Willi-Bredel-Gesellschaft
Geschichtswerkstatt e.V.

Rundbrief 1998

Inhalt

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Editorial

Am 15.3. 1988 gründeten wir in der KZ-Gedenkstätte Fuhlsbüttel die Willi-Bredel-Gesellschaft. Nun ist unser Kind schon zehn Jahre alt. Es hat sich erfreulich entwickelt (das sagen fast alle Eltern!), ist kräftig gewachsen, hat viel dazugelernt und besitzt sogar zwei eigene Zimmer und eine große Bibliothek. Alles in allem ein Grund, diesen runden Geburtstag gebührend zu feiern.

Wir wollen das nicht in Form einer Festschrift tun, die alle unsere Aktivitäten, Erfolge und Mißerfolge auflistet. Das hat sicherlich noch Zeit bis zum 20. Geburtstag. Nach längerer Diskussion im Vorstand haben wir uns dazu entschlossen, keine vollgepfropfte Jubiläumswoche durchzuführen, sondern eine Reihe von Höhepunkten über das gesamte Jahr zu verteilen und eine Superüberraschung noch nicht zu verraten.

Mitte April planen wir gemeinsam mit der Forschungsstelle für Zeitgeschichte die offizielle Einweihung von Willi Bredels Privatbibliothek im ehemaligen Montblanc-Haus am Schulterblatt. Über die Geschichte dieser Bibliothek sowie wichtiger Daten und Ereignisse in der Lebensgeschichte Bredels werden zwei von uns verfaßte und von Simone Walter gestaltete Tafeln informieren. Für die Ansprache konnten wir einen Mitarbeiter Willi Bredels aus dem Nationalkomitee Freies Deutschland, Prof. Dr. Gerhard Dengler, gewinnen.

Gespannt sind wir schon auf die Bredel-Matinee in den Hamburger Kammerspielen am 19.4. 1998. Im Rahmen der von Dr. Matthias Wegner konzipierten Veranstaltungsreihe "Dichter in Hamburg - Eine Reise durch die Literaturgeschichte unserer Stadt" sollen Leben und Werk Bredels lebendig und kurzweilig dargestellt werden.

Ebenfalls im April planen wir, die von Prof. Rolf Richter verfaßte und von uns herausgegebene neue Bredel-Biographie vorzustellen. Wir wollen mit der Herausgabe dieser fundierten, anschaulich geschriebenen biographischen Skizze fast zwanzig Jahre Funkstille im (west-)deutschen Literaturbetrieb beenden und zur Beschäftigung mit Willi Bredel und seinem Werk anzuregen.

Für den Herbst planen wir eine Filmwoche mit wenig bekannten Fernsehverfilmungen einiger Werke Bredels.

Ein besonderer Knüller ist diesmal unsere Exkursion. Sie führt uns auf den Spuren des literarischen Exils nach Prag. Unter fachkundiger Führung werden wir wichtige Treffpunkte der vom Faschismus ins Prager Exil vertriebenen Schriftsteller wie F. C. Weiskopf, Stefan Heym, Ernst Ottwalt, Willi Bredel, Kurt Kersten, Wieland Herzfelde u.v.a. aufsuchen.

Hans Matthaei erinnert mit einem Beitrag an Anita Sellenschloh, die uns besonders in der Gründungsphase der WBG tatkräftig unterstützte. Der Tod Anitas hat eine weitere Lücke in die Reihen unserer Mitglieder gerissen, die durch die Arbeiterbewegung der Weimarer Republik geprägt mutig und unter großen persönlichen Opfern gegen den Faschismus kämpften.

Die Auswirkungen von Verfolgung und KZ-Haft auf die Kinder von Widerstandskämpfern war Thema einer Veranstaltung, die wir im November 1997 durchführten. Eine

der Betroffenen, Erna Mayer, schildert ihre Eindrücke von dieser Veranstaltung. Wir konnten sie wie auch eine Anzahl weiterer Autorinnen und Autoren erstmals für einen Beitrag im Rundbrief gewinnen. Wir freuen uns über diese Entwicklung, weil sie u.a. auch die sehr unterschiedlichen Zugänge zu den Anliegen der Bredel-Gesellschaft deutlich macht.

Zum Abschluß noch eine für die "Bredels" sehr unerfreuliche Mitteilung: Im Februar verläßt uns unsere langjährige stellvertretende Vorsitzende Silke Kaiser. Sie zieht mit ihrer Familie nach Oberitalien. Wir werden in Zukunft leider auf ihre eindrucksvollen Collagen verzichten müssen, hoffen aber auf interessante Beiträge über den antifaschistischen Kampf in Italien und häufige "Gastspiele" im Grünen Grunde. Zum neuen stellvertretenden Vorsitzenden wurde einstimmig unser Gründungsmitglied Hans Matthaei gewählt.

Während diese Zeilen gedruckt werden, entscheidet sich vermutlich das Schicksal der ehemaligen Zwangsarbeiterbaracke der Firma Kowahl & Bruns am Wilhelm-Raabe-Weg 23 in Fuhlsbüttel. Seit kurz vor Weihnachten sind wir durch Dutzende Telefonate, Briefe und Gespräche bemüht, dieses wohl letzte im Hamburger Stadtbild sichtbare bauliche Zeugnis des Schicksals von Zehntausenden von Zwangsarbeitern vor der Abrißbirne zu retten. In dem bereits abgeschlossenen Planfeststellungsverfahren ist dieses Gelände für den Bau der Flughafen-S-Bahn vorgesehen. Zur Zeit sieht es so aus, daß wir unserem Ziel, das Gebäude vor Ort als "Denkmal" mit einer ständigen Ausstellung über die Zwangsarbeit während des Dritten Reiches zu erhalten, ein Stück näher gekommen sind.

Bis zur endgültigen Rettung dieses anschaulichen "Stücks Geschichte" bedarf es noch zahlreicher Aktivitäten, bei denen wir die tatkräftige Mitwirkung insbesondere unserer Mitglieder aus Hamburgs Norden benötigen. Packen wir's gemeinsam an! Die Rettung der Baracke wäre ein tolles Jubiläumsgeschenk.

Hans-Kai Möller

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Vom Abriß bedroht: Die Zwangsarbeiterbaracke am Wilhelm-Raabe-Weg 23

Das unmittelbar vor Kriegsausbruch 1939 gegründete Landschafts- und Gartenbauunternehmen Kowahl & Bruns beantragte im September 1942 die Errichtung eines Lagers für 144 ausländische "Zivilarbeiter" auf dem von ihr gepachteten Grundstück zwischen Hornkamp, Zeppelinstraße und Wilhelm-Raabe-Weg, nachdem sie anfangs geplant hatte, die Arbeiter in einem Lager an der Habichtstraße unterzubringen. Die Planungsbehörde stimmte der Errichtung von zwei Männerbaracken und einer kombinierten Wasch- und Abortbaracke trotz einiger Bedenken wegen der unmittelbaren Nähe zum Flughafen zu. Ausschlaggebend für diese Entscheidung war vermutlich, daß das Landschafts- und Gartenbauunternehmen mit der Tarnung des militärisch genutzten Flughafen Fuhlsbüttel beauftragt war. Hunderte von Birken und Tannen, riesige geflochtene Matten und Tarnnetze sollten den Flughafen für die Luftaufklärung der Alliierten in ein Stück scheinbar unberührter Natur verwandeln. Die Firma war aber nicht nur in Hamburg mit der Tarnung militärischer Objekte betraut, sondern tarnte auch Flughäfen im gesamten Norddeutschland und darüber hinaus in den besetzten Ländern Frankreich und Belgien. Die genauen Einsatzgebiete und Aufgaben der Landbauunternehmung Ost, einer Tochterfirma von Kowahl & Bruns, konnten bisher noch nicht recherchiert werden. Durch die zahlreichen Aufträge der Luftwaffe hatte die Firma um 1943/44 bis zu 2.000 "Beschäftigte" und betrieb neben Fuhlsbüttel zwei weitere Zwangsarbeiterlager in Duvenstedt, Haus Friedrichshöh, und in der Wallstraße 22.

Neben männlichen Zwangsarbeitern setzte die Firma bei Arbeiten auf dem Heiligengeistfeld 1944/45 auch polnische Jüdinnen aus dem Außenlager Sasel des KZ Neuengamme ein. Wegen Mißhandlung einiger dieser Frauen wurde Emil Bruns im KZ- Sasel-Prozeß als Kriegsverbrecher zu drei Jahren Gefängnis verurteilt.

Bei der Baracke am Wilhelm-Raabe-Weg handelt es sich nach unseren Informationen um die letzte nahezu im ursprünglichen Zustand erhaltene Zwangsarbeiterbaracke im Bezirk Hamburg-Nord.

Während des Zweiten Weltkrieges lebten in Hamburg bis zu 76.000 Zwangsarbeiter in ca. 560 Lagern, die über das gesamte Stadtgebiet verteilt waren. Sie wohnten meist in Baracken vom Typ der Unterkunft am Wilhelm-Raabe-Weg. Dieses Gebäude ist somit eines der letzten im Stadtbild sichtbare Zeugnis des Schicksals von Zehntausenden Zwangsarbeitern, die oftmals unter menschenunwürdigen Bedingungen in Hamburger Betrieben arbeiten mußten. Die Geschichte der Firma Kowahl & Bruns und ihres Zwangsarbeiterlagers in unmittelbarer Nähe des Flughafens ist besonders dazu geeignet, an das lange verdrängte Kapitel des Zwangsarbeitereinsatzes zu erinnern und auch für die jüngere Generation anschaulich zu vermitteln.

Hans-Kai Möller

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Bredel-Matinee in den Kammerspielen

"Dichter in Hamburg" heißt eine sehr erfolgreiche Lese- und Veranstaltungsreihe der Hamburger Kammerspiele, in der Matthias Wegner gemeinsam mit Schauspielerinnen und Schauspielern an oft vergessene Autoren erinnert. Hamburg hat es den Autoren, die hier lebten, nicht leicht gemacht. Manche wie etwa Ephraim Lessing haben sich enttäuscht verabschiedet, andere wie Matthias Claudius, Hans Henny Jahnn oder Hans Erich Nossack sind schließlich doch wieder zurückgekehrt. Die Beziehungen der Stadt zu ihren Dichtern - und umgekehrt - war zwiespältig. Um so lohnender ist es, ihr an Hand von Leben und Werk der "Dichter in Hamburg" nachzugehen. In den Hamburger Kammerspielen geschieht das durch regelmäßige Lesungen, die durch informative und unterhaltsame Kommentare von Matthias Wegner (der auch die Texte zusammenstellt) ergänzt werden. "Klüger, aufschlußreicher und gleichzeitig ohrenfällig sinnlicher lassen sich Autorenporträts kaum verlebendigen der Club der toten Dichter wird auf wundersame Weise zu einem quicklebendigen Zirkel, der neugierig macht auf weitere Exkursionen" meinte DIE WELT.

Am 19. April, 11 Uhr vormittags, werden Matthias Wegner, Gerhard Garbers und Burkhard Klauser den Schriftsteller  Willi Bredel und sein Werk in einer gemeinsamen Lesung vorstellen. Der ehemalige Metalldreher, Redakteur einer kommunistischen Parteizeitung und Schriftsteller, 1930  wegen "literarischen Hochverrats" zu zwei Jahren Haft verurteilt und 1933 im KZ Fuhlsbüttel inhaftiert, gehört zu den anerkanntesten deutschen Arbeiterschriftstellern. Die deutsche Geschichte der Nachkriegszeit und die der DDR haben Willi Bredels Wirken in Hamburg in den Hintergrund gedrängt - die Lesung in den Hamburger Kammerspielen wird auf abwechslungsreiche Weise an Bredel erinnern und damit einen wichtigen, noch immer lesenswerten Hamburger Autor in Erinnerung rufen, dessen "authentische Darstellung der Zustände und Vorgänge in deutschen Konzentrationslagern Millionen in der ganzen Welt erschütterten" (Marcel Reich-Ranicki).

Dr. Matthias Wegner

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Über die "Abwicklung" des "Willi-Bredel-Ferienheims" in Ahlbeck

An einem Sommertag gehen wir auf der Suche nach dem von Bredel gestifteten Ferienheim die Strandpromenade von Ahlbeck auf Usedom entlang. Nur durch die Straße und einen Dünenstreifen vom Ostseestrand getrennt, liegen hier die auf Westniveau modernisierten Gründerzeitvillen dicht an dicht.

Eine von diesen Villen trug von 1967 bis zur Wende den Namen "Willi Bredel". Im Vertrag zwischen Bredels Witwe Maj und dem FDGB-Feriendienst vom 18. 11. 1966 heißt es  "Genosse Bredel hat bereits zu seinen Lebzeiten bestimmt, daß aus Mitteln, die von ihm zur Verfügung gestellt werden, für verdiente Mitarbeiter des Verlagswesens und Buchhandels eine würdige Erholungsstätte geschaffen wird."

Die im Vertrag angegebene Adresse Dünenstraße 23 entpuppt sich als eine Modeboutique in einem frischgestrichenen Holzpavillion. Die Inhaberin gibt uns bereitwillig Auskunft: Die Eckvilla zwei Straßenecken in Richtung Seebrücke sei das frühere Bredel-Ferienheim - die Hausnummern hätten sich vor einiger Zeit geändert.

Vor der stattlichen 15-Zimmer Villa werden wir beim Fotografieren von einer Passantin freundlich angesprochen: Ja, dies sei das gesuchte Bredel-Erholungsheim gewesen, sie könne sich noch gut an die Eröffnungsfeier erinnern. Nun würden hier nur noch für viel Geld Wessies Urlaub machen.

Nach der Wende wurde aus dem Willi-Bredel-Heim die "Villa Sophie", die als Hotel garni von einem benachbarten großen Hotel bewirtschaftet wird. Mit der Abwicklung der Objekte des FDGB-Feriendienstes ging auch das Bredel-Heim an die Treuhand über und wurde privatisiert.

Der als Betreuer von Maj Bredel eingesetzte Notar Dr. Schaarschmidt schrieb uns in diesem Zusammenhang am 17. 1. 97: "Mögliche Ansprüche auf das Ferienobjekt Ahlbeck hatte ich vorsorglich im Rahmen

des Gesamtvollstreckungsverfahren das Reisebüro der Gewerkschaften "Feriendienst" beim Verwalter angemeldet. Die Forderungsanmeldung war auch im Gläubigerverzeichnis erfaßt worden. Aus den vorhandenen Unterlagen ist jedoch nicht exakt ersichtlich, welcher Betrag genau für das Ferienheim aus dem Nachlaß von Willi Bredel verwandt worden war, und ob überhaupt ein Vertrag hierüber geschlossen worden ist. So kam es auch, daß bei der gemeinsamen Forderungsprüfung diese angemeldete Forderung bestritten wurde. Mangels Erfolgsaussichten und unter Beachtung der erheblichen Kosten mußte ich deshalb im vermögensrechtlichen Interesse meiner Betreuten davon absehen, diese Forderung auf dem Klagewege geltend zu machen."

Offensichtlich ist bei den Vertragsverhandlungen 1966 versäumt worden, nach West-Recht zu verfahren! So ist der Teil von Bredels Vermögen, der aus dem Verkauf seines Anteils am Schweriner Petermänken-Verlag stammte und von ihm für das Erholungsheim gestiftet wurde, mit der Wende in anderen Taschen gelandet.  Auch die Bibliothek und die Fotos, die sich im Heim befanden, sind mit der Privatisierung verloren gegangen. Vielleicht gelingt es uns wenigstens, dieses Stück DDR-Geschichte besser zu dokumentieren. Hierzu benötigten wir Fotos des Gebäudes von außen und innen, Erinnerungsberichte von Gästen und Ähnliches.

Hans Matthaei

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Bredel-Biographie erscheint demnächst!

Endlich ist es soweit: Im Jubiläumsjahr der Willi-Bredel-Gesellschaft erscheint eine neue Bredel-Biographie. Verfasser dieser Veröffentlichung ist unser Mitglied, der Literaturwissenschaftler Prof. Rolf Richter aus Rostock, der die Biographie auf einer Veranstaltung im Kommunalen Saal vorstellen wird. Herausgeber dieses Buches sind wir. Das folgende Vorwort von Hans-Kai Möller soll schon etwas die Neugierde wecken und den Lesehunger anregen. Bestellen kann man sich diese interessante Biographie bei uns oder in auch in jedem Buchgeschäft.

Nach der sogenannten Wende in der DDR erhielten wir hier und da den "wohlmeinenden" Ratschlag, unseren Namen "Willi-Bredel-Gesellschaft - Geschichtswerkstatt e.V." zu ändern, da unser Namensgeber doch ein "Stalinist" und "Bürokrat" gewesen sei. Durch die Veröffentlichung des "Stenogramms einer Parteiversammlung der deutschen Kommission des sowjetischen Schriftstellerverbandes" aus dem September 1936 in Reinhard Müllers "Die Säuberung" Ende 1991 fühlten sich einige dieser Kritiker bestärkt1. In der Folgezeit beschäftigte sich die Bredel-Gesellschaft auf zwei öffentlichen Veranstaltungen, intern und im Mitglieder-Rundbrief, mit Bredels Rolle während der Stalinschen Repressionsmaßnahmen und insbesondere mit den in der "Säuberung" abgedruckten Äußerungen Bredels2. Trotz der für uns zwar historisch nachvollziehbaren, aber aus unserer heutigen Sicht falschen Äußerungen und Verhaltensweisen Bredels hielten und halten wir an unserem Namensgeber fest. Wer unsere Gründe für die Entscheidung kennenlernen und nachvollziehen möchte, der findet in diesem Buch überzeugende Antworten.

Eine neue Biographie über den Hamburger Arbeiterschriftsteller, der mit seinem Roman über das KZ Fuhlsbüttel "Die Prüfung"  Millionenauflagen in über 20 Sprachen erzielte, ist mehr als zwanzig Jahre nach dem Erscheinen der letzten Biographie längst überfällig. So ist Müllers Veröffentlichung, die übrigens auch eine verzerrende Kurzbiographie Bredels enthält, zwar nicht der Anlaß für die  Herausgabe einer ausführlichen biographischen Skizze über Bredel; sie zeigt aber, wie notwendig es ist, die Forschung nicht Propheten der Totalitarismus-Theorie zu überlassen.

Die Mitte der siebziger Jahre in der DDR erschienenen biographischen Veröffentlichungen von Lilli Bock, Manfred Hahn und Karl-Heinz Hoefer, die sehr unterschiedliche Schwerpunktsetzungen haben, liefern zwar wichtige Fakten, können aber heutigen Ansprüchen nicht genügen. Sie zeichnen den "Aufstieg" des Hamburger Zigarrendrehersohnes zum gefeierten Schriftsteller der DDR insgesamt zu unkritisch und widerspruchsfrei nach. Das gilt auch für die Bewertung seines literarischen Werkes. Hinzu kommt, daß zu dieser Zeit noch viele Archive geschlossen waren und in der DDR aus bekannten Gründen eine kritische Aufarbeitung der Stalin-Herrschaft unterblieb.

In der Bundesrepublik wurde Bredel in den fünfziger und sechziger Jahren nicht verlegt, nicht beachtet, allenfalls verleumdet. Diese Situation änderte sich im Zusammenhang mit der Studenten- und Lehrlingsbewegung und dem Erstarken der westdeutschen Linken Anfang der siebziger Jahre. In dieser Zeit entstanden die kenntnisreich erläuterten und anschaulich bebilderten Ausgaben des Weltkreis-Verlages in der BRD. Vorher waren schon Raubdrucke oder Reprints in den Kleinverlagen der außerparlamentarischen Opposition erschienen und erfreuten sich reger Nachfrage.

Spätestens mit dem "Umbruch" in der ehemaligen DDR und der Wiedervereinigungseuphorie in beiden Teilen Deutschlands ging das Interesse an Bredels Werken zurück bzw. wurde zurückgedrängt, da dieser nicht mehr aufgelegt bzw. vertrieben wurde. Um die Erinnerung an den Antifaschisten Willi Bredel vollständig zu beseitigen, versuchten und versuchen die neuen Machthaber in der ehemaligen DDR, den Namen möglichst vollständig zu entsorgen.

In dieser Situation bot uns 1994 der Bredel-Forscher Prof. Rolf Richter sein Manuskript an und stellte es einige Zeit später auf einer Jahresmitgliederversammlung im Oktober 1994 vor. Der Vortrag und seine Veröffentlichung stießen bei unseren Mitgliedern auf sehr positive Resonanz3. Da in den folgenden Jahren sowohl die Nachfrage nach einzelnen Werken Bredels, als auch nach biographischen Informationen ständig zunahm, ermutigte uns diese erfreuliche Entwicklung nun anläßlich des zehnjährigen Bestehens unserer Gesellschaft, Rolf Richters biographische Skizze zu veröffentlichen.

Diesen Begriff wählen wir bewußt, weil seine Arbeit erst die Vorstufe bzw. das Gerüst zu einer umfassenden Biographie Bredels darstellt. Die Öffnung von Archiven der ehemaligen Sowjetunion und der DDR ermöglichen eine wesentlich genauere Erforschung von Bredels literarischen und politischen Aktivitäten während des Zeitraumes 1934-1964. Für Bredels Hamburger Zeit liegt eine unveröffentlichte Magisterarbeit vor, die außerordentlich detailreich diesen prägenden Lebensabschnitt beschreibt, allerdings aus unserer Sicht eine Anzahl problematischer Einschätzungen enthält4.

Rolf Richter versteht es, das nicht immer leicht durchschaubare Beziehungsgeflecht zwischen persönlicher Lebensgeschichte, politischen Funktionen und literarischer Produktion nachvollziehbar und anschaulich darzustellen. Dem Verfasser gelingt es, Bredels literarische Stärke überzeugend herauszuarbeiten, Selbsterfahrenes, Selbsterlebtes und Gehörtes unterhaltend und anschaulich zu verallgemeinern. Diese Stärke führt bei der engen Begrenzung auf unmittelbar Erlebtes aber zur Einschränkung des Realismus. Rolf Richter kritisiert bei vielen Werken den Mangel an erzählerischer Dichte, philosophischer Tiefe und sprachlicher Gestaltung. Bredels große politische Leistungen, insbesondere im Widerstand, in Spanien, im Exil und beim Wiederaufbau werden überzeugend nachgezeichnet. Widersprüchlichkeiten, Versagen und Fehler werden nicht ausgeblendet oder verharmlost, sondern im historischen Kontext dargestellt und diskutiert. Genannt sei hier stellvertretend der Janka-Prozeß. Richter fördert - und dafür gebührt ihm besonderer Dank - auch wenig bekannte, öffentliche kritische Töne Bredels u.a. auf der 3. Parteikonferenz der SED 1956 oder in einem Interview 1962 zu Tage.

Wir hoffen, daß dieses gelungene, unverzichtbare Hilfsmittel zur Erschließung des Werkes und der Lebensgeschichte Willi Bredels mit dazu beiträgt, neues Interesse an Büchern wie "Die Väter", "Die Prüfung", "Dein unbekannter Bruder" und "Unter Türmen und Masten" zu wecken.

Hans-Kai Möller

1 Georg Lukács, Johannes R. Becher, Friedrich Wolf u.a., Die Säuberung, Moskau 1936: Stenogramm einer geschlossenen Parteiversammlung, Herausgegeben von Reinhard Müller, Reinbek bei Hamburg, Dezember 1991.

2 Vgl. Hans-Kai Möller, Rezension: Die Säuberung, in: Rundbrief der Willi-Bredel-Gesellschaft-Geschichtswerkstatt e.V. 1/92, Hamburg  Februar 1992, S.6-10 und S. 11-12.

3 Rolf Richter, Heute über Bredel schreiben, in: Rundbrief der Willi-Bredel-Gesellschaft - Geschichtswerkstatt e.V. 1/1995, Hamburg  Januar 1995, S.13-16.

4 Gerd Has, Der junge Bredel (1901-1934). Eine Monographie, Wiss. Hausarbeit zur Erlangung des Magister Artium der Universität Hamburg, Hamburg 1992.

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Die Reise nach Flensburg oder Spaß und Nachdenken in Angeln

An einem etwas trüben Septembertag, genauer am 12. 9. 1997, startete die 6. Willi-Bredel-Gesellschaftsexpedition pünktlich im geliehenen, intakten (!) VW-Bus gen Norden. Hans Matthaei bretterte unverzagt auf der Autobahn, bis wir diese langweilige Route verließen und zielsicher über so bekannte Orte wie Terp, Sörup und Quern nach Norgaardholz fuhren. Dort trafen wir bei unserer Unterkunft im Mittweg ein und waren von der Atmosphäre im Gästehaus von Ellen sehr angetan. Inzwischen trudelte auch der zweite Trupp mit Junior ein und schließlich Auto Nr. 3. Bei Kaffee und Kuchen stellten wir uns, soweit nicht bekannt, einander vor. Friedlich, wie wir sind, einigten wir uns über die Zimmer- und Bettenverteilung und fuhren dann zum gemeinsamen Abendessen im Strandcafé in Habernis (Matjes mit Bratkartoffeln, sehr zu empfehlen). Ein kurzer Strandspaziergang im Dunkeln folgte, bei dem man an den nassen Füßen merkte, wann man in der Ostsee stand. Wir trennten uns und die eine Gruppe fuhr zum Mittweg, die andere in die angemietete Ferienwohnungen.

Am nächsten Morgen lachten wir, nicht aber die Sonne und feucht war's auch von oben. Aber das hielt uns nicht davon ab, das Freilichtmuseum in Unewatt zu besuchen. Dieses Museumsdorf ist eine Besonderheit. Ein bestehendes Dorf, durch Landflucht in seiner Bevölkerungsdichte reduziert, wurde zum Museumsdorf ausersehen. Seine wunderschönen Gebäude restaurierte man nach und nach stilgerecht. Meiereien, Werkstätten, Scheunen und Backhäuser wurden wieder hergerichtet und mit Leben gefüllt oder als Ausstellungsräume benutzt. Heute leben die Bewohner von Unewatt gern in ihrem hübschen Dorf und, so erzählte uns die Mühlenbesitzerin und ehemalige Müllerstochter, ihre Ängste vor der fehlenden Privatsphäre erwiesen sich als unbegründet. Der Besuch der stattlichen Mühle war der Höhepunkt von Unewatt im wahrsten Sinne des Wortes, und zum Ausklang dieser vormittäglichen Besichtigung kehrten wir in dem Dorfgasthof Unewatt ein.

Anschließend ging es weiter nach Flensburg. Pünktlich trafen wir an der Hafenspitze auf unseren Referenten Thomas Pusch, einen jungen Flensburger Historiker. Am grünen Grenzübergang nach Dänemark, beobachtet von Grenzposten, berichtete er lebhaft und fesselnd über wichtige Episoden des Widerstands, von jungen Leuten, die Kopf und Freiheit riskierten, um Flugblätter im Paddelboot über die Förde, im Fahrradrahmen und in ähnlichen Verstecken über die kleine Grenzstation nach Dänemark und aus Dänemark nach Deutschland zu bringen. Bewundernd, aber auch etwas unverständig aus heutiger Sicht über das große Risiko, das sie eingingen, hörten wir die Geschichte dieser Menschen, denn es ging hier an dieser Stelle nie um Flucht oder verfolgte Menschen, sondern stets um Flugblätter, Informations- und Propagandamaterial. Thomas Pusch führte uns noch an zwei weitere strategische Stellen: Am Ostseestrand gegenüber der Ochseninseln diskutierten wir lebhaft und teils kontrovers über Spitzel, Überläufer und Verfolgte, und im Hafen mit Blick auf die FSG-Werft und die Marineschule machte er uns die drohende Nähe der Nationalsozialisten bei allen Schmuggeltouren bewußt. Nachdenklich fuhren wir wieder nach Norgaardholz und ließen den Abend bei einem gemütlichen Essen in der Dorfgaststätte "Ginthoft" ausklingen.

Sonntag, 14. 9. 1997. Auf den heutigen Programmpunkt konnten wir uns alle etwas vorbereiten, denn ein kurzer schriftlicher Lebenslauf von Karl-Heinz Lorenzen informierte uns über diesen mutigen Mann. Als er schließlich bei uns saß, zog er uns mit seiner lebhaften und ungebrochenen Art in seinen Bann. Karl-Heinz Lorenzen wurde 1917 in Flensburg geboren. Schon mit dreizehn Jahren schloß er sich dem "Jungspartakusbund", den späteren "Jungpionieren", an. Später übernahm er auch die Leitung der Organisation. Neben der kommunistischen Agitationsarbeit war er auch fest in der dänischen Minderheit integriert, besuchte die dänische Schule, dänische Pfadfinder- und Jugendorganisationen. 1933 fand er eine Lehrstelle als Tischler, eine Ausbildung, die ihm in langen Zuchthausjahren das Überleben erleichtern sollte. Er arbeitete aktiv für die KPD und brachte Material aus Dänemark zu Jule Jürgensen, traf mit Heinrich Rogan und den Brüdern Hermansen zusammen. Eine seiner Aufgaben war es, einer hochschwangeren Frau mit ihren drei Kindern über die dänische Grenze zu helfen. Da Zwischenstationen des Fluchtplans durch unzuverlässige Helfer platzten, brachte er selbst die Familie in Sicherheit und erkannte in der Frau Elsa Burmeister, die spätere Frau Herbert Wehners. Ein Verräter in seiner Gruppe, Georg Meißner, war schuld daran, daß Karl-Heinz Lorenzen Weihnachten 1936 festgenommen und ins Polizeigefängnis von Flensburg gebracht wurde, angeklagt des Hochverrats allein wegen seiner Zugehörigkeit zur KPD. Es folgten Jahre in Gefängnissen, Zuchthäusern und KZs. War es anfangs noch erträglich durch seine Tätigkeit als Tischler im Gefängnis, endete seine langes Gefängnisdasein mit den Todesmärschen aus den KZs. Die Jahre in Sachsenhausen waren die schlimmsten: Er gehörte zu den Häftlingen, die die Leichen abtransportieren mußten.

Ungebrochen nimmt er nach der Befreiung seine politische Arbeit wieder auf. Bald sitzen die alten Nazis wieder in ihren Posten, und für seine Reden gegen die Wiederbewaffnung bekommt er, der neun Jahre seines Lebens als junger Mann im Gefängnis verbrachte, drei Jahre Gefängnis auf Bewährung aufgebrummt.

Er heiratet, bekommt mit seiner Frau zwei Kinder und faßt langsam Fuß - erst als Tischler, dann betreibt er einen Kiosk, später eine Gastwirtschaft. Sein politisches Bewußtsein bleibt wach bis heute und er fordert uns als 80jähriger immer noch zu Fragen auf, als wir soviel jüngere schon längst erschöpft sind. Ich hoffe, wir haben ihm unsere Bewunderung für einen so aufrechten Menschen vermitteln können. Nachdem er wieder nach Hause gebracht wurde, fingen wir an zu packen und traten, erfüllt von den interessanten Stunden an der Förde, den Heimweg nach Hamburg an.

Veronika Steiger

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"Mutter/Vater waren im Kola-Fu. Was wurde aus uns Kindern?"

Zu diesem Themenbereich hatten VVN/BdA und Willi-Bredel-Gesellschaft im Rahmen der Veranstaltungswochen "10 Jahre Gedenkstätte KZ und Strafanstalten Fuhlsbüttel l933-l945" zu einer Gesprächsrunde mit Kindern ehemaliger Häftlinge am 6. November 1997 eingeladen. Viele kamen, der Kommunale Saal "Im Grünen Grunde" konnte die Besucher kaum fassen. Erfreulich die große Zahl junger Menschen, z.T. Schüler mit ihren Lehrern.

Nach einer kurzen Einführung von Erna Mayer über den jahrelangen Kampf um den Erhalt des Torhauses und die Einrichtung einer Gedenkstätte begannen die damaligen Kinder, heute selbst Eltern und Großeltern, zu erzählen. Jedes Kinderschicksal damals war anders, gleich für alle war das brutale, von den Kindern zumeist unverstandene Herausreißen von Mutter oder Vater oder sogar beiden Eltern aus dem Familienkreis. Zögernd, mit zum Teil großer innerer Erregung, wurden die durch die Verhaftungen entstandenen Eindrücke und Erlebnisse geschildert; von den Hausdurchsuchungen durch die Gestapo, der Beschlagnahmung von Büchern, der großen Ungewißheit nach einer Verhaftung. Auch die Besuche in der Haftanstalt, das Abgeben von Päckchen und der Empfang von Paketen mit verschmutzter, blutiger Wäsche waren den Berichtenden noch in deutlicher Erinnerung. Sie erlebten Isolation und Abgrenzung in der Schule und in der Nachbarschaft, aber auch Freundschaften und vielfältige Formen von Solidarität. Solidarität durch Genossen, die nicht verhaftet waren und durch einzelne sozialdemokratische und christliche Familien. Es gab Armut und Hunger, fast nur getragene Kleidung, keine Übernahme in eine weiterführende Schule, aber auch frohe Augenblicke, wenn alle 6 oder 8 Wochen ein Lebenszeichen, ein Brief kam.

Lydia Röhlck berichtete von verfolgten Genossen, die in der Wohnung oder bei Freunden versteckt werden mußten, von Gesprächen mit der Mutter über die Haft und die Tätigkeit des Vaters. Wirksame Hilfe und Solidarität erfuhren die Häftlingskinder von der "Roten Hilfe", die u.a. einen Ferienaufenthalt in Dänemark organisierte. Helmut Stein, der Sohn eines ehemaligen Häftlings erinnert sich daran, daß sich Spannung und Druck des Vaters nach seiner vorübergehenden Haftentlassung auf die Kinder übertrugen. Er selbst wurde Jurist und setzt sich bis heute aktiv und mit seinem ganzen Wissen gegen Unrechtsurteile der politischen Justiz ein.

Wie wir es mit der Kontinuität heute sehen, hatte ein junger Zuhörer gefragt. Ursel Ertel-Hochmuth, deren Eltern aktiven Widerstand leisteten, äußerte sich dazu folgendermaßen: Mutter und Vater wurden als Kommunisten mehrfach verhaftet. Der Vater wurde zum Tode verurteilt und hingerichtet. Die Tochter bekam in Hamburg als Lehrerin Berufsverbot, mit der Begründung, sie habe an Jugendtreffen und VVN-Kongressen teilgenommen. Erst nach langem Kampf und breiter Unterstützung durch öffentliche Proteste wurde sie wieder eingestellt.

Widerstand - hat es sich gelohnt, für ein Flugblatt ins Gefängnis zu gehen? Ja, die Formen des Widerstandes waren sehr vielfältig, unzählige kleine Aktionen haben den Krieg auf den 8. Mai verkürzt. Unrecht sehen und dagegen handeln heißt auch, besonders in schwierigen Zeiten, vor sich selbst bestehen können.

Ein guter Abend, der fortgesetzt werden sollte.

Erna Mayer

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Rezension:

Gestapo-Gefängnis Fuhlsbüttel

Erinnerungen - Dokumente - Totenliste - Initiativen für eine Gedenkstätte

Die VVN-BdA Kreisvereinigung Hamburg-Nord und die Willi-Bredel-Gesellschaft - Geschichtswerkstatt e.V. haben unter diesem Titel in dritter unveränderter Auflage im November 1997 eine Broschüre herausgegeben. Im Vorwort zur 3. Auflage heißt es u.a.:

,,Durch das Torhaus zu den Strafanstalten am Suhrenkamp 98, das 'Tor zur Hölle', ließ die Hamburger Naziführung ab April 1933 Tausende Häftlinge in das Konzentrationslager Fuhlsbüttel treiben. Über 400 Verfolgte verloren dort ihr Leben

Die Broschüre dokumentiert in ihrem ersten Teil (S.5-20) die zahlreichen Initiativen, die sich unter Beteiligung ehemaliger KolaFu-Häftlinge für die Errichtung einer Gedenkstätte im Torhaus einsetzten. Im Hauptteil (S.21-61) wird die Geschichte des KZ in Geschichten erzählt: In chronologischer Folge sind Erinnerungsberichte ehemaliger Gefangener und Dokumente über das Hamburger Gestapo-Gefängnis zusammengestellt. Im dritten Teil (S.62-68) wird eine erste Liste der Opfer von SS und Gestapo vorgelegt. Der erste Teil dokumentiert in Schreiben, Flugblättern, Reden und Fotos den schwierigen Weg zur Errichtung der Gedenkstätte von Anfang bis Mitte 1983.

Mit Anweisungen zur Ablösung der Beamten des Strafvollzugs durch die SS, Reden zu diesem Ereignis, Aktennotizen, Briefen, anonymen Rundschreiben und Flugblättern über die Zustände im KolaFu sowie einer Aufstellung über die ,,Zahl der Schutzhäftlinge in Hamburg (Fuhlsbüttel)" 1933 bis 1940 beginnt der zweite Teil der Broschüre. Ergänzt werden diese und andere Dokumente im weiteren durch Zeitzeugenberichte, Auszüge aus Lebenserinnerungen, Zitate aus Romanen und Zeitungsberichten über Prozesse gegen die für den Terror in Fuhlsbüttel Verantwortlichen 1947 und 1962.

Der ersten Totenliste im dritten Teil der Broschüre können inzwischen weitere Namen von Opfern hinzugefügt werden, die 1987 von Herbert Dierks für das ,,Gedenkbuch KolaFu" ermittelt wurden. Da eine umfassende Gesamtdarstellung der Geschichte des Kola-Fu bis heute leider nicht erarbeitet wurde, haben sich die Herausgeber zu einer dritten, unveränderten Neuauflage dieser Broschüre entschlossen.

(Nachdruck aus: Lokalberichte Hamburg Nr. 25 vom 4.12. 1997)

Die Broschüre kann für eine Schutzgebühr von 8,00 DM bei der VVN BdA, Hein-Hoyer-Straße 41, 20359 Hamburg sowie bei der Willi-Bredel-Gesellschaft bestellt werden.

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Anita Sellenschloh - Ein kämpferisches Leben hat sich vollendet

Unser Gründungsmitglied Anita Sellenschloh ist am 4.11. 1997 kurz vor ihrem 86. Geburtstag verstorben. Wir haben sie in vielen Gesprächen in der Gedenkstätte Kola-Fu, in ihrer Wohnung im Götkensweg und auch in ihrem Sommerhaus in Großenbrode als eine beeindruckende Persönlichkeit erlebt. Sie hat entscheidende politische Kämpfe in diesem Jahrhundert miterlebt und im Sinne ihrer sozialistischen Überzeugungen zu beeinflussen versucht. Ihre Erfahrungen hat Anita klug und humorvoll an uns Jüngere weitergeben können. Hätten wir doch noch mehr gefragt und aufgeschrieben! So sind Anitas Erinnerungen nur teilweise - insbesondere aus der NS-Zeit - veröffentlicht worden, nachzulesen in "Hamburg: Schule unterm Hakenkreuz" und bei Gerda Zorn "Rote Großmütter gestern und heute". Viele werden auch das liebevolle, aber um ihre kommunistische Identität verkürzte Porträt von Günther Schwarberg im Hamburger Abendblatt vom 18.11. 1997 gelesen haben.

Interessante Erlebnisse Anitas in der Weimarer Zeit tauchen in diesen Quellen allerdings nur am Rande auf. Daher möchten wir hier wichtige Passagen aus einem Gespräch mit Anita wiedergeben, das wir am 23.11. 1989 mit ihr führten.

Anitas Jugend im proletarischen Milieu Eimsbüttels - sie wohnte in der Satoriusstraße und am Rellinger Weg - führte sie schon früh in die sozialistische Bewegung: 1927 trat sie von der SAJ in den KJVD über. Sie nahm z.B. an den Aktionen gegen den Panzerkreuzerbau teil und erinnerte sich noch lebhaft an eine Demonstration durch Eimsbüttel mit einem selbstgebauten Panzerkreuzer. Ihre Schulzeit in der Reformschule Telemannstraße hat wohl ihr künstlerisches Interesse geweckt und dazu geführt, daß sie begeistert in der Agit-Prop-Truppe "Rote Kolonne" unter der Leitung von Willi Möller mitmachte. Sie führte politische Sketche als Straßentheater auf und hatten auch Auftritte in den Volksheimen und im internationalen Seemannsklub.

1929 wurde Anita für eine Delegation in die Sowjetunion ausgewählt - eine große Auszeichnung. Noch 60 Jahre später spürte man genau, wie tief sie das Leben in der jungen UdSSR beeindruckt hat. Vier Monate arbeitete sie in einer Leningrader Zigarettenfabrik und fand engen Kontakt zu den russischen Arbeiterinnen. Zu dieser Zeit schien ihr Traum von einer sozialen Gleichheit in der Sowjetunion verwirklicht: Sie schlief mit der Betriebsleiterin in einem kleinen Zimmer auf dem Fabrikgelände und fühlte sich wie in einer Familie aufgenommen.

Zu ihren Erlebnissen gehörte auch ein Ausflug nach Kronstadt und der Besuch zahlreicher Kulturveranstaltungen in Leningrad. Anita sammelte natürlich auch fleißig Agit-Prop-Texte in den sowjetischen Betrieben, um sie für die "Rote Kolonne" zu nutzen.

1930 wurde sie mit dem Aufbau der Antifa-Jugend in Hamburg beauftragt. In dieser verantwortungsvollen Arbeit hat sie wichtige Erfahrungen gesammelt, die zu ihrem klugen Verhalten in der illegalen Arbeit während der NS-Zeit beigetragen haben.

Obwohl Anita 1928 nach der mittleren Reife die Aufnahmeprüfung für eine Ausbildung als Sozialarbeiterin als Zweitbeste bestand, wurde sie nicht angenommen; ein frühes, politisch motiviertes Ausbildungsverbot - erst nach dem 2. Weltkrieg konnte sie Lehrerin werden. Zwanzig Jahre lang mußte Anita sich mit Jobs als Bürokraft in den unterschiedlichsten Hamburger Betrieben über Wasser halten.

Die einzige politisch interessante Tätigkeit war ihre Arbeit im Verlag "Der Arbeitslose" unter dem Chefredakteur Hermann Beuck. Die Zeitung mit dem Untertitel "Kampforgan der Erwerbslosen, Pflicht- und Fürsorgearbeiter" sollte die Arbeitslosen politisch informieren und aktivieren, gleichzeitig umfaßte sie einen umfangreichen Inseratenteil. Nach Verbüßung seiner Haft in der Festung Bergedorf traf Anita in der Redaktion auch Willi Bredel, der Artikel für die Zeitung verfaßte.

Ende 1931 wurde der Hamburger Verlag aufgelöst und die Anzeigenwerbung in Berlin zentralisiert. Hermann Beuck wurde Chef der neugegründeten "Pressereklame Anzeigenexpedition GmbH" in der Großen Präsidentenstraße 3. Vier bis fünf Akquisiteure besorgten aus dem ganzen Reich Anzeigen, meist von kleinen Geschäftsleuten. In der Verwaltung arbeiteten acht bis neun Mitarbeiter. Anita leitete zusammen mit Martha Bleckmann die Mahnabteilung. Hier arbeitete Anita mit der Hamburgerin Lucie Suhling zusammen. Zwischen den beiden entwickelte sich eine enge Freundschaft, über die Lucie in ihrem Erinnerungsbuch "Der unbekannte Widerstand" berichtet. Ein Grund mehr für die Willi-Bredel-Gesellschaft, dieses längst vergriffene Buch im Herbst 1998 neuaufzulegen.

Mit der Machtübergabe an die Nazis im Januar 1933 wurde "Der Arbeitslose" verboten und Anita kehrte nach Hamburg zurück. Im Februar 1933 machte sie auf dem Lande in Schleswig-Holstein illegale Quartiere fest. Neunmal wurde Anita während der NS-Diktatur verhaftet, das erste Mal am 8. Juni 1933. Über ihre erste Verhaftung schreibt Anita in "Hamburg: Schule unterm Hakenkreuz" (S.281): "Ich hatte von den grauenhaften Methoden der SS, Geständnisse zu erpressen, schon gehört. Die erste Begegnung mit der Gestapo im Stadthaus überstieg aber meine schlimmsten Vorstellungen. Man führte mich an einer offenen Tür vorbei, und ich sah, wie ein alter Mann geschlagen wurde. Er schrie furchtbar. Im Nebenraum begann das Verhör mit mir. Als ich die Aussage verweigerte, schlug mir einer ins Gesicht, ein anderer brüllte: 'Wenn du jetzt aussagst, hören wir nebenan auf zu schlagen.' Inzwischen hatte man meine Mutter verhaftet und holte sie herein. Wieder schrien sie: 'Wenn du jetzt nicht aussagst, sperren wir deine Mutter auch ein.' Dann brachte man noch den Kurier, der mich angegeben hatte, nachdem er entsetzlich zusammengeschlagen worden war. Aus Angst davor, daß man meine Mutter einsperrt und die beiden Männer weiter gefoltert werden würden, gab ich meine Arbeit zu. Ich nannte als Hintermann einen 'Edu', den es in Wirklichkeit nicht gab."

Vom November 1946 bis zum Dezember 1947 absolvierte Anita im Seminar von Anna Siemsen eine Kurzausbildung zur Lehrerin und unterrichtete seit 1948 zunächst an der Fritz-Schumacher-Schule, später an der Volks- und Realschule Heidberg.

Eine bittere Erfahrung mußte sie mit ihrer eigenen Partei machen: 1951 wurde sie aus der KPD ausgeschlossen. Ihr angebliches Vergehen gegen die Parteidisziplin: eine nicht "genehmigte" Fahrt zu Genossen nach Dänemark. Dieser Ausschluß traf sie tiefer als alle Erniedrigungen in der NS-Zeit: grundlos von den eigenen Freunden und Genossen geschnitten zu werden, ist weit schlimmer als zu wissen, wofür man kämpft und Opfer auf sich nimmt. Trotzdem blieb Anita bis zu ihrem Tode eine überzeugte Kommunistin.

Hans Matthaei

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Rezension:

Hamburg-Fuhlsbüttel in der NS-Zeit

1988 wurde in Hamburg die Willi-Bredel-Gesellschaft - Geschichtswerkstatt e.V. gegründet. Diese Entscheidung stand im Zusammenhang mit der Einrichtung einer Gedenkstätte im ehemaligen KZ Fuhlsbüttel.

Einwohner in Fuhlsbüttel begannen sich näher mit der Geschichte ihres Stadtteils, vor allem in der Zeit des Hitlerfaschismus, zu befassen. Sie hatten festgestellt, daß in bisherigen regionalgeschichtlichen Darstellungen die Zeit zwischen 1933 und 1945 keine oder nur eine untergeordnete Rolle spielte. Über die Stellung der Bevölkerung zum und im Dritten Reich sowie über den antifaschistischen Widerstand war fast nichts bekannt.

Die Willi-Bredel-Gesellschaft will, daß sich dieser Zustand ändert. Regelmäßig finden Vorträge und Diskussionen, Filmveranstaltungen und Exkursionen statt. Forschungen zur Stadtteilgeschichte von Fuhlsbüttel, Ohlsdorf, Langenhorn und Alsterdorf werden unterstützt. Eine Bibliothek und ein Archiv entstanden.

Im April 1995 stellten Mitglieder der Geschichtswerkstatt die ersten Ergebnisse ihrer Forschungen vor. Daraus entstand die Veröffentlichung ,,Fuhlsbüttel unterm Hakenkreuz"

In das Buch sind sechs Beiträge aufgenommen worden, die verschiedene Seiten des Lebens in der Zeit des Hitlerfaschismus beleuchten Gundel Grünert (Jg. 1928), Hartwig Baumbach (Jg. 1923) und Erna Mayer (Jg. 1925) berichten über Erlebnisse als Kinder bzw. Jugendliche in Fuhlsbüttel. Die Eltern wurden als Sozialdemokraten bzw. Kommunisten von den Nazis verfolgt.

Angehörige der Nachkriegsgeneration legen neue Forschungsergebnisse zu bisher kaum beachteten Themen vor. Holger Tilicki (Jg. 1956) befaßt sich mit der Rolle von Pastor Zacharias Langhans von der St.-Lukas-Gemeinde in Fuhlsbüttel in den Auseinandersetzungen zwischen den Deutschen Christen und den Anhängern der Bekennenden Kirche.

Silke Kaiser (Jg. 1964) stellt den Terror gegen Juden in Fuhlsbüttel dar. Besondere Beachtung findet das Schicksal jüdischer Frauen, die in ,,Mischehen" lebten.

Hans-Kai Möller (Jg. 1951) wendet sich dem Einsatz und den Lebensbedingungen ausländischer Zwangsarbeiter in Fuhlsbüttel und OhIsdorf zu.

Alle Aufsätze enthalten Neues, was nicht nur aus regionalgeschichtlicher Sicht Aufmerksamkeit verdient. Zahlreiche Fotos und andere Dokumente aus Privatbesitz und aus dem Archiv der Willi-Bredel-Gesellschaft ergänzen die Texte sinnvoll.

Sehr zu wünschen ist, daß es, wie beabsichtigt, gelingt, die Forschungen fortzusetzen und weitere Publikationen vorzulegen.

Karl Heinz Jahnke
(Nachdruck aus: Informationen Nr. 46, 1997, Studienkreis: Deutscher Widerstand)

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Das "dritte Reich" des Pastor Zach

Wir dokumentieren hier einen im Gemeindebrief der Kirchengemeinde St. Lukas geführten Meinungsaustausch über einen Artikel aus dem letzten Rundbrief der WBG. Hintergrund bildet ein Zitat von Pastor Heinrich Zacharias-Langhans aus dem Jahr 1934, welches von uns kritisch kommentiert wurde. Dieser öffentliche Briefwechsel ist u.a. genau das, was die Geschichtswerkstätten in Hamburg und besonders die Willi-Bredel-Gesellschaft anstreben: Eine lebendige Auseinandersetzung mit dem, was die Menschen im Stadtteil als Geschichte erlebt haben.

Offener Brief an Holger Tilicki

Betr.: Ihr Artikel "Pastor Zach im Zwielicht - Ausrutscher, Anpassung oder sich selbst treu geblieben?" im Rundbrief der Willi-Bredel-Gesellschaft vom Februar 1997.

Sehr geehrter Herr Tilicki,

Sie erinnern sich sicher noch an die beiden langen Gespräche, die wir 1995 im Pastorat Erdkampsweg 104 miteinander über Pastor Zacharias-Langhans (=Pastor Zach) Glauben und Glaubwürdigkeit geführt haben. Sie haben davon dankenswerterweise Etliches in Ihrem Artikel "Ein Pastor zwischen den Fronten, die Kirche St. Lukas im Nationalsozialismus" in dem Buch "Fuhlsbüttel unter dem Hakenkreuz" aufgenommen. Und auch in dem oben angegebenen Artikel erkennen wir noch Ihr Bemühen, Herrn Pastor Zach Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Aber nun sind da - aufgrund des Zitats aus der Fuhlsbüttel-Gedenkschrift von 1934 - die ganz anderen Töne, die uns erschreckt haben und uns diesen Brief schreiben lassen.

Jetzt schreiben Sie: "Diese nach 'Deutschen Christen' klingenden Formulierungen stammen von Zacharias-Langhans!" und kommen zu der "Schlußfolgerung: Pastor Zach hat sich mit dieser Mischung aus eigener Linie und Naziterminologie auf ein Glatteis begeben, das ihn in den Augen vieler unglaubwürdig werden läßt. Er vollzieht hier vermutlich eine Anpassung an die herrschenden Gegebenheiten, wie konservative bürgerliche Kreise, denen die junge Weimarer Demokratie suspekt war und die die 'starke Hand' zu Beginn der Nazidiktatur begrüßten. Dennoch ist dieser Text im Widerspruch zu seinen Predigten aus dieser Zeit und es bleibt unverständlich, was ihn dazu bewog, sich so angepaßt in einem Buch zu äußern, das weit über die Kirchenkreise hinaus verbreitet wurde."

Worum geht es - was ist "dieser Text", was sind "diese Formulierungen" in der 1934 erschienenen Gedenkschrift? Sie weisen hin auf die "schlimmen Sätze vom 'großen Wandel durch Adolf Hitler' und von 'einem Volk, das von neuem zu sich selbst findet und sich bekennt zu Blut und Boden' sowie auf die Worte über "das 'werdende Volk' und das 'erste zweite und nun dritte Reich', woraus natürlich Nazi-Ideologie spricht."

Lassen Sie mich dazu zwei notwendige Anmerkungen machen. Erstens: Hitler war ja 1933/34 für viele Menschen in Deutschland - und mit seinem von ihm so genannten "positiven Christentum" auch für viele Christen - eine Hoffnungsgestalt, die auch das Denken und Reden vieler Menschen prägte, die sich dann bald wieder schaudernd von ihm abwandten. Wie viele waren damals in seinen Bann gezogen! Beachtenswert ist für uns deshalb zweitens, wie Pastor Zach inmitten dieser Terminologie nicht nur den  Anspruch des Evangeliums unmißverständlich zum Ausdruck bringt, sondern sie sozusagen auch mit ihren eigenen Waffen schlagen konnte, wenn er seinen Artikel mit dem von Ihnen zur Hälfte zitierten Satz schließt: " so möge Fuhlsbüttel es mit Freude wissen, daß in seiner Mitte die Kirche lebt, der Heimat letzter, tiefster Mittelpunkt im ersten und im zweiten und nun im dritten Reich." Er schreibt hier "dritten" klein und macht damit aus dem ideologisierten "Dritten Reich" ein x-beliebiges "drittes" Reich. Er relativiert damit in den letzten Worten seines Artikels für alle, die zwischen den Zeilen lesen konnten, ja doch alles, was vorher "angepaßt" und nach "Nazi-Ideologie" klang! So, wie wir Pastor Zach kennengelernt haben, ist dies ganz bewußt geschehen. Er ist sich selbst - auch unter fremd anmutender Terminologie - stets treu geblieben!

Eine letzte Anmerkung. Sie selbst benutzen - ohne es offenbar bemerkt zu haben - ja auch typische Naziterminologie. Sie schreiben - ohne Anführungszeichen - von Pastor Zacharias-Langhans als einem "Halbjuden". Diesen Ausdruck konnten nur Menschen erfinden, die nicht das geringste vom Judentum verstanden. Denn nach jüdischem Verständnis kann ein Mensch nur Jude oder Nichtjude sein; dies hängt allein von seiner Herkunft und seinem Glaubensbekenntnis ab. "Halbjude" ist ein typisch nazistischer und völlig unjüdischer Begriff. So schnell kann also auch ein Holger Tilicki die Sprache der Nazis sprechen.

Nehmen Sie diesen "Offenen Brief" als eine Fortsetzung unserer "spannenden Gespräche" und seien Sie freundlich gegrüßt,

Hamburg-Fuhlsbüttel, Anfang März 1997 Maren und Jürgen Stäcker

(aus dem Gemeindebrief von Ostern 1997)

Offene Antwort von Holger Tilicki

Sehr geehrte Frau und Herr Stäcker,

jetzt wird es wirklich kompliziert. Ein Holger Tilicki spricht Nazi-Deutsch, wenn er nachlässigerweise den "Halbjuden" nicht in Anführungszeichen setzt und ein Pastor Heinrich Zacharias-Langhans verwendet kein Nazi-Deutsch mehr, wenn er das "Dritte Reich" klein schreibt.

Natürlich waren die Rassengesetze der Nationalsozialisten, die u.a. "Mischlinge" definierten, eine einzige juristisch verbrämte Erlaubnis, andere Menschen zu diskriminieren, sie zum Sündenbock für alles Schlechte auf dieser Welt zu machen und sie letztlich millionenfach zu ermorden.

Das "Dritte Reich" allerdings war nie eines unter vielen, denn ihm konnte kein viertes folgen, da es ja das "ewige Deutschland" war - oder wenigstens 1000 Jahre bestehen sollte. Diese Benennung ist reines Nazi-Deutsch und wird selten in Anführungszeichen gesetzt, da er bereits ein fester Begriff für diese Zeit geworden ist.

Die Nazis bezogen sich damals dabei politisch auf das Heilige Römische Reich Deutscher Nation (1. Reich), das Kaiserreich von 1871 (2. Reich) und ihr Nazireich (3. Reich). Im Buch "Fuhlsbüttel unterm Hakenkreuz" weise ich nur auf die religiöse Form der Reiche hin, auf die von den Nazis auch Bezug genommen wurde: Das Reich des Vaters (1. Reich), des Sohnes (2. Reich) und des Heiligen Geistes (3. Reich), denn es geht dort um die Haltung der christlichen Kirche zum NS-Staat. In einem Artikel über Kirchengeschichte, wie ihn Pastor Zacharias-Langhans 1934 verfaßte, eine Aufzählung der Reiche zu finden, verursachte mir daher eine Gänsehaut, da man unwillkürlich in diesem Zusammenhang an die religiöse Dimension dahinter denkt.

Es liegt mir fern, Pastor Zach nach allem, was ich über ihn in Erfahrung bringen konnte, so etwas wie Nazitum zu unterstellen. Ich belege ja gerade in meinem Artikel im Willi-Bredel-Rundbrief, wie sinnverfälschend und undifferenziert der Bürgerverein ihn zitiert hat, ohne ihn zu nennen und ohne auf die Kürzungen des Textes zu verweisen. Ich verstehe, daß er auch etwas anderes sagt, aber eben nur "auch" und nicht ausschließlich.

Die Relativierung mit dem kleingeschriebenen "Dritten Reich" mag stimmen; aber wer hat diese Feinheit denn wirklich herausgelesen und verstanden - damals und heute? Bestimmt muß man weiter forschen und die Diskussion fortführen, aber ohne Pastor Zach als unanfechtbar zu erklären.

Hamburg-Fuhlsbüttel im Mai 1997

Mit freundlichen Grüßen Holger Tilicki

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Prag - Exkursion auf den Spuren des Malik-Exilverlages in Böhmen (1933-1938)

Do. 21. Mai (Himmelfahrt) bis So. 24. Mai 1998

Daß Willi Bredel 1934 in der Prager Exil-Wohnung des Malik-Verlegers Wieland Herzfelde sein Buch "Die Prüfung" zu Papier gebracht hat, wißt Ihr sicher. Kennt Ihr jedoch die Odyssee von Bredels Manuskript "Begegnung am Ebro"? Es wurde im spanischen Bürgerkrieg aus den Trümmern eines zerbombten Hauses in Barcelona geborgen, in die Tschechoslowakei geschickt und dort in einer nordböhmischen Druckerei gesetzt, bevor die SS bei der Annektion des Sudetenlandes den Bleisatz einschmelzen ließ und so den Druck verhinderte. Wie antifaschistische Setzer dennoch einen Bürstenabzug gerettet haben und was mit diesen Papieren passierte, erfahrt Ihr auf unserer Exkursion.

Begeben wir uns auf die Spuren des Malik-Verlages und fahren wir nach Prag, - das Ziel unserer nächsten Exkursion vom 21. bis 24. Mai 1998 ("Himmelfahrt" mit Wochenende: Do.-So.), diesmal per Bahn. Prag war für die meisten emigrierten deutschen Antifaschisten nach dem Machtantritt Hitlers die erste Station auf ihrer jahrelangen Flucht. Unter ihnen viele Schriftsteller, neben Bredel auch Stefan Heym, Hedda Zinner, F.C. Weiskopf, Oskar Maria Graf und viele andere, unter ihnen auch Wieland Herzfelde und sein Malik-Verlag. Über 50 Bücher hat der Malik-Verlag in seinem Prager Exil von 1933 bis 1938 herausgegeben, meist Werke von Becher, Brecht, Bredel, Ehrenburg, O.M. Graf, Scharrer, Scholochow, Sinclair, Wedding und Weiskopf. So erschien der eingangs erwähnte Bredel-Titel "Die Prüfung" 1935 bei Malik in Prag.

Tschechische Freunde werden uns zu jenen Stätten der Exilliteratur führen, die wichtige Treffpunkte emigrierter Autoren waren: So das Gebäude, in dem der Malik-Exilverlag untergebracht war (und wo auch Bredel Unterkunft fand), das ehemalige Café "Continental" (das bedeutendste Emigrantencafé) und das Geburtshaus von Kisch, der damals viele der Neuankömmlinge in Prag tatkräftig unterstützte.

Daß wir auch Kultstätten der tschechischen Literaturgeschichte, wie Jaroslav Hascheks Stammkneipe "Zum Kelch" (U Kalicha), nicht auslassen, versteht sich von selbst. Vielleicht treffen wir ja auf dem nächtlichen Heimweg den braven Schwejk, - ob es uns nach dieser Begegnung freilich noch gelingt, auf dem Dachboden der Altneu-Synagoge den Golem endlich wieder zum Leben zu erwecken, muß vor Ort entschieden werden.

Anmeldung

Wer an der Pragfahrt teilnehmen möchte, meldet sich bis Ende März bei uns. Die Teilnahme kostet 260 DM, für unsere Mitglieder 240 DM. Der Betrag muß vor Antritt der Reise unter dem Stichwort "Prag" auf unser Konto (Haspa Nr. 1057210104 BLZ 20050550) überwiesen sein. Bei Reisebeginn bitte Einzahlbeleg oder Kontoauszug vorlegen. Im Preis inbegriffen sind die Bahnfahrt Hamburg - Prag & zurück sowie drei Übernachtungen inkl. Frühstück. Der Zug nach Prag fährt am 21. Mai, 10.03 Uhr am Hbf. ab. Wir treffen uns 9.45 Uhr am Bahnsteig. Für Platzkarten ist gesorgt. Am Sonntag, den 24. Mai, sind wir gegen 20 Uhr wieder am Hamburger Hauptbahnhof.

Leseempfehlung

Zur Einstimmung auf Prag seien hier einige Texte zur Lektüre empfohlen, in denen die damals emigrierten Autoren ihre Exilerfahrung verarbeitet haben. Vielleicht hast du ja Lust, während der Exkursion uns mit dem Schicksal einer dieser AutorInnen oder mit einem ihrer Bücher bekanntzumachen:

Réne Seneko

* Bei diesem Titel ist die Emigration nicht nur der Hintergrund für Romanhandlung und Stoff, sondern sie ist selbst das Thema.

** Diese Buchtitel ist im Handel erhältlich

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Letztes Jahr brachte die Willi-Bredel-Gesellschaft 8 Fotopostkarten heraus, deren Verkauf durch den untenstehend abgedruckten Artikel im Alstertal-Magazin 9/97 und weiteren Hinweisen u.a. im Lokalanzeiger ins Rollen gebracht wurde. Außer direkt bei uns im Büro werden die Karten in der Bücherstube Rubow und im OMNIBUS verkauft. Aufgrund des regen Interesses der Fuhlsbütteler haben wir geplant, bald eine Serie mit weiteren Motiven aus unserem Archiv aufzulegen.

Die WilIi-Bredel-Gesellschaft veröffentlicht historische Fotopostkarten

Historisch interessierte Alstertaler können sich jetzt ein Stück Geschichte aus ihrem Stadtteil nach Hause holen.

,,Kann man das auch irgendwo kaufen?" Diesen Satz hörten die Mitarbeiter der Willi-Bredel-Gesellschaft während der Sprechzeiten des Fuhlsbütteler Vereins immer wieder. Historisch interessierte Fuhisbütteler erkundigten sich, ob sie nicht das eine oder andere Bild aus dem Foto- und Postkartenarchiv erwerben könnten. Bisher war das unmöglich, weil die meisten Originale einmalig sind. Jetzt haben sich die Mitglieder der Geschichtswerkstatt entschlossen, als Anfang einen Satz von acht Fotopostkarten herauszubringen. Vier Luftaufnahmen vom Anfang der 30er Jahre zeigen die Schule Ratsmühlendamm, die Badeanstalt Ohlsdorf, Röntgen-Müller und einen Flugtag auf dem Fuhlsbütteler Flughafen. Drei weitere Karten zeigen Motive aus den ersten Jahren dieses Jahrhunderts: Die Pferdebahn Ohlsdorf-Langenhorn-Ochsenzoll, das Luftschiff ,,Parseval" vor der Luftschiffhalle in Fuhlsbüttel und den Fuhlsbütteler Schleusenteich mit der alten Schleuse im Hintergrund. Eine Postkarte ist außerdem dem Hamburger Arbeiterschriftsteller Willi Bredel gewidmet, der 1928 an seiner Drehbank bei Nagel & Kaemp, heute Kulturfabrik Kampnagel, dargestellt ist. In seinem Buch ,,Die Prüfung" schilderte Bredel seine Haftzeit im KZ Fuhlsbüttel. Die Karten (Einzelpreis 1,50 Mark, je Satz 9 Mark) können direkt bei der Willi-Bredel-Gesellschaft, Im Grünen Grunde lc, Tel.: 59 11 07, bestellt werden. Öffnungszeiten sind Dienstag von 15 bis 18 Uhr.

Gaby Hoffmann

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Straße umbenannt

Am 28. Februar 1997 wurde der bisherige "Peter-Mühlens-Weg" in "Agnes-Gierck-Weg" umbenannt. Die Gründe hierfür können Sie in unseren Rundbriefen 1996 und 1997 nachlesen. Zwei unserer Mitglieder haben in der Umbenennungsinitiative entscheidend mitgewirkt. Diese Gruppe setzt sich jetzt auch für die Beseitigung des nach dem Psychiater Wilhelm Weygandt (1870-1939) benannten "Weygandtstraße" in Langenhorn ein. Weygandt war Direktor der Psychiatrischen Anstalt Friedrichsberg und propagierte zur "Ausmerzung geistig und psychisch Minderwertiger" eugenische Forderungen, die noch radikaler waren als jene, welche im Naziregime je praktiziert worden sind.

René Senenko

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Man schreibt uns:

Leserbrief Gerda Ahrens, 12.2.97

Liebe Freunde,

dankend erhielt ich den Rundbrief vom Februar 1997. Zu der biographischen Skizze von Walter Flesch möchte ich Euch mitteilen, daß Walter und ich 1929 in der SAJ-Gruppe "9. November" waren und diese Gruppe gehörte zu den Roten Pionieren. Bis zu der Spaltung der SPD gehörten wir zu dieser Gruppe. In der SAJ gab es die, die man "Jiegelhops" nannte, sowie die politisch interessierten Roten Pioniere. Die andere Gruppe der Roten Pioniere nannte sich Gruppe "Karl Liebknecht". Die beiden Gruppen machten auch Falkenarbeit, stellten die Helfer für die "Roten Falkengruppen". Die politische Schulung bei den Roten Pioniergruppen war sehr gut und später waren die Mitglieder entweder übergegangen zum "Sozialistischen Jugendverband" (SAJ) oder sie gingen wie Walter und ich zum KJV.

Herzliche Grüße

Gerda Ahrens

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Post aus der Ukraine

Am 24. Juni 1997 schrieb uns Nikolai Chmelenok (39 J.) aus Gorodnja:

Gorodnja, den 24.6.97

Liebe Freunde!

Ihnen schreibt ein Deutschlehrer aus der Ukraine. Die neuen "demokratischen" Lehrbücher für Deutsch, mit denen wir arbeiten, enthalten keine Texte über den antifaschistischen Widerstandskampf in Deutschland. Unsere Schüler wissen heute nichts über die "Weiße Rose", die "Rote Kapelle", über das Nationalkomitee "Freies Deutschland", über E. Thälmann, E. Busch, E.Weinert, Staufenberg u.a. Das sogenannte Goethe-Institut und "Inter Nations" geben ausschließlich antikommunistische Lehrwerke heraus. Vielleicht würden Sie uns mit dem entsprechenden Bild- und Textmaterial unterstützen?

Vielen Dank im voraus.

Hochachtungsvoll

Nikolai Chmelenok

Also schnürten "wir Bredels" ein Bücherpaket und schickten Nikolai unser Fuhlsbüttel-Buch, Bredel- und Thälmann-Bücher u.a. antifaschistische Literatur. Im Oktober bedankte sich Nikolai in einem Brief, und wir erfuhren, daß er unsere Adresse in einer UZ-Ausgabe gefunden habe, die ihm ein Freund überlassen hatte.

Doch Nikolai braucht vor allem noch Bücher, in denen deutsche antifaschistische Literatur vorgestellt wird, also Sammelbände, Anthologien, aber auch Einzeltitel, die sich für seinen Deutschunterricht eignen. Wer helfen möchte, sollte bis zur nächsten Büchersendung an Nikolai im Mai seine Bücherspende im Büro der Willi-Bredel-Gesellschaft abgeben.

Réne Seneko

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Kurz & Bündig:

Neuer Vorstand

Auf der Jahresmitgliederversammlung am 23. 10. 1997 wurde u.a. ein neuer Vorstand gewählt. Ihm gehören Silke Kaiser, Hans Matthaei, Hans-Kai Möller, Michael Schöpzinsky, René Senenko und Holger Tilicki an. Aus seiner Mitte wurden Hans Matthaei zum stellvertretenden Vorsitzenden und Hans-Kai Möller zum Vorsitzenden der WBG gewählt. Kassenprüfer bleiben Gundel Grünert und Karl-Heinz Zietlow.

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Bredel-Gesellschaft war dabei

1997 beteiligte sich die WBG mit einem Informationsstand am Stadtteilfest Fuhlsbüttel, am Methfesselfest in Eimsbüttel und am UZ-Pressefest in Dortmund. In zahlreichen Gesprächen verkauften wir unsere Bücher, Broschüren und Postkarten und knüpften neue Kontakte.

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Buchbesprechung

Karl Heinz Jahnke/Alexander Rossaint - Dr. Joseph Cornelius Rossaint (1902-1991) - Aus seinem Leben und Werk, VAS-Verlag für Akademische Schriften, Frankfurt/Main, 1997 - ISBN 3-88864-214-0

Unser Mitglied Prof. Dr. Karl Heinz Jahnke hat mit seinem neuen Buch, das er zusammen mit Dr. Alexander Rossaint, einem Neffen von J.C. Rossaint, verfaßt hat, einen wichtigen Beitrag zur Geschichte des Antifaschismus geliefert, denn es geht um das Wirken eines Menschen, der gleichzeitig Katholik und Sozialist war. Er gehörte also einer christlichen Kirche an, die patriarchalisch und autoritär strukturiert ist, zog aber aus den ursprünglichen christlichen Lehren Konsequenzen, die ihn unabhängig von dieser konservativen Institution zu fortschrittlichen, humanitären und kapitalismuskritischen Standpunkten gelangen ließen.

Geprägt durch die bitteren Erfahrungen des 1. Weltkrieges - er verlor aufgrund von Grenzverschiebungen seine Heimat - arbeitete er als Kaplan in Oberhausen und später Düsseldorf im "Friedensbund Deutscher Katholiken", insbesondere leitend in der Jugendarbeit. Anfang der 30er Jahre "vertrat (Dr. Rossaint) den Standpunkt, daß die vom Faschismus ausgehende Gefahr für den Frieden durch gemeinsames Handeln der Andersdenkenden gebannt werden könne. Dies schloß im Jugendbereich das Zusammengehen mit sozialdemokratischen und kommunistischen Organisationen ein. Trotz tiefer weltanschaulicher Gegensätze war für ihn gemeinsames Auftreten der Antifaschisten dringend geboten." (Seite 23)

Nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler leistete Rossaint zusammen mit im Untergrund agierenden Kommunisten Widerstandsarbeit und wurde daher am 29. 1. 1936 von der Gestapo festgenommen und zusammen mit anderen Widerstandskämpfern 1937 im sogenannten "Katholikenprozeß" vom Volksgerichtshof zu 11 Jahren Zuchthaus verurteilt.

Nach der Befreiung 1945 machte er sich stark für einen radikalen Neuanfang in Deutschland mit einer Neuregelung der Besitzverhältnisse, u.a. durch eine Bodenreform. Er war Vorsitzender des "Bundes Christlicher Sozialisten" und später dann Präsident der "Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes". In dieser Funktion trat er immer wieder im Sinne des Erbes der Widerstandskämpfer auf, und zwar als Mahner gegen Aufrüstung und Nachrüstung und für eine Veränderung der Gesellschaft auf der Basis seiner christlichen Überzeugungen. Dadurch war er auch ein Außenseiter in seiner Kirche und durfte nicht als Priester amtieren.

Karl Heinz Jahnkes Buch gliedert sich in einen biographischen Teil, in dem der Historiker sachlich, klar und zurückhaltend den Lebensweg J.C. Rossaints beschreibt, und einen zweiten Teil aus einer Sammlung von Texten Rossaints, die teils in den 30er Jahren, teils zu Zeiten der Bundesrepublik verfaßt wurden.

Wenn nicht schon der von Jahnke beschriebene Lebensweg es deutlich gemacht hat: Diese Texte zeigen, daß ein aufrechter Antifaschist und Kämpfer für eine neue, menschlichere Gesellschaft, die das Schinden von Menschen in Kriegen und entfremdeten Produktionsprozessen nicht mehr zuläßt, ein religiöser Mensch sein kann, wie es auch die "Religiösen Sozialisten" in der evangelischen Kirche seit 1926 vorgelebt haben.

Das Beispiel Rossaint zeigt ebenfalls, daß fortschrittliche Kräfte, ob sie sich nun materialistisch definieren oder religiöse Wurzeln haben, zusammengeführt werden können. Gerade die kulturelle Vielschichtigkeit der heutigen modernen Gesellschaft und die immer größer werdende Bedrohung durch ökologische und soziale Katastrophen macht es notwendig, weltanschauungsübergreifend für eine positive Entwicklung zu arbeiten.

Karl Heinz Jahnkes Buch leistet durch die Würdigung Rossaints einen wichtigen Beitrag zur Bewußtseinsbildung in diese Richtung.

Holger Tilicki

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