Willi-Bredel-Gesellschaft
Geschichtswerkstatt e.V.

Rundbrief 1997

Inhalt:

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Editorial

Lieber Leser, liebe Leserin,

was tat sich im Laufe dieses Jahres in der Bredel-Gesellschaft? Im Mittelpunkt unserer Arbeit stand die Herausgabe und die Verbreitung unseres fast ausschließlich von Mitgliedern verfaßten Buches "Fuhlsbüttel unterm Hakenkreuz" . Die unerwartet positive Resonanz auf das Buch hat sich u.a. in hohen Verkaufszahlen niedergeschlagen. Der Erfolg des Buches hat einen der Autoren zum Weiterforschen angeregt: Holger Tilicki legt in seinem Artikel die Ergebnisse seiner neuesten Recherchen über den Fuhlsbüttler Pastoren Zacharias Langhans vor.

Was lange Zeit als Wunsch bestanden hatte, wurde endlich Wirklichkeit: Nach jahrelangem Bemühen gelang es uns, die Privatbibliothek von Willi Bredel von Schwerin nach Hamburg zu holen. Mit dem Abschluß des Leihvertrags zwischen Bredels Witwe May-Ingrid und der Willi-Bredel-Gesellschaft befinden sich die rund 5000 Bände der Bibliothek nun in der Forschungsstelle für die Geschichte des Nationalsozialismus in Hamburg, wo sie sicherlich gut aufgehoben sind. Die Privatbibliothek Bredels wird dort ab Sommer 1997 in einem eigenen Raum der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Von der Übergabe der Bücher im Schweriner Schloß und dem anschließenden Transport nach Hamburg berichtet Michael Schöpzinsky in seinem Artikel.

Im vergangenen Jahr besuchten mehr als 300 Menschen unsere verschiedenen Veranstaltungen, Rundgänge und Exkursionen. So viele Interessierte erreichten wir seit der Gründung unserer Geschichtswerkstatt innerhalb eines Jahres noch nie. Diese zahlreichen Aktivitäten wirkten sich auch positiv auf die Mitgliederentwicklung aus. So traten während einer Stadtrundfahrt auf den Spuren Willi Bredels im Rahmen der Bredel-Woche 1996 gleich drei Besucher der Bredel Gesellschaft bei. Inzwischen ist die Zahl unserer Mitglieder auf siebzig angewachsen.

Für die Zukunft planen wir ein Forschungsprojekt über das Thema "Fuhlsbüttel nach 1945". Neue Erkenntnisse hoffen wir, u.a. über die Entnazifizierung, die schwierigen Lebensbedingungen in der Nachkriegszeit und die Entwicklung der Jugendbewegung in Fuhlsbüttel und Langenhorn zu gewinnen. Natürlich benötigen wir für dieses neue Projekt wieder tatkräftige Unterstützung. Wir würden uns über Fotos, Dokumente, Zeitschriften, Erlebnisberichte usw. aus dieser Zeit freuen. Auch neue Autorinnen und Autoren sind uns willkommen!

Silke Kaiser

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Wirklich erfolgreich!

Die Resonanz auf unser Buch "Fuhlsbüttel unterm Hakenkreuz"

Ohne Übertreibung kann man behaupten, daß sich die investierte Arbeit in unser Buchprojekt "Fuhlsbüttel unterm Hakenkreuz" gelohnt hat. Das Buch verkaufte sich hervorragend und war bereits im Spätherbst 1996 beim Verlag so gut wie ausverkauft. Durch einen Engpaß im Auslieferungslager mußten wir sogar aus unseren Beständen zuliefern, damit Dölling & Galitz seinen Lieferverpflichtungen an den Buchhandel nachkommen konnte. Derzeit sind nur noch wenige Restexemplare im Büro der Willi-Bredel-Gesellschaft erhältlich und eine zweite Auflage ist daher in Planung.

Doch nun der Reihe nach: Nur einen Tag vor der lange geplanten Vorstellung des Buches auf einer Pressekonferenz in der Gedenkstätte KOLAFU am 21.2.96 lieferte der Verlag die Bücher aus, und die Autorinnen und Autoren hielten endlich das fertige Produkt in Händen. Leider fanden sich auf der Pressekonferenz nur wenige Journalisten ein, dennoch war das Echo in den Medien im Laufe der nächsten Wochen sehr positiv.

Einen Tag später zwängten sich knapp 70 Menschen in die Verkaufsräume der "Bücherstube Rubow". Alle Besucher dieser Veranstaltung waren angemeldet und vielen, die sich zu spät anmeldeten, mußte abgesagt werden. Offen gestanden: So viel und so unterschiedliches Publikum haben wir sehr selten. Aufgrund der Verbindungen der Bücherstube zur St.Lukas-Kirchengemeinde, hatten sich auch sehr viele am Kirchenthema Interessierte eingefunden. Nach den Lesungen von Hartwig Baumbach, Erna Meyer, Gundel Grünert und mir machten eine Reihe älterer Fuhlsbütteler und Langenhorner Ergänzungen aus eigenem Erleben im Stadtteil, über Pastor Zacharias-Langhans und zur Situation bei Röntgenmüller. Diese erste öffentliche Vorstellung unseres Buches löste genau die Diskussion und das Interesse am Thema aus, das wir beabsichtigt hatten.

Die "Tournee" der Autoren ging in der nächsten Zeit sogar noch weiter: Am 27.3.96 erreichten wir viele ältere Mitbürger mit einer Lesung von Hans-Kai Möller und Silke Kaiser bei der "Seniorengruppe Walddörfer". Am 25.4.96 kamen nochmals mehrere Dutzend Fuhlsbüttler in die "Öffentliche Bücherhalle Fuhlsbüttel", der wir traditionell sehr verbunden sind. Thematisiert wurde hier in der Hauptsache der Teilaspekt "Juden, Ostarbeiter und Kriegsgefangene im Stadtteil", sowie Hartwig Baumbachs Erlebnisbericht.

Nachdem das Schaufenster zum Thema in der "Bücherstube Rubow" abgebaut worden war, konnten wir im Schaufenster des "Omnibus-Ladens" von Stefan Kaiser über einen Monat lang für unser Buch werben. Der "Omnibus" fungierte weiterhin als zweite Verkaufsstelle der Willi-Bredel-Gesellschaft im Stadtteil und konnte so an seine ursprüngliche Rolle als stadtteilkulturelle Einrichtung anknüpfen. Der weitere Verkauf des Buches lief - außer direkt über unser Büro - über die Buchläden im Stadtteil, in Hamburg und bundesweit. Weitere Verkaufserfolge konnten wir auf dem "Fuhlsbütteler Stadtteilfest" am 11. und 12. Mai 96 verbuchen, wo wir beide Tage mit unserem Stand und einer kleinen Ausstellung zum Buch und zum Stadtteil vertreten waren. Umschichtig waren auch alle Autoren am Stand und warben für unser Buch.

Jugendliche erreichten wir gezielt aufgrund einer Einladung der Kirchengemeinde St. Marien im Rahmen der Veranstaltungen zur Eröffnung des "Jugendpavillons" Mitte August. Hans Matthaei vertrat die Bredel-Gesellschaft und Gundel Grünert las und berichtete aus ihrer Jugend in Fuhlsbüttel während des Dritten Reiches.

Als vorläufig letzte Veranstaltung mit direktem Bezug zu unserem Buch kann der Stadtteilrundgang am Sonntag, dem 25.8.1996 gelten. Stationen waren das Wohnhaus einer Jüdin, die damals in Fuhlsbüttel lebte und von Silke Kaiser für das Buch interviewt wurde, die Schule Ratsmühlendamm (Hartwig Baumbach berichtete vor Ort über seine Schulzeit) und die St. Lukas-Kirche. Im Buch nicht erwähnt war das Schicksal der Lehrerin Erna Stahl, über das Hans Matthaei beim Gymnasium Alstertal referierte.

Insgesamt haben wir ca. 150 Menschen auf unseren Veranstaltungen erreicht, zuzüglich der vielen, die auf dem Stadtteilfest, in den Schaufenstern der Buchläden (auch im Univiertel), des "Omnibus" und durch die Presseveröffentlichungen aufmerksam gemacht wurden. Rezensionen gab es u.a. im Lokalanzeiger, der tageszeitung, der Hamburger Rundschau, dem Alstertal-Magazin, dem Hamburger Abendblatt und sogar durch Kurt Grobecker im NDR (siehe "Pressestimmen").

Wir Autoren freuen uns sehr über soviel Interesse und den Verkaufserfolg unseres Buches.

Holger Tilicki

Pressestimmen

"Die Publikation ist die erste Gesamtdarstellung der Judenverfolgung, Kriminalisierung von Sozialdemokraten und Kommunisten, Bespitzelung kritischer Christen und Ausbeutung ausländischer Zwangsarbeiter in Hamburgs Norden."

(Neues Deutschland 22.5.1996)

"Das … Buch besticht vor allem durch die persönlichen Aussagen Betroffener. Solche Erinnerungen (sind) auch nach langer Zeit noch voller bedrückender Lebendigkeit…"

(NDR 23.2.1996)

"Ein aufsehenerregendes Buch für die Fuhlsbüttler, nicht nur für diejenigen, die diese Zeit miterlebt haben, sondern auch für junge Leute, die dadurch einen unmittelbaren Zugang zu diesem schrecklichsten Abschnitt deutscher Geschichte in ihrem eigenen Lebensraum finden können."

(Alstertal-Zeitung 4/96)

"Zeitzeugen und Forscher belegen gefühlvoll und deutlich, wie leidvoll das Leben in Fuhlsbüttel sein konnte. (…) So gelingt es den Herausgebern, neben Geschichten aus der Nachbarschaft auch Einblick in wissenschaftliche Betätigungsgebiete zu bieten. Indirekt fordern sie dadurch nicht nur zum Weiterreden, sondern auch zum Weiterforschen auf."

(TAZ 9./10.3.1996)

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Peter-Mühlens-Weg umbenannt in Agnes-Gierck-Weg

Seit Januar '97 hat der bisherige Peter-Mühlens-Weg einen neuen Namen. Umbenannt nach einer einfachen Arbeiterfrau und Kommunistin aus Langenhorn, die 1935 wegen Spendensammlungen für die Rote Hilfe und Verbreitung illegaler Schriften zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt worden ist, heißt die kleine, unweit der Klinik Ochsenzoll gelegene Straße nun Agnes-Gierck-Weg. Mehr über Agnes Gierck (1886-1944) und Peter Mühlens (1874-1943) enthält unser Rundbrief vom Februar 1996.

Ende des Jahres 1994 hatte ich als Anwohner des Peter-Mühlens-Wegs in einem Brief an das zuständige Senatsamt für Bezirksangelegenheiten auf die Verantwortung des Tropenmediziners Peter Mühlens bei medizinischen Versuchen des Hamburger Tropeninstituts an KZ-Häftlingen, Zwangsarbeitern und psychisch Kranken in den Jahren des Nationalsozialismus hingewiesen und dringend gebeten, die Straße umzubenennen. In seiner Antwort vom 22.11.94 schrieb Herr Thießen vom Senatsamt: "Ihrer Bitte, den Peter-Mühlens-Weg zu überprüfen und gegebenfalls eine Umbenennung des Weges einzuleiten, komme ich gern nach". Die Dienststelle gab beim Staatsarchiv Hamburg ein Gutachten in Auftrag, das allerdings "Außenstehende" bis heute nicht einsehen durften. Sonst aber rührte das Amt in dieser Sache bis zum Ortsausschußentscheid, also über ein Jahr lang, keinen Finger mehr. Auch nicht im 50. Jahr der Befreiung vom Nationalsozialismus, - trotz Briefen und Unterschriftenlisten an Bürgermeister Voscherau, Senat und Hamburger Medien.

Voran kam das Anliegen erst mit einer ersten Anwohnerversammlung im Januar '96, aus der die Anwohnerinitiative zur Umbenennung hervorging und auf der verschiedene Initiativen hre Unterstützung zusagten. Das KBL-Stadtteil-Fernsehen informierte daraufhin im Offenen Kanal darüber. Erna Mayer schlug im Namen der VVN - Bund der Antifaschisten Hamburg-Nord zusammen mit der Jugendgruppe Antifaschistische Aktion FuLa in einem Brief an den Ortsausschuß Fuhlsbüttel den Namen Agnes Gierck für den in Frage gestellten Straßennamen vor. Und zugleich übergaben beide Gruppen viele Listen mit den gesammelten Unterschriften von Hamburgern, die eine Umbenennung nach A. Gierck unterstützten. Auch Siegfried Diebolder von der GAL-Fraktion (Nord) engagierte sich für eine Entscheidung, und die Bürgerschaftsfraktion der GAL zwang mit einer Kleinen Anfrage den Senat zur Stellungnahme.

Auf der Juni-Sitzung des Ortsausschusses Fuhlsbüttel stimmten dessen Mitglieder einstimmig für eine Umbenennung und mehrheitlich für den Alternativnamen Agnes-Gierck-Weg. Besonders Renate Herzog (SPD) von der Bezirksversammlung Nord sprach ein deutliches Wort: Agnes Gierck sei eine einfache Arbeiterfrau gewesen, die es verdient habe, durch einen Straßennamen geehrt zu werden. Sie habe unter dem NS-Regime gelitten und stehe stellvertretend für viele andere Menschen. Die Anwohnerinitiative übergab dem Gremium die Unterschriften von 43 % der erwachsenen AnwohnerInnen, die eine Umbenennung befürworten.

Auch die Empfehlung des Hamburger Staatsarchivs, das auf die Verstrickung Mühlens' in medizinische Versuche unter der NS-Herrschaft verweist, hat der Ortsausschuß bei seiner Entscheidung berücksichtigt. Bereits die Hamburger Gesundheitsbehörde hatte die Rolle des Tropeninstituts bis 1945 jüngst untersuchen lassen. Nach drei Jahren Recherche sind die Ergebnisse seit 1994 über den Buchhandel jedem zugänglich: Stefan Wulf: Das Hamburger Tropeninstitut 1919-1945.

Im November befand in letzter Instanz der Senat über den Vorschlag aus Hamburgs Norden, und am 29.11.1996 informierte der Amtliche Anzeiger Hamburgs endlich über die Umbenennung der 220m langen Verkehrsfläche in Agnes-Gierck-Weg. Exakt zwei Jahre waren seit der ersten Forderung nach einer Umbenennung ins Land gegangen.

Doch schon lange vor der Anbringung des neuen Straßennamensschildes war bekannt, daß es unter den 14 um das AK Ochsenzoll gelegenen "Medizinerstraßen" zwei weitere gibt, deren Namensgeber durch ihre "Leistungen" aus der NS-Zeit belastet sind. Seit 1945 sind diese vierzehn Straßen nach Ärzten und Medizinern - im übrigen allesamt Männer - benannt worden. Diese beiden fragwürdigen Namensgeber sind der Grund, weshalb bereits im August der Ortsausschuß auf einen Antrag der SPD hin beschlossen hat, alle diese nach Medizinern benannten Straßen zu überprüfen. Warten wir's ab. Nein, haken wir nach.

René Senenko

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Abriß als "Vergangenheitsbewältigung"

Friedhöfe, Behinderteneinrichtungen und Gefängnisse werden seit altersher meist außerhalb der Stadtgrenzen errichtet. So entstand auch das Gefängnis Fuhlsbüttel weit vor den Toren der Stadt auf der grünen Wiese. Neben der bereits 1865-1869 errichteten "Korrektionsanstalt", einer Einrichtung für Arme, Unangepaßte und Kleinkriminelle, entstand 1876 bis 1879 das Gefängnis Fuhlsbüttel (Anstalt 1), das während des Faschismus als KZ Fuhlsbüttel traurige "Berühmtheit" erlangte. Zeitgleich mit dem Gefängnis entstanden am Maienweg, Suhrenkamp, Am Hasenberge und in der Nesselstraße Dienstwohnungen für die Gefängnisbeamten, die mit großzügigem Grün für die Kleintierhaltung, Obstanbau usw. umgeben waren. Teile der genannten Straßen, insbesondere die Nesselstraße werden noch heute durch die einheitliche Architektur dieser Häuser geprägt.

Da es in unserem nun wiedervereinigten Vaterland, insbesondere aber in unserer Heimatstadt, anscheinend Dutzende derartige Anlagen gibt, entschied der Senat, fünf der erst 1906 im Zusammenhang mit der Gefängniserweiterung (Anstalt 2, Am Hasenberge) errichtete Häuser abzureißen. Heike Sudmann, GAL-Abgeordnete der Bürgerschaft und Mitglied der Bredel-Gesellschaft wollte wissen, welche Gründe den Senat zu diesem äußerst kühnen Schritt veranlaßten. Auf ihre schriftliche kleine Anfrage antwortete der Senat:

"Zusammen mit den beiden Vollzugsanstalten und den Torhäusern bilden die Beamtenwohnungen des Komplexes der Justizvollzugsanstalt Fuhlsbüttel eine Gesamtanlage, deren Erhaltung wegen ihrer städtebaulichen und geschichtlichen Bedeutung im öffentlichen Interesse liegt.

Der bauliche Erhaltungszustand der Dienstwohnungen ist unterschiedlich. Dies beruht neben einer altersbedingten Abnutzung wesentlich auf Spätfolgen der durch die massive Bombardierung des Flughafens Fuhlsbüttel im Zweiten Weltkrieg ausgelösten heftigen Erschütterungen, von denen die angesprochenen Gebäude unterschiedlich, die abgerissenen Wohnungen im Maienweg leider in besonderem Maße betroffen wurden."(1)

Wie gut, daß Fuhlsbüttel endlich von diesen schlimmen Spätfolgen des zweiten Weltkrieges befreit wird. Doch war diese wahrhaft vergangenheitsbewältigende Tat notwendig? Eine "massive Bombardierung des Flughafens Fuhlsbüttel im Zweiten Weltkrieg" hat es nie gegeben. Der Flughafen Hamburg blieb "im Gegensatz zu vielen anderen deutschen Flughäfen unzerstört. Im Mai 1945 kann ein funktionsfähiger Flughafen von der Royal Air Force übernommen werden." So heißt es in der offiziellen Chronik 75 Jahre Flughafen Hamburg. (2)

Der wahre Grund für diesen "gelungenen Abriß" sind die Interessen privater Investoren. Die Firmen Karl Dinger und Wohnungsverein Hamburg dürfen auf dem Gelände nun 72 neue Wohnungen bauen und gewinnbringend vermieten. Was interessieren denn da die Interessen der teilweise schon mehrere Jahrzehnte dort lebenden 20 Familien oder gar der Denkmalschutz?

Das Denkmalschutzamt wurde zurückgepfiffen. Die Denkmalschützerin Ilse Rüttgerodt-Riechmann bezeichnete den Abriß vorsichtig als "schmerzhafte Reduzierung der schützenswerten Gesamtanlage."(3) Der Abriß der städtebaulich bedeutsamen Anlage und damit die Zerstörung von preiswertem, familienfreundlichen Wohnungen kann allerdings weitergehen, denn eine "Unterschutzstellung ist bisher nicht geschehen und auch nicht vorgesehen," schreibt der Senat an Heike Sudmann (4). Wenn wir Fuhlsbüttler nicht aktiv werden, wird der Senat auch in unserem Stadtteil seine Abrißpolitik ohne Rücksicht auf Verluste fortsetzen.

Hans-Kai Möller

(1) Bürgerschaft der Freien und Hansestadt Hamburg, 15. Wahlperiode, Drucksache 15/5712, 5.7.1996, Schriftliche Anfrage der Abgeordneten Heike Sudmann (GAL) vom 27.6.96 und Antwort des Senats, Betr.: Erhalt der historischen Wohnhäuser rund um die JVA Fuhlsbüttel

(2) Flughafen Hamburg GmbH (Herausgeber), Chronik Flughafen Hamburg 75 Jahre 1911-1986, Hamburg 1986, Seite 27

(3) Hamburger Abendblatt, 17.4.1996, Seite 14

(4) Vergleiche Anmerkung1

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Hier sprach Teddy Thälmann schon 1918

Traditionsgaststätte "Schloß Erdkamp" plattgemacht

Innerhalb der letzten zwanzig Jahre ist es gelungen, den Erdkampsweg aus einer markanten Straße mit vielen schönen historischen Häusern zu einer 08-15-Einkaufsstraße zu machen. Nun mußte eine der letzten noch im Stadtteil erhaltenen Traditionsgaststätten, das "Schloß Erdkamp", Profitinteressen weichen. Erst ließ man das historische Gebäude zu einer ungepflegten, zwielichtigen Kaschemme verkommen. Dann wurde - welch eine Überraschung - von der Bauprüfabteilung die Baufälligkeit attestiert. Eine spontane Besetzung durch zwanzig Jugendliche und auch die Aktivitäten des Bezirksabgeordneten Hartwig Zillmer konnten den Abriß nicht mehr abwenden. Dort, wo Anfang des Jahrhunderts Amandus Tomfort, dessen Nachfahren heute noch ein Hotel in Langenhorn betreiben, seinen Gästen den großen, schattigen Garten, "gute Küche, gute Getränke" und "zivile Preise" anpries, wird nun bald ein dritter Aldi - so sagen es die Gerüchte - oder eine Bankfiliale stehen.

Im "Schloß Erdkamp" tagte nicht nur der Geflügelzüchterverein des Hamburger Geestgebietes von 1909. Das Etablissement diente als Wahllokal, Tanzsaal und als Veranstaltungsort für unzählige politische Veranstaltungen. Seit Ende der sechziger Jahre fanden im großen Saal meist Veranstaltungen der CDU und NPD statt. Fünfzig Jahre zuvor wehte allerdings ein anderer politischer Wind durch das noch dörfliche Fuhlsbüttel. In der Zeit nach der Novemberrevolution diente Tomforts großer Saal als Veranstaltungsstätte für den Distrikt Fuhlsbüttel der USPD. Hier sprach am 11. Dezember 1918 auch der damals noch wenig bekannte USPD-Funktionär Ernst Thälmann, der später als KPD-Vorsitzender zum wichtigsten Gegenspieler Hitlers wurde.

Wer persönliche Erinnerungen an Veranstaltungen im "Schloß Erdkamp" hat oder alte Fotos, Prospekte, Programme usw. besitzt, melde sich bitte bei der Bredel-Gesellschaft. Wir würden gern einige Erinnerungen an dieses plattgemachte Stück Fuhlsbüttler Geschichte im nächsten Rundbrief veröffentlichen.

Hans-Kai Möller

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Bredels Privatbibliothek in Hamburg

Am 17.Juni letzten Jahres war es soweit, nach 5 Jahren zähen Verhandelns konnten wir Bredels Privatbibliothek nach Hamburg holen. Sie wird ab Mitte des Jahres der interessierten Öffentlichkeit zugänglich sein.

Die etwa 5000 Bände umfassende Bibliothek enthält eine größere Anzahl von Werken, die von Autoren verfaßt wurden, die in der Arbeiterbewegung aktiv waren bzw. ihr nahestanden, wie z.B. 37 Bände des dänischen Schriftstellers Martin Andersen Nexö. In diesem Zusammenhang sind u.a. Werke von Zola, Barbusse, Hemingway, London, Sinclair sowie zahlreiche russische Autoren zu nennen. Zu den besonders wertvollen Teilen der Bibliothek zählt die Exilliteratur und Arbeiterliteratur aus der Weimarer Republik: Werke von Walter Victor, Erich Weinert, Günther Weisenborn, F.C. Weiskopf, Friedrich Wolf, Wieland Herzfelde, J.R. Becher, Egon Erwin Kisch, Lion Feuchtwanger, Oskar Maria Graf, Stefan Hermlin, Heinrich Mann, Hans Marchwitza, Ernst Ottwald, Gustav Regler, Ludwig Renn, Adam Scharrer, Anna Seghers, Theodor Plivier u.v.a. in Ausgaben der Verlage Malik, Büchergilde Gutenberg, Universum, Internationaler-Arbeiter-Verlag, Verlagsgenossenschaft ausländischer Arbeiter in der UdSSR (Veegar), Deutscher Staatsverlag und Edition Carrefour. Zur Bibliothek gehören auch 10 Bände der von Bredel, Brecht und Feuchtwanger herausgegebenen Zeitschrift ,,Das Wort" (1936-40).

Die Bibliothek war zu Bredels Lebzeiten in der Berliner Wohnung der Familie Bredel in der Ifflandstraße untergebracht. Auch nach Bredels Tod blieb die Bibliothek im Besitz der Familie und behielt dort ihren angestammten Platz. Erst durch die zunehmende Behinderung von May-Ingrid, Bredels Witwe, mußte die Wohnung aufgegeben und ein neue Unterbringungsmöglichkeit für die Bibliothek gesucht werden. Schon lange bestand der Plan, etwas für das öffentliche Andenken Bredels zu tun. Einer Idee Anna-May Kraus' (Bredels Tochter) folgend, sollte das ehemalige Wohnhaus Bredels am Schweriner See in eine literarische Begegnungsstätte umgebaut werden. Der ideale Ort für die Aufstellung der Bibliothek. Leider wurde das Haus noch bewohnt und der Plan konnte nicht sofort umgesetzt werden. So wurden die Bücher kurzerhand von einer Pioniereinheit der NVA zur Zwischenlagerung ins Schweriner Schloß verbracht. Die Bibliothek der ehemaligen Herzöge von Mecklenburg stand schon seit ewigen Zeiten leer, so daß die Bücher dort sicher und trocken aufbewahrt werden konnten. Die Museumsbesucher konnten nicht ahnen, daß hinter den Türen der antiken Bücherschränke die Bibliothek Willi Bredels verborgen war.

Mit der Wende verschwand dann das öffentliche Interesse an einer Würdigung des Andenkens Willi Bredels wieder. Das war etwa zu dem Zeitpunkt, als sich die Willi-Bredel-Gesellschaft etablierte. Unsere erste Kenntnis von der Bibliothek erhielten wir durch den Schriftsteller Manfred Kubowski, der sich bis dato um die Bibliothek gekümmert hatte, den wir anläßlich einer Vortragsveranverstaltung der Bredel-Gesellschaft kennenlernten. Daraus entwickelte sich auch der Kontakt zu Anna-May Kraus, der Tochter Bredels. Die Bredel-Gesellschaft plante gerade ihren Umzug in größere Räume im alten Eingangsgebäude des Sommerbades Ohlsdorf, und die Bibliothek Bredels konnte auch nicht ewig im Schweriner Schloß bleiben. So entschloß sich Bredels Tochter im Sinne ihrer Mutter die Bibliothek der Bredel-Gesellschaft zu überlassen. Bevor es zu einer Schenkung kam, mußte Anna Kraus aus gesundheitlichen Gründen die Pflegschaft für ihre Mutter an einen amtlich bestallten Gebrechlichkeitspfleger abgeben. Der Anwalt und Notar Dr. Schaarschmidt, der mit dieser Aufgabe betraut wurde, mußte die Schenkung im Interesse seiner Mandantin ablehnen und schlug statt dessen eine Leihgabe ab.

Seitdem, das war 1992, haben wir um die Modalitäten eines Leihvertrages mit anwaltlicher Hilfe gerungen und was eigentlich noch entscheidender war, uns um eine angemessene Unterbringungsmöglichkeit für die Bibliothek bemüht, denn die Hoffnung, die Bredel-Bibliothek in unseren neuen Räumen unterbringen zu können, erwies sich aus Platzgründen als nicht möglich. Sowohl das "Museum der Arbeit" als auch die "Kulturfabrik" Kampnagel, der Bredel in seinem Roman "Maschinenfabrik N&K" ein literarisches Denkmal gesetzt hat, zeigten wenig Interesse an der Bredel-Bibliothek.

Erst vor gut einem Jahr hat sich nun die "Forschungsstelle für die Geschichte des Nationalsozialismus in Hamburg" angeboten, für die Bredel-Bibliothek einen Raum zur Verfügung zu stellen und die wissenschaftliche Betreuung der Bücher zu übernehmen. Die Forschungsstelle ist eine Einrichtung der Freien und Hansestadt Hamburg und beherbergt u.a. die Hamburger Bibliothek für Sozialgeschichte und Arbeiterbewegung. Somit waren nun alle technischen Voraussetzungen erfüllt und das Schloßmuseum wollte die Bücher auch endlich los werden. Jetzt konnte endlich ein Leihvertrag zwischen May-Ingrid Bredel und der Willi-Bredel-Gesellschaft unterzeichnet werden. Dieser ist im Prinzip auf unbefristete Zeit abgeschlossen und die Bredel-Gesellschaft hat im Falle einer Veräußerung durch die Erben ein Vorkaufsrecht. Ein Vertrag mit der Forschungsstelle ist in Vorbereitung.

Das war die Situation, als sich im letzten Sommer an einem Montagmorgen zwei Mitglieder der Willi-Bredel-Gesellschaft und ein Möbelwagen auf den Weg nach Schwerin machten. Das Schloß ist mittlerweile Sitz des Landtages von Mecklenburg-Vorpommern. So wurden wir am Eingang auch gleich von einer Demonstration gegen Streichungen im Naturschutzbereich empfangen. Das Schloßmuseum, in dem sich die Bibliothek befindet, ist montags geschlossen. Damit hatte sich die Frage nach dem Eintritt erübrigt.

Nur von einer Angestellten des Museums und dem Anwalt und Notar Dr. Schaarschmidt begleitet, gingen wir ohne Rücksicht auf die roten Kordeln, die das kostbare Parkett schützen, durch das Museum in die Bibliothek. Die Möbelpacker waren noch nicht da. Der Versuch, 5000 Bücher mit einem Katalog abzugleichen, der nach der ursprünglichen Stellordnung der Bücher aufgebaut ist, war hoffnungslos. So beschränkten wir uns auf Stichproben und überbrückten die Wartezeit mit Schmökern in den alten Büchern. Als die Packer eintrafen, wurde kurzer Prozeß gemacht, bis zum Mittagessen waren die Bücher in 200 Kartons verpackt und im Möbelwagen verstaut. Zum Abschluß haben wir dann noch die Kantine des Landtages ausprobiert. Wenn auch die Abgeordneten in den bekannten süddeutschen Nobelkarossen vorfuhren, kann man ihrer Kantine alles andere als Verschwendung vorwerfen. Die Spaghetti Bolognese hätte man in einer Hamburger Behördenkantine wohl nur schwer verkaufen können.

Noch am gleichen Tag wurden die Bücher in die Forschungsstelle gebracht, wo sie jetzt katalogisiert und aufgestellt werden.

Michael Schöpzinsky

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Im Mai 1995 erschien anläßlich des 50. Jahrestages der Befreiung vom Faschismus in der "revue regional", einer Vierteljahreszeitschrift für Politik und Kultur in Südniedersachsen, Westthüringen und Nordhessen, ein Aufsatz von Dietmar Sedlaczek über unser 1992 verstorbenes Gründungs- und Vorstandsmitglied Walter Flesch. Auf unsere Anfrage stellte uns D. Sedlaczek seine biographische Skizze freundlicherweise zum Abdruck im Rundbrief zur Verfügung. Wir möchten mit diesem Artikel an den Menschen, den Antifaschisten und den Mitstreiter für unsere gemeinsamen Ziele erinnern.

H.K.M.

Biographische Skizze:Walter Flesch (1913-1992)

Aus dem Leben eines Antifaschisten

„Das mußt du aufschreiben, Walter“, mahnten immer wieder Freunde und Bekannte, wenn Walter Flesch aus seinem Leben berichtete, wenn er über seine Widerstandsaktivitäten im Dritten Reich und seine KZ- und Gefängnishaft erzählte. Doch hierzu kam es nicht mehr. Bevor Walter Flesch seine autobiographischen Aufzeichnungen abschließen konnte, starb er.

1913 im Hamburger Stadtteil Barmbek geboren, hatte Walter Flesch als Kind und Jugendlicher die Hungerjahre nach dem Ersten Weltkrieg miterlebt. Wirtschaftliche Not und Arbeitslosigkeit prägten den Alltag der Familie. Walter Fleschs Eltern, beide Arbeiter, gehörten der SPD an - das politische Klima im Elternhaus war prägend. In Ereignissen seiner Kindheit und Jugend sah Walter Flesch eine Ursache für seine spätere politische Einstellung. So erklärte er seinen Antimilitarismus aus einem Kindheitserlebnis: Im sogenannten Steckrübenwinter 1917 kam sein Vater einmal auf Fronturlaub nach Hause. Nachdem der Vater sein Koppel mit dem Seitengewehr abgelegt hatte, stürzte sich der vierjährige Walter auf das Koppel, um es sich umzubinden. Daraufhin fuhr ihn der Vater an: "Junge, bleib davon, wirf dieses Dreckzeug weg." 1929 trat Walter Flesch fünfzehnjährig der sozialistischen Arbeiter-Jugend bei, der Jugendbewegung der Sozialdemokratie. Gemeinsam mit über hundert Jugendlichen verließ er im Januar 1932 aus Protest gegen die Aufrüstungspolitik der SPD diesen Jugendverband und trat im Sommer desselben Jahres dem kommunistischen Jugendverband bei. Wenige Wochen nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten legte Walter Flesch im Februar 1933 sein Abitur an der Lichtwark-Schule ab. Zusammen mit seinem Zeugnis wurde ihm ein Schreiben ausgehändigt, das ihn darüber belehrte, er sei für ein Studium, da politisch unzuverlässig, ungeeignet. Damit war sein Wunsch, Lehrer zu werden, nicht mehr zu verwirklichen.

Im Frühjahr 1934 versuchte Walter Flesch mit Gleichgesinnten, den kommunistischen Jugendverband wieder zu erwecken. Unter konspirativen Bedingungen wurden Flugblätter gegen die Hitlerregierung geschrieben, hergestellt und verteilt. Doch der Kreis flog auf, Walter Flesch wurde verhaftet und ins Konzentrationslager Fuhlsbüttel gesteckt. Ein Vierteljahr verbrachte er in Einzelhaft, dazu Tag und Nacht mit Handschellen gefesselt. Am 22. Mai 1935 wurden Walter Flesch und zehn weitere Tatgenossen wegen ,,Vorbereitung zum Hochverrat" zu 30 Monaten Strafhaft verurteilt. Nach seiner Haftentlassung im April 1937 durfte er weiter in seinem Lehrbetrieb arbeiten und konnte ein Jahr später seine Ausbildung als Lithograph abschließen. In dieser Zeit lernte er seine spätere Ehefrau kennen; sie heirateten, bekamen einen Sohn und drei Jahre später noch eine Tochter.

Mit Kriegsbeginn brauchte Walter Flesch zunächst nicht mit seiner Einberufung zu rechnen, galt er doch auf Grund seiner Vorstrafe als ,,wehrunwürdig". Doch ab Oktober 1942 begann man auch die ,,Politischen" einzuziehen, in der Regel in das Bewährungsbataillon 999. Im März 1943 erhielt dann Walter Flesch seine Einberufung - allerdings war es ihm gelungen, zu einer regulären Einheit in Hamburg zu kommen. Nach der Grundausbildung wurde seine Einheit dort zu Aufräumungsarbeiten eingesetzt. Die Luftangriffe der Alliierten hatten die Hansestadt, die inzwischen von vielen ihrer Bewohner verlassen worden war, in ein Trümmerfeld verwandelt.

Im März 1944 wurde Walter Fleschs Kompanie an die Front nach Italien verlegt. Einsatzort war der sogenannte Nettuno-Landekopf. Die Front verlief in den urbar gemachten Pontinischen Sümpfen. Hier tobte ein erbitterter Stellungskrieg. ,,Wir krochen", beschreibt Walter Flesch die Situation, ,,befehlsgemäß in die Löcher und Höhlen, die von den Italienern in die Dämme des nun zerstörten Entwässerungssystems gegraben worden waren, etwa 50 Meter von den Amerikanern und Engländern entfernt, die auf der entgegengesetzten Seite der Dämme lagen." In seiner Ausbildung hatte er versucht, das Ziel der Schießübungen zu unterlaufen, indem er absichtlich daneben schoß. Nun stand für Walter Flesch fest, daß er keinen Schuß abgeben würde. Im Gegenteil: Er wartete nur auf eine Gelegenheit, sich von der Truppe absetzen zu können. Während eines Fronturlaubs - sein Bruder war achtzehnjährig in Rußland gefallen - schmiedete er Pläne für seine Desertion: ,,So packte ich eine hellgraue Hose und ein rotkariertes Sporthemd zu meinen militärischen Utensilien mit der festen Absicht, in Italien Anschluß an die dortige antifaschistische Befreiungsbewegung zu finden." Mit einem von Urlaubern überfüllten Zug ging es zurück an die Front. Die Bahnfahrt endete in einer norditalienischen Kleinstadt. Nachdem den Soldaten die Urlaubsscheine abgenommen worden waren, konnten sie in einer Schule übernachten. ,,Am nächsten Vormittag - ich hatte Aquarellmaterial in meinem Brotbeutel - malte ich den Marktplatz des Städtchens. In einer Buchhandlung erstand ich eine Übersichtskarte von Italien." Mittags schlich sich Walter Flesch davon. Zu Fuß oder per Anhalter ging es nun Richtung Süden. Bei einer sogenannten ,,Luftwaffen-Reparatur-Kompanie" konnte er für ein paar Tage unterkommen. Hier verlebte Walter Flesch auch seinen 31. Geburtstag: ,,Diesen Geburtstag habe ich nicht vergessen. Der Koch hatte Torten und Butterkuchen gebacken, und man hatte Zusatzverpflegung für den Abend aufgetrieben. Wir fühlten uns wie im tiefsten Frieden." Wenige Tage später zog Walter Flesch weiter, nach Bologna, dann nach Florenz und schließlich in Richtung Arrezzo. Immer häufiger begegneten ihm Elendszüge von ermüdeten Soldaten, die sich auf dem Rückzug befanden. Sie riefen ihm zu, daß er sich ihnen anschließen solle, ,,der Brenner liegt doch hinter dir, komm mit uns." Walter Flesch marschierte unbeirrt weiter. Mit der Hilfe von Einheimischen, die ihm Unterschlupf gewährten, ihn verpflegten und sogar durch die Linien führten, erreichte er schließlich ,,befreites" Gebiet.

Gefangener der Befreier

Tatsächlich fand er auch in einer Kleinstadt das Büro der Befreiungsbewegung. Kaum hatte er den Raum betreten, erschien zufällig ein englischer Offizier in der Tür. Man nahm ihn mit, verhörte ihn, zeigte sich interessiert an der Schilderung seiner Odyssee und brachte ihn in verschiedene Auffanglager. Nun war Walter Flesch wieder ein Gefangener. In einem Lager in der Nähe von Neapel befanden sich ein Dutzend weiterer Antifaschisten, aber auch etliche Nazis, ,,die damit drohten, uns ,Verräter' umzubringen." Nachts mußte deshalb immer einer von ihnen vor dem Zelt Wache halten.

Wochen vergingen, schließlich wurden die Gefangenen nach Port Said in Ägypten eingeschifft. In Nordafrika und im Nahen Osten hatten die Briten eine Reihe sogenannter ,,Camps" eingerichtet. Insgesamt waren in Ägypten nahezu 110 000 deutsche Gefangene in verschiedenen Kriegsgefangenenlagern interniert. Auch hier schlossen sich die Antifaschisten zusammen; von den überzeugten Nazis wollten sie getrennt sein. Im Lager 379 erhielten ungefähr 500 von ihnen die Möglichkeit, eine eigene Lagerabteilung zu bilden. Dabei blieb es nicht: Die Antifaschisten gründeten eine Lagerschule, die sogenannte ,,desert university". Zur Gründungsriege und zum Leitungsgremium zählten bekannte Linke wie Wolfgang Abendroth, aber auch Walter Flesch. Auf dem Lehrplan standen neben Geschichts-, Literatur- und Sprachkursen vor allem Ökonomie und Pädagogik sowie verschiedene Rechtsbereiche. Hinter der ,,desert university" stand eine klare Absicht: nicht Beschäftigungstherapie, sondern berufliche und fachliche Weiterqualifikation der Antifaschisten mit dem Ziel, für die Aufgabe des demokratischen Neuaufbaus in Deutschland gerüstet zu sein. Doch bis dahin sollte noch viel Zeit vergehen. Zunächst einmal sorgten sich die Gefangenen um ihre Angehörigen in der Heimat. In einem Brief vom 30. April 1945 schrieb Walter Flesch einem Freund, der in amerikanischer Kriegsgefangenschaft saß, seinen Kummer: ,,But it is very hard to know nothing about my relations. Till now I got no letter from home. I am anxious that the Nazi-cruelties are also inflicted upon them."

Nach der deutschen Kapitulation hofften die kriegsgefangenen Antifaschisten darauf, nach Deutschland zurückkehren zu dürfen. In englisch- und französischsprachigen Zeitungen verfolgten sie die Entwicklung im von den Alliierten besetzten Deutschland. Sie erfuhren vom Belsen-Prozeß, vom Bemühen, die Nazis dingfest zu machen und die Täter zu bestrafen. In einem Artikel, der für ,,Die Zukunft", eine Zeitschrift für Kriegsgefangene, bestimmt war, aber lediglich an einer Wandzeitung im Lager erschien, beschreibt Walter Flesch die Stimmung: ,,Wir Antifaschisten kämpften nach 1933 unter Einsatz unseres Lebens auf dem Wege weiter, den wir schon lange vorher beschritten hatten, der zur Menschenwürde, gleichen Rechten für alle und wahrer Demokratie führt. Wir kennen die deutschen Gefängnisse, Zuchthäuser und Konzentrationslager nicht nur aus Berichten. Bittere Jahre haben wir in ihnen verbracht." Aus diesem Grunde wand sich Walter Flesch auch vehement gegen die Kollektivschuld These: ,,Wir Antifaschisten kämpften, wo wir uns immer befanden, ob durch Sabotage oder passiven Widerstand in den Betrieben, durch Zersetzung der Wehrmacht (zu der man uns 1943 noch eingezogen hatte), oder durch die Zusammenarbeit mit den Widerstandsbewegungen." Er erwähnte die Notwendigkeit der ,,Säuberung" der Verwaltung, für die doch zuverlässige Arbeitskräfte gebraucht wurden, und er fürchtete, daß angepaßte alte Nazis ebenfalls ihre Dienste anbieten würden: ,,Wir schulen uns hier intensiv für Verwaltungsaufgaben und warten. Warten auf die Einsicht oder auf die Abwicklung eines langen Instanzenweges. Aber ich weiß, daß meine Freunde einen fanatischen Arbeitswillen mitbringen, der alles übersteigt, was die servilen Konjunkturritter den Alliierten in Deutschland bieten." Bitterböse Worte, die die Unzufriedenheit über die Arbeitsweise der britischen Behörden zum Ausdruck bringen. Diese rechtfertigten unter Verweis auf Transportschwierigkeiten die schleppenden Bemühungen um Rückführung der deutschen Kriegsgefangenen. Immer wieder wandten sich die Antifaschisten an die britische Regierung und an einzelne Parlamentarier mit der Bitte, ihre Repatriierung zu beschleunigen.

Im Juni 1946, die deutsche Kapitulation lag bereits 13 Monate zurück, schreibt Walter Flesch an eine britische Parlamentsabgeordnete der Labour-Party: ,,Last June nobody of us would have believed himself to be still in Egypt one year later. It is unjustified at all. What is wrong with us?" Unter den antifaschistischen Kriegsgefangenen machten sich zunehmend Enttäuschung und Verbitterung breit. Warum ließ man sie in der Wüste ,,schmoren", während andere Kriegsgefangene bereits wieder zu Hause waren?

Ebenfalls im Juni wandte sich Walter Flesch an den Vorsitzenden des Komitees ehemaliger politischer Gefangener in Hamburg. Seine Worte klingen verzweifelt: ,,Sie können sich vielleicht vorstellen, wie die Enttäuschungen an den Nerven zerren. Die Nazis lachen uns heimlich aus, äußerlich sind sie freundlich, beinahe devot." Und an anderer Stelle: ,,Zur Zeit bin ich bei einer Britischen Panzereinheit als Dolmetscher beschäftigt, und es geht mir physisch außerordentlich gut. Aber mein politisches Verantwortungsbewußtsein, der Wille zur Mitarbeit und - sagen wir es offen - das Heimweh lassen mich hier nicht froh werden trotz wirklich anständiger Behandlung und einem großen Maß individueller Freiheit."

Zurück in Deutschland

Dann war es endlich soweit. Ende Dezember 1946 kam Walter Flesch mit einem Transport zurück nach Deutschland. Zuvor hatten die Antifaschisten im Lager den heimkehrenden Genossen eine Abschiedsfeier ausgerichtet. Die Veranstaltung endete, nachdem zuvor gemeinsam das Schlußlied "Brüder, zur Sonne" gesungen worden war, mit dem Abspielen der britischen Nationalhymne ,,God save the King". Am Neujahrstag 1947 war Walter Flesch wieder zu Hause in Hamburg bei seiner Familie, die er zweieinhalb Jahre nicht gesehen hatte. Bereits aus der Gefangenschaft heraus hatte Walter Flesch versucht, Pläne für eine spätere Arbeit im Schulwesen zu entwickeln. Nun ging sein lang gehegter Wunsch in Erfüllung: Walter Flesch, mittlerweile 33 Jahre alt, durfte einen Sonderkurs zur Ausbildung von Volksschullehrern besuchen. Nach der bestandenen 1. Lehrerprüfung bekam er seine erste eigene Klasse zugewiesen.

Doch das Glück währte nicht lange - genau fünf Jahre. Unter Berufung auf das Beamtengesetz aus dem Jahre 1937 wurde Walter Flesch am 24. Januar 1953 aus dem Schuldienst entlassen. In der Begründung wurde ihm vorgeworfen, daß er, ohne den Schulleiter zu informieren, ,,nicht genehmigte Lehrbücher aus der Ostzone" im Unterricht gebraucht habe. Bei den genannten Büchern handelte es sich um ein Biologie- und ein Geschichtsbuch für das vierte bzw. fünfte Schuljahr. Das Geschichtsbuch nutzte Walter Flesch, um mit seinen Schülern über die Stein- und Bronzezeit zu arbeiten. Der Entlassung vorangegangen war eine Bespitzelungskampagne. Da wußten Eltern zu berichten, daß die ,,Eheleute Flesch auch die Friedenstaube der Ostzone" - gemeint ist jene von Picasso - als Christbaumschmuck verwandt hätten, da räsonierten Mütter, weil Herr Flesch keinen Religionsunterricht erteile, sei anzunehmen, daß er nicht an Gott glaube. Da meldete sich ein Vater zu Wort, der erklärte: ,,Um die Zeit, als der Weltjugendtag in Berlin-Ost stattfand, hing in der Klasse des Herrn Flesch ein Plakat, welches einen Weißen, einen Neger, einen Chinesen und Blumen zeigte mit der Unterschrift, die etwa lautete: ,Kinder und Blumen brauchen den Frieden wie die Sonne'." Gegen Walter Fleschs pädagogische Qualitäten hatte niemand etwas einzuwenden. Doch seine weltanschauliche Einstellung, wie es hieß, wurde zum Ärgernis. ,,Von einer politischen Beeinflussung im kommunistischen Sinne", so wußte der Schulrat zu berichten, ,,habe ich nichts feststellen können, aber ich gewann den Eindruck, daß die politische Haltung des Herrn Flesch mit derjenigen eines Teiles der Elternschaft nicht übereinstimmte." Immer wieder wurde die Vermutung geäußert, daß Walter Flesch Kommunist sei. Man behauptete, daß er einer kommunistischen Tarnorganisation angehöre, stellte fest: ,,In den großen Ferien 1952 war er wieder in der Ostzone." Und last but not least warf man ihm vor, daß er mit seinen Schülern das sogenannte Weltfriedenslied gesungen habe.

Mit der Entlassung aus dem Schuldienst begannen für Walter Flesch und seine Familie Jahre wirtschaftlicher Not, mühsam hielt er sich als freischaffender Künstler über Wasser 1965 fand er endlich eine Anstellung als Lehrer für Behinderte in den Alsterdorfer-Anstalten. Erst drei Jahrzehnte nach seiner Entlassung, im Jahr 1985, wurde Walter Flesch vom Hamburger Schulsenator rehabilitiert.

Dietmar Sedlaczek
(leicht gekürzt)

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Russen-Filme in Fuhlsbüttel

Die 5. Fuhlsbüttler Filmtage im November 96 boten einen anspruchsvollen und interessanten Querschnitt des frühen sowjetischen Films. Dazu gehörten ,,Oktober" von Sergej Eisenstein: Der Film erzählt die Geschichte der ersten sozialistischen Revolution - wo kann man sowas heute noch sehen? - in großartigen, imposanten Bildern. Oder das Kunstwerk ,,Der Mann mit der Kamera" von Dsiga Vertow, in dem der vom Leben in der jungen Sowjetunion begeisterte Filmemacher uns mit viel Witz und in schnellem Tempo durch den Alltag der Großstadt führt.

Oder die Geschichte des Streiks auf einer Hamburger Werft, die von Wsewolod Pudowkin in ,,Der Deserteur" erzählt wird. Vor dem Hintergrund von eindrucksvollen dokumentarischen Aufnahmen aus dem Hamburger Hafen, im Takt von Bewegung und Ton, verläuft der Arbeitskampf. Die am Schluß stattfindende Solidaritätsbekundung zwischen deutschen und sowjetischen Arbeitern zeigt die zukunftsweisenden Hoffnungen der Arbeiter auf internationaler Ebene. Die bei Lenins Begräbnis von Vertow gedrehten Aufnahmen in ,,Kinoprawda Nr.21" sind ein unschätzbares Zeitdokument.

Alle bei den Filmtagen gezeigten Filme haben einen hohen dokumentarischen Wert, sie zählen z.T. zu den weltweit anerkannten Meisterwerken des Films und auch die Vorfilme konnten sich sehen lassen, wie z.B. Pudowkins ,,Schachfieber".

Die Filmvorführungen wurden bis auf einen Abend von dem Filmemacher und Filmforscher Thomas Tode begleitet, der aus seinem schier unerschöpflichen Wissen Informationen zu Inhalt und Machart der Filme liefern konnte. Eröffnet wurde jeder Filmabend mit einem kurzen Ausschnitt aus seinem eigenen Film über Dsiga Vertow, in dem Tode u.a. die Geschichte erzählt wie er im Museum in Kiew eine Fotografie von Vertow an Bord einer Hamburger Hafenbarkasse entdeckt. Später hat er herausgefunden, daß der von Willi Bredel geleitete Volksfilmverband Vertow zur Vorführung seines Filmes ,,Der Mann mit der Kamera" nach Hamburg eingeladen hatte. Die Filmvorführungen wurden damals von ca. 2.000 Zuschauern gesehen.

Von solchen Besucherzahlen können wir leider nur träumen… Warum kamen zu diesem Film bei uns nur so wenige? War der Film zu unbekannt? War die Machart wegen unserer veränderten Sehgewohnheiten für die Zuschauer unzumutbar? Wir sind sehr an Euren Ideen und Anregungen interessiert. Die 6. Fuhlsbüttler Filmtage kommen gewiß, also macht euch Gedanken und meldet eure Wünsche rechtzeitig an.

I. Grothe

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Exkursion '96

Allmählich wird es zu einer Vereinstradition: die Exkursion der Bredel-Gesellschaft. 1996 starteten wir am Himmelfahrtstag mit einem Kleinbus, der glücklicherweise erst auf der Rückfahrt mit Motorschaden liegenblieb, zu einer dreitägigen Fahrt in den Südharz. Übernachtet wurde in einem (leider weniger hübschen) Vorort von Nordhausen, der sich jedoch als Ausgangsort für die verschiedenen Besichtigungen als günstig herausstellte. Obwohl der Besuch der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora im Mittelpunkt der Reise stand, waren die Abstecher zum Bauerkriegs-Panorama des bekannten DDR-Malers Werner Tübke am Kyffhäuser und die Einfahrt in das Eisenerzbergwerk "Drei Kronen & Ehrt" lohnenswert. Leider hatte das Museum der Eisengießerei in Thale geschlossen, aber allein schon die gemütliche Fahrt mit der Schmalspurbahn quer durch den Harz war eine Reise wert. Beeindruckend war auch die mittelalterlich anmutende Atmosphäre in den alten Fachwerkorten Wernigerode und Stolberg.

Das Konzentrationslager Mittelbau-Dora

Sobald man aus Nordhausen herausgefahren ist, wird der Blick vom Kohnstein angezogen, einem knapp einhundert Meter hohen, bewaldeten Höhenzug. Nichts scheint den Kohnstein von den zahlreichen übrigen Ausläufern des Harzes in diesem Raum zu unterscheiden: die Landschaft ist lieblich, grüne Wiesen mit vielen Blumen, Vogelgezwitscher, bewaldete Höhen. Es ist für den Besucher kaum vorstellbar, daß es mit diesem Bergrücken eine besondere Bewandtnis hat: In seinem bombensicheren Innern verbarg sich in einem 20 Kilometer langen, künstlich angelegten Tunnelsystem eine der wichtigsten Rüstungsproduktionsstätten Hitlerdeutschlands, die Endmontage der sogenannten "Wunderwaffen" Flügelbombe V1 und der Rakete V2.

Das Konzentrationslager Mittelbau-Dora wurde im August 1943 als Außenlager des KZ Buchenwald errichtet. In 12-14 stündigen Tag- und Nachtschichten arbeiteten und schliefen die Häftlinge in den unterirdischen Stollen. Tag und Nacht fanden Sprengungen statt, es gab viele Unfälle, Häftlinge wurden lebendig unter Steinen und Geröll begraben. Die Lebensbedingungen in den Katakomben des KZ Mittelbau-Dora gehören zum Schrecklichsten, was Häftlinge in der NS-Zeit erleiden mußten. Auf engstem Raum zusammengepfercht lebten sie wochen- und monatelang in den dunklen, nur durch wenige Lampen erhellten Stollen. Die Lufttemperatur betrug neun Grad, die Luftfeuchtigkeit 9O Prozent. Im Rüstungs- und KZ-Komplex Mittelbau-Dora verloren ca. 20.000 Menschen - ein Drittel der dort Inhaftierten - ihr Leben. Insgesamt kamen mehr Menschen bei der Produktion der V2 um als bei ihrem Einsatz.

Anfang April 1945 legten anglo-amerikanische Bombengeschwader Nordhausen in Schutt und Asche. In der Nacht vom 3. auf den 4. April wurde die Stadt am Südrand des Harzes nahezu völlig zerstört. Erst bei der Besetzung Nordhausens wurden die Amerikaner dann auch auf das KZ Mittelbau-Dora aufmerksam. Sie fanden überall Leichen, nackt und abgemagert. Doch kaum waren die Überlebenden versorgt, begann US-Armee mit dem Abtransport der Raketenfabrik. Eine Ladung von 300 Eisenbahnwaggons bildete die Basis der amerikanischen Raumfahrt.

Die 1948 zugesprengte, im wesentlichen aber noch vorhandene unterirdische Fabrik, drohte dem fortschreitenden Abbau des benachbarten Tagebaus zum Opfer zu fallen. Dies konnte leider nicht ganz verhindert werden und Teile des Tunnelsystems gingen 1990 unwiederbringlich verloren. Gegen verschiedene Widerstände in der Öffentlichkeit setzte die Gedenkstätte durch, daß die inzwischen unter Denkmalschutz gestellte historische Anlage Besuchern teilweise zugänglich gemacht wird. Die von der DDR auf dem Gelände des KZ Mittelbau-Dora errichtete Gedenkstätte stand nach der Wende oft eher im Schatten der Diskussionen um Buchenwald. Lange Zeit war es unklar, ob die Einrichtung überhaupt fortbestehen würde. Nach großen Anstrengungen, ihre Existenz dauerhaft zu sichern, wurden bis Ende 1994 früher unbeachtet gebliebene Teile des ehemaligen KZ-Geländes zugänglich gemacht und für den Besucherverkehr erschlossen. Aus Anlaß des 50. Jahrestages der Befreiung des KZ wurden verschiedene museale Einrichtungen in Anwesenheit von ehemaligen Häftlingen und Gästen eröffnet. Ein wesentlicher Bestandteil der Gedenkstättenpräsentation ist das neue Museum. In einer wiederbeschafften KZ-Barake wird die Geschichte des KZ Mittelbau-Dora aus der Sicht der Häftlinge dargestellt, ohne Informationen über die Täter und über die rüstungstechnischen Zusammenhänge zu vernachlässigen. So kann man z.B. über Kopfhörer Berichte von ehemaligen KZ-Häftlingen hören oder diese in ausgelegten Mappen in Ruhe durchlesen.

Der bedrückendste und eindrucksvollste Teil der Gedenkstätte ist der den Besuchern zugänglich gemachte Stollen. Wer in den Stollen hinabsteigt, kann das Grauen von damals erahnen. Unter Tage erschließt ein Steg einen der beiden Hauptfahrstollen auf einer Länge von etwa 100 Metern. Durch Finsternis und Moderluft tastet sich der Besucher vorsichtig durch die Katakomben. Faulende Holzpritschen, ein paar zerfetzte Schuhe, Blechnäpfe, Lumpenreste, verrostete Werkzeuge und Raketenteile tauchen im Dunkel auf. Eindrucksvoll und sehr engagiert schildert die Museumsführerin das qualvolle Leben und Sterben der KZ-Häftlinge. Unbeschreiblich waren die hygienischen und sanitären Verhältnisse in diesem unterirdischen Rüstungsbetrieb. Es gab monatelang keine Waschgelegenheit. Die Häftlinge wuschen sich den dicken Steinstaub mit ihrem Urin ab. Es gab kein Trinkwasser und kaum etwas zu Essen. Wer keinen napf- oder löffelartigen Gegenstand besaß, war von vornherein dem Verhungern preisgegeben. Monatelang gab es nicht eine einzige Abortanlage. In Steinkammern schliefen 3.000 Häftlinge, 4 Betten standen übereinander. Die Strohsäcke wurden niemals kalt: Nach 12-14stündiger Arbeit kroch der nächste Kamerad auf den noch warmen Strohsack. Tag und Nacht waren die Häftlinge dem Detonationslärm und Staub der Sprengungen ausgesetzt.

Es ist kaum vorstellbar, daß die Menschen, die unter solch unwürdigen Bedingungen lebten, noch dazu fähig waren, organisierten Widerstand zu leisten. Die Museumsführerin weist darauf hin, daß allein der Wille zum Überleben als passiver Widerstand bezeichnet werden muß. Als weitere Beispiele passiven Widerstandes erfährt der Besucher: langsames Arbeiten, Unterstützung der Mitgefangenen z.B. durch abgezweigte Lebensmittel, Verstecken oder Verschütten von Material oder Werkzeugen, Fluchthilfe. Aktiven Widerstand leisteten die Häftlinge, indem sie Befehle verweigerten, Arbeit verweigerten, Sabotage verübten.

Immer wieder gab es zur Abschreckung in den Stollen grausame, öffentliche Erhängungen von Häftlingen. Die organiserte Widerstandsarbeit wurde auch dadurch noch erschwert, daß auf höchsten Befehl immer wieder Häftlinge aus Zuchthäusern und Straflagern dem Mittelwerk zugestellt wurden; Häftlinge, die in der Widerstandsarbeit unerfahren oder auch daran uninteressiert waren.

Beim Hinausgehen aus dem Stollen kann der Besucher zum Gedenken der 20.000 Toten kleine Kerzen anzünden; man verläßt diesen dunklen, moderigen Ort in gedrückter Stimmung und wundert sich zunächst darüber, daß draußen in dieser lieblichen Landschaft trotzdem die Sonne scheint.

Sabine Harder

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Leihgabe an die Bredel-Gesellschaft:

7 Jahrgänge (1926-1932) der Monatsschrift ISK

Aus dem Nachlaß des 1988 verstorbenen Langenhorner Antifaschisten Hans Lünzmann stellte uns sein Sohn, unser Mitglied Frank Lünzmann, eine fast vollständige Sammlung der Monatszeitschrift ISK - Mitteilungsblatt des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes, herausgegeben von Willi Eichler, Berlin, 1. Jahrgang 1926 bis 7. Jahrgang 1932 zur Verfügung.

Da diese Bände äußerst wertvoll und selten sind, können sie leider nur während der Sprechzeiten im Büro benutzt werden. Die Bezeichnung ISK (Internationaler Sozialistischer Kampfbund) wird vielen unserer Leser wenig sagen, deshalb im Folgenden einige Informationen über diese linke Organisation, die während der Endphase der Weimarer Republik und des Faschismus eine beachtliche Widerstandsarbeit gegen die Nazis leistete.

Die Entstehungsgeschichte des ISK geht auf den von dem Göttinger Philosophieprofessor Leonard Nelson gegründeten Internationalen Jugendbund (IJB) zurück, der innerhalb der SPD und der Jungsozialisten aktiv war. Nach dem Ausschluß der IJB-Mitglieder aus der SPD im Dezember 1925 gründeten diese den ISK als eigenständige Partei, die einen ethisch begründeten Sozialismus anstrebte. Anläßlich der Reichstagswahlen 1932 veröffentlichte der ISK einen "Dringenden Appell", der SPD und KPD zu einem Zusammengehen im Wahlkampf, zumindest jedoch zu einer Listenverbindung, aufrief. Dieser Aufruf wurde u.a. von so bekannten Persönlichkeiten wie Albert Einstein, Walter Hammer, Erich Kästner, Käthe Kollwitz, Heinrich Mann, August Siemsen, Ernst Toller und Arnold Zweig unterzeichnet. An die ISK-Agitation in der Endphase der Weimarer Republik in Hamburg erinnert sich der ISK-Aktivist und spätere Hamburger SPD-Bundestagsabgeordnete Helmut Kalbitzer in seinen Erinnerungen "Widerstehen oder Mitmachen":

"Der ganze Hamburger ISK bestand aus etwa 30 Leuten, etwas mehr Frauen als Männer, fünf oder sechs von ihnen waren Lehrer, die anderen waren Arbeiter und Angestellte. Es galten strenge Ordensregeln: Vegetarismus aus ethischen Gründen; Pünktlichkeit, wer zu spät kam, zahlte 50 Pfennig (was heute etwa 5 DM wären), und wöchentlich mindestens einmal Verkauf der monatlich erscheinenden ISK-Hefte von Tür zu Tür, wir nannten das Hausagitation. 1932 als der ISK auch die Tageszeitung "Der Funke" herausgab, kam der Verkauf dieser Zeitung noch hinzu. Noch heute erinnere ich mich im Vorbeifahren an hunderte von Treppenhäusern in den Arbeitergegenden Eimsbüttel, Altona, St. Pauli - soweit sie noch stehen: muffig, schlecht beleuchtet und zwanzigmal an der Tür abgewiesen, bis sich einer bereitfand, mit uns an der Tür zu diskutieren oder uns gar ein Heft für 20 Pfennig abzukaufen. "(S. 28)

Hans-Kai Möller

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15 Jahre Omnibus

Der zentrale Ort der Ökologie- und Friedensbewegung in den 80er Jahren in Fuhlsbüttel feiert dieses Jahr sein 15jähriges Bestehen. Im Januar 1982 eröffnete die Initiative Natürlicher Lebensstil e.V. am Heschredder 90 den OMNIBUS-Bioladen als Konsequenz der Diskussionen über Umweltprobleme, ökologische Landwirtschaft und die Ausbeutung der Dritten Welt. Es sollte also nicht nur über notwendige Veränderungen in der Gesellschaft geredet, sondern auch ganz praktisch etwas getan werden.

Daß unsere Nahrung politisch ist und Kritik an der ökologischen Situation nicht als Spleen von weltfremden Körnerfressern angesehen werden kann, vermittelte das Team der Initiative durch unterschiedliche Veranstaltungen hauptsächlich in den Jahren 1983-88. Täglich war der Laden - Umschlagplatz für Ideen, Informationen, nachbarschaftlichen Tratsch und ökologische Produkte - durch einen Ladendienst aus ehrenamtlichen Mitgliedern geöffnet. Der OMNIBUS war selbstverwalteter Betrieb, Veranstalter von Diskussionsforen, Vorträgen und Filmen zu ökologischen Themen, sowie Treffpunkt für alle, die nach Alternativen zum Leben in einer kalten, technokratischen Industriegesellschaft suchten. Hier durfte man noch Utopien haben!

Im Gruppenraum tagten die Friedensinitiative, die DKP Fuhlsbüttel, die Milchgruppe, die Initiative gegen die Volkszählung, etc. Hier wurden Hilfssendungen nach Polen und Nicaragua mitorganisiert, von hier aus ging man auf den Ostermarsch und auf die großen Friedens- und Anti-AKW-Demos. Alles in allem ein reges Zentrum für Stadtteilkultur.

Heute führt ein ehemaliges Mitglied der damaligen Initiative, Stefan Kaiser, den Laden privat in eigener Regie weiter und das Produktangebot ist viel größer als in den 80er Jahren. Der kritische Verbraucher hat somit in Fuhlsbüttel zwar seine Öko-Nische gefunden, aber leider laufen keine weitergehenden Aktivitäten mehr im Umfeld des Ladens. Gibt es etwa keine Utopien mehr?

Holger Tilicki

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Kurz und Bündig

Oskar Güther 80 Jahre jung

Am 25.12.1996 ist Oskar Güther 80 Jahre jung geworden. Wir "Bredels" gratulieren ihm ganz herzlich zu diesem runden Geburtstag. Oskar begleitet unsere Arbeit seit der Gründung des Vereins 1988 mit Rat und Tat und mancher guten Zigarre. Und so hat Oskar immer mitgemischt: Seit 1932 im Jungbanner, nach 1945 in der Deutschen Postgewerkschaft und seit 1952 in der KPD. Die KPD-Betriebsgruppe Postscheckamt arbeitete auch nach dem Verbot der KPD 1956 weiter. In Fuhlsbüttel hat sich Oskar in der DKP, der Friedensinitiative und der VVN engagiert. Heute unterstützt er aktiv die Arbeit der Gedenkstätte Plattenhaus Poppenbüttel. Viele Aktionen hat er mit der Kamera festgehalten - zu einem Blick in sein Fotoarchiv hat er uns schon mehrfach eingeladen…

H.M.

Alsterdorfer Chronik von Heinrich Scharnberg

Hans-Joachim Kroll schenkte uns während der Fuhlsbüttler Filmtage eine von Heinrich Scharnberg verfaßte Chronik über die Geschichte Alsterdorfs seit 1803. Die 52 Seiten umfassende maschinenschriftliche Chronik umfaßt den Zeitraum bis kurz nach dem zweiten Weltkrieg. Der Autor, damals schon 80 Jahre alt, berichtet anschaulich viel selbst Erlebtes aus der Zeit um die Jahrhundertwende. Die Chronik enthält zahlreiche Fotos. Ein herzliches "Dankeschön" an den großzügigen Spender.

H.K.M.

Exkursion '97: Flensburger Förde mal anders

Für unsere Exkursion vom 12.-14.9.1997 an die Flensburger Förde stehen nur 12 Plätze zur Verfügung. Wir wohnen in einem großen Ferienhaus und einer Ferienwohnung, beide nur ca. 400 m von der Ostsee entfernt. Inhaltlich ist folgendes angedacht: Freilichtmuseum Unewatt, Grenzarbeit während des Faschismus (ein Zeitzeuge berichtet vor Ort). Brauner Spuk an der Förde: Dönitz und seine Helfer. Neben ernsten Themen sollen Natur (Strand, Habernisser Moor) und Geselligkeit nicht zu kurz kommen.

H.K.M.

Bredel im Internet

Ab sofort ist die Willi-Bredel-Gesellschaft auch im Internet mit einer Homepage und eMail vertreten. Auf der Homepage findet Ihr den kompletten Text dieses Rundbriefes, Termine und mehr.

Homepage: http://home.T-Online.de/home/Willi-Bredel-Gesellschaft

eMail: Willi-Bredel-Gesellschaft@T-Online.de

MS

Elfriede Brüning: erfolgreiche Lesung

Der Saal im alten Sommerbad Ohlsdorf platzte aus allen Nähten, als im Oktober '96 die agile, 86jährige Berliner Schriftstellerin Elfriede Brüning aus ihren Werke las. Mehrere ihrer Bücher über den antifaschistischen Widerstand und (Frauen-) Alltag in der DDR sind im Bredelbüro auszuleihen bzw. zu erwerben. Erfreulich auch die sich anbahnende Zusammenarbeit mit dem Kieler agimos-Verlag, der als erste Firma Mitglied unserer Gesellschaft wurde.

H.M.

Vorankündigung: Ein Leben für die Arbeiterbewegung: Heinz Priess

Voraussichtlich am Donnerstag, den 17.4.1997 wird der bekannte Spanienkämpfer Heinz Priess über die verschiedenen Stationen seines Lebens in der Arbeiterbewegung berichten (KJVD, KOLAFU-Haft, Exil in Dänemark, spanischer Bürgerkrieg, Resistance, Chefredaktion Hamburger Volkszeitung, Freiheitssender 904 …).

Ort und Beginn der Veranstaltung bitte telefonisch erfragen.

H.K.M.

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