Willi-Bredel-Gesellschaft
Geschichtswerkstatt e.V.

Rundbrief 1999

Inhalt

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Editorial

Mit diesem Rundbrief stellen wir einen neuen Seitenrekord auf und erreichen fast den Umfang eines Jahrbuches, das eigentlich im Buchhandel verkauft werden müsste. Im Mittelpunkt steht das Thema Zwangsarbeit im Norden Hamburgs: Die Geschichte der Hanseatischen Kettenwerke und die "Baugeschichte" unserer Baracke. Zwei umfangreiche Beiträge sind Martha Naujoks sowie Gerda und Walter Ahrens gewidmet. Im Rundbrief 1999 spiegelt sich aber auch der sprunghafte Zuwachs der Aktivitäten der Bredel-Gesellschaft in ihrem zehnten Jahr wider. Über eine Reihe von Veranstaltungen im Jubiläumsjahr und die drei 1998 von uns herausgegebenen Bücher und Broschüren wird in diesem Heft berichtet. Insgesamt ist die Zahl der Veranstaltungen von 14 im Jahr 1997 auf 25 gestiegen, die Zahl der Teilnehmer von etwa 300 auf fast 700 angewachsen. Auch unsere Mitgliederzahl ist deutlich auf über 80 gestiegen; das Spendenaufkommen auf 4.500 DM

Viel Zeit und Kraft kostete 1998 die Zwangsarbeiterbaracke am Wilhelm-Raabe-Weg 23 in der Nähe des Hamburger Flughafens. Nach langwierigen Verhandlungen sind wir seit April 1998 stolze Besitzer dieser Baracke mit einem Rattenschwanz von Arbeit, Verantwortung und finanziellen Belastungen. Neben der Außensanierung und dem Rück- bzw. Umbau der Räume wollen wir eine Ausstellung zum Schicksal der Zwangsarbeiter der Firma Kowahl & Bruns und der umliegenden Zwangsarbeiterlager erarbeiten und für die Öffentlichkeit zugänglich machen. In diesem Jahr übernehmen wir drei Räume neben unserem Büro Im Grünen Grunde vom Landesseniorenbeirat, die zunächst her- und eingerichtet werden müssen. Mitte des Jahres wollen wir dort die ständig wachsende Bibliothek und den Verkaufsraum der Öffentlichkeit präsentieren. Ab September kommt dann eine weitere arbeitsintensive Aufgabe hinzu: die Betreuung der Gedenkstätte Konzentrationslager Fuhlsbüttel im Auftrag der KZ-Gedenkstätte Neuengamme mit verlängerten Öffnungszeiten am Sonntag.

Die Schere zwischen der sprunghaften Zunahme unserer Aufgaben und den nicht im gleichen Maße wachsenden Kräften wird in diesem Jahr dramatisch größer: Ohne eine wesentlich umfangreichere institutionelle Förderung durch die öffentliche Hand können wir den geplanten Aufgaben nicht oder nur unzureichend realisieren. Die Grenzen eines fast ausschließlich auf ehrenamtlicher Basis arbeitenden Vereins sind erreicht. Sowohl die regelmäßige Betreuung der Zwangsarbeiterbaracke als auch die Verwaltung der Gedenkstätte Kola-Fu gehören eindeutig in den Bereich öffentlicher Verantwortung. Da wir diese Aufgaben für politisch wichtig halten, haben wir trotz nicht geringer Bauchschmerzen beiden Verträgen zugestimmt. Unsere dringende Bitte: Wir benötigen einen deutlichen Zuwachs an Mitgliedern, Spendern und Mitarbeitern.

Eine Reihe von Veranstaltungen steht für dieses Jahr bereits fest. Am 4.3. 1999 wird sich Thomas Pusch 60 Jahre nach Ende des Spanischen Krieges mit dem Schicksal der Interbrigadisten beschäftigen. Am 29.6. wird der Zeitzeuge Prof. Gerhard Dengler im Rahmen einer Veranstaltungsreihe zur Wehrmachtsausstellung über seine Erinnerungen an die Arbeit des Nationalkomitees "Freies Deutschland" berichten. Vielleicht sehen wir uns auch auf dem Bredel-Sommerfest in unseren neuen Räumen im Grünen Grunde?

Hans Matthaei

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Das Kettenwerk in Langenhorn

Die Industrie- und Verwaltungsgesellschaft (IVG) plant mit Duldung der Behörden den Abriss des ehemaligen Verwaltungsgebäudes der Hanseatischen Kettenwerke (HAK), einem der größten Hamburger Rüstungsbetriebe während des Dritten Reiches. Mit der Zerstörung dieses Gebäudes würde erneut ein Stück unliebsamer Zeitgeschichte entsorgt werden. Wir baten den Künstler Harald Meyer, der seit einigen Jahren Räume dieses Gebäudes mit anderen Künstlern nutzt, seine Argumente und Gedanken für den Erhalt dieses Gebäudes zu formulieren.

Harald Meyer schreibt: Nach ihrer Machtergreifung im Jahre 1933 begannen die Nationalsozialisten auch in Langenhorn mit dem systematischen Aufbau der Rüstungsindustrie. Zu jener Zeit galten noch die Bestimmungen des Versailler Friedensvertrages vom Juni 1919, die strenge Auflagen für die deutsche Rüstungsindustrie verlangten. Sie wurde überwacht und durfte keine neuen Waffensysteme entwickeln .

Dies führte dazu, dass Planungen und Bau von neuen Anlagen der Rüstungsindustrie verschleiert und getarnt konzipiert und ausgeführt wurden.

Entlang der Essener Straße, die damals einfach nur Weg Nr. 4 hieß, entstanden so zwei der größten Rüstungsbetriebe Hamburgs: die Hanseatischen Kettenwerke (HAK) und die Deutsche Messapparatebau (MESSAP).

Beim Bau der Betriebe legte man bewusst Wert auf verstreut liegende Gebäude mit dazwischenliegenden Grünbereichen. Ebenso wurden die Werkswohnungen in unmittelbarer Nähe zu den Betrieben so konzipiert, dass sie - aus der Luft gesehen - eher wie bäuerliche Siedlungen aussahen. Nachzuvollziehen ist dies heute noch an der "Schwarzwaldsiedlung" in der Essener Straße und der ehemaligen Beamtensiedlung, den "Strohdachhäusern", an der Langenhorner Chaussee. Aber auch die Namensgebung beider Werke ließ keine direkten Verbindungen zur Rüstungsindustrie erkennen.

Verantwortlich für die Organisation der Rüstungsindustrie im gesamten "Deutschen Reich" war die Verwertungsgesellschaft für die Montanindustrie (MONTAN) mit Sitz in Berlin-Charlottenburg. Ihre Aufgabe war es, Rüstungsbetriebe zu erwerben bzw. zu errichten und nach privatwirtschaftlichen Gesichtspunkten zu organisieren. Im Aufsichtsrat saßen ausschließlich Militärs, die damals bis zu 120 Rüstungsbetriebe kontrollierten. Neu war es, mit Firmen aus dem Rüstungsbereich nach dem Montan-System Mantelverträge über die Errichtung von Werksanlagen und deren anschließende Verpachtung an einen Betrieb der Muttergesellschaft zu schließen. Das Hanseatische Kettenwerk war eine der ersten Firmen im damaligen Deutschland, mit der ein solcher Vertrag abgeschlossen wurde. Die Muttergesellschaft war die Firma Pötz&Sand aus Monheim bei Düsseldorf; sie bestand seit 1876 und produzierte Ketten für WC-Spülungen, Boa-Ketten für Pelzkragen, Gliederketten für Handtaschen u.a. Während des l. Weltkrieges waren in Monheim unter Einsatz von britischen und französischen Kriegsgefangenen Munitionshülsen produziert worden. Diese Erfahrungen wollten die Militärs sich wieder zu Nutze machen. Und so begann man im Frühsommer 1935 mit dem Bau der ersten Werksanlagen. 1936 konnte die Produktion von 2 und 3,7 cm-Geschosshülsen für leichte Flak-Geschütze und Fliegerbordkanonen anlaufen. Später kam die Fertigung von Panzerfäusten und sogenannten Hohlraumgeschossen hinzu.

Die zweite Rüstungsfirma, die am Weg Nr. 4 angesiedelt wurde, hieß Deutsche Messapparate GmbH. Sie war eine Tochter-GmbH der Schwarzwälder Uhrenfabrik Junghans aus Schramberg. Auch die Firma Junghans war in der Produktion von Rüstungsgütern kein unbeschriebenes Blatt. Während des 1. Weltkrieges waren in Schramberg Fliehkraftzünder für Artilleriegranaten entwickelt worden. Nach dem Krieg geriet die Firma in Schwierigkeiten.

Jetzt bot sich den Gebrüdern Junghans die Gelegenheit, auf die sie jahrelang hingearbeitet hatten. Unter Umgehung der Bestimmungen des Versailler Vertrages hatten Konstrukteure des Werkes die Fliehkraftzünder in den Niederlanden weiterentwickelt. Bei der MESSAP sollten diese Erfahrungen in eine serienmäßige Produktion von Zündern umgesetzt werden. Ein Jahr später als in der HAK begann man bei der MESSAP mit der Produktion. Beide Betriebe arbeiteten eng miteinander zusammen. Die Zündmechanismen wurden in der MESSAP gefertigt, die Geschosshülsen im Hanseatischen Kettenwerk. Zusammengebaut und mit Sprengstoff gefüllt wurden die Teile in Krümmel bei Geesthacht im Werk der Dynamitfabrik Alfred Nobel AG.

Für den Aufbau der HAK und der MESSAP wurde Fachpersonal (Meister, Facharbeiter) aus den Stammwerken nach Langenhorn beordert. Um ihnen das Einleben in der Fremde zu erleichtern und ihnen "ein Stück Heimat mit auf den Weg zu geben" entstand am Weg Nr. 4 eine Werksiedlung im Schwarzwaldstil. Architekt war Paul Richter; die Planung jedoch hatte das Schwarzwälder Uhrenwerk inne.

Die für verdiente Mitarbeiter 1936 erstellte "Beamtenkolonie" an der Langenhorner Chaussee wurden mit Strohdächern versehen, um den Charakter einer bäuerlichen Siedlung vorzutäuschen und die öffentliche Aufmerksamkeit von der Existenz des Werkes abzulenken. Wegen des moorigen Untergrundes mussten ebenerdige Schutzräume erstellt werden, und so erhielten die sechs strohgedeckten Häuser sechs strohgedeckte Luftschutzräume. Die Zahl der Beschäftigten, die man in beiden Werken nun für Rüstungsarbeit benötigte, stieg in den Kriegsjahren rapide an. Waren es in den Aufbaujahren lediglich einige hundert, so betrug ihre Zahl 1940 schon 2000. Bis Kriegsende mussten in beiden Werken über 8000 Menschen arbeiten.

Anfangs freiwillige, später immer mehr dienstverpflichtete Arbeiterinnen und Arbeiter aus Langenhorn und dem Hamburger Umland wurden zur Rüstungsarbeit herangezogen.

Zu Anfang der 40-er Jahre entstanden neue werkseigene Lager in direkter Nähe der MESSAP und der HAK. Dort wurden Fremdarbeiter aus Dänemark, Frankreich, Holland, Belgien, Italien und Kroatien untergebracht.

Mit zunehmender Kriegsdauer, der Besetzung Polens und dem Überfall auf die Sowjetunion, wurde ein großer Teil der dort lebenden Bevölkerung zur Zwangsarbeit in der Rüstungsindustrie rekrutiert. Im Kettenwerk und in der MESSAP mussten bis Kriegsende über 1000 Menschen aus der Sowjetunion, vorwiegend Ukrainer, Zwangsarbeit leisten. Untergebracht wurden sie in einem 1942 eigens errichteten Ostarbeiterlager am Weg Nr. 4. Das Lager wurde streng bewacht, und Kontakte zu deutschen "Gefolgschaftsmitgliedern" waren unter Strafandrohung verboten.

Die Sozialabteilung des "Musterrüstungsbetriebes" HAK war mit dem Aufbau und der Leitung aller Lager für männliche und weibliche Fremd- und Ostarbeiter betraut, sie arbeitete eng mit der Deutschen Arbeitsfront (DAF) und der Gestapo zusammen. Man war bestrebt sogenannte "Musterlager" zu schaffen durch Einrichtungen wie eigene Lagerküche, Gemeinschaftshaus, Waschanstalt, Kranken- und Lazarettstube, welche mit deutschem Personal besetzt waren. Dies schloss allerdings die alltäglichen Erniedrigungen und Diskriminierungen gegenüber den Häftlingen nicht aus.

Mittlerweile besaß das Kettenwerk auch Büroniederlassungen in Paris, bis 1943 waren in Frankreich schon zwei Werke zur Fertigung von Patronenhülsen errichtet worden und weitere drei Werke für diese Produktion vorgesehen. Auch in der besetzten Tschechoslowakei wurde ein Zweigwerk eingerichtet, um die Nachschubwege zur Ostfront zu verkürzen. Zur Rüstungsarbeit im Kettenwerk wurden auch Gefangene aus Fuhlsbüttel herangezogen. Im Konzentrationslager Neuengamme errichtete die MESSAP im Jahre 1942 einen Betrieb zur Herstellung von Zündern für Flak-Granaten.

Im Jahre 1944 wurde neben dem Ostarbeiterlager (heute Essener Straße) ein Frauenaußenlager des KZ-Neuengamme eingerichtet. Über 700 jüdische Frauen verschiedener europäischer Nationalitäten zwangen die Faschisten hier in Langenhorn zur Rüstungsarbeit und zum Aufbau von Plattenbauten (Poppenbüttel).

Zwölf Jahre nationalsozialistischer Politik hatten auch in Langenhorn ihre Spuren hinterlassen. Inmitten von Werkshallen, Splittergräben und Flak-Geschützen, "heimatlichen" Strohdachhäusern, Bunkeranlagen, idyllischen Schwarzwaldhäuslein, Plattenbauten, Barackenlagern und umzäunten Häftlingsbaracken waren hier die unterschiedlichsten Schicksale zusammengetroffen. Belgier, Franzosen, Italiener, Kroaten, Holländer, Dänen, Langenhorner, ukrainische Ostarbeiterinnen und Ostarbeiter, KZ-Häftlinge verschiedenster Nationalität, Sträflinge aus den umliegenden Gefängnissen, Facharbeiter und Meister aus dem Schwarzwald und dem Rheinland, Direktoren, Gestapo- und SS-Wachmanschaften. Man spürte, dass es mit dem sogenannten "Tausendjährigen Reich" zu Ende ging und es nur noch Tage waren, bis die anrückenden englischen Truppen auch Langenhorn erreichten. So schienen sich die Ereignisse zu überschlagen. Während ein Teil der Belegschaft im Bereich der Langenhorner Chaussee herangezogen wurde, um Panzergräben auszuheben und Sperren aufzustellen, mussten andere mithelfen, Konstruktionspläne zu verbrennen. Im Umfeld der Werke wurde tonnenweise Munition vergraben, und bei der MESSAP stellten sich leitende Angestellte Entlastungsscheine aus. Es ging auch das Gerücht um, dass man die Produktion noch einmal umstellen wollte: auf Kuckucksuhren.

Am 3. Mai 1945 zogen die englischen Truppen in Hamburg ein. Anfang September übernahmen sie die Kettenwerke und die MESSAP und nutzten das Gelände für die Wartung und Instandhaltung ihres Fahrzeugparks. Später zogen die englischen Truppen auf das ehemalige Gelände von Blohm & Voss nach Finkenwerder. Die Werksanlagen der MESSAP wurden einige Jahre von der Royal Air Force (RAF) und später von einem anderen ehemaligen Rüstungsbetrieb, der Philips-Tochter VALVO (Röhrenfabrik) genutzt.

Die Baracken des ehemaligen KZ-Außenlagers wurden zu einem Wohncamp umfunktioniert, welches für heimkehrende Soldaten, Flüchtlinge, Vertriebene und Helfer zur Verfügung stand. Heute befindet sich dort eine Wohnsiedlung. Nur die Reste eines Röhrenbunkers, der an das Ostarbeiterlager angrenzte, sind aus jenen Tagen übrig geblieben.

Im Jahre 1951 änderte die Verwertungsgesellschaft für die Montanindustrie ihren Namen, unter dem sie auch heute noch firmiert: "Industrie- und Verwaltungsgesellschaft" (IVG) und verlegte ihren Sitz von Lippoltsberg nach Bonn. Ihre Zweigstelle Hamburg, mit Sitz in der Essener Straße in Langenhorn, verwaltet auch heute noch die Gelände der ehemaligen Rüstungsbetriebe HAK und MESSAP.

Die IVG plant heute, auf dem ehemaligen HAK-Gelände einen industriellen Gewerbepark entstehen zu lassen. Viele ehemalige Fabrikationsgebäude der HAK sind diesen Plänen schon zum Opfer gefallen. Obgleich es in einem am l4.5. 1993 erstellten Gutachten des Hamburger Denkmalschutzamtes über das Gelände des Kettenwerkes heißt:

"Die Gesamtanlage der ehemaligen Hanseatischen Kettenwerke stellt ein äußerst wichtiges Dokument der NS-Zeit dar. Als Kristallisationskern für die Entwicklung des Stadtteils Langenhorn, in dem die spezifisch 'nationalsozialistischen' Vorstellungen von Arbeiten und Wohnen in ihrer antidemokratisch-hierarchischen Struktur verwirklicht wurden und zugleich auch die unter politischen und besonders auch rassistischen Vorzeichen im Zusammenhang mit der Rüstungsproduktion in Gang gesetzte Vernichtung von Menschen durch Arbeit stattfand, haben sie historische Bedeutung. Aus historischen Gründen ist die Gesamtanlage erhaltenswert. Ihre Erhaltung liegt im öffentlichen Interesse."

Diese Interessen wurden bei der Erteilung von Abrissgenehmigungen durch die verantwortlichen Behörden und politischen Gremien jedoch nicht berücksichtigt.

Von den wenigen Gebäuden, welche aus jener Zeit noch erhalten sind, ist das ehemalige Verwaltungs- und Direktionsgebäude der HAK in der Essener Straße 99 eines der letzten. Hier ging damals die Verwaltungsspitze des Rüstungsbetriebes ein und aus, hier wurden Entscheidungen über die Steigerung der Rüstungsproduktion getroffen, hier wurde über menschliche Schicksale entschieden.

Seit 1995 ist der Kunstverein Kettenwerk e.V. der Hauptmieter des von der IVG verwalteten Gebäudes. Künstler haben hier ihre Ateliers, und regelmäßig finden hier kulturelle Veranstaltungen (Ausstellungen, Lesungen, Konzerte) statt. Im Kellergeschoss des Hauses wurde von mir eine Rauminstallation in den noch authentischen Räumen erarbeitet, welche sich mit der Geschichte des Hauses und der beiden Rüstungsbetriebe auseinandersetzt. Die Spurensuche und ihre Umsetzung sind dabei zu einem persönlichen Teil von Erinnerungsarbeit geworden.

Dies alles soll im Frühjahr 1999 verschwinden, wenn die Abrisspläne der IVG in die Tat umgesetzt werden. Das ehemalige Verwaltungs- und Direktionsgebäude, die dahinter liegende Baracke (ehem. Konstruktions- und Laborgebäude) sowie das am Eingang stehende ehemalige Wachgebäude sind diesmal die Ziele der Abrissbagger.

Somit verschwinden für die Langenhorner Bürger Stück für Stück immer mehr nachvollziehbare Zeugnisse der Zeitgeschichte.

Harald Meyer

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Die Zwangsarbeiterbaracke am Wilhelm-Raabe-Weg

Seit dem 1. April 1998 ist die Willi-Bredel-Gesellschaft Eigentümerin der Zwangsarbeiterbaracke (ehemaliger Sitz der Lagerleitung) und der Waschbaracke am Wilhelm-Raabe-Weg 23. Das 840 qm große Grundstück wurde von der Liegenschaft gepachtet. Der Weg zu dieser, letztlich auf einer außerordentlichen Mitgliederversammlung im Februar 1998 getroffenen Entscheidung, war kompliziert, die Risiken und Nebenwirkungen sind noch nicht abzusehen.

Nachdem wir Ende 1997 von dem geplanten Abriss dieser letzten im Hamburger Stadtbild erhaltenen typischen Zwangsarbeiterunterkunft hörten, wollten wir eigentlich nur erreichen, dass die Gebäude erhalten bleiben. Ein derartiges Projekt gehört ohne Zweifel in die Verantwortung und Trägerschaft öffentlicher Einrichtungen. Für die Finanzierung müssten eigentlich die Nutznießer der Zwangsarbeit (vor Ort der Flughafen und Röntgen-Müller) herangezogen werden - gerade auch vor dem Hintergrund der neuentfachten Diskussion um die Entschädigung von Zwangsarbeitern (Bundesstiftung). Trotz zahlreicher Gespräche mit der Kulturbehörde, der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, dem Denkmalschutzamt, der Flughafen Hamburg GmbH und den kommunalen Behörden ließ sich keine derartige Lösung finden und die Baracken wären 1998 abgerissen worden. So hat die Bredel-Gesellschaft mit großen Bauchschmerzen die Verantwortung für den Erhalt der Baracken übernommen, während das Liegenschaftsamt gerade mal dazu bereit war, den Abriss von zwei auf dem Grundstück befindlichen Schuppen neueren Datums zu übernehmen. Bei den Vertragsverhandlungen haben uns insbesondere der Ortsamtsleiter Günther Schwarz und der Beschäftigungsträger Mook Wat e.V. unterstützt.

Unterm Strich liegt nun die Trägerschaft bei einer örtlichen Geschichtswerkstatt mit etwa achtzig Mitgliedern, von denen nur ein Dutzend ehrenamtlich aktiv tätig sind. Wir übernehmen als Risiken neben den laufenden Kosten (Pacht und diverse Nebenkosten) die Sanierungsaufwendungen für die Gebäude, die Sicherung des Geländes und bei Kündigung des Pachtvertrages auch die Abrisskosten für die Baracken. Bis heute sind Rechnungen für Baumaßnahmen und Versorgungsanschlüsse in Höhe von ca. 45.000 DM aufgelaufen.

Nach der Sicherung und Instandsetzung der Gebäude planen wir eine Dauerausstellung zum Thema Zwangsarbeit in Hamburg-Nord in einem ca. 100 qm großen Teil der Baracke. Hier könnte die Erinnerung an das Leid der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter wachgehalten werden, die in Hamburg unter unmenschlichen Bedingungen zum Nutzen der Hamburger NS-Verwaltung und zahlreicher Unternehmen arbeiten und leben mussten.

Im Sommer 1998 konnte mit Hilfe von bezirklichen Sondermitteln in Höhe von 15.000 DM die äußere Sanierung der großen Baracke in Angriff genommen werden. Der Beschäftigungsträger Mook Wat e.V. hat als erste Baumaßnahme das Dach und die Schornsteine grundsaniert. Inzwischen sind die neuen Regenrinnen an das Sielnetz angeschlossen, die Fenster und Fensterläden instandgesetzt und Zwischendecken eingezogen worden. Die Finanzierung weiterer Innenausbaumaßnahmen und der geplanten Ausstellung steht noch in den Sternen.

Zur Absicherung der laufenden Kosten unseres Projektes konnte im Januar 1999 mit Mook Wat e.V. ein langfristiger Mietvertrag für Lagerräume von 80 qm abgeschlossen werden. Ein ausführliches Sanierungs- und Nutzungskonzept ist Ende letzten Jahres potentiellen Spendern und Unterstützern zugegangen, bisher hat lediglich die Hamburger Sparkasse eine gewisse finanzielle Unterstützung in Aussicht gestellt. Ohne erhebliche Zuwendungen von privater oder öffentlicher Seite können wir keine weiteren Baumaßnahmen finanzieren und die Erstellung einer Ausstellung rückt in weite Ferne.

Hans Matthaei

Aus dem Vorwort des Sanierungs- und Nutzungskonzeptes

Seit einigen Monaten ist die Diskussion um die Entschädigung von ausländischen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern ein wichtiges Thema in der Öffentlichkeit und in den Medien. Unter dem Druck der Öffentlichkeit lassen bzw. ließen nach und nach Nutznießer des Zwangsarbeitereinsatzes, wie Siemens, Daimler-Benz und Volkswagen ihre Rolle während des Krieges historisch aufarbeiten. Nach langem Hin und Her haben sich jetzt unter dem Druck von Klageandrohungen VW und Siemens bereiterklärt, die Überlebenden individuell zu entschädigen. Nach Spitzengesprächen von hochrangigen Konzernvertretern mit Bundeskanzler Schröder ist die Einrichtung einer Stiftung zur Entschädigung der Zwangsarbeiter geplant.

In diesem Zusammenhang ist es dringend notwendig, die letzten in Hamburg weitgehend noch im Originalzustand vorhandenen Zwangsarbeiterbaracken zu erhalten und mit Leben zu erfüllen, d.h. an das tragische Schicksal der Zwangsarbeiter während des Zweiten Weltkrieges auch in Hamburg zu erinnern!

Nachdem die Baracken und die Überreste des Lagers von der Willi-Bredel-Gesellschaft mit engagierter Unterstützung des Ortsamtsleiters Herrn Schwarz und des Leiters der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, Herrn Dr. Garbe, vor dem Abriss durch die Liegenschaft gerettet werden konnten, ist es an der Zeit, dass staatliche Institutionen wie die Kulturbehörde die Einrichtung und die Sicherung einer ständigen Ausstellung über den Zwangsarbeitereinsatz in Hamburg inhaltlich und finanziell fördern. Gerade einer internationalen Handelsmetropole würde es gut zu Gesicht stehen, an das Schicksal von Zehntausenden, die aus fast allen Staaten Europas kamen, dauerhaft, angemessen und anschaulich zu erinnern.

Dass das Interesse am Umgang mit diesem Thema im Ausland sehr groß ist, zeigte sich uns konkret beim internationalen Workcamp der KZ-Gedenkstätte Neuengamme auf dem Gelände am Wilhelm-Raabe-Weg 23. Vierzehn Jugendliche aus neun europäischen Ländern arbeiteten mit großem Engagement auf dem Lagergrundstück (16.-29.8. 1998). Die jungen Menschen legten Gebäudereste frei, sicherten Spuren und umzäunten das Gelände. Vielen von ihnen war durch die Generation der Eltern und Großeltern das Thema Zwangsarbeit ("Reichseinsatz") bekannt.

Hans-Kai Möller

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Neue Staatsexamensarbeit zur Zwangsarbeiter-Forschung

Nachdem wir seinen umfangreichen Fragebogen ausführlich beantwortet und ihm unsere Veröffentlichungen zum Thema Zwangsarbeiter zugesandt hatten, bedankte sich Hans Ostermann mit einem Exemplar seiner interessanten Staatsexamensarbeit bei uns. Die Arbeit mit dem etwas sperrigen Titel "Das Schicksal der Zwangsarbeiter während des Zweiten Weltkriegs in der historischen Forschung, in der Rezeption und als museumspädagogisches Projekt" umfasst 100 Seiten und einen Dokumenten- und Bildanhang. Sie untersucht kenntnisreich und kritisch die in der BRD erst Ende der siebziger Jahre einsetzende Forschung und deren "Konjunkturen" zu diesem jahrzehntelang verdrängten Thema.

Ostermann arbeitet auf der Basis zahlreicher vielfach selbst erhobener Detailinformationen, einen großen Anteils des Schülerwettbewerbes "Deutsche Geschichte", sowie zahlreicher Geschichtswerkstätten aus allen Teilen der Republik an der Erforschung und in noch stärkerem Maße an der Vermittlung des Schicksals der Zwangsarbeiter. Positiv wird in diesem Zusammenhang auch erwähnt, dass die Bredel-Gesellschaft als einzige Hamburger Geschichtswerkstatt regelmäßig einen speziellen Stadtteilrundgang zu diesem Thema anbietet.

Unser Projekt Zwangsarbeiterbaracke wird in der Arbeit ebenfalls gewürdigt. Interessant und anregend, insbesondere für Menschen, die sich für unsere Zwangsarbeiterbaracke engagieren wollen oder engagieren, ist der Abschnitt über das museumspädagogische Projekt in Oldenburg, das während des Sommersemesters 1998 an der Universität Oldenburg unter Leitung von Frau Prof. Dr. Günter-Arndt von einer studentischen Arbeitsgruppe durchgeführt wurde.

Diese umfangreiche Arbeit wertet eine Ausstellung mit zielgruppenorientierten Führungen, eine Ringvorlesung, eine Fahrradrundfahrt zu markanten Stellen der Geschichte der Zwangsarbeit in Oldenburg sowie Sonderaufführungen des Spielfilms "Das Heimweh des Walerijan Wrobel" aus. Das Projekt enthält im Hinblick auf die erfolgreiche Vermittlung von Forschungsergebnissen zahlreiche wichtige Erfahrungen, Überlegungen und Hinweise, die sich für unsere Arbeit auszuwerten lohnen. Eine ausführliche Darstellung und Diskussion der Ergebnisse würde den Rahmen des Rundbriefes sprengen, deshalb lest am besten selbst mal nach. Die Arbeit befindet sich in unserer Bibliothek.

Hans-Kai Möller

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Willi Bredels Privatbibliothek in Hamburg eröffnet

Im zehnten Jahr der Willi-Bredel-Gesellschaft ist es uns endlich gelungen, einen wichtigen Teil von Bredels geistigem Werkzeug nach Hamburg zu holen: Die über 5.000 Bände umfassende Privatbibliothek wurde am 23. April 1998 feierlich der "Forschungsstelle für Zeitgeschichte" als Dauerleihgabe übergeben. Ein Höhepunkt der Veranstaltung waren die persönlichen Erinnerungen von Prof. Dr. Gerhard Dengler (Berlin) an Willi Bredel. Prof. Dengler lernte Bredel im "Nationalkomitee Freies Deutschland" kennen, nachdem er als junger Offizier vor Stalingrad mit seinem Truppenteil zur Roten Armee übergelaufen war.

Die Bibliothek umfasst neben wertvollen Hamburgensien und Werken deutscher Klassiker seltene Ausgaben der Exil- und Arbeiterliteratur, sowie vor allen Dingen eine umfangreiche Sammlung fortschrittlicher Autoren dieses Jahrhunderts. So lassen sich in der Bibliothek zum Beispiel eine zwanzigbändige Heine-Ausgabe aus dem Verlag Hoffmann & Campe von 1863, sämtliche Werke von Martin Andersen Nexö, seltene Ausgaben der Verlage Malik, Büchergilde Gutenberg, Universum, Internationaler-Arbeiter-Verlag, Veegar, Deutscher Staatsverlag und Edition Carrefour finden. Die Bücher wurden in Hamburg nach der gleichen Systematik aufgestellt, wie sie Bredel in seiner Berliner Wohnung angewendet hat. Eine wissenschaftliche Aufarbeitung der Bibliothek ist bisher noch nicht erfolgt, wäre aber sicherlich ein lohnenswertes Forschungsthema.

Die Bibliothek hat zahlreiche Umzüge hinter sich: Die Anfänge der Sammlung gehen bis in Bredels Moskauer Exiljahre (1934-1945) zurück. Aus dieser Zeit sind z.B. alle Ausgaben der Exilzeitschrift "Das Wort", die Bredel gemeinsam mit Brecht und Feuchtwanger in Moskau von 1936-1940 herausgab, zu finden. Von 1945 bis 1949 lebte und arbeitete Bredel in Schwerin, bis zu seinem Tode 1964 in Berlin. Die Bibliothek blieb zunächst im Besitz der Familie. Nachdem Bredels Witwe Maj 1987 wegen einer langen, schweren Erkrankung nicht mehr in der Lage war, die Pflege der Bibliothek zu gewährleisten, entstand der Plan, in Bredels Wohnhaus in Schwerin ein literarisches Zentrum unter Einschluss der Bibliothek einzurichten. Nach der "Wende" blieben die Bücher zunächst in ihrem Zwischenlager, der Großherzöglichen Bibilothek im Schweriner Schloss, liegen: wohlverwahrt, aber ungenutzt.

Die WBG bemühte sich dann jahrelang darum, in Hamburg geeignete Räumlichkeiten für die Unterbringung der Sammlung zu finden. Schließlich wurde mit der "Forschungsstelle für Zeitgeschichte" ein Partner gefunden. Dank der Initiative von Dr. Lohalm, Wissenschaftlicher Direktor der Forschungsstelle, wurden die Vertragsverhandlungen und die Aufstellung der Bibliothek in einem gesonderten Raum unbürokratisch und zügig realisiert. Zwei großformatige Tafeln geben dort über Bredels Biographie und die Geschichte der Bibliothek Auskunft. In der Forschungsstelle, sowie bei der Bredel-Gesellschaft selbst, ist die in diesem Jahr erschienene Broschüre von Hans-Kai Möller "Willi Bredel 1901-1964" erhältlich. In den Räumen der Bredel-Gesellschaft, Im Grünen Grunde 1 c, befindet sich neben Bredels Werken eine umfangreiche Fotosammlung, sowie zahlreiche persönliche Gegenstände des Schriftstellers, u.a. seine Schreibmaschine, sein Schreibtisch und sein Füllfederhalter.

Hans Matthaei

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Schauspieler lesen Bredel

Ein sonniger Frühlingstag in Hamburg: Der 19. April 1998. Draußen an der Laufstrecke des Hanse-Marathons Volksfeststimmung und Applaus für schnelle Läufer, drinnen Applaus für die Schauspieler Garbers und Klaußner, sowie den Moderator Matthias Wegner bei der Bredel-Matinee im Logensaal der Hamburger Kammerspiele.

In der Reihe "Dichter in Hamburg" wurde neben Lessing, Claudius und Heine tatsächlich einmal der Hamburger Arbeiterschriftsteller Willi Bredel gelesen. Trotz der Seitenhiebe des Moderators auf eine angeblich zu angepasste Rolle des Schriftstellers als Funktionsträger in der DDR, stellte er in seiner Textauswahl einen humorvollen und warmherzigen Bredel vor, der allerdings durch seine ungeschminkte Darstellung der Arbeitswelt bei Nagel & Kaemp und in der Wäscherei "Frauenlob" eine für die Weimarer Republik unbequeme Literatur produzierte. Es wurde aus den entsprechenden Werken, sowie aus dem KZ-Roman "Die Prüfung" gelesen. Zu den vergnüglichen Themen zählten "Faust auf der Reeperbahn" und die Geburtsszene von Walter Brenten aus dem proletarischen Familienroman "Die Väter".

Bredels Talent, durch solche humoristischen Darstellungen die Menschen zum Lachen, wie auch zu betroffenem Schweigen angesichts von Folterszenen im KZ Fuhlsbüttel zu bewegen, wurde durch die Vortragskunst der beiden Schauspieler noch verstärkt.

Später dann, beim Zusammensein im Theatercafe Jerusalem, freute sich der Vorstand der Willi-Bredel-Gesellschaft über die freundlich lobenden Worte von Matthias Wegner zu den Aktivitäten unseres Vereins.

Unter den etwa 100 Zuschauern konnten wir übrigens auch Willi Bredels Enkelin Britta Bredel begrüßen, die zu dieser Veranstaltung aus Berlin angereist war.

Holger Tilicki

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1998: Auf den Spuren des Malik-Verlages in Prag

"Prag, das Prag von damals, mit seinen Menschen - Tschechen, Juden, Emigranten - ist heute wie ein Traum. Da war noch der Golem und in den alten Häusern war noch ein Hauch von k. und k. Diesen Traum, S.H. hat immer wieder versucht, ihn nachzuträumen; aber er war zerschellt in den Jahren des Kriegs und der Besetzung durch die Nazis."

Stefan Heym, Nachruf

Begibt man sich auf die Spuren des antifaschistischen literarischen Exils der Jahre 1933-1938 nach Prag, so wie wir 15 Mitglieder der Willi-Bredel-Gesellschaft es im vergangenen Mai taten, kommt selten ein Gefühl von Nostalgie auf. Am Bärenhaus zu Prag die Eisenmanschette zu entdecken, an der jene Hausglocke befestigt gewesen sein muss, mittels welcher der junge Stefan Heym in seiner Fluchtnacht 1933 sich den Kischs bemerkbar machte, - das ist schon die Ausnahme auf unserem Gang durch die Geschichte Prags.

Es gibt kein "Denkmal für Exilliteratur". Man muss sich die Sachzeugen der antifaschistischen Emigration schon selbst erschließen. Die Lektüre von Texten aus und über diese Exiljahre gehört dazu. In Prag selbst sind es dann meist die Denkmäler auf den zweiten Blick (von denen es hier zahlreiche gibt), die es ausfindig zu machen gilt. Ohne einen sachkundigen Führer gelingt das nicht, will man sicher sein, etwa im "Graben" tatsächlich vor dem ehemaligen Café "Continental" zu stehen, wo sich einst die Exilkünstler trafen.

Auch das Gebäude zwischen der Konviktská und der Betlémská, wo der Malik-Verlag von Wieland Herzfelde 1933 sein neues Domizil gefunden hatte, fällt auf den ersten Blick nicht auf. Wir besichtigen es. Aber Hinweise auf den Malik-Verlag finden sich dort nicht mehr. "Gesprächiger" zeigen sich da schon die Schätze in der Tschechischen Nationalbibliothek. Dort stöbern wir in den Heften des in Prag 1934/35 erschienenen antifaschistischen Satireblatts "Der Simpl", - dessen sämtliche Ausgaben beider Jahrgänge nur noch hier vorhanden sein sollen.

Doch welche Zeugen könnten Geschichte lebendiger vermitteln als lebende Zeitzeugen? Drei von ihnen begegnen wir: Prof. Jirí Franék bringt uns Prag als traditionelle Heimstatt der Emigranten nahe, und der fast 90-jährige Erich Machleidt erinnert an seine Prager Jugendjahre und seine Begegnungen mit tschechisch-deutschen Schriftstellern. Aber besonders Lenka Reinerová, Jahrgang 1916, fesselt uns. Mit Weiskopf und Kisch hat sie damals eng zusammengearbeitet. Die Kreise um Kisch, Weiskopf und Reinerová gehörten zu den wichtigsten Anlaufpunkten für die aus dem Reich emigrierten Dichter. Wenn die Reinerová erzählt, kann man nicht weghören. Wir erfahren von ihr, dass sie mit 16 Jahren in der Filiale einer großen slowakischen Papierfabrik in der Betlémská-Gasse angestellt war. Damals hatte sie von von den Platzsorgen des Malikverlags in Prag gehört. So mußte der emigrierte Wieland Herzfelde mit Familie und Verlag in einem winzigen Pensionszimmer kampieren. Lenka Reinerová schildert uns, wie sie Herzfelde schließlich aus der Klemme half: "Da hab ich allmählich angefangen, dem Direktor unserer Papierfirma beizubringen, dass der Konferenzsaal doch völlig unausgenützt sei und dass es eigentlich schade sei und ich wüsste da von einem Verlag. Mein Chef, er hieß Stein, war ein sehr fortschrittlicher und kulturbewusster Mann. Er hat dann also Wieland Herzfelde mit seinem Malikverlag in unserem Konferenzsaal untergebracht. Und sicher war ihm klar, dass das für seine Papierfirma kein großes Geschäft sein würde!" So kam Wieland Herzfelde mit einem Schlag zu Verlagsräumen, Wohnung und Papierlieferanten im selben Haus.

Heute schreibt Lenka Reinerová an ihren Erzählungen und Erinnerungen. Seit vielen Jahren erscheinen beim Berliner Aufbau-Verlag ihre Bücher. Ihr jüngster Titel, "Mandelduft", ist im Handel erhältlich.

Nachtrag: Ralf Wassermeyer, der zusammen mit Claus Strätz bereits 1996/97 eine Malik-Ausstellung in Lübeck organisiert hatte, lud uns Pragfahrer nach Bad Schwartau ein, um uns in die reiche Sammlung seiner Malik-Bücher einzuführen. Und im Oktober erlebten wir auf der "Cap San Diego" im Hamburger Hafen die öffentliche Vorstellung des im Primus-Verlag Darmstadt herausgegebenen "Handbuchs der deutschsprachigen Emigration 1933- 1945", ein voluminöses Nachschlagewerk zum Thema. Ein Kapitel ist dem "literarischen und künstlerischen Exil" gewidmet.

René Senenko

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Bredels "Väter" auf der Leinwand Filmtage 1998

Aus den Tiefen des Deutschen Rundfunkarchivs in Potsdam hat René Senenko einen Schatz des DFF (Deutscher Fernsehfunk der DDR) ans Licht geholt: die dreiteilige Verfilmung von Willi Bredels Roman "Die Väter" von 1971. Von der kuriosen Jahrhundertsylvesterfeier 1900 bis zum Beginn des ersten Weltkrieges werden die von Bredel in seinem Roman liebevoll geschilderten Verwandten und Bekannten lebendig. So der alte, ewige Sozialdemokrat Johann Hardekopf, der erst kurz vor seinem Tod mit seiner Partei in Konflikt gerät, seine Frau Pauline, seine Tochter Frieda und sein Schwiegersohn, der Zigarrendreher Carl Brenten, also die Großeltern und Eltern von Willi Bredel. Der stets nachdenkliche Gustav Stürck mit seinem "ja, das trifft zu!" und Paul Papke - gespielt vom Regisseur Georg Leopold. Auch wenn die Schauspieler ab und an vom Hamburgischen ins Berlinerische verfielen, insgesamt eine gelungene, werkgetreue Verfilmung mit noch heute aktuellen Seitenhieben gegen SPD und "Grüne". Der Film bemüht sich, obwohl nicht an Originalschauplätzen gedreht werden konnte, um Hamburger Lokalkolorit, nicht nur in den Kneipen bei Zigarren und zahlreichen "Halben".

Die Filme erwiesen sich als absoluter Publikumsrenner: an beiden Filmtagen war der Saal rappelvoll, und wir erhielten zahlreiche Anfragen nach Verleihmöglichkeiten aus dem ganzen Bundesgebiet. Wir werden die Filme also sicherlich noch einmal zeigen, ergänzt um einen DFF-Film nach Bredels Roman "Die Enkel".

Hans Matthaei

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Nach 20 Jahren: Endlich wieder Bredel-Biografie erschienen

Im letzten Rundbrief wurde sie angekündigt, jetzt ist sie im Buchhandel und bei der Bredel-Gesellschaft erhältlich: Die biographische Skizze "Willi Bredel - Ein deutscher Weg im 20. Jahrhundert" von Prof. Rolf Richter. Das Interesse an dieser Veröffentlichung war größer, als wir erwartet hatten. Über 60 Interessierte kamen in den schönen Saal des Literaturhauses, um an der Präsentation des 148 Seiten umfassenden Werkes teilzunehmen. Als Vertreter der Bredel-Gesellschaft stellte Hans-Kai Möller die Gründe der WBG für die Herausgabe und Bezuschussung dieser Veröffentlichung dar und ordnete sie in die zahlreichen Aktivitäten zum zehnjährigen Bestehen der Bredel-Gesellschaft ein. Im Anschluss stellte Prof. Rolf Richter (Rostock) die Schwerpunkte der Biographie dar und knüpfte dabei an die antifaschistischen Demonstrationen gegen den provokativen NPD-Aufmarsch in Rostock an die am gleichen Wochenende stattgefunden hatte. Ausführlich ging er auf Bredels in der alten BRD wenig rezipierten Werke über die französische Revolution und die preußischen Militärreformer in den Befreiungskriegen ein. Abgerundet wurde der Abend durch eine "Biographie in Bildern": den 1976 gedrehten DEFA-Dokumentarfilm "Willi Bredel - Schriftsteller, Kämpfer, Genosse", in dem auch Willi Bredels Jugendfreund Otto (Otje) Gröllmann zu sehen war, der unser ältestes Mitglied ist.

Wir hoffen, dass die in den "Informationen" (Studienkreis Deutscher Widerstand) Nr. 48/1998 erschienene Rezension von Prof. Dr. Karl-Heinz Jahnke viele Leser des Rundbriefes dazu motiviert, die Biographie zum Preis von 22,80 DM + 1,50 DM Porto bei uns zu bestellen. Als Ergänzung empfehlen wir dem interessierten Leser bzw. der interessierten Leserin die illustrierte Kurzbiographie "Willi Bredel 1901-1964 - Lebensdaten, Bildzeugnisse, Privatbibliothek", die u.a. zwölf Fotos aus den verschiedenen Lebensabschnitten des Schriftstellers enthält. Sie ist nicht im Buchhandel erhältlich, aber bei uns zum Preis von 2 DM zu beziehen.

Hans-Kai Möller

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Willi-Bredel-Biografie (Rezension)

Ein Ziel der seit 1988 in Hamburg bestehenden Willi-Bredel-Gesellschaft - Geschichtswerkstatt e.V. ist, Leben und Werk des Schriftstellers Willi Bredel bekanntzumachen. Eine Schlüsselstellung nimmt dabei seine Rolle im antifaschistischen Widerstand ein.

Die gravierenden Veränderungen seit l989/90 haben neue Fragen nach dem Verhalten und dem Platz von Willi Bredel in den historischen Auseinandersetzungen zwischen 1914 und 1964 aufgeworfen. Vorschnell wurde von manchen Autoren wegen der Mitgliedschaft Bredels in der KPD und seiner positiven Haltung zur Sowjetunion sowie zur DDR der Stab gebrochen.

Der Rostocker Literaturwissenschaftler, Prof. Dr. Rolf Richter, stellt sich in seinem Buch neuen Fragen und Herausforderungen. In einer biographischen Skizze behandelt er in sieben Kapiteln die wichtigsten Lebensabschnitte von Willi Bredel und versucht eine abschließende Bilanz.

Grundlage der Darstellung sind v.a. das literarische Werk und andere schriftliche Zeugnisse Willi Bredels. Ausgewogene Beachtung finden bisher vorliegende wissenschaftliche Arbeiten. Der erst in den letzten Jahren mögliche Zugang zu einzelnen Archiven bot manch Neues.

Im ersten Kapitel werden Kindheit und Jugend sowie die Rolle von Willi Bredel in der Hamburger Arbeiterbewegung knapp behandelt. Besondere Beachtung finden die Auseinandersetzungen mit den Nazis. Unmittelbar nach dem Reichstagsbrand wurde Willi Bredel Ende Februar 1933 verhaftet. Er kam in das Gefängnis Fuhlsbüttel, das bald zu einem der ersten Konzentrationslager des Hitlerregimes umgewandelt wurde. Hier erlebte er 13 sehr schwere Monate, davon elf Monate Einzelhaft und sieben Wochen Dunkelarrest, begleitet von zahlreichen Folterungen. Diese "Erlebnisse" fanden ihre Widerspiegelung in dem Buch "Die Prüfung". Es wurde 1935 durch Wieland Herzfelde im Prager Malik-Verlag herausgegeben und fand ein außerordentliches internationales Echo. Das Buch erschien in 17 Sprachen. Damit wurde zum ersten Mal ein authentischer Bericht über die Verbrechen Hitlerdeutschlands gegenüber deutschen Antifaschisten weltweit bekannt.

In den Kapiteln II bis IV wird das Leben Willi Bredels zwischen 1934 und 1941 im Exil, in der Tschechoslowakei, der Sowjetunion und Spanien, dargestellt. Es gelingt den spezifischen Beitrag Bredels zur Auseinandersetzung mit dem Hitlerfaschismus, vor allem in Spanien, herauszuarbeiten. Deutlich wird aber auch, wie stark die innenpolitische Situation in der Sowjetunion, der wachsende Einfluss des Stalinismus, Bredel belastete und sein Wirken einschränkte. Trotz allem entstanden zwischen 1938 und 1941 einige seiner wichtigsten Werke wie "Die Väter" und "Die Vitalienbrüder".

Gegenstand des Kapitel V ist der Einsatz Willi Bredels im Widerstand nach dem Überfall Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion. Im Zentrum steht die Tätigkeit im Nationalkomitee "Freies Deutschland" und unter deutschen Kriegsgefangenen.

Zu den interessantesten Kapiteln zählt "VI. Die Nachkriegsjahre - Rostock und Schwerin". Von 1945 bis 1949 hat Willi Bredel in Mecklenburg geholfen, die Folgen von Krieg und Faschismus zu überwinden und antifaschistisch-demokratische Verhältnisse aufzubauen. Seine besondere Sorge galt dem kulturellen Neubeginn und der Umerziehung der Jugend. Eine wertvolle Quelle der geistigen Auseinandersetzung dieser Zeit ist die von Bredel herausgegebene und redigierte kulturpolitische Zeitschrift "Heute und Morgen". Der letzte Lebensabschnitt führt Willi Bredel Ende 1949 nach Berlin. Bis zum Tode am 27. Oktober 1964 hat er entsprechend seinen Kräften versucht, in der DDR seine Vision von einem neuen Deutschland zu verwirklichen. Richter ist in Kapitel "VII. Für eine demokratische sozialistische Republik - Berlin" bemüht, diese widerspruchsvolle Zeit zu erfassen. Deutlich werden das große, ehrliche Engagement Bredels für ein neues Deutschland, aber auch die Überforderungen und Grenzen seines Wirkens.

Mit dem Buch ist ein gelungener Schritt getan, Leben und Werk Willi Bredels neu zu erschließen. Überzeugend nachgewiesen werden kann, dass es unberechtigt ist, die Arbeit Bredels als veraltet und bedeutungslos abzutun. Auch in Zukunft können Bücher von Willi Bredel helfen, besser zu verstehen, was Hitlerfaschismus und antifaschistischer Widerstand bedeuten. Gleiches gilt für den schwierigen Neuanfang nach 1945 in Ostdeutschland.

Rolf Richter: Willi Bredel. Ein deutscher Weg im 20. Jahrhundert, Willi-Bredel-Gesellschaft - Geschichtswerkstatt e.V. Hamburg (Hrsg.), Rostock: Neuer Hochschulschriftenverlag, 1998.

Karl Heinz Jahnke

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Gerda und Walter Ahrens

Eine umfassende, alle Bereiche des antifaschistischen Widerstandes zwischen 1933 und 1945 behandelnde Geschichte, ist noch nicht geschrieben. Einen besonderen Platz sollten darin die Menschen einnehmen, die bereits vor 1933 und in den zwölf Jahren faschistischer Diktatur Widerstand zu leisten versuchten. Die Mehrzahl von ihnen kam aus Arbeiterfamilien. Ein Beispiel dafür ist die Familie Gerda und Walter Ahrens aus Hamburg. Der bevorstehende 85. Geburtstag von Gerda Ahrens am 2. April 1999 bietet den Anlaß, darüber zu berichten.

Als sich Gerda Müller und Walter Ahrens 1932 kennenlernten, waren sie 18 bzw. 19 Jahre alt. Beide kamen aus sozialdemokratisch orientierten Hamburger Arbeiterfamilien. Früh hatten sie ihren Platz bei den Roten Falken und später in der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ) gefunden. Aus Unzufriedenheit mit der Politik des Parteivorstandes der SPD gehörten sie im Herbst 1931 zu denen, die sich der SAP bzw. dem Sozialistischen Jugendverband (SJVD) anschlossen. In den Reihen des SJVD nahmen sie aktiv an den Auseinandersetzungen mit den auch in Hamburg immer frecher auftretenden Hitlerfaschisten teil.

Walter Ahrens hatte nach dem Besuch der Volksschule keine Lehrstelle bekommen. Ausbildungsplätze gab es immer weniger. Erschwerend hinzu kam die Behinderung durch eine starke Sehschwäche. Es blieb ihm nur die Möglichkeit, als Kutscher bei der Bahn zu arbeiten. Wegen Beteiligung an einem Streik wurde ihm gekündigt, und er erhielt nur noch Gelegenheitsarbeiten.

Gerda Müller wollte eigentlich Kindergärtnerin werden. Nach der Mittleren Reife folgte ein einjähriges Praktikum in einer Kinderkrippe. Trotz guter Eignung konnte sie wegen Geldmangels das Seminar zur Ausbildung von Kindergärtnerinnen nicht besuchen. Mit viel Mühe gelang es ihr statt dessen, eine kaufmännische Lehre zu beginnen. Im Mai 1932 wurde sie durch die Landesschulbehörde vom weiteren Besuch der Berufsschule ausgeschlossen. Ihr wurde vorgeworfen, den "Schulfrieden" gestört zu haben, weil sie an Auseinandersetzungen mit Anhängern des Bundes Deutscher Mädchen (BDM) beteiligt war.

Nach dem 30. Januar 1933 gehörten Walter Ahrens und Gerda Müller zu den Angehörigen der Hamburger Arbeiterjugend, die nicht aufgaben. Aus der Illegalität leisteten sie Widerstand gegen das NS-Regime. Sie hatten sich dem Kommunistischen Jugendverband (KJVD) bzw. dem Roten Frontkämpferbund angeschlossen.

Walter Ahrens wurde bereits 1933 verhaftet. 42 Tage war er Gefangener in Fuhlsbüttel und dort, wie viele andere, brutalen Misshandlungen ausgesetzt.

Im April 1934 erfolgte die Einberufung zum Arbeitsdienst. Sechs Monate musste er in den Lagern Schömberg in Schlesien und Rogau in Oberschlesien körperlich schwer arbeiten und war einem straffen militärischen Drill unterworfen. Zusammen mit anderen Antifaschisten aus dem SJVD und dem KJVD organisierte er hier den Widerstand. Über die Grenze hinweg bestanden Kontakte zu Hitlergegnern in der Tschechoslowakei, von denen sie Flugblätter erhielten.

Am 4. Oktober 1934 wurde Walter Ahrens erneut festgenommen und kam in die Haftanstalt Oppeln. Später wurde er in das Konzentrationslager Lichtenburg bei Prettin im Kreis Torgau gebracht. Im Block der politischen Gefangenen ist er hier bis zum 15. Mai 1937 festgehalten worden.

Gerda Müller führte in diesen zweieinhalb Jahren einen mutigen Kampf für die Freilassung ihres Lebensgefährten. Zeitweilig war sie selbst dem Terror des NS-Regimes ausgesetzt. Als im Dezember 1934 in Hamburg zahlreiche Jugendliche verhaftet wurden, war auch Gerda Müller darunter. Auf ein Schreiben des Vaters, Nikolai Müller, an den Reichsstatthalter, indem er sich nach dem Verbleib seiner Tochter erkundigte, erhielt er am 27. 12. 1934 eine Antwort der Gestapo, in der es heißt:

"Auf das an den Herrn Reichsstatthalter gerichtete und nach hier weitergeleitete Schreiben vom 13. ds. Mts. wird Ihnen mitgeteilt, dass Ihre Tochter Gerda sich hier in Schutzhaft befindet. Sie ist in eine Hochverratssache verwickelt"

Gerda Müller hatte in Barmbek einer illegalen Gruppe angehört, in der Jungkommunisten und Jungsozialisten zusammenarbeiteten. Sie hatte an der Verteilung von Flugblättern teilgenommen und Hilfe für Familien Verfolgter organisiert. Die Gestapo wusste davon nur wenig. Daher musste die Gestapo Gerda Müller am 10. Januar 1935 wieder freilassen. Ihr wurde auferlegt, sich künftig jeden Dienstag zwischen 8 und 12 Uhr bei der Gestapo zur Kontrolle zu melden.

Trotz der Einschüchterungen und Überwachung hielt die 20-jährige weiter Kontakt zu ihren Freunden im Widerstand. Zur wichtigsten Aufgabe für sie wurde der Einsatz für die Freilassung von Walter Ahrens aus der Haft. Als alle Bemühungen ohne Erfolg blieben, wandte sie sich Ende 1935 direkt an Adolf Hitler. Nach wiederholtem Drängen bekam sie ein vom 6. März 1936 datiertes Schreiben aus der Kanzlei des Führers der NSDAP mit dem Wortlaut:

"Ihre Schreiben vom 8.12. 1935 und 19.1. 1936 an den Führer, Ihren Verlobten Walter Ahrens betreffend, sind mir zuständigkeitshalber übergeben worden. Nach eingehender Prüfung muss ich Ihnen mitteilen, dass keine Möglichkeit besteht, die Entlassung Ihres Verlobten zu befürworten.

Die Führung Ihres Verlobten im Lager hat nicht den Beweis erbracht, dass eine Änderung in seiner politischen Gesinnung eingetreten ist und bei seiner Freilassung ist anzunehmen, dass er sich sofort wieder staatsfeindlich betätigen würde."

Die ganze Zeit über stand Gerda Müller in Kontakt mit illegal tätigen Antifaschisten, u.a. in den Stadtteilen Barmbek und Hamm. An verschiedenen Aktionen nahmen auch ihr Vater und ihr Bruder teil. Deshalb mussten sie für je ein Jahr ins Gefängnis. Anfang April 1937 versteckten die Müllers in ihrer Wohnung in Hamburg-Hamm, Kentzlersweg 3b, den Kommunisten Heinrich Meyn, der sich auf der Flucht vor der Gestapo befand. Wenige Tage später kam die Gestapo der Familie Müller auf die Spur. Jetzt wurde auch Gerda Müller verhaftet. Die Mutter, Pauline Müller, erlitt einen Nervenzusammenbruch und musste in eine Klinik eingeliefert werden. Die Schikanen der Nazis gingen so weit, dass jetzt, da niemand mehr in der Wohnung war, diese gekündigt und geräumt wurde. Das Eigentum der Familie Müller wurde auf die Straße geworfen. Es war nur der Solidarität von Mitbewohnern in der Straße zu verdanken, dass ein Teil der Möbel gerettet wurde.

Als Gerda Müller Mitte Mai 1937 aus dem Gefängnis kam, war sie obdachlos. Sie fand bei den Eltern ihres Lebensgefährten in Hammerbrook Aufnahme.

Mitte Mai kam endlich auch Walter Ahrens nach Hause zurück. Der jahrelange tapfere Einsatz von Gerda Ahrens hatte daran sicher wichtigen Anteil. Nun, da sie wieder zusammenleben konnten, wollten sie bald heiraten. Dies war aber nicht so leicht wie sie angenommen hatten. Schwierige Hürden mussten überwunden werden. NS-Gesundheitsbehörden ließen erst prüfen, ob die beiden politisch Vorbestraften, Walter Ahrens als stark Sehbehinderter und Gerda Müller, deren Mutter in einer Nervenklinik behandelt wurde, überhaupt "heiratsfähig" waren. Nach mehrmonatigen Auseinandersetzungen durften sie am 23. Oktober 1937 heiraten. Beide waren glücklich, auch dies geschafft zu haben.

Nicht leicht war es, den täglichen Lebensunterhalt zu sichern. Als politisch Verfolgte bekamen sie zunächst keine Arbeit. Vom Sozialamt in Hamburg hatte Walter Ahrens die Aufforderung erhalten, ab 31. Mai 1937 dreimal wöchentlich Pflichtarbeit zu leisten. Die Entlohnung betrug pro Arbeitstag 0,75 RM. Gerda Ahrens fand erst später eine Anstellung als Sekretärin. Viel Freude brachten die am 2. März 1938 und am 30. Mai 1939 geborenen Söhne Uwe und Peter in die Familie.

In all den Jahren stehen Gerda und Walter Ahrens zu ihrer antifaschistischen Überzeugung, halten Kontakt mit Gleichgesinnten und helfen anderen. Einig sind sie sich in der Ablehnung des vom Hitlerregime vorbereiteten Krieges. 1939 nimmt Walter Ahrens in der Wohnung des Kommunisten Theodor Rehbehn an Zusammenkünften teil, bei denen ausländische Sender, vor allem der Moskauer Rundfunk, abgehört und über die Nachrichten diskutiert wurde.

Am 23. Februar 1940 wird Walter Ahrens zur Wehrmacht einberufen. Dies geschah trotz der stark eingeschränkten Sehkraft. Als überzeugter Antifaschist und Kriegsgegner musste er fünf Jahre Kriegsdienst, vorrangig in Frankreich und der Sowjetunion, leisten. Als politisch Vorbestrafter stand er unter besonderer Überwachung. Seine Lage verschärfte sich, als im November 1940 die Hamburger Kommunisten Theodor Rehbehn und Arthur Kaboth, zu denen er engen Kontakt hatte, verhaftet wurden. Am 2. Mai 1941 verurteilte das Hanseatische Oberlandesgericht seine Freunde zu mehrjährigen Zuchthausstrafen. Da Walter Ahrens Wehrmachtsangehöriger war, leitete das Reichskriegsgericht eine Untersuchung gegen ihn ein. In Frankreich wurde er wiederholt verhört. Seine Frau in Hamburg wurde ebenfalls verhört und die Wohnung mehrfach durchsucht. Ein Prozess fand nicht statt, da die NS-Justiz offenbar nur wusste, dass er 1939 in der Wohnung von Theodor Rehbehn zusammen mit anderen den Moskauer Rundfunk gehört hatte.

Im Januar 1942 ist Walter Ahrens das erste Mal schwer verwundet worden. Im Februar 1943 erkrankte er an Fleckfieber. Im August 1943 erlitt er eine weitere schwere Verwundung. Immer wieder wurde er trotz seiner Behinderung zum Fronteinsatz zurückgeschickt. Zu den ständigen Schikanen zählte auch, dass er weniger Urlaub bekam. Seinen am 20. Oktober geborenen Sohn Dieter konnte er nur einmal sehen.

Gerda Ahrens musste die Last der Familie allein tragen. Soweit es in ihren Kräften stand, unterhielt sie Verbindung zu gleichgesinnten Antifaschisten. So stand sie in Briefkontakt zu Heinrich Meyn, der im Konzentrationslager Sachsenhausen gefangen war.

Ein schwerer Schlag bedeutete für Gerda Ahrens Weihnachten 1944 die Nachricht, dass ihr Mann erneut schwer verwundet sei.

Im Januar 1945 fuhr sie zu ihm ins Lazarett nach Bad Mergentheim. Sie war froh darüber, dass sie ihren Mann sehen konnte und er die Operation gut überstanden hatte. Um so niederschmetternder war für sie kurz darauf die Mitteilung, dass ihr Mann verstorben sei. Bis heute sind die Umstände des Todes am 27. Januar nicht völlig aufgeklärt. Wurde Walter Ahrens auf Veranlassung der Gestapo umgebracht?

Im Sinne ihres so früh umgekommenen Mannes hat Gerda Ahrens ihre Kinder zu Antifaschisten und Kriegsgegnern erzogen.

Karl Heinz Jahnke

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Talk im Turm: "St. Lukas zwischen Anpassung und Widerstand"

Im Rahmen einer Veranstaltungsreihe der St. Lukas-Gemeinde in Fuhlsbüttelunter dem Titel "Christen und Juden: 2000 Jahre Hassliebe" war ich als Autor einiger Artikel über Pastor Heinrich Zacharias-Langhans als Referent zum Thema "St. Lukas zwischen Anpassung und Widerstand" eingeladen. Der Raum im Kirchturm, der für diese "Turmgespräche" genutzt wird, war am 20. Januar 1999 mit ca. 45 Interessierten gut besucht - es mussten noch Stühle hereingetragen werden.

Pastor Dr. Waubke, der Organisator dieser Veranstaltungen, führte in das Thema ein und moderierte diesen Abend. Sehr bald schon war die gewünschte Gesprächsrunde erreicht, denn Zwischenfragen, Gegenmeinungen und Erklärungen durch anwesende Zeitzeugen oder in Kirchengeschichte sachkundige Gemeindemitglieder, lockerten meine Ausführungen auf.

Bisher hatte ich mich nur beiläufig mit der Tatsache auseinandergesetzt, dass Heinrich Zacharias-Langhans nach Definition der Nürnberger Rassengesetze ein sogenannter "Mischling" war. Seine Wurzeln in einer großbürgerlichen jüdischen Familie, die Künstler, Mäzene, Kaufleute und z. B. den Senatspräsidenten am Oberlandesgericht stellten, machten zum wiederholten Male deutlich, welcher Wahn dahintersteckte, den jüdischen Teil der Bevölkerung "aus dem Volkskörper zu entfernen."

Viele Fragen nach der konkreten Situation eines jüdischstämmigen Pastors unter dem auch von der Kirche für sich akzeptierten "Arierparagraphen" wurden gestellt. Warum konnte "Pastor Zach" diese Zeit überhaupt überleben? Lag es daran, dass er in "privilegierter Mischehe" lebte, d.h. dass seine Frau "Arierin" war? Hatte Landesbischof Tügel - Nationalsozialist und DC-Mitglied - seine Hand über ihn gehalten? Wie hat überhaupt die Gemeinde auf die prekäre Situation ihres Pastors reagiert? In der Literatur gibt es einige Beispiele, dass Juden und ihre ganze Familie, selbst wenn sie durch ihre Ehe vor den Vernichtungslagern bewahrt wurden, auf das Übelste diskriminiert wurden und von den sie umgebenden Menschen isoliert leben mussten. "Pastor Zach" stand jedoch regelmäßig sonntags auf der Kanzel und predigte seiner Gemeinde.

Hier blieben eine Menge Fragen offen, und weitere Forschungen sind notwendig. Etwas seltsam fand ich an dieser Stelle der Veranstaltung, dass die Leute, die über 50 Jahre geschwiegen haben, heute von ihrer örtlichen Geschichtswerkstatt erwarten, volle Aufklärung über die Situation Zachs und anderer Juden in Fuhlsbüttel zu bekommen.

Schlussendlich wurde noch sehr angeregt über Heinrich Zacharias-Langhans' Äußerungen aus dem Jahr 1934 debattiert, als er vom "großen Wandel durch Adolf Hitler", vom "werdenden Volk" und dessen Bekenntnis zur "Selbstfindung" in der Blut- und Boden-Ideologie spricht. Diese Formulierungen wurden von mir als angepasst kritisiert, jedoch empfanden die meisten Gemeindemitglieder den Text überhaupt nicht als problematisch, sondern deuteten ihn als geschickte Verpackung für seine Aussage, die Kirche sei "der Heimat letzter, tiefster Mittelpunkt." Einer der Anwesenden wies allerdings nachdrücklich darauf hin, dass diese Doppeldeutigkeit als sehr gefährlich einzuschätzen sei, da sie den Nazis als Propagandamaterial für die Zustimmung einer von vielen anerkannten Autoritätsperson zu ihrem Unrechtsstaat dienen konnte.

Insgesamt erfüllte diese Veranstaltung die Erwartung, dass Stadtteilgeschichte lebendig wird, wenn nur endlich einmal jemand das Tabu-Thema "Wie war das eigentlich damals in der Nazizeit?" aufgreift und einiges an Forschungsergebnissen, an denen man sich reiben kann, vorlegt.

Holger Tilicki

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Unser erstes Mitglied in Asien: Prof. Hiroshi Takamura

Am 5. Mai 1998 kam ein freundlicher, kleiner, grauhaariger Herr aus Japan in unsere Sprechstunde. Meinen ersten Gedanken - ein fehlgeleiteter Nutzer des Airportshuttles - musste ich schnell korrigieren, denn er fragte mich nach dem KZ Fuhlsbüttel und dem Grab des von den Nazis ermordeten Hamburger Kommunisten Fiete Schulze. Im anfangs etwas mühsamen Gespräch auf Deutsch und Englisch stellte sich heraus, dass Hiroshi Takamura Professor für deutsche Sprache an der Universität Tokio ist und in seiner Freizeit seit Jahren über die Lebensgeschichten und Werke antifaschistischer deutscher Schriftsteller forscht. In den sechziger Jahren studierte er einige Semester bei dem namhaften Literaturwissenschaftler Prof. Alfred Klein in Leipzig. H. Takamura, der sich auf Einladung der Forschungsstelle für Exilliteratur in Hamburg zu weiteren Forschungen aufhielt, berichtete uns, dass in Japan in der Nachkriegszeit drei Werke Willi Bredels erschienen sind, u.a. "Die Prüfung". Im Anschluss an unser Gespräch fuhr ich mit dem Professor zur Gedenkstätte Kola-Fu, die wir gemeinsam besichtigten. Zum Abschied trug sich unser japanischer Gast in unser Gästebuch ein und bedankte sich bei uns mit zahlreichen Verbeugungen.

Diese ungewöhnliche Geschichte hat noch eine erfreuliche Fortsetzung: Ende August. erschien völlig überraschend der Professor aus Japan wieder in unserer Sprechstunde. Er schenkte der Bredel-Gesellschaft sein fast 600 Seiten umfassendes Werk "Die antimilitaristischen und antifaschistischen Romane in Deutschland und im Exil 1914-1945". Dieses Buch, das er als sein "Lebenswerk" bezeichnete, erschien 1997 in Tokio im Verlag Sojusha in einer Auflage von 1000 Exemplaren. Es gliedert sich in die Kapitel: 1. Antimilitarismus, Revolution, Klassenkampf 2. Exil und Widerstand 3. Die antifaschistischen Romane im Dritten Reich 4. Die Spanienliteratur in der DDR. Auf dem Buchumschlag sind drei Arbeiten von Käthe Kollwitz abgebildet, im Buch eine weitere sowie 27 Fotos von im Werk dargestellten Autoren und Autorinnen. Zu den ausführlich vorgestellten Autoren gehören die Hamburger Schriftsteller Albert Hotopp, Willi Bredel und Heinz Liepmann. Da die Anmerkungsapparate überwiegend in lateinischen Buchstaben gedruckt sind, sind sie auch für den deutschsprachigen Leser und Forscher als eine hilfreiche Bibliographie zu nutzen.

Am Ende unseres abermals sehr intensiven Gespräches bat uns Hiroshi Takamura, der Bredel-Gesellschaft beitreten zu dürfen. Diesem Wunsch entsprachen wir gern. Beim Abschied verriet uns unser erstes Mitglied in Asien noch sein nächstes Forschungsthema: Egon Erwin Kisch. Wir sind gespannt und freuen uns auf den nächsten Besuch.

Hans-Kai Möller

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Kurz und Bündig

Die Ostpreußen Connection

Am 18. Juni 1998 konnten wir die Filmemacher Leslie Franke und Hermann Lorenz im Kommunalen Saal am Ohlsdorfer Bahnhof begrüßen, die uns den Film "Trakhenen wieder deutsch - Deutsche Rechtsextremisten auf Bauernfang" vorführten. Diese Reportage zeigt die Aktivitäten von Neonazis wie Manfred Roeder und Ökofaschisten wie Dietmar Munier aufgrund von Recherchen vor Ort. Sehr aufschlussreich sind die Interviews mit den betroffenen deutschstämmigen Umsiedlern. Besonders erschreckend war die Offenheit mit der die im Oblast Kaliningrad aktiven Rechten vor der Kamera über ihre nationalistischen Ziele sprachen. Als Ergebnis der anschließenden regen Diskussion kam heraus, dass wir diese im ersten Moment eher ungefährlich wirkenden Aktivitäten einiger rechter Spinner auch unter dem Blickwinkel von Wirtschaftsinteressen der BRD in der ehemaligen Sowjetunion und der den deutschen Einfluss im Ausland fördernden Arbeit des VDA (Verein für das Deutschtum im Ausland) sehen sollten.

hot

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Stadtteilfest Fuhlsbüttel

Wer am 20. Juni 1998 zum Ratsmühlendamm ging, stellte schnell fest, dass es dort mit der üblichen Ruhe vorbei war. Eine lange, bunte Flohmarkt-Meile säumte den Straßenrand. Viele Menschen stöberten, feilschten und kauften und mancher schleppte schwer an den gekauften Gegenständen.

Doch nicht nur der Flohmarkt lockte die Fuhlsbüttler zum "Tatterberg"; im und um die Sporthalle des TUS Alstertal fand das traditionelle Stadtteilfest statt. Auf dem Sommerfest präsentierten sich die verschiedensten Verkaufsstände, Vereine und Einrichtungen, und auch wir nutzten wieder die Gelegenheit, mit Infos, Schautafeln, Bücher- und Postkartenverkauf die Willi-Bredel-Geschichtswerkstatt vorzustellen. Unser Tisch fand große Beachtung und guten Zuspruch.

Für das leibliche Wohl auf dem Platz war reichlich gesorgt, und auch die Kinder vergnügten sich fröhlich an den vielen Spielmöglichkeiten. Besonders der Stand der Polizei war ständig umlagert. Als jedoch ein Polizeihubschrauber zur Demonstration auf dem Festplatz landen wollte, flogen nicht nur unsere Info-Tafeln, Schriftstücke und Bücher durcheinander! Alle Aussteller sorgten sich angstvoll um ihre Exponate, so dass der Hubschrauber-Pilot schnell wieder in die Höhe stieg.

Auch in diesem Jahr am 12. Juni werden wir wieder auf dem Tusa-Fest dabei sein und unsere Arbeit vorstellen.

Gundel Grünert

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Antifa-Party

Für den 1. August 1998 lud die Antifa Fuhlsbüttel, Gruppe Antifaschisten Norderstedt und Antifa FrühLINKSerwachen zur Antifa-Party und Eröffnung der Fotoausstellung "4½ Jahre Abschiebeknast Glasmoor - Widerstand und Solidaritätsarbeit mit Abschiebegefangenen" ins Soziale Zentrum Norderstedt ein. René und Holger von der WBG knüpften dort u.a. Kontakt zum Foto-Archiv-Kollektiv, den sozial engagierten Fotografen der Ausstellung und zur Kulturwerkstatt Harburg. Es gab dort auch einen Infostand zur Kampagne "Karawane für die Rechte der Flüchtlinge und MigrantInnen", die vom 13.8.-20.9. 1998 durch die BRD tourte.

hot

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Kiek mol Neuauflage

Geschichte aus erster Hand bieten die Stadtteilrundgänge der Hamburger Geschichtswerkstätten. In der Neuauflage des Klassikers zur Hamburger Geschichte von unten sind zu den bewährten, gründlich bearbeiteten Rundgängen 26 neue hinzugekommen. Geschichte wird gewissermaßen auf der Straße gesucht und im Straßenbild entdeckt. In der 3. Auflage sind neue Themen und Schwerpunkte hinzugekommen, zu ihnen gehören "mehr Grün" und "mehr Kunst".

Durch detailgenaue Recherchen, viele Abbildungen (oft gleiche Stadtteilansichten aus drei Zeitperioden: Mitte 19., Anfang 20. und Ende 20. Jahrhundert) wird die Phantasie des Lesers angeregt, und somit wird das Buch zum Handbuch zur Stadtteilerkundung.

Die Geschichtswerkstätten halten nach wie vor den Weg der gemeinsamen Erkundung für den besten, hier erfährt man so manche Anekdote und Nachbarschaftsüberlieferung, die nicht zwischen zwei Buchdeckel passt. Wir verstehen dieses Buch auch als herzliche Einladung zu diesen Spaziergängen. Die WBG ist in dieser Auflage wieder mit drei Rundgängen vertreten:

Ein Faltblatt mit den aktuellen Terminen und Treffpunkten liegt dem Buch bei.

Kiek mol - neue und bewährte Stadtteilrundgänge, erarbeitet und aufgeschrieben von Hamburger Geschichtswerkstätten - Kulturbehörde der Freien und Hansestadt Hamburg - Stadtteilkultur (Hrsg.), Hamburg: Dölling und Galitz Verlag,1998, ISBN 3-930802-78-3, 456 Seiten, 36 DM.

Das Faltblatt mit den Terminen und Kurzbeschreibungen der Stadtteilrundgänge ist auch einzeln bei uns erhältlich.

Klaus Struck

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Neuerscheinung:

Lucie Suhling: Der unbekannte Widerstand

Vor neunzehn Jahren, 1980, erschien das Buch "Der unbekannte Widerstand" im Röderberg-Verlag. Das Buch rief damals ein lebhaftes Echo hervor und war schon nach wenigen Jahren vergriffen. Lucie Suhling starb am 28. Oktober 1981 und konnte daher nur eine kurze Zeit die positive Resonanz auf ihr Erinnerungsbuch miterleben.

Mit der politischen "Wende" 1989 hat sich das Klima in Deutschland grundlegend geändert. In der herrschenden Geschichtsschreibung ist nun eifriges Bemühen festzustellen, durch Gleichsetzung von NS-Terror und "SED-Regime" auch den Arbeiterwiderstand 1933-1945 zu diskreditieren bzw. vergessen zu machen.

Gerade um solchen Tendenzen entgegenzuwirken, griff die Willi-Bredel-Gesellschaft gern den Vorschlag von Ulla Suhling auf, das Buch ihrer Mutter neu herauszugeben. Dabei wurde der Text von Ulla und Lucies Mitarbeiterin Ursel Hochmuth noch einmal durchgesehen und in den Anmerkungen aktualisiert. Außerdem haben wir den Fototeil um eine Reihe von bisher unveröffentlichten Aufnahmen erweitert. Wie Kinder von Verfolgten mit ihren Erlebnissen in der NS-Zeit heute umgehen, schildert Ulla Suhling im Nachwort zu dieser Ausgabe. Dabei verarbeitet sie auch neue Informationen zu dem tragischen Schicksal ihres Vaters Carl, der als "999er" beim Rückzug der deutschen Truppen 1945 in Jugoslawien ums Leben kam.

Das Buch erläutert aus erlebten Alltagssituationen heraus politische Zusammenhänge aus der Sicht einer Kommunistin - von der Endphase der Weimarer Republik bis in die erste Nachkriegszeit hinein - und macht die persönlichen Erinnerungen von Lucie zu einem spannenden Geschichtsbuch. Besonders interessant ist ihre Schilderung des sozialen Umfelds in der Fritz-Schumacher-Siedlung in Hamburg-Langenhorn während des Faschismus. Trotz Vorprägung in einem streng religiösen Elternhaus entwickelte Lucie sich in einem langen und komplizierten Prozess zu einer überzeugten Sozialistin. Sie lernt im Laufe ihres Heranwachsens viele Regionen Deutschlands kennen: In Bochum aufgewachsen, arbeitet sie als junges Mädchen in Hamburg, Württemberg und Thüringen, später - als KPD-Mitglied - in Ostpreußen, Berlin und Hamburg. Während der NS-Zeit ist Lucie im Konzentrationslager Fuhlsbüttel, im Hamburger Untersuchungsgefängnis, im Polizeigefängnis Hütten und im Zuchthaus Lübeck-Lauerhof inhaftiert. Sie lernt zahlreiche Persönlichkeiten der Arbeiterbewegung kennen, unter anderem Fiete Lux, Etkar Andre, Robert Neddermeyer und Willi Bredel in der Redaktion der Hamburger Volkszeitung. Viele ihrer Kameradinnen wie Anita Sellenschloh, Hedwig Voegt, Elfi Dettmann und Käthe Jacob, werden liebevoll porträtiert. Aus dem ganzen Buch spricht Lucies tiefe Liebe zu ihrem Mann Cuddl.

Gemeinsam mit dem agimos Verlag hat die Bredel-Gesellschaft das Buch im November 1998 im Buchladen im Schanzenviertel und im ehemaligen Verwaltungsgebäude der Hanseatischen Kettenwerke in Langenhorn vorgestellt. Auch in diesem Jahr wird Ulla Suhling in mehreren Veranstaltungen aus dem Buch ihrer Mutter lesen und um eigene Erinnerungen ergänzen. Geplant sind Lesungen u.a. in der Gedenkstätte Konzentrationslager Fuhlsbüttel, in Hamburg Allermöhe, wo ein Weg 1985 nach Lucie Suhling benannt wurde; in Norderstedt, im Rahmen der Leipziger Buchmesse und in Bochum. Das Buch ist für 19,90 DM im Buchhandel, beim Verlag und in unserem Büro erhältlich.

Hans Mattha

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Lob der Unangepasstheit

Biografisches zu den Antifaschisten Ettie und Peter Gingold

Die umfangreichen biographischen Forschungen von Karl Heinz Jahnke führten zu einem neuen Buch über das Leben von Ettie und Peter Gingold. Jahnke bleibt seinem Konzept treu: einer zurückhaltenden und systematischen Darstellung des Lebensweges, eine ausführliche Reihe von Selbstzeugnissen - sozusagen den O-Ton - der von ihm beschriebenen Personen beizufügen.

Das Besondere am Lebensweg der Gingolds sind die durchgängigen Diskriminierungen durch die jeweils herrschende deutsche Regierung: Zuerst wurde Peter Gingold als Jude im NS-Staat verfolgt und emigrierte im Herbst '33 nach Frankreich, wo er seine aus Rumänien stammende Frau Ettie Stein-Haller kennenlernte. In Folge des Einmarschs deutscher Truppen 1940 in Paris waren beide in der Resistance aktiv - mit allen Konsequenzen. Nach der Befreiung gingen Ettie und Peter nach Deutschland um ihre kommunistischen Ideale beim Aufbau der Nachkriegsgesellschaft einzubringen. Hier wurden sie wieder durch das Verbot der KPD 1956 zur Adenauer-Zeit in die Illegalität gezwungen. Von 1970-1974 mussten sie, die " sich als Staatenlose(r) im Widerstand um den Preis (ihres) Lebens für die Zukunft unseres Volkes eingesetzt hat(ten) " (Frankfurter Rundschau vom 16.8. 1977), um die deutsche Staatsbürgerschaft kämpfen und diese gegen politische Widerstände gerichtlich durchsetzen.

Schließlich wurde noch ihre Tochter Silvia 1974 - auf der Grundlage des so genannten "Radikalenerlasses" - mit Berufsverbot als Lehrerin belegt, welches 1977 noch einmal gerichtlich bekräftigt wurde und bis heute nachwirkt.

Das Leben der Familie Gingold über Jahrzehnte unter Deutschen zeigt, wie schwer es ist, wenn man sich hier gegen Faschismus und Krieg einsetzt und den Weg des unangepassten Individuums mit Idealen gehen will.

Karl Heinz Jahnke: Sie haben nie aufgegeben, Ettie und Peter Gingold - Widerstand in Frankreich und Deutschland, Pahl-Rugenstein, Bonn, 1998 - ISBN 3-89144-255-6

Holger Tilicki

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Nachruf:

Martha Naujoks: 80 Jahre in der Arbeiterbewegung

Am 26. Januar 1998 ist Martha Naujoks im Alter von 95 Jahren verstorben. Alle, die sie gekannt haben, werden Martha mit ihrer lebhaften und humorvollen Art, ihr umfangreiches Wissen und ihre politischen Erfahrungen eines Leben in der organisierten Arbeiterbewegung vermissen. Vielen war sie in ihrer unerschütterlichen Überzeugung ein Vorbild und eine gute Ratgeberin. Bis zu ihrem Tod verfolgte sie die politische Entwicklung und war dank Telefon immer "gut unterrichtet". Wie viele Frauen ihrer Generation übte sie keine hohen Funktionen aus, leistete aber in ihren jeweiligen Verantwortungsbereichen sehr wichtige und zuverlässige Arbeit.

Ihre Bescheidenheit ist wohl auch ein Grund dafür, dass sie ihre Erinnerungen nicht aufgeschrieben hat. So stützt sich dieser Beitrag auf Gespräche mit Martha, die die Autoren im Laufe der Jahre mit ihr geführt haben. 1988 hat Martha einen kurzen Lebenslauf verfasst, den sie folgendermaßen einleitet: "Ich bin nun schon 84 Jahre alt und entsprechend vergesslich. Dann habe ich schon durch meine vielen verschiedenen Tätigkeiten und Identitätswechsel keine Notizen gemacht bzw. festgehalten." Aus der Erfahrung ihrer illegalen Arbeit trennte sie immer Namen und Anschrift von ihrer Post und den von ihr abonnierten Zeitungen ab.

Martha Pleul wurde am 2. Dezember 1903 in Krefeld geboren. Der Vater war Weber, die Mutter Schneiderin. 1906 zieht die Familie nach Zwickau im Vogtland, 1908 nach Falkenstein. Martha erinnert sich lebhaft an Max Hölz, der im Falkensteiner Kino "Die weiße Wand" als Sprecher und Erklärer tätig war. Mit Beginn des ersten Weltkrieges als, elfjähriges Mädchen, musste Martha Heimarbeit verrichten: mit anderen Mädchen zerschnitt sie große Ballen Nessel und musste Zacken um die Ränder nähen. Der Vater kam an die Ostfront, die Mutter wurde in einer Pulverfabrik als Formerin dienstverpflichtet. Neben der Heimarbeit musste sie für die jüngere Schwester Else und andere Kinder aus dem Haus sorgen. Der Vater wurde wahrscheinlich 1916 zur Arbeit in den Leunawerken reklamiert, und die Familie siedelte zunächst nach Dessau, dann nach Halle um.

1918 wird Martha aus der Bürgerschule entlassen. Der Vater möchte, dass sie mit nach Leuna kommt, um im Werks-Laboratorium zu arbeiten. Dazu ist aber erst der Besuch der Handelsschule notwendig. Die Entscheidung fällt für eine private jüdische Schule, an die monatlich 50 Reichsmark gezahlt werden müssen. Das ist sehr viel Geld und kann nur dadurch aufgebracht werden, dass die Mutter und Martha durch Schneidern etwas hinzuverdienen. Außerdem lernt Martha Stenographie und Maschineschreiben.

Mit 16 Jahren trat Martha mit Unterstützung ihrer Eltern der Freien Sozialistischen Jugend in Halle bei. Der Vater gehörte schon jahrelang der SPD an, die Mutter arbeitete aktiv in der Roten Hilfe, leitete Kindergruppen und zeitweilig das Heim der Roten Hilfe in Elgersburg. Wie ihre Eltern, die nach Bewilligung der Kriegskredite von der SPD zur USPD übertraten, wurde sie im Dezember 1920 nach dem Vereinigungsparteitag Mitglied der VKPD. Zu dieser Entscheidung stand sie ein Leben lang - 78 Jahre lebte und kämpfte sie als Kommunistin.

1920 arbeitete sie bei der Wirtschaftlichen Räte Organisation (WRO) mit Bernhard Koenen zusammen, später in der KPD-Bezirksleitung in Halle unter der Leitung von Georg Schumann. Während der Märzaktionen 1921 arbeitete sie illegal in der politischen Leitung mit Fred Oelsner senior. Wegen drohender Verhaftungen musste Martha nach Hannover ausweichen. Dort arbeitete sie wiederum für die Bezirksleitung der KPD und war aktive Funktionärin des Kommunistischen Jugendverbandes. Zum ersten mal lebt Martha von den Eltern getrennt. Sie hungert fürchterlich, nur einmal in der Woche gibt es ein warmes Essen. Ein großes Erlebnis war die Teilnahme an der Tagung des Reichsausschusses der KJD in Hannover 1922. Martha: "Unsere Diskussionen waren jetzt: Weg vom Latschertum, heran an die Arbeiterjugend." Um diese Zeit ließen sich Martha und ihre Freundin die Zöpfe abschneiden. Bei der Mutter und den Genossen fand sie kein rechtes Verständnis für diesen Schritt, der für sie - wie damals für viele junge Frauen - Selbstbewusstsein, Unabhängigkeit und Emanzipation ausdrückte.

Ende 1922 übersiedelte Martha auf Veranlassung von Tedje Thiele nach Hamburg. Zunächst arbeitete sie in der Verlagsleitung der Hamburger Volkszeitung an der Börsenbrücke. Weil sie nur wenig Geld hatte, musste sie jeden Tag zu Fuß von ihrem Zimmer in Barmbek bis in die Innenstadt laufen. Im Oktober 1923 nahm sie am Hamburger Aufstand teil. Bei einer Hausdurchsuchung beschlagnahmte die Polizei Flugblätter und verhaftete Martha. Im Gefängnis wurde sie zunächst für eine Prostituierte gehalten und musste auf den gynäkologischen Stuhl, den "Tiroler". Als jüngste Gefangene saß sie im Gefängnis Hütten etwa drei Monate in Untersuchungshaft. Nach ihrer Haftentlassung arbeitet sie in der Redaktion der "Hamburger Volkszeitung" (HVZ), bei der Deutsch-Russischen Petroleum-Gesellschaft (DEROP) in der Steinstraße und der Handelsvertretung der UdSSR.

In diesen Jahren war Martha in verschiedenen Parteifunktionen aktiv, u.a. leitete sie das Agitprop-Resort und gab Lebenskundeunterricht für Schulentlassene. 1926 heiratete sie Harry Naujoks, "existiere also ab dato als Martha Naujoks". Den jungen Eheleuten blieb wenig gemeinsame Zeit: aus der illegalen Parteiarbeit heraus wurde Harry 1933 in Lübeck verhaftet, Martha fiel am 28.7. 1933 der Gestapo in die Hände. Johannes Rhode, der spätere Kommandant des Konzentrationslagers Fuhlsbüttel, versuchte während der drei Monate Schutzhaft vergeblich, ihr Aussagen über ihre Arbeit in der illegalen Stadteilleitung der KPD in Barmbek zu erpressen. Über ein Erlebnis während ihrer Haftzeit hat Martha im Rundbrief 1991 berichtet.

Nach ihrer Entlassung nahm sie trotz aller Risiken die illegale Arbeit wieder auf. Von Anfang 1934 bis zum Herbst 1935 versuchte sie mit Hans Westermann, Erwin Fischer und Horst Fröhlich die Hamburger Parteiorganisation nach mehreren Verhaftungswellen zu reorganisieren. Am 30. September ging Martha auf Beschluss der Parteileitung gemeinsam mit Wilhelm Knöchel, der zum VII. Weltkongress delegiert war, über die sudetendeutsche Grenze nach Prag. Dort wurde sie von Walter Ulbricht und Hans Kippenberger empfangen. Bis Anfang 1936 leistete sie u.a. Grenzarbeit. Dann begannen die langen Jahre ihres sowjetischen Exils unter dem Decknamen Inge Karst. In Moskau arbeitete sie bei Verlagen (u.a. der VEGAAR), der Kommunistischen Internationale zusammen mit Ernst Fischer und deren geheimer Nachfolgeorgansition der KI, dem sogenannten Institut 6. Gegen Kriegsende wurde Martha auf einen Fallschirmspringereinsatz in Leuna vorbereitet und arbeitete vorübergehend für das Nationalkomitee Freies Deutschland.

1937 geriet Martha in den für sie undurchschaubaren Strudel der Säuberungen: Am 20.6. 1937 wurde sie vor die Internationale Kontrollkommission zitiert und mit fadenscheiniger Begründung aus der Partei ausgeschlossen. Das allgemeine Klima des Misstrauens und drohender Verhaftungen in Moskau, der vorübergehende Verlust von Arbeit und Wohnung, haben Martha schwer getroffen. Bei einer Begegnung mit Lotte Ulbricht in einem Fahrstuhl erlitt sie einen Schwächeanfall, als Lotte mit einem Arm voll Lebensmitteln sagte: "Wohin soll ich bloß mit all den Eiern?" Martha kann sich auch an Protestaktionen der Moskauer Exilanten erinnern, z.B. an eine Kleindemonstration vor dem Hotel Lux.

Martha kehrte im Juni 1945 nach Deutschland zurück. In Berlin arbeitete sie als Redaktionssekretärin bei der "Täglichen Rundschau" und später bei der "Berliner Zeitung". Harry Naujoks wurde nach seiner ersten Haftentlassung zur illegalen Arbeit nach Bremen geschickt. Dort wurde er 1934 erneut verhaftet und wegen "Vorbereitung zum Hochverrat" zu zwei Jahren und drei Monaten Zuchthaus verurteilt. "Erst in Berlin 1945 habe ich erfahren, dass mein Mann leben soll, der 1942 durch französischen und russischen Zeitung totgesagt worden war. Die Zeit des gegenseitigen Suchens begann. Eines Tages kreuzte er bei mir in der Redaktion der 'Berliner Zeitung' auf. Er ging über die grüne Grenze nach Hamburg zurück. Ich ging nach dem Berliner Parteitag der KPD zusammen mit den Westdelegierten Max Reimann und Erich Hoffmann (Vatti) als künftige Sekretärin des Zonenbüros der KPD - auch über die grüne Grenze - nach Hamburg zurück. Dort habe ich bis zur Auflösung des Zonenbüros gearbeitet, dann bei der Bezirksleitung der KPD Wasserkante." In der Abteilung Agitation und Propaganda unter der Leitung von Alfred Drögemüller kümmerte sie sich 1946-48 um die Herausgabe der theoretischen Zeitschrift "Weg und Ziel".

1950 musste Martha krankheisbedingt ihre Arbeit aufgeben und konnte sich in ihrem Haus in der Stübeheide in Klein Borstel ihrem Sohn Rainer widmen. Martha blieb weiterhin politisch aktiv und leitete z.B. nach dem KPD-Verbot die Geschwister-Scholl-Jugend. Auch an der Herausgabe von Harrys Sachsenhausen-Buch hatte sie großen Anteil. Bis zu ihrem Tode nahm trotz ihres schlechten Gesundheitszustandes lebhaften Anteil an den politischen Ereignissen und auch an der Arbeit unseres Vereins, zu dessen Gründungsmitgliedern sie gehörte.

Hans Matthaei/Erna Mayer

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Nach Redaktionsschluss

Straßenumbenennung: Letzter Akt

Friedrich Wilhelm Weygandt

Mainzer Amtmann entnommen der
Brockhaus-Enzyklopädie in 24 Bänden,
(Ausgabe 1994):
Wegbereiter der faschistischen NS-Eugenik;
als Vorkämpfer der Hamburger Demokratie
um 1525 im Rheinischen
hingerichtet.

Wie uns das Senatsamt für Bezirksangelegenheiten in Hamburg soeben mitteilt, liegt nun die neue Zusatztafel für das Namensschild der Weygandtstraße in Langenhorn vor. Auf unsere Bitte hin übersandten uns die wackeren Amtsleute ein Foto dieser Platte, dessen Vorabdruck wir unseren Lesern einfach nicht vorzuenthalten wagen.

René Senenko

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Wer kennt Arthur Koß?

Wer kann Auskunft geben über Arthur ("Adje - Addi - Adde") Koß aus Langenhorn/Altona?

Geb. 1904 in Hamburg. Stationen aus seinem Leben: Freie Proletarische Jugend, KJV, RFB. Inhaftiert 7.11.33: KOLAFU - Neuengamme - Börgermoor - Aschendorfermoor - Dirlewanger. Erschossen 13.1.44 in Ungarn. Wer mir weiter helfen kann, alte Fotos besitzt, auf denen Arthur abgebildet ist, bitte anrufen:

Carl Koß, Telefon (040) 39 90 68 90

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