, die im Kola-Fu inhaftiert waren, berichten und über selbst erlebte Beispiele von Repressionen in der NS-Zeit. Ab April 2002 wurde die Gedenkstätte in der Nachmittagszeit zunächst von studentischen Hilfskräften, seit Anfang 2003 von Mitarbeitern des Museumsdienstes betreut. Es erscheint uns sehr wichtig, dass dieser Dienst ("Besucherservice") in Zukunft von engagiertem und fachlich qualifiziertem Personal wahrgenommen wird.

Die Veröffentlichungen über das Kola-Fu sind leider dünn gesät: Neben der Broschüre von Ludwig Eiber "Kola-Fu" in der Reihe Hamburg Portrait des Museums für Hamburgische Geschichte (Heft 18, 1983) und dem "Gedenkbuch Kola-Fu" von Herbert Diercks (1987) liegt die von Ursel Hochmuth und Erna Mayer zusammengestellte Broschüre "Gestapo-Gefängnis Fuhlsbüttel" (1983, 1985, 1997) vor. Eine von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme 1999 in der Edition Temmen angekündigte umfassendere Geschichte des Kola-Fu steht bisher noch aus.

Mit ihren Publikationen hat sich die Bredel-Gesellschaft in den vergangenen Jahren bemüht, das Literaturangebot zu erweitern. In "Fuhlsbütel unterm Hakenkreuz" (1996) berühren einige Beiträge das Kola-Fu, in Lucie Suhlings Erinnerungen "Der unbekannte Widerstand" (Neuauflage 1998) nehmen Hafterlebnisse einen breiten Raum ein. Die 3. Auflage der Broschüre "Gestapo-Gefängnis Fuhlsbüttel" (1997) wurde von der Bredel-Gesellschaft mit herausgegeben. Hinzu kommen zahlreiche Artikel in unserem seit 14 Jahren herausgegebenen "Rundbrief". übrigens sind alle genannten Autoren (außer L. Eiber) Mitglied unserer Gesellschaft.

Mit einem breiten Angebot an neuen und antiquarischen Büchern zu den Themen Faschismus, Widerstand und Neonazismus konnte die Bredel-Gesellschaft vielen Besuchern die Möglichkeit eröffnen, die in der Ausstellung dargestellten Themenkomplexe durch Lektüre zu vertiefen. Wir hoffen, dass dieses umfangreiche Angebot auch in Zukunft erhalten bleiben kann.

Trotz aller Bemühungen wie Schaukästen am Bahnhof Ohlsdorf und am Suhrenkamp, Wegweiser vom Bahnhof zur Gedenkstätte und verlängerter Öffnungszeiten bleibt festzuhalten, dass die Kola-Fu-Gedenkstätte bei weitem nicht genug genutzt wird. Nach der Jahresstatistik der Bredel-Gesellschaft besuchten 2001 lediglich 869 (davon 310 in Gruppen) Besucher die Ausstellung. Dabei wird die Bedeutung der Gedenkstätte von allen beteiligten Organisationen und der KZ-Gedenkstätte Neuengamme hoch eingeschätzt. Immerhin handelt es sich um eine Ausstellung zu wichtigen Themen der NS-Verfolgung an einem authentischen Ort, in bedrückender Nachbarschaft einer voll belegten Justizvollzugsanstalt. Der relativ geringe Besuch liegt vermutlich nicht an der derzeitigen Ausstellungspräsentation, (die der Besucher ja im Vorwege nicht kennt) sondern vielmehr an der unzureichenden Öffentlichkeitsarbeit. Zumindest sind die in der Vergangenheit vorgeschlagenen Maßnahmen (wie z. B. die gezielte Verteilung von Informationsmaterial an Schulen) nicht verwirklicht worden.

Die KZ-Gedenkstätte Neuengamme hat sich 2001 im Alleingang entschlossen, in den Jahren 2002 und 2003 die Gedenkstätte völlig neu zu gestalten. In der Konzeption von Herbert Diercks für die Umgestaltung (Stand 10.07.2002) wird deren Notwendigkeit wie folgt begründet : "& nachdem in den zurückliegenden Jahren die Ausstellungen in den Außenstellen Bullenhuser Damm und Plattenhaus Poppenbüttel der KZ-Gedenkstätte Neuengamme erneuert bzw. ergänzt worden sind, ist eine Neugestaltung dieser Gedenkstätte erforderlich: Die gesamte Ausstellungstechnik ist veraltet, Fotos und Dokumente sind inzwischen ausgeblichen und unansehnlich, neue Forschungsergebnisse sind zu berücksichtigen und inhaltliche Ergänzungen und Korrekturen notwendig." (Herbert Diercks, Konzeption für die Umgestaltung der Gedenkstätte Fuhlsbüttel, S.1). In der Einleitung der Konzeption heißt es zur Bedeutung des Kola-Fu: "Für Zehntausende war Fuhlsbüttel eine Station ihrer Verfolgung. Mehr als fünfhundert Inhaftierte überlebten die Haft nicht. Sie kamen aus allen Hamburger Stadtteilen und repräsentieren die Gesamtbreite der Verfolgung aus politischen, religiösen und rassischen Gründen: Widerständler, Zeugen Jehovas, ,Swing-Jugendliche', Kriegsdienstverweigerer und viele mehr". Ferner wird auf die große Zahl von jüdischen und ausländischen Häftlingen hingewiesen.

Der Raum links vom Eingangstor soll nicht mehr für Ausstellungszwecke genutzt werden, der Zellennachbau im Erdgeschoss rechts soll in verbesserter Form erhalten bleiben.

In der Detailplanung für die Ausstellung im Obergeschoss werden die Themenschwerpunkte der drei Abschnitte benannt:

  1. Geschichte der Strafanstalten Fuhlsbüttel und ihre Nutzung im Nationalsozialismus
  2. Die Opfer
  3. Die Täter

Im 2. Abschnitt sollen acht im Kola-Fu inhaftierten Gefangenengruppen exemplarisch vorgestellt werden. Während in der derzeitigen Ausstellung das Schicksal von 9 Sozialdemokraten und 16 Kommunisten mit Fotos, Dokumenten und Kurzbiografien dargestellt wird, soll in der neuen Ausstellung nur noch eine kleine Auswahl von politisch Verfolgten aus der Arbeiterbewegung gewürdigt werden.

Die Ausstellungstafeln im Obergeschoss sollen durch Hörstationen, eine audiovisuelle Station und kleine Vitrinen sowie Ordner und Schubladen mit weiteren Informationen ergänzt werden.

Das Zeigen von Filmen ist in diesem einzigen größeren Raum nicht vorgesehen, dessen Größe zwischen ca. 80 qm (Herbert Diercks, a.a.O., S.1) und ca. 53 qm (Karin Schawe in der Sponsoren-Broschüre: Neugestaltung der Gedenkstätte Konzentrationslager und Strafanstalten Fuhlsbüttel 2003, Oktober 2002) schwankt. Tatsächlich ist der Raum etwa 50 qm groß, auf der einen Längsseite befinden sich die beiden Treppenaufgänge und die drei übrigen Seiten sind mit Fenstern versehen. Insofern kann bei einer multifunktionalen Nutzung nur eine begrenzte Zahl von Ausstellungstafeln (zur Zeit 23) Platz finden. Bisher wurden bei Veranstaltungen die beiden in den Raum ragenden Stellwände zur Seite geklappt, so dass die Fläche im Obergeschoss optimal genutzt werden konnte.

Je mehr Informationen über die Neugestaltung bekannt werden, desto größer ist die Irritation und der Unmut bei den ehrenamtlichen Betreuern aus dem Kreis der Antifaschisten, welche die Ausstellung von Anfang an begleitet haben. Zwar besteht über die zu geringe Akzeptanz der bestehenden Ausstellung Einigkeit; muss aber die Ausstellung mit einem hohen Kostenaufwand so umfassend erneuert werden? Ist bei dem geringen Raumangebot eine Würdigung aller Opfergruppen gleichrangig möglich? Warum soll auf die Möglichkeit, Besuchergruppen am authentischen Ort zu betreuen, verzichtet werden? Soll als Zielgruppe der einzelne Besucher mit einem breiten Vorwissen und eher wissenschaftlichen Interesse im Vordergrund stehen?

Nicht diskutiert wurde, ob durch die neue Ausstellungskonzeption die Besucherzahl wirklich erhöht werden kann und ob vermeintlich "moderne" Präsentationsformen zu einem höheren Erkenntnisgewinn führen. Nach allen Erfahrungen hinterlassen Gespräche mit Verfolgten bzw. deren Kindern einen viel nachhaltigeren Eindruck als technische Hilfsmittel. Selbst ein in einer Gruppe gezeigter Film wirkt vermutlich emotional stärker, als ein einsames Zuhören (Hörstation) und Klicken auf einer Tastatur, um sich beispielsweise eine PC-Präsentation anzusehen. Audiovisuelle Medien können zwar die Tafeln ergänzen, aber gerade vertiefende Informationen lassen sich besser in weiterführender Literatur oder, aus dem Internet herruntergeladenen Texten (homepage: http://www.hamburg-de/Neuengamme/fuhlsbüttel.html) erarbeiten.

Schwer wiegt auch die Sorge bei vielen ehrenamtlichen Betreuern und der Bredel-Gesellschaft, dass der inhaltliche Schwerpunkt "Organisierter Arbeiterwiderstand" verloren gehen könnte. Das geringe Raumangebot lässt eine detaillierte Darstellung aller Opfergruppen nicht zu. Der Anspruch der Neukonzeption, alle Opfergruppen gleichermaßen angemessen zu würdigen, ist also nicht zu realisieren. Die Gedenkstätte könnte allein mit der Geschichte der willkürlichen Verhaftung aller im Hamburg lebenden chinesischen Männer 1944 gefüllt werden. Angemessen wäre daher sicherlich die Forderung, die ganze JVA in ihren historischen Teilen als Gedenkstätte herzurichten.

Im Herbst 2002 wurde bereits der Raum im Erdgeschoss links zu einem großzügigen Empfangsbereich mit Tresen, Garderobe, Schränken, Regalen und Sitzecke umgebaut. Die Ausstellungsfläche in diesem Raum, in der bisher die Geschichte der Strafanstalten, der NS-Terror vor 1933, der Ausbau des Verfolgungsapparates und das KZ Wittmoor auf neun Tafeln gezeigt wurde, ist verloren gegangen. Gerade dieser Raum hatte sich hervorragend für die Einführung in die Thematik des Kola-Fu bei Gruppenführungen bewährt. In der Konzeption (H. Diercks, a.a.O., S 2) heißt es hierzu lapidar: "Die Informationen, die auf diesen Tafeln präsentiert werden, sind zwar wichtig für das Verständnis historischer Zusammenhänge, sind aber nicht zwingend notwendig für das Verstehen der Ausstellung im Obergeschoss." Lediglich das große Luftbild der Fuhlsbüttler Strafanstalten ist hängen geblieben, ansonsten darf man leere Wände betrachten.

Die Bredel-Gesellschaft hat versucht, auf den Prozess der Neugestaltung Einfluss zu nehmen. In einem Schreiben des Vorstandes vom 29.6.2002 an die KZ-Gedenkstätte Neuengamme heißt es: "Wir möchten daran erinnern, dass auf den beiden letzten Kola-Fu-Beratungen sowohl von Seiten der Verfolgtenverbände als auch von Detlef Garbe festgestellt wurde, dass die Kola-Fu Gedenkstätte weiterhin den politischen Arbeiterwiderstand zum Schwerpunkt haben soll. Dies ist auch seit der Gründung der Bredel-Gesellschaft 1988 in den Räumen der Gedenkstätte unser zentrales Anliegen & Bei der Gestaltung des Obergeschosses sollte die Möglichkeit von Veranstaltungen, möglichst auch von Filmveranstaltungen, gewährleistet sein." Nach unserer Jahresmitgliederversammlung, auf der die Diskussion um die Neugestaltung der Gedenkstätte einen breiten Raum einnahm, haben wir diese Forderungen in einem offenen Brief am 12.11.2002 noch einmal bekräftigt und den Vorschlag unterbreitet, einen paritätisch mit einem oder zwei Vertretern der AvS, der VVN/BdA und der Bredel-Gesellschaft besetzten Fachbeirat einzurichten. Im vergangenen Jahr hat die Kultursenatorin für die KZ-Gedenkstätte Neuengamme einen Fachbeirat aus Repräsentanten der Amicale Internationale und Wissenschaftlern berufen. Unser Vorschlag wurde bisher nicht aufgegriffen.

Am 24. Januar 2003 wurde die neue Ausstellung zur Geschichte des KZ Fuhlsbüttel "KolaFu - ein Ort der Willkür und Gewalt" im Hamburger Rathaus feierlich eröffnet. Die 47 Tafeln umfassende Ausstellung soll anschließend an weiteren Orten gezeigt werden. Am Donnerstag, den 4. September 2003 um 17 Uhr soll die neugestaltete Ausstellung im Torhaus anlässlich des 70. Jahrestages der Einrichtung des Kola-Fu der Öffentlichkeit vorgestellt werden.

Unsere (vorerst) letzte Veranstaltung in der Gedenkstätte findet am Sonntag, dem 4. Mai 2003 um 15 Uhr statt: ein Zeitzeugengespräch mit Hartwig Baumbach über seine Kindheits- und Jugenderinnerungen im brauen Fuhlsbüttel. Vom 12.5. bis zum 3.9.2003 bleibt die Gedenkstätte wegen der Umbauarbeiten geschlossen.

Ob die Mitglieder der Verfolgtenorganisationen auch nach dem Umbau ihre Sonntage opfern wollen, um durch eine Ausstellung zu führen, mit der sie sich nur noch wenig identifizieren können, bleibt abzuwarten.

Eine frühzeitige Einbeziehung der Betreuerorganisationen hätte vermutlich zu der Erkenntnis geführt, dass weniger Aufwand durchaus zu mehr Ertrag führen kann. Die Ausstellung hätte behutsam erneuert und ergänzt sowie mit Technik (u.a. Videoprojektion) ausgestattet werden können. Mit den gesparten personellen und finanziellen Ressourcen hätten sinnvolle andere Projekte unterstützt werden können, zum Beispiel eine Ausstellung zu dem wichtigen Thema "Zwangsarbeit in Hamburg" in den Baracken am Wilhelm-Raabe-Weg.

Hans Matthaei

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Zur Entstehungsgeschichte der "Prüfung"

Das Interesse für Willi Bredels Lebensgeschichte, sein literarisches Werk und seine politischen Aktivitäten entwickelte sich bei den Bredel-Freunden über das intensive Lesen seiner Werke. Da es ein wichtiges Anliegen unserer Bredel-Gesellschaft ist, dass Bredels Bücher gelesen und diskutiert werden, beginnen wir in diesem Rundbrief eine neue Serie, in der Mitglieder ein Bredel-Buch vorstellen, das ihnen besonders wichtig ist. Auf diesem Wege wollen wir bei unseren Lesern Interesse an Bredels umfangreichem Werk wecken und den Boden dafür bereiten, dass man in nicht all zu ferner Zukunft das eine oder andere Werk Bredels in einer ansprechenden Neuauflage in jedem Buchgeschäft kaufen kann. Damit keiner so lange warten muss, bieten wir natürlich weiterhin fast alle Bredel-Werke in unserem Antiquariat an. Anlässlich der Eröffnung einer Wanderausstellung über das KZ Fuhlsbüttel im Hamburger Rathaus, das im März 1933 von den Faschisten eingerichtet wurde, beginnen wir unsere Serie mit der Entstehungsgeschichte des Romans "Die Prüfung", dem ersten, literarischen Dokument über Konzentrationslager in Deutschland. Der Aufsatz basiert auf einer leicht überarbeiteten Fassung eines Vortrages, den ich am 6. Februar 2003 auf der Veranstaltung "Willi Bredel: Die Prüfung" in der Rathauspassage gehalten habe.

Vor fast 70 Jahren wird in einem leer stehenden Teil des Zuchthauses Fuhlsbüttel ein Konzentrationslager eingerichtet. Einer der ersten Häftlinge ist der Hamburger Dreher, Redakteur und Arbeiterschriftsteller Willi Bredel, damals 32 Jahre alt. Einen Tag nach dem Reichstagsbrand tritt Willi Bredel in einer SPD-Wahlveranstaltung auf und fordert die Einheitsfront der beiden großen Arbeiterparteien gegen den drohenden Faschismus. Am Tag darauf, dem 1. 3. 1933, wird Bredel zusammen mit 74 anderen bekannten Funktionären der Hamburger KPD auf Grundlage der "Notverordnung zum Schutze des deutschen Volkes" vom 4. 2. 1933 von der Hamburger Polizei, die damals noch unter der Leitung des sozialdemokratischen Polizeipräsidenten Adolf Schönfelder agiert, festgenommen. Mit dieser Aktion soll der Wahlkampf der KPD zu den am 5. März stattfindenden Reichstagswahlen behindert werden. So war Willi Bredel als Redner für die zentrale Wahlkundgebung der KPD in "Hamers Gesellschaftshaus" in der Feldstraße am 3. März 1933 bereits öffentlich angekündigt.[ 1 ]

Nach einigen Wochen im Untersuchungsgefängnis wird Bredel ins KZ Fuhlsbüttel gebracht. Hier beginnt für ihn eine schlimme Leidenszeit, die er nach seiner Entlassung aus dem KZ und der Flucht aus Deutschland literarisch zu dem Roman "Die Prüfung" verarbeitet.

Wenig bekannt ist, dass Bredel sich fast 30 Jahre nach dem Erscheinen der "Prüfung" intensiv mit einem Projekt "Wege der Prüfung" beschäftigte. Die Veröffentlichung sollte die Entstehungs- und die Wirkungsgeschichte des Buches enthalten, aber auch darüber berichten, welche wichtige Rolle gerade dieses Werk in seinem Leben gespielt hat. Bredel berichtete über das Vorhaben erstmals öffentlich bei seinem letzten Moskau-Besuch am 28. 11. 1963 im großen Hörsaal der Fakultät für Journalistik vor Professoren, Dozenten und Studenten. über diese Vorlesung Bredels liegt ein sehr anschaulicher Bericht von Stanislaw Roshnowski vor, der in dem Sonderheft "Willi Bredel 1965" der Zeitschrift "Sinn und Form" veröffentlicht wurde.[ 2 ]

Leider war es Willi Bredel nicht mehr vergönnt, dieses Buch zu schreiben. überliefert sind nur der Bericht von Roshnowski und einige handschriftliche Notizen im Willi-Bredel-Archiv der Akademie der Künste. [ 3 ] Bredel brannte es unter den Nägeln, endlich dieses Buch zu schreiben, aber seine zahlreichen Verpflichtungen als Präsident der Akademie der Künste hinderten ihn immer wieder daran. Wie sehr er unter dieser Situation litt, wird aus einem Bericht von Max Zimmering über seine letzte Begegnung mit Bredel bei der PEN-Tagung im Oktober 1964 deutlich: "Bredel erzählt von seiner Skandinavien-Reise, von schriftstellerischen Projekten, von seinen Bemühungen, sich von seiner Funktion, die ihn auffrisst, loszueisen, um schreiben zu können."[ 4 ]

Im folgenden wird ein kleiner Teil des Exposés von "Wege der Prüfung" aufgegriffen und versucht, auf der Grundlage der zahlreichen Selbstzeugnisse und der Ergebnisse der Bredel-Forschung die Entstehungsgeschichte der "Prüfung" nachzuzeichnen.

Wegen der begrenzten Zeit blende ich literaturtheoretische und rezeptionsgeschichtliche Fragestellungen weitgehend aus. Als erstes will ich versuchen, die Frage "Was half Willi Bredel die Hölle der KZ-Haft zu überstehen und welche Rolle spielte sein Buch dabei?" zu beantworten.

Das einschneidende Erlebnis, in Haft zu sitzen, ist für ihn nichts Neues: Neun Monate sitzt er 1924 in U-Haft, weil er vermutlich für den Hamburger Aufstand Gewehre in Thüringen kaufte und sie als Maschinenteile deklariert nach Hamburg schicken ließ. Zwei Jahre, 1930 und 1931, muss er in Festungshaft verbringen, weil ihm die Veröffentlichung von zwei Artikeln als "Hochverrat" ausgelegt wird. Diese Haftzeiten nutzt Bredel zum Schreiben, seiner Leidenschaft, der er wegen seiner beruflichen und politischen Tätigkeit sonst nicht nachgehen kann. So erscheint 1924 als erstes "Haftprodukt" die 68 Seiten umfassende Schrift "Marat, der Volksfreund" und während der Festungshaft entstehen die drei kleinen Romane aus dem proletarischen Alltag "Maschinenfabrik N&K", "Rosenhofstraße" und "Der Eigentumsparagraph". In der Situation im KZ, zwischen Leben und Tod, hat Bredel weder Bleistift noch Papier, aber er hat Zeit, viel Zeit und diese nutzt er, um seinen Roman im Gedächtnis zu konzipieren. über diesen Prozess berichtet er in dem Selbstzeugnis "Wie ich arbeite" aus dem Jahre 1935: "Bevor ich diesen Roman schrieb, habe ich mich fast eineinhalb Jahre damit beschäftigt. Während elf Monaten Einzelhaft habe ich mir & jedes Kapitelchen durch den Kopf gehen lassen, habe jedes neue Erlebnis im Kopf niedergeschrieben, umgeschrieben, kritisiert, wieder umgeschrieben. Dass ich später, wenn ich mit dem Leben davonkommen sollte, über alles schreiben würde, das war in den ganzen Monaten wie eine Besessenheit in mir. Und nicht nur, dass ich im Kopf bereits das neue Buch niederschrieb, ich diskutierte auch mit mir selbst über Reportage und Gestaltung, rief mir alle früheren Diskussionen, Argumente wie Gegenargumente in Erinnerung und arbeitete es in den vielen einsamen Tagen durch. Für die Szene beispielsweise, in der ein Jungarbeiter in der Zelle angeschossen wird und später verblutet, hatte ich im Lager schon drei Fassungen im Kopf."[ 5 ]

Das virtuelle Schreiben wird für Bredel zu einer Art Überlebensstrategie: Je mehr das Buch in seiner Phantasie Gestalt annimmt, desto größer wird sein Wille zu überleben und alles das, was er erleben und erleiden musste, der Welt außerhalb der Fuhlsbüttler KZ-Mauern mitzuteilen. In seinem Überlebenskampf hilft ihm vor allen Dingen ein Mann, den er nie persönlich kennen lernen wird, der kommunistische Reichstagsabgeordnete Mathias Thesen, im Roman Heinrich Torsten, der ihn durch Klopfzeichen immer wieder aufrichtet und nicht zulässt, dass er schwach wird. Diesem "anonymen" Helden widmet er die deutsche Erstausgabe des Buches, die 1946 in Berlin erscheint. Zu einer wichtigen Überlebenshilfe wird für Bredel auch seine intensive Beschäftigung mit Literatur, Schauspiel, Film und Musik: "Von den elf Monaten war ich noch sechs in Dunkelhaft. In diesen Wochen kam zu all dem genannten noch völlige Dunkelheit. In diesen schrecklichen Wochen und Monaten habe ich mich intensiv mit mir selbst beschäftigt. In den langen einsamen Stunden habe ich mein Leben im Geiste noch einmal gelebt, habe noch einmal den "Julius Cäsar", den "Kaufmann von Venedig" und Kyds "Spanische Tragödie" gelesen, & noch einmal mich alter Romane, Gedichte, Schauspiele erinnert, die ich in beseligenden Stunden kennen gelernt hatte, ich lebte in Gedanken tagelang mit erdachten Helden in den Zeiten der Großen Französischen Revolution und kämpfte noch einmal den Heldenkampf der russischen Arbeiter und Bauern gegen zaristische und kapitalistische Tyrannei zusammen mit den Heldengestalten der Romane Fadejews, Scholochows und Gladkows. Was wäre geworden, wenn ich nicht diese Phantasie, diese Gabe des Nacherlebens gehabt hätte? Was wäre geworden, wenn der Stumpfsinn über mich gekommen wäre? Ich weiß es nicht"[ 6 ].

Eine weitere Stütze im Überlebenskampf Bredels ist der Zusammenhalt der gefangenen Genossen, die sich nach der langen Einzelhaft rührend um ihn kümmern.[ 7 ]

Am 16. März 1934 wird Bredel überraschend aus dem KZ Fuhlsbüttel mit der Auflage entlassen, sich täglich bei der Gestapo zu melden. Nachdem er Kontakt zur illegal arbeitenden KPD gefunden hat, entscheiden seine Genossen, dass er möglichst schnell das Land verlassen soll. Zu Pfingsten ist die Meldepflicht ausgesetzt. Diese Chance nutzt Bredel und reist über die Feiertage unter falschem Namen und ohne Pass aus Hamburg ab. Auf die Einzelheiten von Bredels Flucht will ich hier nicht näher eingehen: Viele Details sind in seinem Roman "Die Enkel" nachzulesen, denn das Schicksal der Hauptfigur Walter Brenten ist zu einem Großteil autobiographisch. Weitere Informationen enthält die neue, eindrucksvolle Broschüre von René Senenko "Willi Bredels Exil in Prag".[ 8 ]

Bredel kommt in Prag in der Betlémská Nr. 6 bei Ernst Ottwalt in dessen winziger Einzimmer-Wohnung unter. Im gleichen Haus befindet sich die Einzimmer-Wohnung von Wieland Herzfelde und seiner Familie. Diese Wohnung dient anfangs auch als Büro des legendären Malik-Verlages und der Exil-Zeitschrift "Neue Deutsche Blätter". Bredel bittet Wieland Herzfelde, sofort nachdem er bei Ottwalt Unterkunft gefunden hat, um eine Schreibmaschine und ein Plätzchen, wo er schreiben könne. Der gutmütige Herzfelde räumt ihm täglich zwei Nachmittagsstunden zum Tippen an seinem Küchentisch ein. So schwierig und wenig störungsfrei die konkreten Arbeitsbedingungen für Bredel auch sind, der Arbeitsplatz und der neue Verleger haben für die Qualität des Romans große Vorteile: Der engagierte Herzfelde gibt kein Buch heraus, ohne dass er sich aufs intensivste mit dem Text beschäftigt hat. Er diskutiert alle wesentlichen ästhetisch-inhaltlichen Aspekte mit seinen Autoren. Der Umstand, dass dieser Roman direkt vor seinen Augen an seinem Küchentisch entsteht, vereinfacht die Lektoratsarbeit sicherlich erheblich.

Dank der fast kriminalistischen Forschungsarbeit unseres Mitgliedes René Senenko wissen wir heute auch, wo Bredel dann unter wesentlich besseren Arbeitsbedingungen die Arbeit an der "Prüfung" fortsetzen kann: Im Dachatelier der Grafikerin und Malerin Hella Guth in der Straße Pod Baatami 299. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit hat Bredel in dem Atelier nicht nur geschrieben, sondern auch gewohnt. Im September 1936 berichtet Bredel rückblickend davon, dass er "& in Folge der Sommerhitze splitternackend vor der Schreibmaschine gesessen habe."[ 9 ] Diese Episode plante er auch in die "Wege der Prüfung" aufzunehmen.[ 10 ]

Um als Gast am ersten Allunionskongress der sowjetischen Schriftsteller teilnehmen zu können, reist Bredel mit F. C. Weiskopf Ende Juli 1934 aus Prag ab. Während der Zugfahrt schreibt er weiter an seinem Manuskript und im Verlaufe des Kongresses schließt er es ab.[ 11 ] Bereits Anfang August 1934 beginnt die Arbeiter-Illustrierte-Zeitung (AIZ) in Prag damit, Teile des zweiten Kapitels unter dem Titel "Vernehmung vor dem K.z.b.V. In den Klauen der Gestapo. Bericht eines Entwichenen" anonym in Fortsetzungen zu veröffentlichen.[ 12 ] Auch Wieland Herzfelde veröffentlicht in der Dezember-Ausgabe der "Neuen Deutschen Blätter" einen Abschnitt des Romans.[ 13 ] Die deutschsprachige Erstausgabe für den Malik-Verlag wurde zusammen mit der deutschsprachigen Erstausgabe für die Sowjetunion, die bei der "Verlagsgenossenschaft ausländischer Arbeiter" erschien, produziert und kam im Frühjahr 1935 mit einem eindrucksvollen Schutzumschlag von John Heartfield heraus.[ 14 ] Da es Bredel und Herzfelde sehr wichtig war, dass auch im bedeutenden Emigrationsland Frankreich die Wahrheit über die "Hölle Fuhlsbüttel" verbreitet wurde, bemühte sich Herzfelde intensiv darum, einen französischen Verleger zu finden. Seine Bemühungen waren von Erfolg gekrönt: 1936 erschien im Pariser Verlag Albin Michel eine französische Übersetzung. Bereits ein Jahr vorher war in Moskau auch eine Ausgabe in russischer Sprache erschienen. Es folgten Ausgaben in Tatarisch (1936), Belorussisch (1937), Bulgarisch (1937), Ukrainisch (1938) und Armenisch (1941). Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges soll "Die Prüfung" eine Auflage von einer Million erreicht haben. Nach dem Zweiten Weltkrieg erschienen Ausgaben in Tschechisch (1951), Slowakisch (1951), Ungarisch (1952), Polnisch (1954), Schwedisch (1963), Vietnamesisch (1963) und zuletzt 1989 eine Ausgabe in Spanisch in Havanna.[ 15 ]

Belegt sind somit sechzehn fremdsprachige Ausgaben. Die erste Ausgabe in der Bundesrepublik ließ lange auf sich warten und erschien erst 1981 im kleinen, linken Weltkreis-Verlag. Die etablierten Verlage trauten sich an dieses "heiße Eisen" nicht heran und beteiligten sich somit willfährig am großen Verdrängungsprozess im Nachkriegsdeutschland. Willi Bredel war es nicht mehr vergönnt, die Wirkungsgeschichte seines Buches zu schreiben, das ihn zu einem bekannten und anerkannten Schriftsteller werden ließ. Einige ernste, seltsame und auch skurrile Episoden aus der Wirkungsgeschichte der "Prüfung" befinden sich im Nachlass Bredels, in der Sekundärliteratur und auch in einigen veröffentlichten Texten Bredels wie z.B. in einer 1960 verfassten Schlussbemerkung zur "Prüfung", in der er ausführlich auf den Prozess gegen den ehemaligen Kommandanten des KZ Fuhlsbüttel, Paul Ellerhusen, eingeht. Die Rolle der "Prüfung" als Beweismaterial in den Prozessen gegen die KZ-Kommandanten und ihre Helfer sollte in der von Bredel geplanten "Chronik eines Romans" drei von fünfzehn Kapiteln umfassen.[ 16 ] Leider verhinderte sein früher Tod die Realisierung dieses Vorhabens.

Aus Zeitgründen kann ich hier auf die Wirkungsgeschichte des Buches nicht näher eingehen. Das wäre ein neues, abendfüllendes Thema. Abschließen möchte ich mit einem Zitat von Heinz Willmann, einem Redakteur der Arbeiter-Illustrierte-Zeitung (AIZ), der mit Bredel zur selben Zeit im KZ Fuhlsbüttel inhaftiert war und ebenfalls nach Prag fliehen konnte: "Mich hat in jenen Jahren kein Buch so erregt und bewegt wie dieses. Nicht nur, weil ich vieles dort Geschilderte selbst erlebt hatte, sondern vor allem auch deshalb, weil es Bredel gelungen war, die KZ-Barbarei literarisch zu gestalten. Er blieb nicht wie andere bei der Schilderung von Grausamkeiten stehen, verstand es vielmehr zu differenzieren und auch Gegner so zu zeichnen, dass sie nicht zu Karikaturen werden; er machte deutlich, weshalb sie wurden, wie sie waren. In überzeugenden Szenen gibt Willi Bredel wieder, wie der Kampfgeist sich im Kollektiv bewährte, wie dicke Wände und feste Türen nicht verhindern konnten, dass sich Gemeinschaft hinter Zuchthausmauern formierte &".[ 17 ]

Hans-Kai Möller

[ 1 ] Gerhard Has, Der junge Bredel (1901-1934), Eine große Monographie, Wissenschaftliche Hausarbeit zur Erlangung des akademischen Grades Magister Artium der Universität Hamburg, Hamburg 1992, S. 140.
[ 2 ] Stanislaw Roshnowski, Zum letztenmal in Moskau, in: Sinn und Form, Sonderheft Willi Bredel 1965, Berlin 1965, S. 251/252.
[ 3 ] Wege der Prüfung, in: Willi-Bredel-Archiv im Archiv der Akademie der Künste, Berlin, Signatur 183/184.
[ 4 ] Max Zimmering, [Erinnerungen], in: Sinn und Form, Sonderheft Willi Bredel 1965, Berlin 1965, S. 311.
[ 5 ] Wie ich arbeite, in: Willi Bredel, Publizistik, Zur Literatur und Geschichte, Berlin und Weimar 1976, (Gesammelte Werke in Einzelausgaben, Band XIV, hg. v. Klaus Kändler), S. 20.
[ 6 ] Wie ich Schriftsteller wurde, in: Willi Bredel, Publizistik, S. 31.
[ 7 ] Vgl.: Heinz Willmann, Steine klopft man mit dem Kopf, Berlin 2. Auflage 1980. S. 155 und Willi Bredel, Die Prüfung, Roman, mit einem Nachwort von Dr. Manfred Hahn, Dortmund, S. 268/269.]
[ 8 ] René Senenko, Ein unbekanntes Kapitel, Willi Bredels Exil in Prag 1934, hg. von der Willi-Bredel-Gesellschaft, Hamburg 2001, S. 7-10.]
[ 9 ] Willi-Bredel am 7. 9. 1936 während einer geschlossenen Parteiversammlung der deutschen Kommission des Sowjet-Schriftstellerverbandes, in: Reinhard Müller (Hg.), Georg Lukács/Johannes R. Becher/Friedrich Wolf u.a., Die Säuberung, Moskau 1936: Stenogramm einer geschlossenen Parteiversammlung, Reinbek b. Hamburg 1991, S. 347.
[ 10 ] Wege der Prüfung, Signatur 183, Blatt 2 und 3.
[ 11 ] Willi Bredel am 7. 9. 1936, in: Die Säuberung, S. 347.
[ 12 ] Has, S. 154.
[ 13 ] Senenko, S. 33.
[ 14 ] Has, S. 157/158.
[ 15 ] Vgl.: Brigitte Nestler, Bibliographie Willi Bredel, S. 336-379, S. 605, und Wege der Prüfung, Signatur 183, Blatt 2.
[ 16 ] Wege der Prüfung, Signatur 183, Blatt 2.
[ 17 ] Willmann, S. 157.

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Zur "Würdigung" des Kola-Fu-Häftlings Willi Bredel: So nicht!

In der neuen, von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme erstellten Wanderausstellung "Kola-Fu - Ein Ort der Willkür und Gewalt", die vom 24. 1. bis 14. 2. 2003 im Hamburger Rathaus gezeigt wurde, stößt der interessierte Betrachter schnell auf acht prominente Häftlinge. Einer von ihnen ist Willi Bredel. Direkt vor der Ausstellungstafel befindet sich ein Lesebuch mit Auszügen aus Bredels Kola-Fu-Roman "Die Prüfung". Eine gelungene Ergänzung der Tafel!

Liest man sich den Text der Ausstellungstafel genauer durch, wird der erste positive Eindruck allerdings getrübt: Dort erfahren wir nämlich, dass Senator Schönfelder, der Bredel nach Aufforderung des Reichsinnenministers Hermann Göring (NSDAP) verhaften ließ, bald selbst "verhaftet und misshandelt" wurde. über die monatelangen Misshandlungen Bredels - Dunkelhaft, Einzelhaft und Auspeitschungen - erfahren wir dagegen im Ausstellungstext kein Wort! Auch die unmittelbar nach dem Erscheinen der "Prüfung" einsetzende Wirkung des Romans, der das erste veröffentlichte literarische Dokument aus einem deutschen KZ war, wird nur ansatzweise, und dann - wenig sinnvoll - mit dem Datum 1945 verknüpft, dargestellt. Bredels Widerstand gegen den Faschismus nach der KZ-Haft, im Spanischen Bürgerkrieg und im Nationalkomitee "Freies Deutschland" wird mit keiner Silbe erwähnt. Die Ausstellungsmacher wären gut beraten, diese Tafel für die neue Ausstellung in der KZ-Gedenkstätte Fuhlsbüttel noch einmal gründlich zu bearbeiten und sich dabei des Sachverstandes der Bredel-Gesellschaft zu bedienen.

Hans-Kai Möller

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Bredel und Borowski

Magisterarbeit einer polnischen Germanistikstudentin

Im vergangenen Jahr bat uns Joanna Piasecka, Germanistikstudentin an der Nikolaus-Kopernikus-Universität in Torun, um Sekundärliteratur über Bredel, insbesondere um Zeitschriftenartikel und Beiträge, die in Polen nur schwer zu beschaffen sind. Sie benötige das Material für ihre Magisterarbeit. Diese habe die Darstellung der Konzentrationslager in den literarischen Werken "Die Prüfung" von Willi Bredel und "Bei uns in Auschwitz" von Tadeusz Borwoski zum Thema.

Inzwischen liegt die in Deutsch verfasste Studie vor. Es geht der angehenden Germanistin in dieser Arbeit keineswegs um einen Vergleich der ersten KZ in Deutschland mit der späteren Massenvernichtungsstätte von Auschwitz, sondern um die Gegenüberstellung von zwei in Deutschland bzw. in Polen sehr bekannt gewordenen Werken, in denen die beiden Verfasser das selbst durchlittene KZ-Trauma literarisch verarbeitet haben. Dabei entschied sich die 24jährige für zwei Autoren, die nicht nur im eigenen Land einen literarischen Ruf genossen, sondern auch im Nachbarland bekannt und verlegt worden sind. Bredels "Prüfung" erschien in Polnisch erstmals 1954, Borowskis Erzählband "Bei uns in Auschwitz" 1963 in München in einer Übersetzung von Vera Cerny.

Während Bredels Bericht 1934 als schonungslose Anklage gegen die unmenschlichen Haftbedingungen im Kola-Fu bekannt geworden ist, haben die Erzählungen Borowskis, als sie 1946 und 1947 erschienen, wegen ihrer beklemmend nüchternen Sprache heftige Debatten ausgelöst. Gerade seine emotionslose, von vielen Lesern als zynisch empfundene Erzählweise war es, mit der er die unfassbare Welt von Auschwitz in Worte zu fassen suchte. Wie drückte es ein Leser im Internet aus, den die Lektüre des nun bei Piper neu verlegten Buches sehr mitgenommen hat: "& mir fehlen einfach die Worte. Man kann ein solches Buch nicht einfach rezensieren, man muss vielmehr die Sprachlosigkeit übermitteln, die man beim Lesen empfindet. Ich habe das Buch auch nicht in eins lesen können."

René Senenko

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Mendelson-Israel-Stift

Das "Judenhaus" in Fuhlsbüttel

Am 27. Januar 2002, dem 57. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch die Rote Armee, wurde der Gemeinde der St.Lukas-Kirche im Rahmen eines Gottesdienstes die "Gedenkwand für die zivilen Opfer des Nationalsozialismus in Fuhlsbüttel" übergeben. Während der vorangegangenen Forschungsarbeit und der Suche nach den Opfern ergab sich damit auch die Frage: Wie war es für die Menschen jüdischer Herkunft hier in Fuhlsbüttel? Es stellte sich heraus, dass besonders hierüber vieles unbekannt, verdrängt oder verschlossen war. Die Suche nach Spuren begann im Staatsarchiv, Straße für Straße durch Fuhlsbüttel, und führte auch zum Kurzen Kamp 6.

Im Kurzen Kamp 6, wo die Vaterstädtische Stiftung das neue John-R.- Warburg-Stift erbauen ließ, stand bis zum Jahr 1996 das Mendelson-Israel-Stift, das nach den Testamenten von Theodor Mendelson und den Eheleuten Dr. Phillipp und Henriette Israel gegründet worden war. Nach der erst 1849 erfolgten Gleichstellung der Juden in Hamburg kam es häufiger vor, dass jüdische Kaufleute als Dank an die Stadt ein Stift gründeten. Durch die willkürliche Zusammenführung der zwei Testamente wurde 1931 das paritätische Mendelson-Israel-Stift mit 25 kleinen Einzelwohnungen für ältere Frauen, gleich welcher Konfession gegründet. Bis 1934 entstand ein zweites Gebäude auf dem Kurzen Kamp 6.

Die Gleichstellung und das Miteinander der Juden und Christen dauerte nicht lange. Im Mai 1936 wurden nach dem Erlaß des Reichsministeriums Juden aus den Stiftungen ausgeschlossen. Nach dem Senatsbeschluß vom 11. September 1936 wurde die Verfassung des Mendelson-Israel-Stifts dahingehend geändert, dass es nicht mehr notwendig war, dass ein Vorstandsmitglied der jüdischen Gemeinde angehören musste und dass der Vorstand nur noch aus 2 Mitgliedern bestehen sollte, die auch allein die Stiftung rechtlich vertreten konnten. Das eröffnete dem nationalsozialistischen Staat jede Handlungsmöglichkeit. Mit dem Runderlass des preußischen Ministers der Finanzen und des Reichsministers der Justiz vom 11.6.1937 hatten die jüdischen Stiftungen ihre Bevorzugung hinsichtlich der Gebührenfreiheit verloren. Sie und auch die paritätischen Stiftungen gerieten in existenzielle Nöte. Die Folge war im Oktober 1938 der Austritt der 4 jüdischen Vorstandsmitglieder, Dr. Richard Robinow, Dr. Paul Wohlwill, Carl Solmitz und Frau Dora Magnus aus der Vaterstädtischen Stiftung.

In Hamburg wurden 80 sogenannte "Judenhäuser" geschaffen, in die Hamburger Juden ziehen mussten, nachdem ihr Besitz und Vermögen vom Staat vereinnahmt worden war. In den bisher paritätischen Stiftungen durften nun keine Menschen jüdischer Herkunft mehr wohnen. Dr. Paul Wohlwill erwirkte, dass nicht nur das Martin Brunner Stift in der Frickestraße, sondern auch noch das John-R.-Warburg-Stift in der Bundestrasse und das Mendelson-Israel-Stift für Menschen jüdischer Herkunft bestimmt wurden. Durch seine Ehe mit einer nichtjüdischen Frau war er vor härterer Verfolgung geschützt und verhandelte mit der Gestapo und dem jüdischen Religionsverband. Die staatlichen Anordnungen, alle Juden in die für sie vorgesehenen Wohnräume einzuweisen, musste der jüdische Religionsverband selbst umsetzen. Die drei paritätischen Stifte, darunter das Mendelson-Israel-Stift, wurden in sogenannte "Judenhäuser" umgewandelt, in denen die Menschen in unwürdigen, beengten Verhältnissen zusammen leben mussten. Der Zweck des Zusammentreibens wurde durch die anschließenden Deportationen deutlich.

Das grausame Schicksal, in den Tod geschickt zu werden, mussten auch 34 Bewohner des Mendelson-Israel-Stifts erleiden. Die Deportationen begannen am 8. November 1941 nach Minsk. Ein Ehepaar, 66 und 64 Jahre alt, wurde an diesem Tag in den Tod geschickt. Am 6. Dezember 1941 mussten 4 Frauen im Alter von 53 bis 71 Jahren am Tag ihrer Deportation nach Riga den Tod erleiden. Eine 46-jährige Frau beging unter dem Druck der Verfolgung und Deportationen am folgenden Tag Suizid. Am 15. Juli 1942 wurde ein Ehepaar, 67 und 52 Jahre alt, nach Auschwitz deportiert; sie wurden am gleichen Tag ermordet. Ebenfalls am 15. Juli 1942 wurden drei Frauen im Alter von 70, 71 und 79 Jahren nach Theresienstadt deportiert. Die meisten Bewohner des Stiftes wurden am 19. Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert. Dort überlebten viele dieses Elend nur wenige Monate, andere wurden weiter in die Vernichtungslager Minsk und Auschwitz geschickt, wo sie den Tod erlitten.

Auch aus Privathäusern im Brombeerweg wurden vier Menschen in den Tod geschickt. Am 25. Oktober 1941 kamen Ella und Benno Friedländer mit der ersten Hamburger Deportation nach Lodz. Benno Friedländer war vorher schon seit 1938 im KZ-Fuhlsbüttel inhaftiert gewesen. Paula Marcuse wohnte im gleichen Haus und erlitt am selben Deportationstag den Tod. Der Nachbar Edgar Hirsch musste mit 47 Jahren am 8. November 1941, dem Deportationstag nach Minsk, den Tod erleiden.

Diese Menschen sind verfolgt und ermordet worden, sie haben leiden müssen, weil sie jüdischer Herkunft waren. Sie sollten vergessen werden. Wir möchten sie in der Erinnerung leben lassen. Deshalb sind die Namen dieser ehemaligen Fuhlsbüttler Mitbürgerinnen und Mitbürger in den Ton gebrannt und an der Gedenkwand in der St. Lukas Kirche zu finden.

Die Gründungsgedanken des Theodor Mendelson - die Wohnungen ohne Unterschied von Nationalität oder Religion zu vergeben - haben heute gleichermaßen ihre Bedeutung. Auch in heutiger Zeit erleben Menschen Verfolgung und Ausgrenzung. Wir gedenken auch der Opfer des Nationalsozialismus, indem wir diesen Strömungen entgegentreten.

Margot Löhr

Quellennachweis:

Staatsarchiv Hamburg, Hamburger Adressbücher 1933-1936/1938-43

Gedenkbuch Hamburger jüdische Opfer des Nationalsozialismus von Jürgen Sielemann, unter Mitarbeit von Paul Flamme, Staatsarchiv Hamburg 1995

Theresienstädter Gedenkbuch, Die Opfer der Judentransporte aus Deutschland nach Theresienstadt 1942-1945, Institut Theresienstädter Initiative Academia 2000

Stein, Irmgard, Jüdische Baudenkmäler in Hamburg, Hamburg 1984

Dokumentation: Die Vaterstädtische Stiftung 1849-1999, Archiv Vaterstädtische Stiftung Hamburg

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Der Fuhlsbüttler Widerstandskämpfer Hermann Beckbye

Warum ist so wenig über den Widerstand des Fuhlsbüttler Kohlenhändlers Hermann Beckbye gegen die Nazis bekannt, wo ihn doch in unserem Stadtteil nach dem Krieg fast jeder kannte? Einige Daten habe ich über ihn zusammentragen können, aber sein Andenken ist es wert, dass weiter geforscht wird.

Er wurde am 12. Januar 1899 in Hummelsbüttel geboren, wo seine Eltern im "Kesslerhof" seit 1912 ein Fuhrgewerbe und einen Krämerladen betrieben. Später war dieser Ort dann als Kohlenhof Wernicke bekannt.

Hermann Beckbye wollte eigentlich Pastor werden, wurde zur kaiserlichen Armee einberufen und machte im 1. Weltkrieg die Erfahrung, dass die Geistlichen beider Seiten die Waffen segneten, mit denen die jeweils anderen hingemordet wurden. Das hat ihn gegen die "Pfaffen" eingenommen und ihn antimilitaristisch geprägt. Von 1918 bis 1919 war er Mitglied der SPD. Wann er der 1919 gegründeten KPD beitrat, ist nicht genau bekannt.

Beckbye übernahm 1927 den elterlichen Betrieb, der sich zuerst in Hummelsbüttel und später ab 1934 in Fuhlsbüttel zwischen Trift und Fliederweg nahe dem heutigen Ortsamt befand. Dieses Gelände war seit 1872 eine Brinkstelle, die unter dem Namen "Smeuk- un Heuner-Timm" bekannt geworden ist; vorher soll dort ein Alsterschiffer gewohnt haben.

Seit 1932 hatte er den Transportteil seines Geschäftes von Pferden auf einen Klein-LKW umgestellt. Der Fuhlsbüttler Wolfgang Stark, damals ein Kind, erinnert sich:

"1932 und 1934 sind wir zweimal nach Kiel gefahren. Das waren meine ersten Reisen. Aber nicht dass, sondern wie wir gefahren sind, ist mir in Erinnerung geblieben. Das erste Mal, im Herbst 1932, chauffierte uns meines Vaters Freund, Onkel Hermann, mit seinem Kleinlaster, mit dem er wochentags Kohlen, Briketts und Brennholz auslieferte, in die Stadt an der Ostsee. Paps und ich saßen auf der offenen Pritsche auf einer Holzbank hinter dem Führerhaus. über uns hing am Gestänge für eine Plane ein großer Strauß "Sonnenhüte" aus Opas Schrebergarten. Er schwankte wie ein Glockenschwengel hin und her und spätestens bei Meimersdorf waren die meisten Blütenblätter abgefallen. Beim zweiten Mal, im Sommer 1934, stand uns der LKW nicht mehr zur Verfügung. Onkel Hermann war verhaftet worden. Wir stiegen auf die Deutsche Reichsbahn um."[ 1 ]

Die Zeiten hatten sich geändert, denn zwischen diesen beiden Fahrten lag die Ernennung Adolf Hitlers zum deutschen Reichskanzler.

Als KPD-Mitglied wurde Hermann Beckbye am 5.3.1933 zusammen mit 75 anderen Funktionären der KPD verhaftet. Er kam ins Schutzhaftlager Oranienburg. Wie viele früh Verhaftete kam er nach einer Zeit der "Umerziehung" wieder frei. Um die wirtschaftliche Basis seiner Familie nicht zu gefährden, überschrieb er nach der Entlassung das Geschäft auf seine Ehefrau Else und arbeitete weiter im Widerstand gegen die Nazidiktatur. Sein Geschäft wurde boykottiert, konnte sich aber Dank des Einsatzes seiner Frau halten. Außerdem hatte er das Gelände in Hummelsbüttel während der Nazizeit pro forma an seine Schwester verkauft, damit es von den Nazis nicht enteignet werden konnte. Eine Rückgabe des Grundstücks ist später nie erfolgt und das Verhältnis zwischen ihm und seiner Schwester war daher jahrelang recht unterkühlt.

Seine Widerstandsgruppe hatte die KPD-Ortsgruppe wieder aufgebaut, Flugblätter und das "Braunbuch" verteilt, mit roter Farbe Parolen an die Bahnhofsbrücke in Ohlsdorf und andere Stellen in Hummelsbüttel und Fuhlsbüttel gemalt sowie Gelder für Angehörige politischer Gefangener gesammelt. Am 2.10.1933 wurde die "Widerstandsgruppe Beckbye" von der Gestapo verhaftet.

Helmuth Warnke schreibt dazu:

"Am 3. Oktober holt die Gestapo mich ins Polizeipräsidium, um Mitternacht wird mir Hermann Beckbye gegenübergestellt. Er kann sich kaum aufrecht halten und muß von Mitgefangenen gestützt werden. Sprechen kann er auch nicht. Eine besondere Perversität er Gestapo: durch den schockierenden, desolaten Zustand von Hermann Beckbye soll ich zur Aussage erpresst werden. Monatelang muss Beckbye im Konzentrationslager Fuhlsbüttel in Einzelhaft und Ketten verbringen. Nach anschließender langer Untersuchungshaft im Untersuchungsgefängnis "Am Holstenglacis" verurteilen die Nazirichter ihn zu mehreren Jahren Zuchthaus."[ 2 ]

Als Häftling wurde er 1940 auf dem Ohlsdorfer Friedhof eingesetzt, um die Massengräber für die Bombenopfer mit auszuheben und die Opfer beizusetzen, d.h. eine Schicht Leichen, Kalk und Erde, noch eine Schicht Leichen usw.

Hermann Beckbye wurde 1942 aus der Haft entlassen. Helmuth Warnke spricht von "Zuchthaus", die Tochter Ute Hofmann dagegen von "Neuengamme". Gemäß seiner Tochter verdankte Beckbye seine Entlassung nur dem Einsatz vieler Fürsprecher aus Fuhlsbüttel.

Die Haft hinterließ bei ihm Narben an Leib und Seele: Er, der Liebhaber klassischer Musik, konnte den Radetzkymarsch nicht mehr hören, da er zu dessen Klängen auf der sogenannte "Schaukel" nackt ausgepeitscht worden war. Gemäß seiner Tochter Ute hatte er Narben am Rücken und eine Delle am Hinterkopf von den Folterungen der Gestapo davongetragen. Nach der Befreiung bekam Hermann Beckbye für das in der Haftzeit Erlittene eine Entschädigungssumme von 3.000 DM zugesprochen. Dieses Geld reichte nicht einmal aus, um den Zahnersatz für die im KZ ausgeschlagenen Zähne zu bezahlen.

Eine enge und unzertrennliche Freundschaft verband Beckbye mit seinem Genossen Franz Heitgres und dessen Frau Minka. Heitgres und seine Frau arbeiteten vor 1933 bei der Hamburger Volkszeitung. Franz Heitgres wurde 1943 verhaftet und Hermann Beckbye sorgte für das überleben von Heitgres, Frau während dessen KZ-Haft im Kola-Fu und in Neuengamme. Im selben Jahr lernte Beckbye auch seine zweite Frau Hertha kennen.

In den Jahren nach der Befreiung baute Hermann Beckbye mit einem schrottreifen LKW seinen Betrieb wieder auf, war Mitglied in der VVN, in deren Vorstand sein Freund Heitgres arbeitete. Außerdem war er für die KPD im Ortsausschuss Fuhlsbüttel tätig. Im Laufe der 1950er Jahre entwickelte Beckbye allerdings eine distanzierte Haltung zur KPD. Hauptgrund für diese Entwicklung dürfte das Parteiausschlussverfahren gegen Franz Heitgres gewesen sein, das mit "systematischer Zersetzungsarbeit" und einer "feindseligen Haltung gegen den Parteivorstand" begründet wurde. Er empfand diese Maßnahme gegen den ehemaligen Senator für Wiedergutmachung und Flüchtlingshilfe und persönlichen treuen Freund und mutigen Widerstandskämpfer im Dritten Reich als zutiefst ungerecht.

Beckbyes SPD-Parteibuch nennt den 20.9.1955 als Beitrittsdatum. Seine Tochter erzählte, dass er für die SPD zusammen mit Helmut Schmidt im Ortsausschuss Fuhlsbüttel war. Bald verband diese beiden Männer eine Freundschaft und als Schmidt 1969 als Verteidigungsminister nach Bonn ging, fuhr seine Staatskarosse auf dem Fuhlsbüttler Kohlenhof vor, damit er sich von Beckbye verabschieden konnte.

Ute Hofmann beschreibt ihren Vater so:

"Bezeichnend für (ihn) war tatsächlich eine nahezu unerschütterliche Treue zu seinen Freunden und Weggefährten. Er besaß einen liebenswerten Humor, eine unglaubliche Gutmütigkeit, ausgesprochene Kinderliebe, Gerechtigkeitssinn und Hilfsbereitschaft. Er liebte Geselligkeit und Familienleben. & (Er war) jedem behilflich &, wenn es ging, sei es, dass er Fahrzeuge auslieh, oder Werkzeuge, Kohlen auch mal bei offenen Rechnungen auslieferte, vereinzelt Briefe für etwas hilflosere Zeitgenossen schrieb usw. Es hieß immer: ,Hermann, kannst Du mal &' Hermann konnte irgendwie immer. Er kaufte auch den Zeugen Jehovas ihre Zeitschriften (ab), nicht etwa, weil er sich dazugehörig fühlte, sondern weil auch sie unter der NS-Herrschaft gelitten hatten. Leider ist auch festzustellen, dass seine Gutmütigkeit von dem einen oder anderen & schamlos ausgenutzt wurde. Aber Hermann Beckbye war eben so."[ 3 ]

Er war er ein liebender Vater von 6 Kindern, 4 eigenen und 2 angenommenen. Diese tiefe Humanität machte ihn zum Kommunisten und Widerstandskämpfer gegen die Nazibarbarei; aber auch nach dem Krieg war er nicht Willens, Ungerechtigkeiten in der eigenen Partei hinzunehmen und zog die Konsequenz. Erst noch politisch in der SPD tätig, konnte er auch hier seine Ideale nicht verwirklicht sehen. Ihm war machtpolitisches Streben immer fremd und Karrierismus ein Gräuel. Dennoch stand er zuletzt der Sozialdemokratie politisch am nächsten.

Für das ehemalige Beckbye-Gelände (Hummelsbüttler Landstrasse 62) hatte die Stadt Hamburg ein Vorkaufsrecht für eine mögliche Erweiterung des Ortsamtes Fuhlsbüttel. Daher musste die Kohlenhoffläche 1973 geräumt und eine Ersatzfläche am Oehleckerring 12 in Langenhorn in Betrieb genommen werden. Das Wohnhaus hingegen wurde ihm auf Lebenszeit überlassen. An diesem Ort versuchte er seine Vorstellungen von Mitmenschlichkeit und sozialem Engagement außerhalb von Parteien bis zu seinem Tod am 3. Juli 1978 zu verwirklichen.

Holger Tilicki

[ 1 ] Wolfgang Stark, unveröffentlichtes Manuskript, Hamburg 2002
[ 2 ] Helmuth Warnke, Sonntags gönn, ich mir die Alster, Hamburg 1994
[ 3 ] Brief von Ute Hofmann an den Autor vom 2. September 2002

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Statt abreißen und vergessen - erforschen und mitgestalten

Seit April 2002 trifft sich regelmäßig jeden zweiten Dienstag im Monat die Fuhlsbüttel-Gruppe in den Räumen der WBG und diskutiert Fragen des Denkmalschutzes, beobachtet Abrissvorhaben und radelt auch schon mal auf der Suche nach schützenswerten Straßenzügen durch unseren Stadtteil. Ziel ist es, nicht wieder von der Abrissbirne überrascht zu werden. Wir sind immer zwischen 6 und 8 Teilnehmer, teils Mitglieder der WBG, teils interessierte Stadtteilbewohner. Einige Aspekte unserer Arbeit möchten wir hier im Detail darstellen.

Dörte Möller hat sich für die Restaurierung und Ausstellung des Balkens vom alten Kutscherkrug, Fuhlsbüttels ältestem Haus, engagiert und berichtet darüber.

Nachfolgend beschreibt Britta Rudolph die Geschichte des unter dem Namen "Wacholderpark" bekannten kleinen Parks, der zwischen Bergkoppelweg und Wacholderweg gelegen ist, vom Gartenarchitekten Leberecht Migge geplant wurde und ihre Aktivitäten für die Neu-/Rück-Gestaltung.

Michael Schöpzinsky fand die Geschichte der heimlichen Entmietung eines Hauses mitten an Fuhlsbüttels Haupteinkaufsstrasse Erdkampsweg spannend genug darüber etwas zu schreiben.

Außerdem stellt Holger Tilicki unseren Antrag auf Denkmalschutz für das historische Eingangsgebäude des Sommerbades Ohlsdorf sowie von Gebäuden am Justus-Strandes-Weg, Am Hasenberge und der Straßenzüge Doverkamp und Fehrsweg vor. Weiterhin unterzieht er die Namensgebung "Woermannsweg" einer kritischen Betrachtung.

Assoziiert zur Fuhlsbüttelgruppe agieren Frank Lünzmann und René Senenko, um den Abriss des Bärenhofes in Langenhorn zu verhindern.

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Der stumme Zeitzeuge

Bald wird die Baulücke, die das im Jahr 2001 abgerissene Haus Alsterkrugchaussee 459 hinterlassen hat, vollständig geschlossen sein. Nichts wird an dieser Stelle mehr daran erinnern, dass auf dem Grundstück 234 Jahre lang ein eindrucksvolles, geschichtsträchtiges Fachwerkhaus gestanden hat.

Das Gebäude, ein Fuhlsbüttler Brinksitz, wurde 1767 von Hans Daniel Behn als Kutscherkrug errichtet und später von August Stoltenberg übernommen, der aus dem dörflichen "Gasthof Alsterberg" 1911 das "Restaurant - Cafe zum Flugplatz" machte, ein beliebtes Ausflugsziel für Besucher des Flugplatzes und der Borsteler Rennbahn.

Als der Restaurantbetrieb sich nicht mehr lohnte, nutzte ein jüdischer Getränkehändler das Haus als Lager. Er wurde Ende der dreißiger Jahre enteignet und die Rüstungsfirma Pump zog ein. Sie produzierte hier bis in die 1990er Jahre flugtechnische Präzisionsmechanik.

Im Lauf seiner wechselvollen Geschichte baute man das Haus den jeweiligen Erfordernissen entsprechend um: 1878 z.B. wurde der südliche Teil in voller Breite und 9 Meter Länge abgerissen und neu aufgebaut, 1913 entstanden ein Aussichtpavillon und eine Kegelbahn und 1919 eine Veranda mit darüber liegender Sommerterrasse.[ 1 ] Unter der Regie der Firma Pump bekam die nördliche Giebelwand ein neues Aussehen. Die Grootdör verschwand, in das Fachwerk wurden größere Fenster integriert und das Reetdach musste einem Ziegeldach weichen. 1964 urteilte der renommierte Heimatforscher Armin Clasen: "Das Gebäude ist so feinsinnig umgebaut worden, dass es die Würde bäuerlicher Baukunst mit den Erfordernissen modernen Fabrikbaus auf das Schönste vereint."[ 2 ]

Das inzwischen leider letzte Zeugnis dörflicher Bebauung des Fuhlsbüttler Umlands hätte unserer Meinung nach unbedingt erhalten, d.h. unter Denkmalschutz gestellt werden müssen. Bereits 1998 hatte die Bauprüfabteilung eine Abbruchgenehmigung erteilt, gegen die das Denkmalschutzamt offensichtlich keine Einwände hatte - ganz im Gegenteil. Im Dezember 2002 behauptete es erneut:

"& Bauakte und Anschauung lassen es sicher erscheinen, dass das Gebäude um 1900 entstanden ist. Der Balken mit der Inschrift (übrigens nicht 1767, sondern 1762) ist unserer Erkenntnis nach als Spolie in das Gebäude gelangt. Wegen der seitherigen zahlreichen Veränderungen konnte sich das Denkmalschutzamt seinerzeit nicht entschließen, dem Gebäude den Wert eines Baudenkmals zuzuerkennen."[ 3 ]

Aus keiner der uns vorliegenden Bauakten, die von 1878 bis in das Jahr 1970 reichen, gehen ein Abriss des alten Hauses und ein Neubau um 1900 hervor. Es liegt der Verdacht nahe, dass das Denkmalschutzamt sich mit dieser Behauptung reinen Kapitalinteressen untergeordnet hat, denn der Baugrund sollte künftig weitaus profitabler als bisher genutzt werden. Es ist nämlich das Airport Business Center mit ca. 12.500 qm Nutzfläche im Entstehen, das Anfang 2004 bezogen werden soll. Laut Hamburger Abendblatt vom 11./12. 1. 2003 ist der Vermieter dieses Objekts, die Baubetreuungsgesellschaft P.R. Peter Riggers, von dem Erfolg des Standortes so überzeugt, dass ohne die übliche Vorvermietung mit dem Bau begonnen werden soll. Wir werden sehen, wie groß dieser Erfolg wird, da es in Hamburg an unvermieteten Büroflächen bekanntlich keinen Mangel gibt. Ein weiterer Beweis dafür, wie wenig Interesse das Denkmalschutzamt an dem abgebrochenen Fachwerkhaus hatte, ist die Behauptung, der Balken hätte in seiner Inschrift das Jahr 1762 und 1767 genannt. Es handelt sich dabei um den Sturzbalken der Grootdör, der trotz aller Umbauten des Gebäudes erhalten und von den jeweiligen Besitzern gepflegt wurde.

Etwas mehr Sorgfalt dürfen wir Fuhlsbüttler doch wohl von "unserem" Denkmal"schutz"amt erwarten, zumal dieser Balken noch vor gut einem Jahr vor Ort zu besehen war und darüber hinaus in unterschiedlichen Publikationen, die sich mit der Geschichte Fuhlsbüttels befassen, erwähnt wird. So z.B. in dem Buch "Fuhlsbüttel 1948-1977"! Hier heißt es dazu: "& Haben Inschrift und Marienmonogramm in dem Sturzbalken der ehemaligen, längst durch einen Fenstereinbau ersetzten Grootdör das Haus nun schon 210 Jahre erhalten? Sollte es einmal abgerissen werden, was im Zuge des Ausbaues der Osttangente wahrscheinlich ist, dann möge die ,Hohe Obrigkeit' dem Sturzbalken mit Inschrift und Marienmonogramm als letzten Zeugen dörflicher Vergangenheit einen würdigen Platz in unserem Ortsamt gewähren, damit Spruch und Heilszeichen weiter wirken können."[ 4 ]

Nach dem Abriss des Hauses sicherte der Bezirksamtsleiter Frommann der WBG zu, sich bei dem damaligen Investor, Herrn Eschbach, für eine Überlassung des Balkens einzusetzen. Leider landete das inzwischen in zwei Teile zerbrochene, stark verschmutzte Objekt in Trittau auf dem Privatgrundstück Eschbachs. Es bedurfte vieler Bemühungen des damaligen Vorsitzenden der WBG, den Balken endlich wieder nach Fuhlsbüttel zurückzuholen und in der ehemaligen Zwangsarbeiterbaracke am Wilhelm-Raabe-Weg sicher und trocken unterzubringen. Es stellte sich nun die Frage nach dem besten, der Öffentlichkeit Fuhlsbüttels zugänglichen Ausstellungsort für unseren stummen Zeitzeugen. In Gesprächen mit dem Ortsamtsleiter, Herrn Schwarz, signalisierte dieser, dass er nicht abgeneigt sei, unseren Vorschlag gemäß, den Balken im Eingangsbereich des Ortsamtes zu präsentieren, nachdem er ihn erst einmal in Augenschein genommen habe. Unser Ausstellungsobjekt befand sich allerdings nach der unnötigen Odyssee in einem derart bemitleidenswerten Zustand, dass er Herrn Schwarz eher erschüttert als zu einer Ausstellung motiviert hätte. Wir beschlossen daher, unseren Schützling einer groben Restaurierung unterziehen zu lassen. Das Denkmalschutzamt war uns in diesem Fall mit einem überaus guten Rat behilflich. Es nannte uns die Restauratorin Frau Brigitte Uhrlau. Diese machte sich mit viel Engagement an die Arbeit. Sie erstellte einen Befund, reinigte die Bauteile, verleimte den Scherbruch, festigte abplatzende Farbschichtschollen, machte Präsentationsempfehlungen und Vorschläge für spätere intensivere Restaurierungsmaßnahmen. Außerdem fotografierte und untersuchte sie die im Laufe der Jahrhunderte aufgetragenen Farbschichten. Dabei stellte sich heraus, dass die Buchstaben der Inschrift 30 Farbanstriche bekommen haben. Ein Zeugnis dafür, wie wichtig den jeweiligen Hausbesitzern ihr Kleinod war.

Die Untersuchungs- und Konservierungsarbeiten hat die WBG aus eigenen Mitteln finanziert und wir meinen, dass diese 713 EURO sinnvoll angelegt sind. Vor allem dann, wenn das Ortsamt tatsächlich grünes Licht für eine Präsentation geben sollte.

Der Balken könnte allerdings noch weit eindrucksvoller restauriert werden. Ein Vorschlag von Frau Uhrlau wäre z. B. die Farbschichten abzunehmen, eine Rekonstruktion des ältesten Überzugs anzustreben und in einem kleinen Teilbereich durch Freilegung der einzelnen Farbschichten in chronologischer Abfolge die späteren Anstriche zu dokumentieren. Ein reizvoller Vorschlag, aber auch einer, der mit neuen Kosten verbunden wäre. Wir meinen, die Bezirksversammlung Hamburg-Nord und das Bezirksamt wären nach der Fehlentscheidung von 1998 und den peinlichen Einschätzungen des Denkmalschutzamtes gut beraten, diese Maßnahmen über bezirkliche Sondermittel zu finanzieren.

Die neuste Nachricht zu diesem Thema: Die Leitung des Ortsamtes Fuhlsbüttel hat uns zugesagt, den Balken an einem der Öffentlichkeit zugänglichen Ort innerhalb des Ortsamtes zu präsentieren. Wir freuen uns über diesen Erfolg und hoffen auf gute Zusammenarbeit.

Dörte Möller

[ 1 ] Vgl. Akte 31426/13 (Bezirksamt Hamburg-Nord, Bauprüfabteilung) Parzelle Nr. 254, Alsterkrugchaussee 459
[ 2 ] Armin Clasen, Fuhlsbüttel und Ohlsdorf, Aus der Geschichte zweier Hamburger Dörfer und Gemeinden, Hamburg 1963, S. 48-50
[ 3 ] Antwortschreiben des Denkmalschutzamtes an die WBG. Az.: K432 vom 6.12.2002, Andreas von Rauch
[ 4 ] Bürgerverein Fuhlsbüttel, Hummelsbüttel, Klein Borstel, Ohlsdorf von 1897 e.V., Fuhlsbüttel 1948-1977, Hamburg 1977, S.3

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Öffentlicher Garten Hamburg-Fuhlsbüttel

"Alte" Fuhlsbütteler kennen ihn gut, ihren sogenannten Wacholderpark. Den U-Bahnhof Fuhlsbüttel verlassend und Richtung Park blickend, wissen sie, dass sich hinter der Baumabpflanzung mit Sträuchern und vorgelagertem Autoparkplatz eine bemerkenswerte Anlage des Gartenarchitekten Leberecht Migge verbirgt. Der Ortsunkundige wird solches hinter dem Abstandsgrün wohl kaum vermuten.

Der Ausgangspunkt meiner Betrachtungen sind subjektive Empfindungen beim Betreten und Nutzen der Anlage. Ein diagonaler Weg über die Parkwiese, wahrscheinlich ehemaliger Trampelpfad, jetzt etwa zwei Meter breit ausgebaut, verbindet den Bergkoppelweg mit dem Wacholderweg. Zu dieser viel genutzten Abkürzung vom Bahnhof in Richtung Erdkampsweg, fehlt ein direkter Zugang. Der vorhandene Eingang führt nicht in die gewünschte Richtung ­ die kleine Treppenanlage öffnet den Park entlang des Bergkoppelwegs zum Spielplatz, daneben hat sich ein ausgetretener Durchgang durch die Abpflanzung entwickelt. Die Klinkermauer, die den Abschluss zum Gehweg bildet, scheint nachträglich aufgebrochen, ein offensichtliches Indiz, daß hier nicht mit der starken Durchwegung gerechnet wurde. Dieser Eingangsbereich sollte jetzt eine andere Ausrichtung und gestalterische Aufwertung erfahren.

Der Ausgang zum Wacholderweg ist nicht attraktiver, obwohl hier ein Zugang mit Treppe schon immer vorhanden war. Eine steile Rampe als Schiebehilfe und ein äußerst schmuckloses Geländer gestalten diesen Bereich wenig einladend. Auch hier kann eine durchdachte Gestaltung die Eingangssituation aufwerten.

Der Park ist zweiseitig eingerahmt mit Lindenlaubengängen, die ein wesentliches gestalterisches Element des Parks darstellen. In westlicher Richtung endet der Laubengang unter einem großen Ahornhain; in östlicher Richtung an einer Bank vor dem oben erwähnten Abstandsgrün zum Parkplatz. Das Lustwandeln unter den Lindenlaubengängen, lichtdurchflutet, mit Blick über den Park, hat an dieser Stelle ein unmotiviertes Ende. Besucher des Parks konnten bis vor rund vierzig Jahren noch einige Meter länger wandeln, ehe sie dann dem damaligen Haupteingang zustrebten. In Migges Zeichnungen sind dort sogar Pavillions mit berankten Pergolen dargestellt, die aber nicht ausgeführt wurden ­ zumindest finden sich hierfür keine Fotos oder sonstige Hinweise. Die Bredel-Gesellschaft hatte hierzu schon im örtlichen Wochenblatt zur Hilfe bei der Suche nach Fotos und Dokumenten aufgerufen.

Für die seit den 1960er Jahren dort befindliche Parkplatzanlage mit etwa 35 Stellplätzen wurde der Hauptzugang sowie eine ungefähr 800 Quadratmeter große Parkfläche geopfert. Als Verlegenheitspflanzung wurde ein Grünstreifen gesetzt, der in seiner tristen Anmutung nichts mit den klaren und formgebenden Rändern der erhalten gebliebenen Anlage zu tun hat. Er funktioniert weder als Sichtschutz, noch ist er ein unüberwindbarer Knick, noch eine Hecke, die Blickbeziehungen aus dem Park leiten kann. Hier wie an den beschriebenen Zugängen besteht Handlungsbedarf, da der Gesamteindruck des Parks dadurch leidet.

Gartenanlagen wie diese sind als Wohnwertverbesserung für den Stadtteil zu betrachten und bieten einen öffentlichen Raum für Bewegung und Spiel außerhalb der privaten Gärten. Die Anlage entstand zu einer Zeit des gartenarchitektonischen Umbruchs. Der vormals gepriesene Landschaftsgarten wurde abgelöst durch den architektonischen Garten. Migge war Vertreter der zweckmäßigen Gestaltung von Grünanlagen, in der Bereiche verschiedener Funktionen - Wiese zum Spielen, Spielplatz, Wege zum Lustwandeln etc. - als Räume verstanden, in eine schlichte Form gebracht, ein räumliches architektonisches Ganzes bilden. Entsprechend war die ursprüngliche Bezeichnung des Parks auch "öffentlicher Garten Hamburg-Fuhlsbüttel". Migge selbst äußert sich in seiner 1913 erschienen Schrift "Die Gartenkultur des 20. Jahrhunderts" folgendermaßen: "Ich fand eine im allgemeinen ebene ungefähr 1 ha (10.000 qm) große Wiese etwa 1 m höher als die umgebenden Straßen gelegen und auf einer Seite von einem hohen Weißdornknick begleitet. Alles blieb erhalten und wurde praktisch benutzt. Die sonnige Wiese wurde als Kern und wesentlichstes der ganzen Anlage behandelt. Auf ihrem von Löwenzahn, Glockenblumen, Klee und bunten Gräsern durchwirkten Plan sollen die Alten lagern, die Jungen Sport, Spiel und herzlichen Unfug treiben dürfen, Fußpfade durchziehen sie, im Vordergrunde lastet der tiefe Schatten einer Kastanie über der einladenden Rundbank. Diese Wiese wird auf zwei Seiten von einem Lindenlaubengang begrenzt, dessen dichtes Laubdach kühlen Schatten spendet, während seine arkadenartig geöffneten Seiten den freien Ausblick erlauben (übrigens eine Form, die dem typischen Wachstum der Linde sehr verwandt ist). Er soll zum lustwandeln einladen." Die Erhöhung des Geländes und damit die Abgrenzung zur Straße, wurde durch die Pflanzung der Laubengänge und die vorgelagerte präzise geschnittene Hecke verstärkt. Dieser Kunstgriff schützt die Wiese als Mittelpunkt der Anlage nachdrücklich. Weshalb Migge jedoch den Haupteingang an die Ecke Wacholderweg/Bergkoppelweg legte, wo doch die U-Bahn ebenfalls in jener Zeit gebaut wurde, bleibt unklar.

Abgesehen von der gartengeschichtlichen Bedeutung dieser Anlage als erster Spielpark Hamburgs, ist es für den Stadtteil erstrebenswert, den Erhalt und eine sensible Weiterentwicklung des Parks zu erreichen. Viele gestalterische Elemente sind noch vorhanden oder wurden in den letzten Jahren durch das Gartenbauamt wieder hergestellt, so beispielsweise Heckenpflanzungen am Spielplatz, Neuanpflanzung des Birkenhains, Ergänzung der Lindenlaubengänge. Doch diese Maßnahmen betreffen überwiegend die pflanzliche Grobstruktur - ohne Frage ganz wesentlich - aber der Park lebt von den kleinen Details und dazu gehören entscheidend auch die Eingänge.

Im Rahmen meiner Arbeit in der Stiftung "das Leben fördern", die sich u.a. für den Erhalt von Denkmalen einsetzt, ist die Idee entstanden, Konzepte zu dem Migge,schen Park zu entwickeln und Maßnahmen für seine Aufwertung zu unterstützen. Es wurde das Büro Neugebauer+Haberland mit der Planung der Maßnahmen beauftragt und Kontakt mit den zuständigen Behörden aufgenommen. Gemeinsam mit der Bredel-Gesellschaft möchten wir uns für die Zurückgewinnung der Parkplatzfläche einsetzen. Hierzu gehört zunächst, den erlittenen Verlust bewusst zu machen, beispielsweise durch die Nachzeichnung des ehemaligen Parkumrisses und/oder die Aufstellung von Infotafeln.

Da dies insgesamt sicherlich ein langer Weg sein wird, möchten wir zuvor schon kleine Maßnahmen initiieren, welche die jetzigen, anfangs beschriebenen Defizite des Parks beheben sollen. Das Gartenbauamt und die Gartendenkmalpflege der Umweltbehörde unterstützen diese Initiative.

Mit diesen Maßnahmen hoffen wir, das Interesse vieler Bürger zu wecken, ohne die die Rückumwandlung der Stellplatzfläche in eine für alle erlebbare Gartenfläche nicht möglich ist.

Britta Rudolph

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Erdkampsweg 49

Vom Abriss bedroht

Was ist los am Erdkampsweg 49? Das Gebäude steht zwischen Budni und Blumen-Allmann und fällt durch den ungepflegten Zustand und als Hindernis beim Einkaufen auf. Der Vorgarten unterbricht hier den breiten Bürgersteig und lässt ihn auf Handtuchbreite schrumpfen. Bei näherem Hinsehen fällt auf, dass das Haus nahe zu leer steht. Die mit Gardinen dekorierten Fenster, das Licht dahinter, die Blumen auf den Fensterbänken sind nur eine Täuschung. Jemand will den Eindruck erwecken, das Haus sei normal bewohnt. Das alles lässt nur den Schluss zu, es steht auf der Abrissliste und es ist zu befürchten, dass hier mehr als nur ein Gebäude auf dem Spiel steht. Die Grundstücke hinter den Häusern, sind an dieser Stelle sehr lang und sehr schmal. Eine Erschließung der Grundstücke kann eigentlich nur sinnvoll sein, wenn mehrere Grundstücke zusammengefasst werden. Also ist die Furcht nicht unbegründet, dass die ganze Zeile bis zur Ecke Etzestraße abgerissen wird.

Damit ginge wieder ein Stück altes Fuhlsbüttel verloren. Das sollte wohlüberlegt sein. Die Erfahrung lehrt, dass das Neue selten die Qualität des Alten erreicht. Auf die Einsicht des Investors zu hoffen, ist wohl müßig. Bleibt der Appell an die Verwaltung mit Mitteln des Milieu- und Denkmalschutzes oder sonstigen stadtplanerischen Mitteln aktiv zu werden.

Erdkampsweg 49 ist ein der Vorstadtsituation angepasstes Mietshaus des gehobenen Standards. Obwohl es die Nachbarhäuser nicht berührt, bildet es mit ihnen eine optisch geschlossene Straßenrandbebauung. Es wurde zeittypisch in Klinker gebaut, der auch den ganzen unteren Erdkampsweg prägt. Es ist in keinem guten Zustand. Dafür ist es aber, bis auf den Zaun, weit gehend im Originalzustand erhalten. Ein Umstand übrigens, der sonst, wenn nicht vorhanden, oftmals als Begründung herhalten muss, ein Gebäude nicht unter Schutz zu stellen. So geschehen mit dem ehemaligen Eingangsgebäude des Familienbads Ohlsdorf.

Sehen wir uns das Gebäude einmal näher an. Der dreistöckige Gebäudekörper ist Teil der Straßenrandbebauung und orientiert sich dem zufolge auch zur Straßenseite. Vorn ist dort, wo die Straße ist. Es wird von einem Walmdach gekrönt und dürfte in den 20er Jahren entstanden sein. Die durch zwei hervorspringende Klinkerbänder horizontal gegliederte Fassade erhält durch die Symmetrieachse, die oben durch eine große Giebelgaube und unten durch einen auffälligen Eingang markiert wird, ein vertikales Element. Die Gaube und der Eingang sind denn auch die hervorstechendsten Blickpunkte des Gebäudes. Mit dem holzverkleideten Giebel und dem dekorativen diagonalen Mauerwerk zwischen den Gaubenfenstern erhält das Gebäude einen leicht ländlichen Charakter, der die damals gerade vollzogene Wandlung vom Dorf zur Vorstadt reflektiert. Der Eingangsbereich, der mit den beiden Garageneinfahrten fast die ganze Breite des Hauses einnimmt, erinnert mit der Freitreppe und den beiden Mauern links und rechts mit den Steinkugeln darauf ein wenig an ein Gutshaus.

Erdkampsweg 49 ist sicher kein Meisterwerk der Baukunst und deshalb kein Denkmal. Es ist zeit- und zweckmäßig und verzichtet fast völlig auf die für Klinker typischen Kunststückchen der Fassadendekoration. Die Gliederung der Fassade erfolgt im wesentlichen durch Funktionselemente (Eingang, Gaube, Garagentore, Fenster) und durch deren Symmetrie zueinander. Es fügt sich harmonisch in das Ensemble der Bebauung des Erdkampswegs ein. Das ist bedeutend mehr, als man z.B. über das wenige Schritte davon entfernt stehende Aldi-Gebäude sagen kann.

Es gibt interessantere Gebäude des Typus kleineres Mietshaus mit Fertigstellungsdatum in den zwanziger und dreißiger Jahren in Fuhlsbüttel und Umgebung. Als zwei Beispiele seien Hummelsbütteler Kirchenweg 83 und Erdkampsweg 67 (Haus Hindenburg) genannt. Erdkampsweg 49 und 67 sind sich sehr ähnlich. Nr. 69 ist stärker dekoriert und mutet mit dem zurückspringenden, sich trichterförmig verengenden Eingang ein wenig avantgardistisch an (angesichts der nationalistischen Namensgebung ein seltsamer Bruch).

Hummelsbütteler Kirchenweg 83 ist wieder anders. Obwohl auch aus rotem Stein, wurde die Aufgabe gänzlich anders gelöst. Schon die Wahl eines hellen, doppelt hohen Steines, der der Fassade eine eigenwillige Textur verleiht, lassen keine Gedanken an Bodenständigkeit und Traditionalismus aufkommen.

Die Reihe ließe sich beliebig ergänzen. Es mangelt also nicht an entsprechenden architektonischen Beispielen aller Stilrichtungen. Man kann sich trefflich darüber streiten, welches Gebäude ästhetisch oder kulturhistorisch wertvoller ist. Man könnte eine Rangfolge aufstellen. Diese könnte man z. B. bei einem Abrissbegehren zu Rate ziehen. Das wäre zumindest ein planvolles Vorgehen. In Wirklichkeit wird - den zufälligen ökonomischen Interessen von Investoren folgend - platt gemacht.

Die individuellen Qualitäten eines Gebäudes können nicht das alleinige Kriterium für seinen Erhalt sein. Es kommen mindestens gleichberechtigt seine mannigfaltigen Beziehungen zur Umgebung hin zu und letztlich ist natürlich von Interesse wogegen es eingetauscht wird.

In Finnland soll es ein Gesetz geben, das anerkennt, dass die ästhetik des öffentlichen Raums keine Privatangelegenheit ist. Die Öffentlichkeit hat auch ein Recht auf eine ästhetische anspruchsvolle Umwelt. Im Zweifelsfall frage man sie.

Ist es zu viel verlangt, die Anwohner an den Entscheidungen über die Umgestaltung ihrer Umgebung angemessen zu beteiligen? Wo sind die guten Gründe, die einen derartigen Eingriff rechtfertigen? Solange diese nicht nachvollziehbar auf dem Tisch liegen, wollen wir, dass Erdkampsweg 49 und damit die Eigenart unserer Vorstadt erhalten und erkennbar bleibt. Gerade die Kleinteiligkeit und Vielfalt machen einen Gutteil des Charmes Fuhlsbüttels und seiner Umgebung aus. Sachgerecht renoviert kann Erdkampsweg 49 ein Schmückstück sein. Für die Erschließung des dahinter liegenden Grundstückes muss es andere Möglichkeiten geben.

Michael Schöpzinsky

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Rechtzeitiger Denkmalschutz soll Abrissplänen vorbeugen

Um in Zukunft Abrisse von historisch wertvollen Gebäuden in Fuhlsbüttel zu verhindern, haben wir in einem Schreiben an das Denkmalschutzamt darum gebeten, einige Gebäude und Straßenzüge unter Schutz zu stellen. Grundlage für dieses Schreiben war die Antwort des Ortsamtes Fuhlsbüttel an die CDU-Fraktion auf deren Anfrage vom 7.4.2002 zu historischen Gebäuden im Ortsamtsbereich. Man erwartete eine Liste von Gebäuden, die vor 1930 gebaut wurden, allerdings enthält das Denkmalschutzgesetz keine solche Zeitgrenze, so dass auch Gebäude bis in die 1960er Jahre hierin aufgeführt wurden.

Auf Denkmalschutzwürdigkeit wurden 272 Gebäude oder zusammenhängende Gebäudegruppen geprüft. Daraufhin wurden 12 Gebäude bzw. Ensembles in die Denkmalliste aufgenommen, weitere 49 wurden als schutzwürdig beurteilt. Anderen 211 Objekten wurde die Denkmaleigenschaft abgesprochen, so auch dem historischen Schumacherbau, der früher als Eingangsgebäude des Sommerbades Ohlsdorf diente und der jetzt Büros von Vereinen (z.B. der Willi-Bredel-Gesellschaft) und den kommunalen Treffpunkt "Grüner Saal" beherbergt.

Letzteres fanden wir etwas merkwürdig, denn das Gebäude ist unter Berücksichtigung von alten Plänen vor ca. 10 Jahren rück- und umgebaut worden. Unabhängig vom Umbau des Schwimmbades in den 1960er Jahren, schmückt dieser schöne Schumacher-Bau den Straßenzug seit 1927 und bildet den Eingangsbereich zu den Stadtteilen Ohlsdorf und Fuhlsbüttel, wenn man aus dem U&S-Bahnhof Ohlsdorf kommt. Der im selben Stil errichtete ehemalige Umkleidebereich am Hasenberge beherbergt heute Räume des auch im Eingangsgebäude ansässigen Beschäftigungsträgers "Mook Wat". Die Treppe hinunter zur Alster mit dem kleinen pavillonähnlichen Vordach schließt das schützenswerte Ensemble ab.

Wir bekamen recht zügig vom Denkmalschutzamt eine Antwort: "Wegen der weitgehenden Veränderungen der Badeanstalt insgesamt, wegen der starken Veränderungen an dem Eingangsgebäude im besonderen, hat das Denkmalschutzamt schon vor Jahren kein schutzwürdiges Baudenkmal mehr erkennen können. Das nimmt der Verwendbarkeit der Anlage und des Eingangsgebäudes nichts, wobei dieses auch jetzt noch ein ansehnliches Bauwerk darstellt, nur eben kein Baudenkmal." Trotz der negativen Aussage - hinter der wir übrigens eher die wirtschaftlichen Interessen von Bäderland vermuten - dieses Gebäude ohne hemmende Auflagen zu verwenden oder gar zu beseitigen, wenn es einmal erforderlich werden sollte, empfinden wir die schnelle und ausführliche Beantwortung unseres Antrags als positive, von Interesse an unserer Arbeit geprägte Reaktion.

Das zeigen auch die Antworten auf unsere weiteren Anträge, die Klinkerblocks und das Schleusenwärterhaus am Justus-Strandes-Weg/Ecke Am Hasenberge zu schützen. Der Oberingenieur der Baudeputation Hamburgs hat bereits 1911, im Zuge der Planung zur Kanalisierung der Alster zwischen Eppendorf und Fuhlsbüttel, einen Plan und Gebäudeskizzen zur "neuen Schleuse" in Fuhlsbüttel vorgelegt. Darauf ist zu sehen, dass das Schleusenbecken durch Zeilenbauten eingefasst wird, die im Bereich der Schleuse zurückspringen und eine einfache, rechteckige Platzanlage rahmen. Da bisher erst die eine Hälfte der Gesamtanlage unter Schutz steht (Woermannsweg/Maienweg), sollte doch konsequenterweise auch die andere Seite (Justus-Strandes-Weg/Am Hasenberge/Im Grünen Grunde) geschützt sein. In der Antwort an die CDU-Fraktion sind diese Gebäude bereits als denkmalschutzwürdig eingestuft worden. Das Denkmalschutzamt sagte uns zu, dass "eine Unterschutzstellung & nach Maßgabe der Möglichkeiten bzw. der Gefährdung in Angriff genommen werden (soll)."

Weiterhin hatten wir in unser Schreiben zwei Straßen aufgenommen, die wir bei unserer kleinen Fahrradexkursion durch Fuhlsbüttel entdeckt haben: Den Doverkamp und den Fehrsweg. Der Doverkamp ist eine kleine zwischen Blumenacker und Alsterkrugchaussee gelegene Wohnstraße aus im Heimatstil gehaltenen Putzbauten vom Anfang des 20. Jahrhundert, die eine erstaunliche Einheitlichkeit im Straßenbild bei Vielfalt ihrer Gebäude aufweist. Hier stehen Mehrfamilienhäuser und Stadtvillen mit Erkern, Veranden und nachempfundenem Fachwerk nebeneinander. Leider haben einige Hausbesitzer modernisiert. Dennoch vermittelt diese Straße eine ganz besondere Stimmung, die zumindest für Fuhlsbüttel einmalig ist.

Da wir diese Formulierung auch in unserem Schreiben verwendeten, konnte es sich das Denkmalschutzamt nicht verkneifen zu bemerken, "dass eine besondere Stimmung einer Straße nicht zu den Kriterien gehört, die das Denkmalschutzgesetz vorgibt (geschichtliche, wissenschaftliche, künstlerische Gründe sowie die Eigenschaft als charakteristische Eigenheit des Stadtbildes)" seien ausschlaggebend.

Der Fehrsweg - zwischen Erdkampsweg und Heschredder gelegen - kommt übrigens genau wie der Doverkamp in der Liste der überprüften Ensembles überhaupt nicht vor, obwohl der hier prägende Rotklinker der 1920/1930er Jahre typisch für Hamburg ist und Einheitlichkeit in der Vielfalt der Gebäudearten auch hier sehr schön in seiner Geschlossenheit wirkt. Einige Neubauten dazwischen fügen sich leider nur leidlich ein. Beide Straßen sind nicht in der Liste der überprüften Gebäudegruppen enthalten, da laut Denkmalschutzamt "das Gebiet des Ortsamtes Fuhlsbüttel nicht flächendeckend untersucht" (wurde). Nach Eimsbüttel, Bergedorf, Wandsbek und Teilen Harburgs, kommt erst 2003 der Bezirk Nord in Bearbeitung.

Abschließend bat uns das Denkmalschutzamt noch "um Verständnis, dass (es) selbstverständlich Prioritäten in eigener Verantwortung setzen muss. Eine Vordringlichkeit läge nur bei einer Gefährdung vor (Umbau- oder Abrissanträge)." Genau dieser Gefährdung möchte unsere Arbeit vorbeugen und eine Unterschutzstellung ist das wirkungsvollste Mittel. Daher werden wir weiter unsere Augen offen halten und uns einmischen.

Holger Tilicki

Quellennachweis:

Alle Zitate aus dem Schreiben des Denkmalschutzsamtes an die WBG Az.: K432 vom 6. 12. 2002, Andreas von Rauch

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Der Woermannsweg in Ohlsdorf und die deutsche Kolonialgeschichte

Zwischen dem Ratsmühlendamm und der Straße Am Hasenberge befindet sich parallel zur Alster, die dort vor der Schleuse aufgestaut ist, eine kleine, nur einspurig befahrbare Straße: Der Woermannsweg. Man denkt bei dieser Wohnlage an die typischen denkmalgeschützten, von Schumacher konzipierten Wohnblocks der 1920/30er Jahre aus dunklem Klinker, an das Rauschen der Alsterschleuse und an das dort arbeitende einzige Wasserkraftwerk Hamburgs. Die Namensgeber dieser Straße wollten jedoch, dass man sich an einen Mann erinnert, der ihrer Meinung nach eine ruhmreiche Rolle in der deutschen Geschichte gespielt hat: An den Hamburger Reeder und Kaufmann Adolph Woermann (1847-1911).

Im Jahre 1860 übernahm Adolph von seinem Vater Carl Woermann ein florierendes Handelshaus mit Großreederei. Die Firma C. Woermann verfügte zu diesem Zeitpunkt über eine Afrikaflotte von zwölf Seglern und einem Dampfschiff. Den lukrativen transatlantischen Dreieckshandel ("Export" von Sklaven aus Afrika in die Neue Welt, Ausbeutung ihrer Arbeitskraft auf den Plantagen dort, Profit durch den Verkauf dieser Produkte nach Europa) hatte man zwar verpasst, aber das Unternehmen war durch den Handel mit der von ehemaligen Sklaven gegründeten "Negerrepublik" Liberia groß geworden. Hamburger Kaufleute machten Mitte des 19. Jahrhunderts den Engländern und Portugiesen langsam aber sicher ihre bis dahin geltende Vorherrschaft im Handel mit Westafrika streitig.

Adolph Woermann wollte aber mehr. Sein Credo lautete: "Deutschland braucht Kolonien!" Als Präses der Handelskammer Hamburg versuchte er 1883 Bismarck zu überreden, aus Kamerun eine deutsche Kolonie zu machen. Das würde die europäische Konkurrenz abwehren und auch das Zwischenhandelsmonopol des dort an der Küste ansässigen Volkes der Douala aufbrechen, d.h. dadurch könnte erheblich mehr Geld verdient werden. Erst als Engländer, Franzosen und Belgier anfingen, Westafrika unter sich aufzuteilen, war Bismarck zögerlich bereit, dem Drängen nachzugeben. Er hatte hauptsächlich innenpolitische Gründe: Die erwarteten afrikanischen Reichtümer sollten wirtschaftliche Probleme im Deutschen Reich ausgleichen helfen.

Bismarck schickte den Afrikaforscher Gustav Nachtigal als Reichskommissar nach Kamerun. Der sollte mit den lokalen Häuptlingen einen Vertrag aushandeln. Einfach war es für die Deutschen nicht, denn die Douala wollten ihr Zwischenhandelsmonopol behalten und Vorteile aus einem Vertrag ziehen. Sie sahen nicht Unterwerfung, sondern Teilhabe am Fortschritt als ihr Ziel. Deutschland bot sich also als europäische "Schutzmacht" an, denn Franzosen und Briten kämpften bereits um ihren Einfluss in der Region. Schließlich unterzeichneten nach langer Beratung alle ausschlaggebenden Häuptlinge den Vertrag und am 14. Juli 1884 wehte die Flagge des deutschen Kaiserreiches über Kamerun.

Dass die Deutschen den Sieg davongetragen haben, lag neben dem Aufrechterhalten des Zwischenhandelsmonopols insbesondere an einer gängigen Unsitte, dem "dashen", d.h. dem Vertragspartner Geschenk zu mnachen. Der juristische Begriff dafür ist Korruption. Die Hamburger Kaufleute haben also einiges in die einflussreichsten Häuptlinge investieren müssen. ähnliche Erwartungen gibt es heute immer noch, auch wenn statt westpreußischem Kartoffelschnaps hochwertige Industrieprodukte über Weltbankausschreibungen gehandelt werden.

"Big Woermann" verdiente sich an den Plantagen der Kolonie in den 1890er Jahren am Transport von Sklaven von Dahomy nach Mittelamerika und Belgisch-Kongo und besonders 1904 an Truppentransporten nach Deutsch-Südwest (heute Namibia) zu Zeiten des Herero-Aufstandes eine goldene Nase. Er gehörte zu den großen Gewinnern der deutschen Kolonialpolitik, allerdings zu Lasten der Steuerzahler, denn das Kolonialabenteuer war ein Verlustgeschäft für den deutschen Staat.

Der 1. Weltkrieg kostete die Woermann-Linie fast alle ihrer damals 43 Schiffe. Die Zeiten wurden härter, denn die Konkurrenz der Briten und Holländer war stärker geworden. Die Nationalsozialisten versprachen zwar eine Wiedererlangung deutscher Kolonien und nach der Machtübernahme wurden kolonialpolitische Leitlinien verfasst, doch Ideen wie z.B. die Ansiedlung von Juden in Madagaskar und ein Deutsches Reich "Mittelafrika" wurden nie in die Tat umgesetzt.

Trotz Befreiung vom Kolonialismus in den 1960er Jahren, leben wir immer noch gut von Afrika, das als Lieferant billiger Rohstoffe wie Tropenholz, Kaffee, Baumwolle, Diamanten, Gold, Kupfer etc. dient. Neuerdings kommen auch sogenannte "non-traditional exports" - Fleisch aus Uganda, Fisch aus Sambia und Schnittblumen aus Kenia - von diesem fruchtbaren Kontinent. Auch diese Art Handel basiert auf dem selben Prinzip wie die kolonialzeitliche Plantagenwirtschaft, d.h. der Ausrichtung der Produktion auf den Bedarf der Kolonialmächte.

Doch Afrika lebt nicht gut von uns, ist einer der Verlierer der Globalisierung, ist abhängig von schwankenden Weltmarktpreisen für Rohstoffe, von Weltbankkrediten etc., denn die Gewinne werden bei Transport, Verarbeitung und Vermarktung ihrer Exportgüter in den "entwickelten" Ländern gemacht. Da reichen die Einnahmen nicht aus für die Importe von Erdöl für die Stromerzeugung oder als Treibstoff sowie für notwendige Industrieprodukte. Nur die relativ wenigen zur Oberschicht zählenden Afrikaner leben auf ähnlichem materiellen Niveau wie wir in den Industriestaaten. Repressive Diktaturen, Korruption und Machtkämpfe innerhalb der afrikanischen Staaten tragen ein übriges zur Verhinderung echter Entwicklung bei.

C. Woermann existiert heute nur noch als kleineres Exportunternehmen, da Afrika aus oben genannten Gründen als Markt sehr klein ist und der einträgliche Rohstoffhandel größtenteils durch multinationale Konzerne abgewickelt wird. Die Namensgebung einer Straße nach Adolph Woermann ist jedoch immer noch als Hinweis auf eine ungebrochene Tradition ungerechter Handelsbeziehungen zu den Ländern Afrikas zu verstehen.

Holger Tilicki

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Rettet den Bärenhof!

Eine Initiative kämpft um ein einzigartiges Bauensemble

Vor einem Jahr ließ unser Mitglied Frank Lünzmann die Nachricht nicht ruhen, dass die alte Langenhorner Landmarke - der "Bärenhof" - dem Bauvorhaben eines Autohändlers geopfert werden sollte. Der Bärenhof ist ein um 1890 entstandenes Gebäudeensemble, angetan mit allerlei verspieltem Dekor: mit Reliefs und Skulpturen, Buntglasfenstern und Türmchen, Zinnen und Wetterfahnen, Wappen und Inschriften. Umrankt von Grün und anzuschauen wie ein Schloss aus entrückten Märchengefilden, ist es aus Langenhorn nicht wegzudenken. Errichtet hatte diese steingewordene Fantasie ein spätromantischer Träumer: der durch profanen Handel mit Nähnadeln reichgewordene Makler Emil Römling. Er kaufte den einst bei Gebäudeabrissen in Hamburg angefallenen Wohlstandskitsch auf, um ihn im Bärenhof wieder einzugliedern. Wie dieses heitere Stilgemisch - mitten im Dorf - vor 110 Jahren auf die Bauern gewirkt haben muss - wir können es nur ahnen. Seitdem hat der Bärenhof durch Umbauten und Brände immer wieder seine Gestalt geändert, hat seine Besitzer und damit seine Bestimmung gewechselt, war Landsitz, Ausflugsgaststätte und Wohnanlage. Noch heute bewohnen zwei Mietparteien das Anwesen. Von den einstigen fünf Türmen sind drei geblieben.

Denkmalschutz für den Bärenhof?

All diese Eingriffe haben, so argumentiert das Denkmalschutzamt, von der Originalsubstanz nicht viel übrig gelassen; architektonisch Erhaltenswertes habe der Bau eh nicht zu bieten. Der ganze Komplex sei nicht denkmalwürdig. Aber wer sucht Originalsubstanz und Baukunst an einem Gemäuer, das von Beginn an auf fantasievolle Erweiterungen, An- und Umbauten angelegt war? Ursprünglich als Ausfluss übermäßigen Geltungsdrangs errichtet, mag dessen Architekturmix im Detail nicht denkmalwürdig sein, ihre Gesamtheit macht ihn heute allerdings zu einem liebenswerten und unverwechselbaren Bestandteil Langenhorns. Noch im Jahre 2000 hatte die CDU in Hamburg Nord eine Initiative gestartet, die auf die Unterschutzstellung des Bärenhofs zielte. Heute jedoch, da die Unternehmerpartei in Hamburg selbst mitregiert, ist davon nicht mehr die Rede.

Kulturdenkmal!

Kriterien, die für Architektur- und Baudenkmäler gelten, greifen beim Bärenhof nicht. Durch sein charakteristisches Aussehen, seinen Identifikationswert und seine Geschichte ist der Bau längst zu einem Denkmaltyp geworden, der über das Architektonische hinausgeht: zu einem Kulturdenkmal. An ihm erkennen Fremde wie Ansässige den Stadtteil wieder; er hebt auf markante Weise das an Baudenkmälern nicht reich gesegnete Langenhorn von anderen Stadtteilen ab. Das wird um so mehr stimmen, wenn eines Tages seine heute noch verbaute Silhouette zur Langenhorner Chaussee wieder mehr zur Geltung kommt. Der Bärenhof als Kulturdenkmal ist vergleichbar mit einem traditionsreichen Gasthof, mit einem Leuchtturm oder einer Mühle - also Baulichkeiten, die meist nur wenig originale Bausubstanz zu bieten haben, die aber den Anwohnern vertraut und liebenswert sind.

Unterschriften für den Bärenhof

Und deshalb lief der 66jährige Frank Lünzmann Wohnstraßen, Läden und Schulen ab, um die Langenhorner für den Erhalt des Bärenhofs zu gewinnen. Gemeinsam mit der Willi-Bredel-Gesellschaft erging im Juni 2002 ein Aufruf an die Öffentlichkeit, um den Abriss zu verhindern. Die von Lünzmann begonnene Unterschriftensammlung wurde publik gemacht und bis Ende 2002 weitergeführt. Auf den bislang vorliegenden Listen haben mehr als 1000 Langenhorner und Fuhlsbüttler unterzeichnet. Auch viele Unternehmen entlang der Langenhorner Chaussee und der Tangstedter Landstraße haben ihren Stempel auf die Listen gedrückt. Wenn bald alle Listen vorliegen, wird die Bärenhof-Initiative sie öffentlichkeitswirksam der Baubehörde übergeben.

Bärenhof-Trümmer als Fassadenschmuck

Seit längerem verhandeln Autohausmitinhaber Bernd Kußmaul, Bausenator Mettbach, Oberbaudirektor Jörn Walter und die Fachbehörden des Bezirkes Nord über die konkrete Ausgestaltung des großen Areals, das sich zwischen Stockflethweg und U-Bahntrasse, Langenhorner Chaussee und Jägerflag erstreckt. Von einem gläsernen Mehrstöcker mit Tiefgarage, von einem Parkhaus und einer Grünanlage war die Rede. Wenn Sie dieses Heft in den Händen halten, wird wieder einer der "endgültigen" Verhandlungstermine in dieser Angelegenheit verstrichen sein: Am 28. Februar will eine interne Beratung der Hamburger Behörden über das Bebauungsprojekt Klarheit schaffen. Ob bei diesem Termin der Bärenhof noch eine Rolle spielen wird oder ob sein Abriss längst beschlossene Sache war, wird dann schnell offenkundig werden. Das Autohaus Wichert hatte vorgesehen, den Bärenhof komplett abzureißen und lediglich einen der Türme, nunmehr integriert in einen gläsernen Geschäftspalast, wieder zu errichten. So gedachte das Unternehmen sich mit den Bärenhof-Trümmern noch zu schmücken. Diese Feigenblattversion werden wir ebenso zu verhindern suchen wie den Abriss selbst. Deshalb bleiben wir von der Bärenhof-Initiative am Ball.

Helfen Sie mit!

Wenn auch Ihnen das Schicksal unseres Langenhorner "Schlösschen" am Herzen liegt, informieren Sie sich hin und wieder auf unserer Internetseite www.Baerentatze.info unter "Aktuell" über den jüngsten Stand. Neben Bildern und Presseartikeln finden Sie auf der Internetseite auch einen Beitrag zur Geschichte dieses merkwürdigen Anwesens und erfahren so, wie der Bärenhof zu seinem Namen kam. Wer in der Initiative mitwirken will, kann sich telefonisch bei Frank Lünzmann melden (040) 531 99 27.

René Senenko

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Lebensläufe:

Hans Vieregg, Jahrgang 1911

Es war im Spätherbst 2001, als in unserer Sprechstunde das Telefon klingelte und mir eine knarrende Männerstimme seinen Besuch in Hamburg ankündete. Er könne erzählen, was er, der Kommunist und gebürtige Hamburger, erlebt habe und was ihn mit Willi Bredel verbinde. Das machte mich neugierig. Als sich Hans Vieregg, so hieß der Anrufer, aus Suhl in Hamburg einfand, glaubte ich einen rüstigen 65-Jährigen vor mir &

Hans Levy resp. Vieregg wurde am 26. November 1911 in Hamburg als Sohn des KPD-Bürgerschaftsabgeordneten und Mitbegründers der Hamburger Volkszeitung, Alfred Levy, und der Hamburger Arbeiterin Anna Vieregg geboren. Mit 9 Jahren machte er bei den kommunistischen Kindergruppen mit, trat später dem Jungspartakusbund und KJVD bei. Da sein Vater 1923 am Hamburger Aufstand beteiligt war und die Familie im Lämmersieth wohnte, blieb es nicht aus, dass der fast Zwölfjährige sich hinter den Barrikaden am Osterbekkanal/ Bramfelder Straße in Barmbek herumtrieb und dort mit Hand anlegte.

Hans besuchte bis März 1926 die Gemeinschaftsschule Tieloh-Süd, wo der bekannte Reformpädagoge Wilhelm Lamszus sein Lehrer wurde. Auch Willi Bredel war, zehn Jahre zuvor, Schüler von Lamszus gewesen und hatte immer die Verbindung zu seinem ehemaligen Lehrer gehalten. Deshalb lud der Pädagoge 1925 den Redaktionsvolontär zu einem Vortrag in seine Schule ein. Hans Vieregg erinnert sich noch heute, wie Bredel in der Schulklasse plötzlich eine 9-mm-Parabellum hervorholte und den Schülern zeigen wollte, wie man eine solche Selbstladepistole auseinandernimmt und wieder zusammensetzt.

Im April 1926 begann Hans eine Malerlehre und besuchte die Berufsschule Spaldingstraße. Dort wurde er bald zum Klassen- und zum Schulsprecher und im 2. Lehrjahr als Vertreter seiner Schule in den Hamburger Schülerrat gewählt. Auch rief er die Schülerzeitung "Der Weckruf" mit ins Leben. Nachdem 1926 auf dem Schulhof die Klassen ihre Vertreter für eine Hamburger Schülerkonferenz gewählt hatten, wurde der Lehrling Levy von der Hamburger Schulbehörde aus der Schule geworfen und ihm der weitere Besuch Hamburger Berufsschulen verwehrt. Er musste seine Lehre abbrechen.

Nach einigen Monaten bekam er bei der Deutsch-russischen Lager- und Transportgesellschaft Deruta die Chance, den Beruf eines Schifffahrts-Expedienten zu erlernen. Die Be- und Entladung sowjetischer Handelsschiffe in Hamburg war nun sein Ressort. Erstaunlich, dass damals im kapitalistischen Hamburg die Hamburger Deruta im sozialistischen Wettbewerb mit dem Leningrader Hafenbetrieb um kürzere Umschlagzeiten rang. Wegen des höheren technischen Know-hows ging der Sieg mehrmals an die Hamburger Belegschaft. Der Preis für ihn und zwei junge Kollegen war im Jahr 1930 eine Reise in die Sowjetunion. 1932 mussten Teile der Deruta nach Rotterdam verlagert werden; Hans wurde arbeitslos.

In diesen Jahren betätigte er sich politisch in der Orgabteilung des KJVD Bezirk Wasserkante, spielte Fußball im Hamburger Fichte-Verein und nahm zwei Jahre lang an der Landagitation der Agitpropgruppe "Die Nieter" teil.

Im Januar 1933 gelang es ihm, als Akquisiteur von Zeitungen Arbeit zu finden. Da niemand einen Levy beschäftigen wollte, nahm er den Nachnamen seiner Mutter an: Vieregg.

Als die Nazis die Macht übernommen hatten, stellte Hans mit seinen Freunden der illegalen Dreiergruppe des KJVD in einer Barmbeker Wohnung, in der Lohkoppelstraße, Flugblätter im Ormigverfahren her. Hans, Reisetätigkeit erwies sich als ideal, um die politische Stimmung in der Bevölkerung zu erkunden. Bis 1938 schrieb er für die KPD-Exilleitung Stimmungsberichte aus Deutschland und schickte sie an eine Deckadresse nach Prag. Zwischen den Zeilen eines harmlosen Brieftextes schrieb er mit Salzwasser seine Mitteilungen. über eine heiße Herdplatte oder an ein Bügeleisen gehalten färbten sich diese unsichtbaren Sätze braun. Bis ihm das überzeugend gelang, hat er lange herumexperimentieren müssen.

Hans beherzigte die Warnung eines Freundes und zog 1935 nach Berlin in den Wedding. Er meldete sich zwar polizeilich in der Torfstraße an, wohnte jedoch in der Liesenstraße. Er ließ sich ab und zu in seiner offiziellen Wohnung blicken und leerte seinen Briefkasten. So war er immer über behördliche Vorladungen im Bilde und konnte entscheiden, ob er ihnen Folge leisten sollte oder lieber "auf Geschäftsreise" ging. Einen Termin beim Arzt nahm er wahr. Der SS-Arzt vermaß Hans, Kopf und Nase und prüfte, ob Hans beschnitten war (was seine Einweisung ins KZ bedeutet hätte). Eine Vorladung ins Polizeipräsidium am Alexanderplatz war für Hans schon kritischer. Polizei und Gestapo arbeiteten auf engste zusammen. Er ging trotzdem. Zwei Beamte legten Hans ein Schriftstück zur Unterschrift vor, das ihm jeden Verkehr mit "Arierinnen" verbot. Weit gefährlicher war die Denunziation seiner ehemaligen Mitschülerin der Tiloh-Schule, Hermine Giesen. Diese hatte bei der Gestapo in Hamburg ausgesagt, Hans Levy habe Verbindungen ins Ausland. Daraufhin suchte die Gestapo Verwandte von Hans auf. Hans erfuhr davon und musste für einige Monate bei Freunden in Potsdam unterzutauchen.

Um so überraschter war er, als er, der "Halbjude", im November 1939 zur Wehrmacht gemustert und fünf Monate später zu einer berittenen Artillerieersatzabteilung nach Potsdam eingezogen wurde. Wegen einer neuen Verfügung zur Behandlung jüdischer Mischlinge in der Wehrmacht wurde er bereits zwei Monate später wieder entlassen. Die meisten seiner Stubenkameraden waren keine Nazianhänger. "Kannst du uns nicht eine jüdische Großmutter besorgen?" scherzten sie zum Abschied.

überleben konnte Hans Vieregg vor allem durch seinen Kontakt zum Zigarrenhändler Ferdinand Schmidt in Berlin-Prenzlau, der Hans kostenlos mit Tabak und Zigaretten versorgte. Der Zugang zu solchen Artikeln war in dieser Zeit Gold wert! Mit den Zigarillos von Schmidt konnte er Fischwaren eintauschen. Diesen Fisch ließ er auch einen Freund, Dr. Brauer, zukommen, der damit wiederum vielen jüdischen Familien das Überleben sicherte.

1942 wurde Hans im Wedding ausgebombt und hatte mehrer Monate lang keine feste Bleibe. Er arbeitete trotzdem illegal weiter. Einmal schickte er an Soldatenwitwen, deren Adressen er in Gefallenenanzeigen fand, Hitlerpostkarten. Zuvor versah er sie durch einen selbstgefertigten Stempel mit dem Aufdruck "Das ist der Mörder ihres Mannes!". Mehr als 300 solcher Karten hat er dann in Dutzenden verschiedener Briefkästen im ganzen Stadtgebiet eingeworfen.

Das Kriegsende 1945 erlebte Hans noch im Wedding, in der Brüsseler Straße 26. Der Keller war sein Unterschlupf. Auf der einen Seite der parallel verlaufenden Seestraße lag noch die SS, auf der anderen die Rote Armee, als plötzlich im Keller ein Rotarmist mit einem etwas asiatischen Aussehen vor Hans stand. Er brüllte "du Faschist!" und stemmte ihm die MPi in den Rücken. Hans reagierte rasch: "Potschemu, towarischtsch?" (Warum, Genosse?). Der überraschte Rotarmist fragte zurück, ob er russisch spreche. "Da, desja slowa - Ja, zehn Wörter." Der Soldat brachte Hans zum Stab. Dort erzählte er kurz sein Leben, erwähnte auch, dass er 1930 vom Sekretär der Kommunistischen Jugendinternationale, Chitarow, in die Sowjetunion eingeladen worden war. Als dieser Name fiel, nickte ein russischer Offizier. Das Eis war gebrochen. Hans begleitete die Soldaten im Jeep und zeigte ihnen, wie man die Panzergräben umfahren konnte. Vierzehn Tage lang lebte er mit ihnen in einem provisorisch eingerichteten Kommandostand, bis sein Erkundungstrupp endlich vor der Reichskanzlei stand.

Der Krieg war zu Ende. Doch für den Antifaschisten Hans wurden damit die Zeiten nicht sicherer. Nachdem die russische und die nachrückende britische Besatzungsmacht im Wedding von den Franzosen abgelöst worden war, wurde Hans im November 1945 wegen "Zusammenarbeit mit einer fremden Macht" verhaftet &

René Senenko. Der Text wurde von
Hans Vieregg gründlich durchgesehen.
Fortsetzung folgt

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Das vergessene Lager wird Informationszentrum über Zwangsarbeit

Nachdem die Zwangsarbeiter-Stiftung "Erinnerung, Verantwortung, Zukunft" Anfang Mai 2002 sowohl eine institutionelle als auch eine projektorientierte Förderung unserer Ausstellungsvorhaben in den Baracken des ehemaligen Zwangsarbeiterlagers am Wilhelm-Raabe-Weg 23 abgelehnt hatte, beschlossen wir, hier langfristig ein "Informationszentrum über Zwangsarbeit in Hamburg" weitgehend aus eigener Kraft aufzubauen.

Als ersten Schritt zeigen wir in einem Segment der Wohnbaracke eine kleine Ausstellung zur Geschichte der Firma Kowahl & Bruns des Lagers und seiner unfreiwilligen Bewohner. Ein Tischler fertigt nach Zeichnungen des ehemaligen Zwangsarbeiters Theo Massuger die typischen Doppelstockbetten und andere Möbel an. Fundstücke, die sowohl in den Baracken als auch bei Grabungen auf dem Außengelände gefunden wurden, werden erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Privatfotos von Niederländern, die als Zwangsarbeiter hier leben mussten, dokumentieren vorwiegend die Aktivitäten der jungen Männer an Sonn- und Feiertagen.

Von April bis November 2003 werden die Baracken an jedem ersten Sonntag im Monat von 14 bis 16 Uhr geöffnet sein. Dann haben alle Interessierten die Möglichkeit, diese letzten, am authentischen Ort erhalten gebliebenen Baracken zu besichtigen. Besucher können sich auch auf dem Außengelände informieren.

Für Passanten, die sich außerhalb der Öffnungszeiten über die Geschichte des Lagers informieren wollen, wird am Eingang eine große Info-Tafel aufgestellt.

Inzwischen ist ein Werkvertrag zustande gekommen, der in Kooperation mit der Gedenkstätte Neuengamme weitere Recherchen für eine Daueraustellung in verschiedenen Archiven ermöglichen soll. Wir freuen uns darüber, dass der Geschichtsstudent Heiko Humburg, der Mitglied unserer Geschichtswerkstatt ist, diesen Vertrag erhalten hat. Die wissenschaftliche Grundlage für die Recherchearbeiten sind die von unserem Ehrenvorsitzenden Hans-Kai Möller verfassten "überlegungen zur Quellenrecherche, Quellenbeschaffung und Quellenerschließung in Bezug auf die Geschichte des Zwangsarbeiterlagers &".

Wir hoffen, mit den Öffnungszeiten und der kleinen Ausstellung im ersten Segment der Wohnbaracke, Lust und Interesse an der Mitarbeit bei den weiteren Schritten unseres Projektes zu wecken. Wir benötigen sehr unterschiedliche Talente!

Nur durch die Unterstützung vieler engagierter Menschen wird es uns gelingen, Schritt für Schritt ein attraktives Informationszentrum aufzubauen.

Wir hoffen, dass der Senat sich nicht weiterhin mit dem untauglichen Verweis auf den Ausbau von Neuengamme um ein angemessenes Erinnern an die Hunderttausende von Zwangsarbeitern in Hamburg "drückt": Ohne staatliche Unterstützung ist dieses Projekt nicht zu realisieren.

Holger Schultze

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Die Erlebnisse des ehemaligen Zwangsarbeiters W. Kwast auf der Suche nach seiner Vergangenheit

Ende August 2002 besuchte uns in der Sprechstunde unserer Geschichtswerkstatt ein freundlicher älterer Herr aus Harlingen in den Niederlanden. Bei Kaffee und Kuchen kamen wir schnell ins Gespräch, und Herr Kwast berichtete, dass er als Neunzehnjähriger zur Deutschen Werft (DW) auf Finkenwerder geschickt wurde, um dort als Zwangsarbeiter in der Rüstungsproduktion zu schuften. Da eine kurze Umschulungsmaßnahme zum Schlosser im Umschulungswerk Nordmark der Deutschen Arbeitsfront (DAF) in Altona nicht erfolgreich verlief, musste der junge Mann in der Sauerstoffanlage der Werft arbeiten.

Als im April 1945 die Alliierten näherrückten, wurde der junge Niederländer nach Hoptrup in die Nähe von Haderslev verschleppt, um unter Leitung der "Organisation Todt" Panzergräben auszuheben. Diese sogenannte Kriemhild-Stellung war eine von vier Riegelstellungen im besetzten Dänemark und in Schleswig-Holstein, die einen von den Nazis gefürchteten Panzervorstoß der Engländer von Jütland aus in Richtung Süden verhindern sollte. Dieses militärisch völlig unsinnige Projekt fünf Minuten vor Zwölf ist auch unter der Bezeichnung "Friesenwall" bekannt. Die holländischen und belgischen Zwangsarbeiter, die unweit der Dörfer Marstrup und Hoptrup eingesetzt wurden, standen unter Bewachung von deutschen und österreichischen Soldaten. Sie waren auf einem Bauernhof einquartiert, mussten in einer Scheune schlafen und hatten keinerlei sanitäre Einrichtungen zur Verfügung. Nach der Befreiung durch britische Verbände Anfang Mai, halfen die ehemaligen Zwangsarbeiter freiwillig den dänischen Bauern, das Gelände wieder in den ursprünglichen Zustand zu verwandeln. Mitte Juni 1945 konnte Herr Kwast wohlbehalten nach Harlingen zurückkehren.

W. Kwast, mittlerweile 76 Jahre alt, hatte sich nun im Sommer 2000 nach Hamburg aufgemacht, um noch einmal an die Orte zurückzukehren, an denen ihm zwei Jahre seiner Jugend gestohlen worden waren. Außerdem suchte er Fotos vom Lager und insbesondere von dem großen U-Boot-Bunker der Deutschen Werft. Leider konnten wir ihm nicht weiterhelfen und vermittelten ihn an die Forschungsstelle für Zeitgeschichte. Auch dort wurde er nicht fündig.

Seine letzte Hoffnung waren nun noch die Howaldtswerke-Deutsche Werft (HDW) in Kiel, Rechtsnachfolger der Deutschen Werft (DW) in Finkenwerder. In einem ausführlichen, freundlichen Brief bat der alte Herr am 29. 10. 2001 um die Zusendung von Fotos der DW. Keine Reaktion! Noch nicht einmal eine Eingangsbestätigung. Herr Kwast ließ nicht locker und schrieb am 3. 1. 2002 einen zweiten Brief an die HDW. Wiederum erhielt er weder eine Antwort noch eine Eingangsbestätigung. Tief enttäuscht von der Ignoranz der HDW berichtete uns W. Kwast in einem Brief vom 2. 4. 2002 von dieser Angelegenheit und schrieb u.a.:

"& ich will Sie nur in Kenntnis setzen von der heutigen Gleichgültigkeit gewisser deutscher Betriebe. Ich hätte eigentlich gehofft, wenigstens eine Entschuldigung & für das Leid und [den] Kummer, verursacht während der Kriegsjahre 1943-1945. Es ist und bleibt schade, dass man sich so aus dieser Sache entzieht."

Da wir Herrn Kwast mit seiner Enttäuschung über das skandalöse Verhalten der HDW nicht allein lassen wollten, schrieben wir am 7. 5. 2002 an die HDW:

"Nach Angabe von Herrn Kwast haben Sie auf beide Briefe nicht geantwortet. Dieser Umgang mit einer bescheidenen Bitte eines alten Mannes, der mehr als zwei Jahre seines Lebens unter Lebensgefahr für die deutsche Rüstungsproduktion opfern musste, befremdet uns sehr. Wir erwarten von Ihnen, dass Sie umgehend Herrn Kwast antworten und ihm die gewünschten Fotos zukommen lassen. Ihr Verhalten steht in diametralem Gegensatz zur den Bemühungen der Stiftung der Bundesregierung und der deutschen Industrie ,Erinnerung, Verantwortung und Zukunft'. Sollten Sie sich als Rechtsnachfolger der Deutschen Werft weigern, dem ehemaligen Zwangsarbeiter behilflich zu sein, werden wir Ihr Verhalten dem Kuratorium der Stiftung mitteilen, die Redaktion der niederländischen Zwangsarbeiterzeitschrift ,Nieuwsbrief' informieren und darüber hinaus den Vorgang zum öffentlichen Thema machen.

In der Hoffnung auf späte Einsicht!"

Hier ist die Geschichte noch nicht zu Ende: Die von Jürgen Rohweder angekündigte Durchschrift seines Briefes erreichte uns nie! Die abgedruckte Kopie stellte uns Herr Kwast zur Verfügung. Nun aber genug dieser merkwürdigen Zufälligkeiten - zwei Briefe kommen nicht an, einer geht nicht 'raus - nun kommt das "happy end":

Auf der Tagung der Außenlager-Initiativen und Gedenkstätten der KZ-Gedenkstätte Neuengamme im September 2002 in Lech lernte ich zwei Mitarbeiterinnen des "Finkenwerder Arbeitskreises Außenlager Deutsche Werft" kennen. Ihnen erzählte ich die Geschichte von Herrn Kwast und rechnete schon mit einer negativen Antwort. Aber nichts von dem, die beiden Forscherinnen versicherten mir, dass sie genau die gesuchten Fotos besäßen und sehr an einem Kontakt zu Herrn Kwast interessiert seien. Der Kontakt kam zustande und am 4. 11. 2002 schrieb Herr Kwast, dass er die gesuchten Bilder bekommen habe.

ähnlich wie Herrn Kwast geht es Tausenden, vielleicht sogar Zehntausenden ehemaligen Zwangsarbeitern. Diese Menschen benötigen in Hamburg eine Anlaufstelle, die ihnen hilft, und ein Informationszentrum, das an ihr Schicksal angemessen erinnert. Wir werden es nicht zulassen, dass die Erinnerung an ihr Schicksal in den Poststellen deutscher Großkonzerne entsorgt wird.

Hans-Kai Möller

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Marie ter Morsche kann ihren Vater nicht vergessen

Unter diesem Titel stellte Karl-Heinz Jahnke im Rahmen der "Woche des Gedenkens" am 31.1.2002 sein 2001 erschienenes Buch vor. Er schilderte seine 1960 begonnenen Recherchen über den Widerstand gegen die NS-Rüstungsproduktion auf Usedom. Am 24.1.1944 waren der Zwangsverpflichtete Johannes ter Morsche und der polnische Zwangsarbeiter Tadeus Siekorski im Zuchthaus Brandenburg hingerichtet worden.

Im gut gefüllten Grünen Saal konnten wir nicht nur den Ausführungen des Autors folgen, sondern auch Marie ter Morsche, Tochter des hingerichteten Holländers, nahm die Mühe einer weiten Anfahrt auf sich, um uns persönlich über das Wirken dieser 1942/43 aktiven Widerstandsgruppe zu berichten. Eindrucksvoll schilderte sie, wie sie als 13-jährige die Kommunikation zwischen den getrennt inhaftierten Eltern ermöglichte und sich gleichzeitig noch um den jüngeren Bruder kümmerte.

Während zu DDR-Zeiten Zinnowitz eine Straße und ein Ferienheim nach Johannes ter Morsche benannte, hatte die Gemeinde nach 1989 nichts Eiligeres zu tun, als deren Rückbenennung in Waldstraße vorzunehmen.

Während sogar die Existenz dieser Widerstandsgruppe angezweifelt wurde, erfreut sich eine andere Person, die sich in den fraglichen Jahren auf Usedom aufhielt, großer Beliebtheit, wenn es gilt, Plätze, Ufer oder Straßen zu benennen. Und nicht nur auf Usedom, sondern u.a. auch in Frankfurt, München, Bonn und Leverkusen. Auf einem Foto aus der Zeit des Krieges sieht man ihn stehen: Den Mitverantwortlichen der Baugruppe Schlempp für die Errichtung der Sonderlager für die Zwangsarbeiter in Peenemünde, wie er in die Kamera lächelt. Er befindet sich in "passender Gesellschaft" mit General Leeb - Chef des Heereswaffenamtes, Fritz Todt - Reichsminister für Bewaffnung und Munition, Oberst Dornberger - Kommandeur der Heeresversuchsanstalt Peenemünde und General Olbricht - Chef des Allgemeinen Heeresamtes. Wo der Weg ter Morsches in den Tod führt, geht der Weg dieses Mannes über den Ministersessel bis zum Amt des Bundespräsidenten. Sein Name: Heinrich Lübke.

Diese Ungerechtigkeit wollten die Versammelten so nicht hinnehmen und es entstand spontan eine Unterschriftensammlung mit der Forderung, die Straßenumbenennung zu korrigieren. Ich leitete alles an den Bürgermeister von Zinnowitz weiter und bezog auch die Historische Gesellschaft von Zinnowitz mit ein. Es ergab sich ein reger Briefwechsel. Die erste, ablehnende Antwort ermunterte mich jedoch, weiter am Ball zu bleiben und ein Zitat aus dem letzten Brief des Bürgermeisters lässt mir die Hoffnung, in einem der nächsten Rundbriefe Positives zu vermelden: "Für die weitere Zukunft wurde durchaus in Erwägung gezogen, dass in einem neuen Wohngebiet eventuell eine entstehende Straße den Namen von Herrn ter Morsche erhalten könnte."

Holger Schultze

Das Interesse am Schicksal der ter Morsches ist nach wie vor groß: Karl Heinz Jahnkes Buch erscheint im Frühjahr 2003 in 2. Auflage im Ingo Koch Verlag Rostock. Gleichzeitig kommt in den Niederlanden eine Ausgabe in holländischer Sprache heraus.

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Bredeliana

Neue Veröffentlichungen über Willi Bredel sowie Neu- und Nachauflagen seiner Werke. In diese Liste wurden lediglich Titel aufgenommen, die in unseren Rundbriefen bisher unerwähnt geblieben sind.

1998

Handbuch der deutschsprachigen Emigration 1933-1945. Hg. von Claus-Dieter Krohn, Patrik von zur Mühlen, Gerhard Paul und Lutz Winckler, Primus Verlag Darmstadt/Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, 1998, 693 S., leinengeb., Preis 74,90 Euro. - Ein Kompendium, an dem sich 82 Fachleute zu allen wichtigen Fragen des Exils, auch des antifaschistischen und literarischen, beteiligt haben. Mit zahlreichen Verweisen auf Willi Bredel.

Schiller, Dieter: Etwas Anständiges, das auch etwas Wind macht. Zu Anna Seghers, Briefwechsel mit der Redaktion der Zeitschrift "Das Wort". In: Exil und Avantgarden. Exilforschung - Ein internationales Jahrbuch Bd. 16, München 1998, Seiten 87-104. Das Jahrbuch hat 275 S. und kostet 29 Euro. - über die von Anna Seghers zwischen 1936-39 geführte Korrespondenz mit den Mitarbeitern und Redakteuren des "Wort" Willi Bredel, Maria Osten, Fritz Erpenbeck, Alfred Kurella sowie mit Georg Lukács.

1999

Kinder- und Jugendliteratur im Exil 1933-1950, Eine Ausstellung der Sammlung Exil-Literatur der Deutschen Bücherei Leipzig 1999, 157 S., Paperback, ill., Preis 10 Euro. - In der nach Autoren sortierten bibliografischen Zusammenstellung der Kinder- und Jugendbücher ist auch Willi Bredel mit zwei 1940 entstandenen Werken vertreten: "Der Kommissar am Rhein", zuerst 1940 in Moskau erschienen und "Die Vitalienbrüder", erstmals 1950 vom Petermänken-Verlag Schwerin herausgegeben.

Erinnerungen an den Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller. Schwerpunktthema in: Utopie kreativ - Diskussion sozialistischer Alternativen, Heft 102, Berlin, April 1999, S. 37-75, mit s-w-Abbn. der Autoren. Das 96seitige Einzelheft kostet 5 Euro. - Der Heftschwerpunkt BPRS wird durch folgende Beiträge bestritten (in denen hin und wieder auf Bredel verwiesen wird): Elfriede Brüning: Erinnerungen an den BPRS; Walter Fähnders: Revolutionäre und proletarische Literaturentwicklungen; Leonore Krenzlin: Der rote Matrose und Widerstandskämpfer Willy Sachse; Dieter Schiller: Der BPRS im Pariser Exil; Simone Barck: Mythos BPRS-Literatur?; Sabine Kebir: Aladár Komját, ein unbekanntes BPRS-Mitglied.

2000

Bredel, Willi: Ein neues Kapitel. MV Taschenbuch, Büro + Service GmbH Rostock 2000, Softcover, 364 S., enthält statt eines Nachworts: Peter Hacks: Das Vaterland. - Das Buch erschien als Raubdruck ohne Genehmigung der Bredel-Erben. Der Vertrieb wurde aus rechtlichen Gründen eingestellt.

2001

Bredel, Willi: Die Vitalienbrüder, Ein Störtebeker-Roman. Hinstorff-Verlag Rostock, 10. Auflage 2001, 214 S., gebunden, mit Schutzumschlag, Preis 12,90 Euro. - Seit ihrem ersten Erscheinen 1950 gehörten die "Vitalienbrüder" zu den beliebtesten Büchern der Abenteuer- und Jugendliteratur in der DDR.

Schiller, Dieter: Willi Bredel in Paris 1938/39, Drei Studien zum Exil in Frankreich. Pankower Vorträge Heft 38, Hg. Helle Panke e.V. Berlin 2001, 72 S., brosch., Preis 3 Euro. - Darin folgende Abhandlungen und Vorträge: "Willi Bredel als Schriftsteller, Redakteur und Verleger im Pariser Exil 1938-1939", "Deutsche Emigranten zur Revolutionsfeier 1939" und "So hängt man auf phantastische Art in der Luft, Streiflichter zum kulturellen Exil in Frankreich 1933-1940".

Schulz, Friedrich: Ahrenshoop Künstlerlexikon. Verlag Atelier im Bauernhaus, Fischerhude 2001, 208 S., gebunden, zahlreiche teils farb. Abbn., Preis 30 Euro. - Einer der biografischen Beiträge dieses Nachschlagewerks, das über alle Künstler Auskunft gibt, die je in Ahrenshoop geweilt und gewirkt haben, ist (auf S. 37) Willi Bredel gewidmet.

Albrecht, Friedrich: Rezension zu Brigitte Nestler: Bibliographie Willi Bredel; Hamburger Beiträge zur Germanistik Bd. 27, Frankfurt/M. 1999. In: Internationale Wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung (IWK), Jg. 37, Heft 2, Juni 2001, S. 247f. - Eine künftige Forschergeneration werde "frei von Scheuklappen aller möglichen Observanz & die deutsche Geschichte und Literaturgeschichte durchstreifend immer wieder auf Willi Bredels Spuren treffen, und sie wird sich möglicherweise eines Tages dieser Gestalt selber in ihrer Singularität, Repräsentanz und Zeitverstricktheit zuwenden", so Prof. Albrechts prophetisch Worte in dieser Besprechung. Es ist heute schon gewiss, dass die Fleißarbeit Brigitte Nestlers dann eine wertvolle Stütze sein wird.

2002

Gebe, Hans: Das Riesengebirge als Tor zur Freiheit. Willi Bredels Exil in Prag - Stationen eines ungewöhnlichen Lebens. In: Prager Volkszeitung, hg. vom Kulturverband der Bürger deutscher Nationalität der Tschechischen Republik, Nr. 5-6, Prag, 1. Februar 2002, S. 11. - Dieser ganzseitige illustrierte Beitrag schöpft aus der von der Bredelgesellschaft hg. Broschüre von René Senenko: Willi Bredels Exil in Prag.

Anna Seghers - Briefwechsel mit Moskau 1933-1945. Mit einer Vorbemerkung von Leonore Krenzlin und Dieter Schiller. In: Argonautenschiff, Jahrbuch der Anna-Seghers-Gesellschaft Berlin und Mainz, Bd. 11, Aufbau-Verlag Berlin 2002, S. 261-302. Das Jahrbuch hat 382 S. mit 41 Abbn. und kostet 24 Euro. - Die hier wiedergegebene Geschäftskorrespondenz von Anna Seghers aus dem Russischen Staatlichen Archiv für Literatur und Kunst Moskau enthält auch 12 bislang unveröffentlichte Briefe, die A.S. und der Redakteur des "Wort", Willi Bredel, in den Jahren 1936/37 gewechselt haben.

Schiller, Dieter: über Ottwalt, Herzfelde und den Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller in Prag, Studien und Dokumente. Pankower Vorträge Heft 44, Hg. Helle Panke e.V. Berlin 2002, 67 S., brosch., Preis 3 Euro. - Außer der Titelstudie ist der 1988 in Paris gehaltene Vortrag "Vom Expressionismus zum Bund. Wege der proletarisch-revolutionären Literatur in Deutschland (1918-1932)" enthalten, worin im Kontext der Debatte um die Arbeiterkorrespondenten und -schriftsteller auch Willi Bredel mehrfach erwähnt wird. Ein Dokumentenanhang gibt drei Arbeitsberichte des BPRS aus dem Jahr 1934 wieder.

Scholz, Kai-Uwe: Literarisches Hamburg, 99 Autoren - Wohnorte, Wirken und Werke. Der Dichter und Denker Stadtplan. Verlag Jena 1800/Literarische Spaziergänge, Jena 2002, 120 S. ill., mit einem Faltplan, Preis 14,80 Euro. - über anderthalb Seiten (17f.) liefert der Journalist Scholz ein Kurzporträt Willi Bredels, wobei dessen Hamburger Bezüge naturgemäß im Mittelpunkt stehen. Alle wesentlichen Informationen dieses Beitrags gehen auf die Zuarbeit von Hans-Kai Möller zurück.

Hamburg von Altona bis Zollenspieker. Das Haspa-Handbuch für alle Stadtteile der Hansestadt, herausgegeben anlässlich des 175-jährigen Bestehens der Hamburger Sparkasse. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2002, 1184 Seiten, gebunden, durchgehend farbig illustriert, Preis 39,90 Euro. - Dieses umfassende Handbuch hat im Abschnitt über Ohlsdorf (S. 782ff.) auch einige Informationen über die Willi-Bredel-Gesellschaft und ihren Namenspatron zu bieten.

Geschichte in Geschichten - Zwei offene Briefe an die Nazis. In: Antifa - Magazin für antifaschistische Politik und Kultur, hg. vom der VVdN-BdA, Berlin, Heft 12, Dezember 2002, S. 14f. Das 36seitige Einzelheft kostet 2 Euro. - Wiedergegeben sind hier die offenen Briefe von Bertolt Brecht an den Schauspieler Heinrich George (Dezember 1933) sowie von Willi Bredel an Reichspropagandaminister Goebbels (November 1934).

Zusammengestellt von René Senenko

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Briefe an die "Bredels"

Aus der Postmappe der letzten Monate

Wir müssen gestehen, dass wir bisher weder von der Existenz einer Bredel-Gesellschaft noch eines Rundbriefes wussten. Bislang fehlen uns alle Rundbriefe! Für eine Bibliothek wie die unsere, die sich ganz auf die Sammlung der literarischen Quellen und die Dokumente des literarischen Lebens konzentriert, ist solch eine Lücke äußerst peinigend. & Wir möchten alles daran setzen, den Rundbrief möglichst komplett im Bestand zu führen.

Jutta Bendt, Deutsches Literaturarchiv, 71672 Marbach

An den Tag im Kreise der Bredel-Familie, wenn man die Gesellschaft so nennen darf, denken wir gerne zurück und hoffen, nicht das erste und letzte Mal bei Ihnen gewesen zu sein.

Dr. Hansjörg Schneider, Historiker, 12679 Berlin

Mit Ihrer Broschüre ["Willi Bredels Exil in Prag"] haben Sie mein Interesse an der Künstlerin Hella Guth geweckt. Ihr abgebildeter Holzschnitt zu Brecht "Die Moritat von Mackie Messer" ist beeindruckend. Als ein nun in Augsburg lebender Deutscher aus Böhmen, der Brecht zugetan ist, würde ich gern Näheres über Hella Guth erfahren.

übrigens: Mit Ihrer Feststellung, dass die Prager Regierung seit dem Machtantritt Hitlers bemüht gewesen sei, jeden Konflikt mit Berlin zu vermeiden & fühle ich mich in meiner Beurteilung bestätigt. Die Tschechische Regierung hat ja 1938 ins Innertschechische geflüchtete Hitler- und Henleingegner in Zügen zum Teil mit Gewalt in die Hände der Gestapo ins Sudetenland zurückgeschickt. & Mein Onkel Johann Schwab ging als Mitglied der KPTsch 1938 nach Prag. Seine versuchte Emigration kam leider nicht zustande. Mit "Schutzhaftbefehl" der Geheimen Staatspolizei Berlin vom 2. 6. 1939 wurde er im Hotel "Balkan" in Prag-Smichov verhaftet. Sein Leidensweg führte über das Zuchthaus Zwickau ins KZ Dachau, wo er am 22. März 1940 "verstarb".

Dip.sc.pol. Oberamtsrat a.D. Erich Sandner, Redaktion "Die Brücke", 86199 Augsburg

Sie haben mir eine große Freude gemacht. Vor allem Ihre Arbeit über Bredels Aufenthalt in Prag ist sehr interessant und wichtig. Ich bin stolz darauf, dass auch wir heute die Traditionen des damaligen antifaschistischen Kampfes gemeinsam erhalten. Ja, manchen Sudetendeutschen passen meine Artikel nicht. Seinerzeit habe ich gehört, dass der Witikobund meinen Namen auf die schwarze Liste gesetzt hat. & Ich möchte im GNN-Verlag ein Buch über die Geschichte des Sudetendeutschtums herausgeben. Die tschechische Ausgabe erschien im März [2002] und ist schon ausverkauft. Außerdem bereite ich eine größere Arbeit über die Benesch-Dekrete vor.

Emil Hruska, Historiker; Plzen, Tschechische Republik

Wir haben fleißig gesammelt, nun ist wieder einmal eine Sendung beisammen. Wir hoffen, dass sie euch nützt. Mit solidarischen Grüßen von Klaus und Käthe Baltruschat.

Marzahns Kleiner Buchladen, 12685 Berlin; Anmerkung der Red.: Diese Zeilen lagen einem uns übersandten Paket mit Bredel-Büchern bei.

Vermutlich sind auch Sie ND-Leser, dennoch sende ich Ihnen einen Artikel aus dem ND vom Oktober [2002] über den Freiherrn von Knigge zu, mit dem der Knigge-Veröffentlichung von Hedwig Voegt, die im Zusammenhang mit ihren Forschungen zum deutschen Jakobinismus und den pro-revolutionären Geheimgesellschaften stand, gerechterweise echt gedacht wird. Wir im Osten Deutschlands, orientiert an einer marxistischen Gesellschafts- und Geschichtsforschung, im Unterschied zum Adenauer-Deutschland, in dem schon allein der Begriff der "Revolution" im öffentlichen Sprachgebrauch nach 1945 vermieden wurde, hatten in diesen Themen einen wissenschaftlich-forschungsmäßigen Vorlauf, der in der BRD dann erst mit der 68er-Bewegung allmählich aufgeholt werden konnte. Und die in Hamburg geborene Hedwig Voegt war eine von unseren Protagonistinnen!

Dr. Eva-Maria Nahke, 14167 Berlin

Anmerkung der Red.: Hedwig Voegt (geb. 1903) war mit Willi Bredel freundschaftlich verbunden. Wie er aus Hamburg stammend, kämpfte auch Hedwig Voegt gegen Hitler und saß, wie Bredel, im Kola-Fu. 1948 wechselte sie in die Ostzone und nahm in Weimar ein Germanistikstudium auf. Sie entwickelte sich zu einer in Ost und West anerkannten Literaturwissenschaftlerin, die sich mit Schriften und Werkausgaben zur deutschen jakobinischen Literatur, u.a. zu Kerner, Knigge, Merck, Rebmann und Voss einen Namen machte. Hin und wieder kehrte sie nach Hamburg zurück, so im Jahre 1960 zusammen mit Bredel. 1988 starb sie in Leipzig. Am 28. Juli 2003 wäre sie 100 Jahre geworden.

Ich habe zum Treffen der Spanienkämpfer [im Mai 2002 in Wien] in meinem Redebeitrag an Willi Bredels "Begegnung am Ebro" erinnert, ein literarischer Beitrag, der mich schon als Student an das Thema Spanienkrieg herangeführt hat. Zur Antifa-Versammlung der ehemaligen Spanienkämpfer waren acht Kameraden mit ihren Ehefrauen und einigen Gästen erschienen. Spanienkriegsveteran Gerhard Hoffmann erkannte auf dem Foto, das wir ihm vorlegten, Alfred Möbius wieder. Er kenne diesen Mann in Uniform aus Spanien und aus dem Lager Gurs. Möbius, Sebnitzer Herkunft, war 1937-39 Sergento bei den Interbrigaden, auch im Thälmann-Batallion.

Dr. Heinz Senenko, Internationale Gruppe Spurensucher beim VVN-BdA Sachsen

Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass ich ganz aus dem Einzugsgebiet Hamburg wegziehe und somit keine Ihrer Veranstaltungen mehr werde besuchen können. Ich bedaure dieses sehr. Besonders haben mich zwei Abende mit dem Professor aus Rostock bewegt und lange Gespräche im Bekannten und Freundeskreis nach sich gezogen. Leider ist mir der Name entfallen! Vielen Dank für Ihre Arbeit, die für mich einen Teil weiterer politischer Bildung darstellte!

Inge Müller, 22946 Trittau;
Anmerkung der Red.: Es handelt sich um Prof. Karl Heinz Janke

Bitte an die Bredel-Gesellschaft besteht darin, dass sie in einem Brief an die Leiterin der Grundschule Teupitz nachfragt, wie mit dem am 7. Juli 1973 verliehenen Namen "Willi Bredel", wie mit dem am 27. Oktober 1978 eingeweihten Gedenkstein "Willi Bredel 1901-1964" bzw. generell mit dem Erbe Bredels seit der Wende in der Schule umgegangen wird. Diese Nachfrage soll dazu anregen, den ca. 1990 im Schulhof begrabenen Gedenkstein wieder aufzustellen mit dem erläuternden Schild "Diesen Namen trug unsere Schule von 1973-1989".

Dr. Lothar Tyb,l, 12439 Berlin

Ich hoffe, Ihr könnt finanziell und personell durchhalten, denn so wie nach 1968 werden auch jetzt junge Menschen darauf kommen, dass sie nicht die ersten sind, die gegen Imperialismus und Krieg kämpfen. Und dafür werdet Ihr und das Vermächtnis Willi Bredels dringend gebraucht!

Der Andere Buchladen, 76137 Karlsruhe

Auf Empfehlung von Anna-May Kraus teile ich Ihnen & mit, dass der Geschichtsverein Uecker-Randow e.V. beabsichtigt, im Frühjahr nächsten Jahres den ersten Band seiner geplanten Schriftenreihe mit einigen Auszügen aus o.g. Roman [Bredel "Ein neues Kapitel"] herauszubringen. & Im nächsten Band, der die Regionalgeschichte von 1945 bis 1949 zum Inhalt haben wird, sollen ebenfalls einige Auszüge verwendet werden. & Schließlich sollte das literarische Werk Willi Bredels nicht vergessen werden. Vielleicht greift der Leser unserer Geschichtsbücher dann auch mal zu einem Roman von Willi Bredel. Das ist unser Wunsch.

Joachim Hartfiel, Vereinsvorsitzender des Geschichtsvereins Uecker-Randow e.V., 17358 Torgelow

Meine Großmutter kam am 23.10.1923 bei den Kämpfen des Hamburger Aufstandes in Schiffbek ums Leben. Sie war nicht aktiv beteiligt, sondern wurde durch einen verirrten Querschläger in der Wohnung der Familie am Rahlstedter Weg 40 getroffen. Da ich gern mehr über den Aufstand in Schiffbek und den Verlauf der Kämpfe wüsste, bitte ich Sie um Auskunft, ob die Zeichnungen Bredels bzw. Berichte von ihm oder anderen über den Aufstand als Veröffentlichungen vorliegen.

Sabine Paap per eMail

& ich (war) als Student am Moskauer Staatlichen Pädagogischen Lenininstitut mit Viktor Bredel [ein Sohn Willi Bredels; die Red.] an der gleichen Mathematisch-Physikalischen Fakultät. Viktor war Aspirant, ich und noch eine Deutsche waren Studenten. Uns verband natürlich die gleiche Muttersprache und wir waren bald gute Freunde, waren des öfteren bei ihm zu Gast. Nach der Verteidigung seiner Doktordissertation war er noch einige Zeit als wissenschaftlicher Übersetzer tätig, bis er mit Familie zur Arbeit nach Rossendorf in die DDR ging. Damit teilten sich unsere Lebenswege.

Werner Pierschel, 17268 Templin

Da ich die Literatur von Willi Bredel sehr schätze und seine Werke fast komplett in Erstausgaben besitze (ausgenommen die Moskauer Ausgaben) würde ich Ihr Anliegen & gerne unterstützen in Form von Mitgliedschaft und Mitarbeit wenn erwünscht.

Eyk Dorendorf, 66955 Pirmasens

Sie waren mir freundlicherweise behilflich, aus Amerika die Broschüre "Ehemals in Hamburg - Jüdisches Leben am Grindel" [die in Deutschland nicht mehr erhältlich ist; die Red.] zu beschaffen. Jetzt kann ich es endlich nach Israel weiterschicken. Ohne Sie wäre das nicht gelungen!

Helga-Maria Möhrle, 25474 Ellerbek; auf Anrufbeantworter

Ihre Willi-Bredel-Gesellschaft scheint mir besonders deshalb wichtig, weil die proletarisch-revolutionäre Literatur langsam in Vergessenheit zu geraten droht. Deshalb freut es mich, mit Ihnen in Verbindung gekommen zu sein, und wenn Ihr Interesse an einer Zusammenarbeit besteht, könnte ich - als älterer Privatgelehrter, der freilich über wenig Mittel zu umfangreichen Recherchen verfügt - sicher noch das eine oder andere aus diesem Themenkreis zu ihren Aktivitäten beisteuern.

Prof.Dr. Dieter Schiller (und Dr.phil. Leonore Krenzlin), 13086 Berlin; beide Literaturwissen- schaftler; Eintrag im Gästebuch

Gratuliere zur gestrigen Hertha-Feiner-Veranstaltung. Mary, meine Frau, war zunächst etwas skeptisch, weil sie sich über die Holocaust-Industrie ärgert, aber die Veranstaltung mit Prof. Jahnke und Frau Dr. Flehming war recht gelungen und verdientermaßen gut besucht.

Mitglied Paul Berwicke (und Mary Tyler), London, England

Zusammengestellt von René Senenko

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Die Herren im Kontext

Im Herbst letzten Jahres verfiel der Buchhändler Siegbert Bendt von der Bücherstube "Morgenstern" in Stralsund auf die Idee, literarischen Gesellschaften und Vereinen gezielt Bücher anzubieten. Er dachte sich, warum sollte man etwa einer Matthias-Claudius-Gesellschaft, wenn es eine solche gäbe, nicht Bücher von und über Matthias Claudius anbieten? Also rief er die Stadtinformation in Hamburg an und fragte nach Vereinen und Einrichtungen, die sich dem Andenken von Matthias Claudius, Ernst Thälmann und Willi Bredel widmeten. Der freundliche Mann am Telefon notierte sorgfältig die drei Namen. Doch bevor an seinem Computer zu recherchieren begann, drängte ihn noch eine Frage: "Und bitte in welchem Kontext stehen diese drei Herren?"

rese

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Lesenswert

Neu im Antiquariat der Bredelgesellschaft sind drei literaturwissenschaftliche Arbeiten von Prof. Dr. Dieter Schiller zu haben:

Alle drei Hefte wurden von Helle Panke e.V. Berlin herausgegeben und sind für je 3,50¬ im Büro der "Bredels" zu haben.

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Arnold Hencke verstorben

Am 10. Januar 2003 ist das Fuhlsbüttler Urgestein Arnold Hencke im Alter von 87 Jahren verstorben. Sein Leben war geprägt durch die frühe Mitgliedschaft in der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ) und in der SPD. Während des Faschismus musste er im Kola-Fu einsitzen. Er gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Arbeitsgemeinschaft ehemals verfolgter Sozialdemokraten (AvS) und setzte sich mit aller Kraft für die Einrichtung der Gedenkstätte im Torhaus am Suhrenkamp ein. Zahlreiche Mitglieder der Bredel-Gesellschaft haben ihn bei seinen Führungen durch die Gedenkstätte kennen und als engagierten Zeitzeugen schätzen gelernt. Aus seinem Nachlass hat die Bredel-Gesellschaft ein umfangreiches Konvolut wertvoller Bücher zu den Themen Arbeiterjugendbewegung, NS-Zeit und Stadtteilgeschichte erhalten, die in unsere Bibliothek aufgenommen wurden.

HM

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Die ewig Gestrigen

15 Jahre Willi-Bredel-Gesellschaft

Willi Bredel ist seit 39 Jahren tot. Deutschland wurde vor 58 Jahren vom Faschismus befreit und die DDR ist vor 14 Jahren untergegangen. Was kümmert uns das alles noch, wo heute Al-Quaida und George W. Bush die Welt unsicher machen, pro Tag ca. 30.000 Menschen an Unterernährung sterben und der Klimawandel sich zur Katastrophe ausweiten könnte? Zum Glück haben wir ja noch unsere 34 Fernsehprogramme, das Surfen im Internet und sind überall per Handy zu erreichen - aber mit der Rente wird das wohl nichts mehr. Sollten wir uns nicht mehr darum kümmern als um alte Häuser oder die Umgestaltung der Gedenkstätte Kola-Fu? Was bringt es denn, wenn unsere Steuergelder immer noch für das Gedenken an die Naziopfer verwendet werden?

Vielleicht möchte uns der Widerstandskämpfer und Arbeiterschriftsteller Willi Bredel zeigen, dass es noch andere Werte gibt, als das persönliche Wohlergehen und dass es auch heute noch notwendig ist, gegen Rechts aufzutreten.

Wir wollen nicht, dass ein Wohnumfeld (z.B. Fuhlsbüttel) keine Geschichte mehr hat, weil alles seelenlos verkonsumierbar ist (hau weg, bau neu) und dass niemand mehr erinnert, wofür und wogegen Menschen während der Naziherrschaft gekämpft haben.

Deshalb sind wir mit unserer Geschichtswerkstatt seit 15 Jahren aktiv im Stadtteil gegen eine Schlussstrichmentalität und für eine lebenswerte Zukunft tätig. Für alle die wissen, dass die Vergangenheit in die Zukunft hineinwirkt, ist es hoffentlich von Wert.

Der Namensgeber unserer Gesellschaft würde es uns jedoch nie verzeihen, wenn wir trotz der ernsten Themen nicht auch eine gute Portion Genussfähigkeit und Sinn für Humor einbringen würden. Daher feiern wir am 1. November 2003 unser 15jähriges Bestehen mit Kulturprogramm und Tanz, wozu alle Mitglieder, Freunde und Interessierte herzlich eingeladen sind.

Willi-Bredel-Gesellschaft

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Impressum

Willi-Bredel-Gesellschaft
Geschichtswerkstatt e.V.
Im Grünen Grunde 1b
22337 Hamburg

Tel (040) 59 11 07
Fax (040) 59 13 58
eMail Willi-Bredel-Gesellschaft@T-Online.de
Web www.bredelgesellschaft.de

Öffnungszeiten Di. 15-18 Uhr und nach Vereinbarung

Spendenkonto 1057/210104
Bank Hamburger Sparkasse
BLZ 200 505 50

Redaktion Hans Matthaei, Hans-Kai Möller, Michael Schöpzinsky, Gudrun Schulze-Struck, René Senenko, Klaus Struck, Ursula Suhling, Holger Tilicki
KoordinationHolger Tilicki
LayoutMichael Schöpzinsky

Gefördert von der Kulturbehörde der Freien und Hansestadt Hamburg

Redaktionsschluss 09.03.2003

Druck Hein & Co.

Auflage 1200

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