Willi-Bredel-Gesellschaft
Geschichtswerkstatt e.V.

Rundbrief 1996

Inhalt:

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Editorial

Sylvester platzte"unser" Veranstaltungssaal im alten Eingangsgebäude der Badeanstalt Ohlsdorf aus allen Nähten. Mehr als 70 Mitglieder, Freunde und Bekannte sowie zahlreiche Kinder feierten gemeinsam den Abschluß eines für uns sehr erfolgreichen Jahres.

Eine kurze Rückblende: Am 27.4.1995 drängten sich zu unserer Veranstaltung "Fuhlsbüttel unterm Hakenkreuz" fast 80 Besucher inden selben Saal. Vier Zeitzeugen berichteten anschaulich und packend über ihre Erlebnisse während des Faschismus in Fuhlsbüttel. Diese unerwartet positive Resonanz veranlaßte die Bredel-Gesellschaft, die Zeitzeugenberichte sowie drei Forschungsbeiträge zu einem Buch "Fuhlsbüttel unterm Hakenkreuz" zusammenzustellen, das im Februar im Buchhandel erscheint. Einzelheiten über den teilweise komplizierten Produktionsprozeß vermittelt Holger Tilickis Beitrag. Sowohl die Idee für die erwähnte Veranstaltung als auch die Konzeption für das Buch wurden von der Fuhlsbüttel-Gruppe, einer autonomen Arbeitsgruppe im Rahmen unserer Geschichtswerkstatt, entwickelt. Das Buch bzw. Teilaspekte der Veröffentlichung werden wir auf zwei Veranstaltungen im Stadtteil sowie einem Stadtteilrundgang vorstellen.

Den 95. Geburtstag von Willi Bredel nehmen wir zum Anlaß, eine Bredel-Woche im Juni durchzuführen. Im Mittelpunkt dieser Veranstaltungsreihe stehen Bredels politische und literarische Aktivitäten in den zwanziger und dreißiger Jahren in Hamburg. So werden wir Bredels Spuren in verschiedenen Hamburger Stadtteilen auf einer Busrundfahrt verfolgen. Seine Aktivitäten im Rahmen des Volksfilm-Verbandes, Bredel holte so berühmte Regisseure wie Eisenstein, Pudowkin und Vertow nach Hamburg, stellt uns Thomas Tode u.a.. mit Hilfe des Mediums Film vor. Ein Höhepunkt der Bredel-Woche wird sicherlich die westdeutsche Erstaufführung des erfrischend unpathetischen DEFA-Dokumentarfilms "Willi Bredel: Schriftsteller-Kämpfer-Genosse" aus dem Jahre 1976 sein. Wir hoffen im Verlaufe des Jahres auch endlich, Willi Bredels Privatbibliothek aus dem Schweriner Schloß nach Hamburg holen zu können. Die Bibliothek der Forschungsstelle für Nationalsozialismus hat sich bereiterklärt, die über 5000 Bände umfassende Sammlung als Dauerleihgabe zu übernehmen und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Mit zwei Beiträgen erinnern wir an Emil Heitmann, der im August 1995 verstarb. Emil, Widerstandskämpfer und ehemaliger Kolafu-Häftling, hat uns nicht nur wichtige Archivalien zur Verfügung gestellt, sondern vor allen Dingen viel seines umfangreichen Wissens in unaufdringlicher und kameradschaftlicher Art vermittelt. Der Mensch und die "Institution" Emil werden uns fehlen.

Die aufmerksame Leserin bzw. der aufmerksame Leser werden bemerkt haben, daß in diesem Rundbrief einige neue Autoren schreiben. Wir freuen uns sehr darüber und sind nach wie vor an Beiträgen, aber auch an schriftlicher Kritik sehr interessiert.

Die Fülle von Artikeln veranlaßte uns, den zweiten Teil des Aufsatzes "Vom Kutscherkrug zur Rüstungsfabrik" nicht in diesem Heft abzudrucken. Da der erste Teil eine sehr positive Resonanz hatte, werden wir beide Teile gemeinsam als Broschüre veröffentlichen

Hans-Kai Möller

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Fuhlsbüttel unterm Hakenkreuz

Bericht von der Entstehung eines Buches

Dieses Buch - eine Produktion der Fuhlsbüttel-Gruppe - ist ganz gewiß keine verspätete Pflichtübung zum 50. Jahrestag der Befreiung, aber etwas verspätet ist es offen gestanden schon. Zum einen war eine neue Publikation der Willi-Bredel-Gesellschaft schon lange überfällig, denn 1992 versprach das Vorwort zu unserem Buch "Friedhof Ohlsdorf - Auf den Spuren von Naziherrschaft und Widerstand" die "Begründung einer Schriftenreihe", zum anderen hatten wir eigentlich 1995 als historisches Datum anvisiert.

Wir Autoren sind aber recht froh, ins Jahr 1996 gerutscht zu sein, denn zum besagten Jahrestag kamen so viele Neuerscheinungen zu NS-Themen heraus, daß wir darin vermutlich mit unserer stadtteilbezogenen Veröffentlichung wenig Aufmerksamkeit bekommen hätten. So hoffen wir nun für unser Buch - unbelastet von zuviel Konkurrenz - das rege Interesse aller Menschen zu gewinnen, die die Geschichte ihres Stadtteils ohne verschämtes Verschweigen der braunen Flecke auf dem Bild vom idyllischen Fuhlsbüttel vermittelt bekommen möchten.

Die Idee zu diesem Buch über den Alltag unterm Hakenkreuz kam uns durch die Schilderungen von Gundel Grünert aus ihrer Jugend, während wir bei den Treffen der Fuhlsbüttel-Gruppe alte Fotos und Dokumente aus der Stadtteilgeschichte archivierten. Dem ersten Treffen zu dieser Projektidee im Februar 1995 ging daher bereits die Überzeugungsarbeit voraus, die drei Zeitzeugen Gundel Grünert, Hartwig Baumbach und Erna Mayer zu motivieren, ihre Erlebnisse in Buchform und im Rahmen einer Veranstaltung auch zu veröffentlichen. Wenngleich es sich bei allen dreien um Menschen handelt, denen es aufgrund ihrer antifaschistischen Haltung am Herzen liegt, die Erinnerung an diese schwere Zeit auch bei den Nachgeborenen wachzuhalten - und dafür auch immer aktiv eingetreten sind - ist es doch noch etwas anderes, ganz persönliche Erinnerungen preiszugeben.

Der Grund für diese Zurückhaltung liegt ganz klar in der Schmerzlichkeit dieser Erinnerungen, deren erneute Bewußtmachung immer wieder alte Ängste aktiviert. Erst nach der beeindruckend gut besuchten Veranstaltung im April 1995 und den nur positiven Rückmeldungen - der LOKALANZEIGER berichtete z.B. ausführlich darüber - war allen klar: Daraus wollen wir tatsächlich ein Buch machen.

Nachdem auch diejenigen aus der Fuhlsbüttelgruppe gefunden waren, die nicht aus der Erinnerung, sondern aus den überlieferten Quellen, sowie aus Interviews und Gesprächen heraus einen Beitrag für dieses Projekt schreiben wollten, begann die Arbeit im Hamburger Staatsarchiv und mit der Kontaktaufnahme zu Personen, die aus persönlichem Erleben berichten konnten oder die Nutzung von Quellen ermöglichten.

Frau Maren Stäcker von der St. Lukasgemeinde z.B. machte mir die persönliche Sammlung von Pastor Heinrich Zacharias-Langhans zugänglich und eröffnete damit die Möglichkeit, mir anhand von wertvollen Originaldokumenten einen Eindruck von der Lage der evangelischen Kirche während der Nazizeit zu verschaffen. Meine kritische Haltung gegenüber der institutionalisierten christlichen Religion - ich sympathisiere eher mit Rebellen wie Drewermann und buddhistischen Strömungen - führte außerdem zu spannenden Gesprächen im Pfarrhaus. Zur kritischen Auseinandersetzung mit der Nazivergangenheit konnte man in kirchlichen Kreisen eine interessierte Offenheit verspüren.

Silke Kaiser, die der Situation jüdischer Bürger in Fuhlsbüttel nachforschte, kannte ihre Interviewpartnerin bereits als Bekannte ihrer Mutter. Dieser bestehende Kontakt mit betroffenen Menschen sensibilisierte Silke schon vorab für die Thematik und machte dieses Interview überhaupt erst möglich, denn jemandem, der von primitiv empfindenden Menschen so tief in seinem Wertgefühl als Mitmensch gekränkt wurde, wie ein Jude unter dem Nationalsozialismus, kann man seine Vorbehalte sich zu "outen" nicht verdenken: Die Opfer schämen sich leider oft mehr als die Täter, denen ein Unrechtsbewußtsein meistens völlig abhanden gekommen ist.

Das Thema "Zwangsarbeiter" war für Hans-Kai Möller nicht neu. Bereits für das Stadtteilarchiv Ottensen hatte er darüber geforscht und veröffentlicht. Im Rahmen des Begleitprogramms zur Ausstellung "Der Krieg gegen die Sowjetunion 1941-1945" im Museum für Hamburgische Geschichte 1993 bot er den Stadtteilrundgang "Zwangsarbeiterinnen in der Metallindustrie von Altona und Ottensen" an. Seine genauen Kenntnisse über die Lage dieser Menschen in anderen Teilen Hamburgs war eine gute Grundlage für seinen detaillierten Beitrag über Fuhlsbüttel und Ohlsdorf. Dennoch verbrachte Kai viele Stunden mit dem Ausfindigmachen und Aufarbeiten des Fuhlsbüttel-Materials.

Alle sechs Artikel verstehen sich als Beiträge zur Alltagsgeschichte im Dritten Reich. Es werden Begebenheiten geschildert, die sich gewissermaßen öffentlich zugetragen haben: Die Probleme der Kirchengemeinde waren den Gemeindemitgliedern bekannt, die Zwangsarbeitersituation war den Mitarbeitern in den Betrieben bekannt, usw.. Es wird also mal wieder deutlich, daß die Aussage "Wir haben nichts gewußt" so nicht stimmt.

Das Recherchieren und die Motivation war die eine Sache, das Schreiben und Aufbereiten eine andere. Wie oft haben wir wohl unsere jeweiligen Manuskripte überarbeitet, wenn eine neue Information oder Anregung "ein gebaut" werden mußte? An langen Abenden - und nicht nur auf den Redaktionssitzungen - wurden Fotos und Dokumente sortiert und zugeordnet und an Formulierungen gefeilt - dann kam die Sommerpause und plötzlich war es Herbst.

Nach einem vergeblichen Anlauf hatten wir schnell unseren Verlag gefunden: Dölling & Galitz in Hamburg. Jetzt wurde es noch einmal ernst, denn unsere so unterschiedlichen Texte wurden zum Redaktionsschluß am 31.10.1995 in die erfahrenen Hände von Brita Reimers gegeben. Als unsere Lektorin im Verlag machte sie sich mit Ausdauer und Genauigkeit auf die Suche nach Unstimmigkeiten, fehlenden Hintergrundinformationen, Wiederholungen und anderen "leserunfreundlichen" Taten von uns Amateurschriftstellern.

Unter klaren Terminvorgaben vom Verlag wurde überarbeitet und Korrektur gelesen, wurden Fotos nachgereicht, das Titelbild von Silke gestaltet, das Layout begutachtet und kritisiert.

Schließlich wurde in den ersten Januartagen 1996 der endgültige Schlußstrich unter das fertige Gesamtmanuskript gezogen und das Buch zum Druck freigegeben.

Für alle Autoren war es ein spannendes Erlebnis, an dieser Buchproduktion mitgewirkt zu haben. Wir hatten wirklich Glück, daß wir mit so einem renommierten Verlag, der auch für andere Geschichtswerkstätten tätig ist, unser neues Buchprojekt "Fuhlsbüttel unterm Hakenkreuz" verwirklichen konnten.

Holger Tilicki

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Zum Tode von Emil Heitmann

Unsere Geschichtswerkstatt hat ein engagiertes Mitglied verloren: Am 24. Juni verstarb Emil Heitmann. Trotz seiner schweren Krankheit hatte er noch zugesagt, an unserer Exkursion ins ehemalige KZ Wittmoor am 3. September letzten Jahres teilzunehmen...

Von Emils Persönlichkeit und Sachkenntnis wurden viele unserer Veranstaltungen und besonders die Stadtteilrundgänge durch Fuhlsbüttel geprägt. Nur wenige Menschen konnten so überzeugend ihre durch Verfolgung und politischen Widerstand gemachten Erfahrungen vermitteln; nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit leisem Humor und einer positiven Lebenseinstellung!

Emil Heitmann wird am 2.11.1912 geboren. Sein Vater fällt im Ersten Weltkrieg, so daß seine aus England stammende Mutter die Familie allein durchbringen muß. Vielleicht lag in diesem Verlust der Keim für Emils lebenslangen Kampf gegen Krieg und Faschismus. Als Siebzehnjähriger engagiert er sich in der SAJ und beginnt sein Ingenieurstudium.

Wegen der Verteilung von politischen Flugblättern wird er 1933 verhaftet und kommt ins KZ Wittmoor, anschließend ins Kola-Fu. Dort lernt er Willi Bredel und andere verhaftete Kommunisten kennen und schätzen. Von dem halbherzigen Widerstand vieler Sozialdemokraten enttäuscht, schließt er sich der illegalen KPD an. Nach seiner Haftentlassung findet er mit viel Glück eine Anstellung als Ingenieur bei CHF Müller. Bereits 1935 wird er erneut verhaftet und wegen "Vorbereitung zum Hochverrat" zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Die Haftzeit muß er in Bremen-Oslebshausen absitzen. In den Jahren 1938 bis 1942 arbeitet wieder bei CHF Müller.

Im Februar 1942 wird er in das Bewährungsbatallion 999 eingezogen und in Italien eingesetzt. Dort knüpft er Kontakte zu den italienischen Partisanen.

Aufgrund seiner qualifizierten Ausbildung wird er 1943/44 noch einmal nach Deutschland zurückbeordert und arbeitet in Neustadt bei der Marine als Leiter eines Entwicklungsbüros für elektronische Röhren. In der Endphase des Zweiten Weltkrieges wird Emil erneut in eine Nachrichteneinheit des Bewährungsbatallions 999 gepreßt. Nach Einsätzen in Italien und Frankreich gelingt es ihm, sich im März 1945 in amerikanische Gefangenschaft abzusetzen.

Nach Deutschland zurückgekehrt nimmt er seine Arbeit bei Röntgen-Müller wieder auf und wird Leiter der Konstruktionsabteilung. Sein politisches Engagement ist ungebrochen: er ist aktiv in der KPD und VVN, Gründungsmitglied der DAG und Vorsitzender des Entnazifizierungsausschusses bei CHF Müller.

Leider konnte Emil nicht mehr das Erscheinen unseres Buches "Fuhlsbüttel unterm Hakenkreuz" erleben. In dem Beitrag "Ausgebeutet und vergessen: Ausländische Zwangsarbeiter in Fuhlsbüttel und Ohlsdorf" von Hans-Kai Möller ist ein Teil des umfangreichen Materials über Röntgen-Müller, das Emil uns zur Verfügung stellte, verarbeitet.

Emil hat die Arbeit der Bredel-Gesellschaft nicht als zahlendes Mitglied verfolgt, sondern immer wieder Impulse gegeben. Mal rief er an, oft schrieb er Briefe, manchmal kam er in die Sprechstunde. Immer hatte er neue Ideen, Anregungen oder interessantes Material. In Zukunft werden wir ohne die vielfältige Hilfe von Emil auskommen müssen. Emil ist tot. Seine Vorstellungen von antifaschistischer Geschichtsarbeit aber lebt weiter. Auch in unserer Arbeit.

Hans Matthaei

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Emil Heitmann konnte nicht nur anschaulich berichten, sondern hat auch viele seiner Erinnerungen aufgeschrieben. Wir veröffentlichen hier erstmals eine Geschichte über seine Begegnung mit Jan Thälmann, dem Vater des 1944 von den Nazis ermordeten KPD-Vorsitzenden Ernst Thälmann. Sie zeigt Emils erzählerisches Talent, das vielen Menschen auch aus seinen kleinen plattdeutschen Geschichten als Cuddl Dutt im Alstertal-Magazin bekannt sein dürfte.

Jan Thälmann Bank

Von Emil Heitmann

Nein, keineswegs, es handelt sich nicht um ein Geldinstitut, sondern um eine ganz schlichte Holzbank, die im Eilbeker Park zwischen der Eilbek und dem Gitter vom Friedrichsberger Krankenhaus stand. Diese Bank war in den Jahren 1932/33 Treffpunkt vieler, insbesondere junger Leute mit Jan Thälmann.

Jan, der Vater von Teddy, war ein interessanter Erzähler. Wir wollten alles ganz genau von ihm wissen. Immer wieder mußte er von seiner Familie erzählen und insbesondere aus der Kindheit von Ernst.

Wenn wir Jan die Wielandstraße heruntergehen sahen, dann wußten wir, er geht zu "seiner" Bank und wir würden ihn dort mit Sicherheit antreffen. Der große, kräftige Jan war von weitem zu erkennen. Sein Beinleiden machte einen Krückstock notwendig, die viele schwere Arbeit und sein Alter hatten seinen Rücken leicht nach vorn gekrümmt.

Nun, auch Jan wußte, daß er nicht lange allein auf der Bank sitzen würde - allzuoft saßen schon welche dort, die auf ihn warteten. Wegen der herumstrolchenden Nazis hatten wir in der Jugend (1) vereinbart, ihn nie allein dort zu lassen. Die Arbeitslosigkeit ließ dafür genug Zeit.

Die älteren Nachbarn, die mit ihm auf der Bank ausruhten, räumten die Plätze, sowie sie uns Jugendliche ankommen sahen. "Wi goht no Huus, Jan, nu kummt de wedder, all de Jungs un Deerns, de die dumm un dösig froogen doht." Niemals sagte einer von uns nur "Jan", das war wohl einfach zu respektlos; wir nannten ihn "Opa Jan" und unterhielten uns natürlich nur auf Hamburger Platt.

Opa Jan war schon stolz auf seinen Sohn. Immer wieder mußte er die Frage beantworten, aus welcher Klasse der Schule Kantstraße er wirklich entlassen wurde. Auch die sozialdemokratische Presse wurde damals nicht müde zu behaupten, er sei aus der vierten Klasse wegen mangelhafter Leistungen entlassen worden. Opa Jan wußte es besser: "Mien Jung is öberhaupt nich ut de Kantstroot entlooten, he hett in de School Roßberg de Selekta(2) mookt, de geev dat dormals noch nich in de Kantstroot." Auch wir, die wir zwar etliche Jahre später in der Schule Kantstraße oder Wielandstraße waren, wußten es meist von den Lehrern, die Teddy noch in der Klasse hatten.

In der ersten Frühlingssonne, Anfang April 1933, traf ich Jan allein in sich versunken auf der Bank, seinen Stock hatte er der Länge nach auf die Bank gelegt, als wenn er sagen wollte: "Jungs lot mi hüüt alleen". In der Tat war zu dem Zeitpunkt eine Welt zusammengebrochen. Als er mich sah, faßte er sich schnell, nahm seinen Stock weg und forderte mich auf, Platz zu nehmen. "Wat deihst Du hüüt Vörmeddag in Park, mien Jung?" wollte er von mir wissen. Als ich ihm erzählte, daß ich die Ingenieurschule verlassen mußte und die Eilbeker SA bei mir Haussuchung gemacht hatte, versuchte er mich zu trösten. Zu einer politischen Diskussion kam es nicht, denn Jan hatte auch seine Sorgen, die ich gern wissen wollte. Ich fragte ihn, ob er etwas von Teddy gehört habe. Darüber sollten wir uns keine Sorgen machen, er wird für sich und für seine Leitung schon alle Vorsorge getroffen haben. "Ick heff Rudi lang nich sehn, kannst nich mol no Lotti gohn un froogen, wat los is?" Gemeint war Rudi Lindau, mein Jahrgang 1912, er wurde am 10.1.1934 hingerichtet. Lotti war seine Freundin. In der Tat - Jans Sorgen waren berechtigt. Jan erfuhr dann auch bald, daß Rudi vom KzbV(3) verhaftet wurde. Ihm wurde ein Polizistenmord im Hammer Park angelastet.

"Jan," sagte ich, "er kann es nicht gewesen sein, denn zur fraglichen Zeit war ich mit Rudi und Lotti zusammen." Jan mußte abgelenkt werden. Den Rudi hatte er in sein Herz geschlossen. Rudi Lindau war ein kluger, zurückhaltender und stets freundlicher Jugendgenosse in Eilbek und Barmbek, aber auch gehaßt von den Nazis. Ich erzählte Jan meine Geschichte, die er noch nicht kannte, und hoffte, ihn auf andere Gedanken zu bringen.

Das Thälmannsche Gemüsegeschäft war an der Wandsbeker Chausssee, von Wandsbek aus auf der rechten Seite, kurz vor der Wielandstraße. Es ging einige Stufen 'runter. Mein Schulweg zur Kant sraße führte mich jeden Morgen daran vorbei. Natürlich wußten wir Kinder, daß dort die Eltern des bekannten Vorsitzenden der KPD wohnten, aber das war auch alles. Neben dem Geschäft führte ein Torweg in die Hinterhäuser, dort wohnte eine Tante von mir. "So," fragte Jan ganz interessiert "wi hett de denn heeten?" Ich erzählte weiter, daß sie Engländerin sei und nur schlecht deutsch sprach. "Mien Jung," sagte Jan "de lustige junge Froo kenn ick noch genau, de hett bi Moders i mmer kofft." - "Ja," sagte ich "jeden Morgen stand sie im Toreingang und hatte für mich und meine Schwestern für di e Schulpause etwas Obst." "Habe ich eben früsch bei Thälmann gekauft", sagte sie. - "Jo, dat wär ne nette Deern, wat is ut ehr worn?", wollte Jan wissen. "Nun, sie ist gerade in diesen Tagen, kurz bevor Hitler an die Macht kam, wieder nach London zurückgefahren." Ich erzählte weiter - irgendwie tat das dem Opa Jan gut. Nach der Schule mußte ich allerdings meiner Tante auch gelegentlich behilflich sein. Ich mußte den Wäschekorb tragen, in den Gemüseladen gehen und die Wäschemangel drehen. "Is dat nich komisch, dat de Gemüsehöker ock ne Wäschemangel in Hamborg hett" meinte Jan und beantwortete die Frage gleich selbst. Das Gemüsegeschäft war ein Pfennigshandel und so hat der Mann in der Regel ein Fuhrwerk gehabt und die Frau im Geschäft eben die Wäschemangel irgendwo im Gang stehen. Das brachte allerdings auch nur wiederum Pfennige ein.

Leider hatte ich das Vergnügen mit dem Obst nicht lange, denn die Zeiten wurden schlechter und meine Tante verzog 1925 aus Eilbek. "Grod to de Tied heff ick mien Loden opgeben," erzählte Jan weiter. Ernst habe wiederholt gesagt, daß es zu schwer mit dem Laden würde. "Jo, un Ernst hätt recht hatt, dat wär meiß to swor for Moders un mi."

So lebte Jan etwas auf und hat sich bald verabschiedet. Es war das letzte Mal, daß wir uns getroffen haben. Aus Gründen der Konspiration konnte ich die Bank nicht mehr aufsuchen. Er ging aber öfter noch hin und die Nazis haben ihn auch in Ruhe gelassen.

Jan wohnte bis zu seinem Tode in der Wielandstraße. Seine Beerdigung(4) wurde zu einer großen Kundgebung in Ohlsdorf. Die Gestapo konnte nichts unternehmen. Es fehlten aber auch schon viele seiner Freunde, sie waren eingesperrt oder schon ermordet. Ich erfuhr von Opa Jans Tod im KZ Fuhlsbüttel. Es war ein besonders trauriger Tag für mich. Solange wir "Jungen" von damals noch leben, wird Opa Jan nicht vergessen sein.

Erläuterungen:

  1. Mit Jugend meint Emil Heitmann den Kommunistischen Jugendverband (KJVD). Dem KJVD gehörten Jugendliche im Alter von 14 bis 23 Jahren an, die in Wohngebietsgruppen oder in Betriebszellen organisiert waren. Im Jahre 1932 zählte die Organisation ca. 50 000 Mitglieder.
  2. Die Selekta war eine Sonderklasse für die besten Absolventen der siebenstufigen Volksschule (Hauptschule). In diese freiwilligen achten Klassen wurden die Schüler von Fachlehrern unterrichtet. Aus den Reihen dieser Schüler holten sich die Firmen u.a. Lehrlinge für kaufmännische und qualifizierte handwerkliche Ausbildungen. Auch der Besuch des Lehrerseminars war für Selektaabsolveten möglich. Die Selekta war eine Besonderheit des Hamburgischen Schulwesens.
  3. KzbV = Kommando zur besonderen Verwendung. Das Kommando setzte sich aus ausgewählten Mitgliedern der SA, SS und des Stahlhelms zusammen, die der in Hamburg am 20.3.1933 aufgestellten Hilfspolizei angehörten. Diese Schlägergarde verbreitete besonders bei Haussuchungen Angst und Schrecken.
  4. Jan Thälmann starb am 31.10.1933. Trotz anfänglicher Zusage wurde es Ernst Thälmann nicht gestattet, an der Beisetzung am 4.11.1933 auf dem Ohlsdorfer Friedhof teilzunehmen. Die Beisetzung wurde zu einer eindrucksvollen Demonstration für die Freilassung Thälmanns. Blumen und Kränze waren mit roten Schleifen und Losungen geschmückt, die von der Gestapo auf dem Weg zum Krematorium entfernt wurden.

Bearbeitung und Erläuterungen:
Hans-Kai Möller

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Initiative zur Umbenennung des Peter-Mühlens-Weges

Wer war Peter Mühlens?

Als Ende 1945 auch der Peter-Mühlens-Weg nach einem vermeintlich unbelasteten Mediziner benannt wurde, konnte niemand ahnen, was heute durch neuere Forschungen Gewißheit ist: Prof. Peter Mühlens, Direktor des Hamburger Tropeninstituts bis zu seinem Tode 1943, war nicht nur ein führender und glühender Streiter für die Wiedererlangung der verlorenen deutschen Kolonien, war nicht nur eifriger Nationalsozialist, sondern war auch maßgeblich in die medizinischen Versuche seines Instituts an Insassen des KZ Neuengamme verstrickt und als Institutsdirektor für ebensolche Versuche an Juden des Warschauer Ghettos, an sowjetischen Zwangsarbeitern sowie an wehrlosen, zur Euthanasie bestimmten psychisch Kranken der Heilanstalt Langenhorn (heute AK Ochsenzoll) im Rahmen von Flecktyphus- und Malariaforschungen im hohen Grade mitverantwortlich. Nachlesen kann man diese Tatsachen in dem von der Hamburger Gesundheitsbehörde selbst in Auftrag gegebenen Buch von Stefan Wulf (1994) "Das Hamburger Tropeninstitut von 1919 bis 1945".

In der Ausstellung der KZ-Gedenkstätte Neuengamme findet sich über drei Seiten der Briefwechsel zwischen Mühlens und der SS wieder, worin Mühlens u.a. für seine Forschungen "Material von frischen Fällen" anforderte.

Auch wenn sich Mühlens nicht für vorsätzliche Morde verantworten muß, so nahmen er und seine Leute den Tod infizierter Opfer doch billigend in Kauf. Das Los der KZ-Häftlinge, Zwangsarbeiter, Juden und Kranken war ihnen gleichgültig. 50 Jahre Peter-Mühlens-Weg sind genug der Ehre für solch einen "Mediziner". In unmittelbarer Nachbarschaft des ehemaligen Zwangsarbeiterlagers "Tannenkoppel" (Essener Straße) und des Krankenhauses Ochsenzoll einen Weg in Langenhorn nach Peter Mühlens benannt zu wissen, der für das so vielen Wehrlosen zugefügte Leid in diesen beiden Einrichtungen mitschuldig ist, ist nicht hinnehmbar.

René Senenko

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Wer war Agnes Gierck?

Agnes Gierck (geb. Höhne), geboren am 28. Februar 1886, besuchte die Volksschule in Hamburg bis zur Selekta. Den Besuch einer Höheren Schule konnte sich die Familie nicht leisten; so arbeitete Agnes Höhne schon früh als Hausangestellte und Plätterin. 1909 heiratete sie den Arbeiter Karl Gierck, mit dem sie die gleiche politische Überzeugung verband. Beide traten in den 20er Jahren der KPD bei. Sie hatten drei Kinder, eine Tochter und zwei Söhne.

Vor dem Machtantritt Hitlers 1933 bereitete sich die KPD auf die Illegalität vor, sie bildete u.a. Fünfergruppen. In einer dieser Gruppen, die in Langenhorn bestanden, wirkte Agnes Gierck. Sie sammelte Spenden für die Rote Hilfe (die die Familien von Verfolgten unterstützte) und half bei der Verbreitung von illegalen Zeitungen und Flugblättern. Diese Schriften riefen zum Widerstand gegen das Naziregime auf und warnten vor dem Krieg.

1. Oktober 1934 wurde Agnes Gierck verhaftet und im April 1935 wegen "Vorbereitung zum Hochverrat" und "Volksverhetzung" durch das Hamburger Oberlandesgericht zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt. Die Strafe verbüßte sie im Zuchthaus Lübeck-Lauerhof.

Fast alle Familienmitglieder wurden für ihre illegalen politischen Aktivitäten mit Zuchthaus und Gefängnis bestraft: Ihren Mann verurteilte die Nazijustiz zu anderthalb Jahren, den Sohn Herbert und ihren Schwiegersohn Willi Goes ebenfalls zu je anderhalb Jahren Kerker.

Trotz der tödlichen Gefahr, die im Falle einer erneuten Verhaftung drohte, nahmen die meisten haftentlassenen Langenhorner ihre illegale Arbeit wieder auf, auch Agnes Gierck erlebte das Ende des Krieges nicht mehr. Die Jahre der Verfolgung und Haft sowie der Tod beider im Krieg gefallenen Söhne hatten ihre Gesundheit untergraben. Sie starb 1944 nach langer Krankheit.

Mit der Umbenennung des Peter-Mühlens-Wegs in Agnes-Gierck-Weg soll endlich auch in Langenhorn der Mut von einfachen Frauen und Müttern – ob Arbeiterinnen oder Hausfrauen – eine Würdigung finden, die nicht zögerten, das NS-Regime von dessen erster Stunde an zu bekämpfen und die dabei ihr Leben aufs Spiel setzten.

Gertrud Kelb (Enkelin von Agnes Gierck), Ursula Suhling

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Buchvorstellung: Karl-Heinz Zietlow

Unrecht nicht vergessen 1933-1945

Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge in Hamburg-Langenhorn

Nach jahrelanger Puzzlearbeit ist es Karl-Heinz Zietlow 1995 gelungen, sein Buch über die Zwangsarbeit bei den Langenhorner Rüstungsbetrieben Hanseatisches Kettenwerk und Messap fertigzustellen. Die Idee, dieses verdrängte Kapitel Langenhorner Geschichte aufzuarbeiten, entstand in den Diskussionen der Langenhorner Friedensgruppe Mitte der achtziger Jahre. Veranstaltungen zu diesem Thema und die Errichtung eines Gedenksteines und einer Gedenktafel an der Essener Straße am 1.September 1988 waren erste Ergebnisse dieser Arbeit.

Karl-Heinz Zietlow - sein Vater wurde im KZ Neuengamme ermordet - ließ sich trotz der spärlichen Quellenlage nicht entmutigen und arbeitete weiter an diesem Thema. Nur wenige Langenhorner Zeitzeugen wollten ihre Erinnerungen an die furchtbaren Arbeits- und Lebensbedingungen der bis zu zweitausend Häftlinge der Ostarbeiterlager und des Frauenaußenlagers des KZ Neuengamme preisgeben. Einige wenige überlebende Zwangsarbeiterinnen konnte Zietlow in den baltischen Republiken, in Tschechien und sogar in Australien ausfindig machen.

Zietlow hat diese Erinnerungsberichte und Zeitzeugenaussagen zusammengestellt und die Gründung der Langenhorner Rüstungsbetriebe untersucht. Um den Hintergrund der Zwangsarbeit in deutschen Betrieben deutlich zu machen, ergänzte er die Berichte um zahlreiche Dokumente z.B. über die Anwerbung von "Ostarbeitern", Lagerordnungen, Verpflegungssätze und Anweisungen an die Wachmänner. Schade, daß oft so etwas wie ein roter Faden und die Quellenangaben fehlen. Bei den zahlreichen sehr guten Fotos vermißt man teilweise die Bildunterschriften.

Das Buch konnte im Herbst 1995 mit finanzieller Unterstützung der Willi-Bredel-Gesellschaft, der Gedenkstätte KZ Neuengamme und des Bezirksamtes Hamburg-Nord veröffentlicht werden. Die Druckvorlage wurde von Andreas Ahrens erstellt.

Im Vorwort zu diesem Buch schreibt der Bezirksamtsleiter Jochen v. Maydell: "Es ist das Verdienst von Karl-Heinz Zietlow, mit der vorliegenden Arbeit die Geschichte dieses Lagers sorgsam zu dokumentieren, sie in den historischen Zusammenhang zu stellen und damit einen Beitrag dazu zu leisten, ein spezielles Hamburger Kapitel der dunklen Zeit des Naziregimes dem drohenden Vergessen zu entreißen.

Nur wenige von uns haben heute noch Gelegenheit, im unmittelbaren Gespräch mit Opfern der Naziherrschaft Eindrücke von deren Schicksal gewinnen zu können . Deshalb ist die engagierte Dokumentation von Karl-Heinz Zietlow so wichtig. Sie vermittelt Informationen von einer furchtbaren und schwer vorstellbaren Realität an wohlvertrauten Orten in unserer unmittelbaren Nachbarschaft. Sie ist ein Beitrag gegen das Vergessen und gegen die Gleichgültigkeit. Sie ist aber auch ein Beitrag für Wachsamkeit und Vorsorge für eine menschliche Zukunft."

Das Buch ist daher nicht nur für Langenhorner interessant, sondern eignet sich durch die zahlreichen Dokumente auch hervorragend für den Einsatz im Geschichts- bzw. Politik-Unterricht in den Schulen. Das Buch (159 Seiten mit Fototeil) ist zum Preis von DM 16,80 bei der Willi-Bredel-Gesellschaft erhältlich.

Hans Matthaei

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Ein Besuch bei Elsa Hoffmann

Eine kleine Frau öffnet uns die Haustür und begrüßt uns freundlich. Elsa Hoffmann führt uns ins Wohnzimmer. Ein gedeckter Kaffeetisch wartet schon auf uns. Wir, das sind die Langenhorner Antifaschistin Erna Mayer, Hans Matthaei und der Autor. Wir berichten etwas über uns und die Bredel-Gesellschaft. Elsa, 1913 in Flensburg geboren, erzählt über ihre Jugend, ihr Elternhaus und ihre Arbeit als Stenotypistin in der KPD-Bezirksleitung Wasserkante. Nach diesem ersten "Abtasten" kommen wir schnell ins Gespräch. Kurz nach dem Krieg heiratete Elsa Erich Hoffmann. "Vatti" Hoffmann war einer der bekanntesten Kommunisten im Hamburg der Nachkriegszeit: So vertrat er von 1946-1953 die KPD in der Bürgerschaft und war bis 1950 Chefredakteur der täglich erscheinenden Hamburger Volkszeitung (HVZ). In der HVZ-Redaktion hatte "Vatti" schon vor dem Machtantritt der Faschisten gearbeitet und dort auch Willi Bredel kennengelernt. Im Verlaufe des Nachmittags zeigte uns Elsa einige Schätze wie Erich Hoffmanns privates Fotoalbum über den Spanischen Bürgerkrieg und die Internierung in Frankreich, sowie eine gebundene Sammlung sämtlicher von ihm verfaßter Artikel. Elsa berichtete uns auch über die Auslieferung von "Vatti" Hoffmann an die Nazis und seine Leiden in Auschwitz und Buchenwald. Am Ende von drei fesselnden "Geschichtsstunden" schenkte unsere "Lehrerin" der Bredel-Gesellschaft neun zum Teil sehr seltene Bredel-Ausgaben aus ihrer Sammlung, von denen drei eine persönliche Widmung Bredels enthalten. Mittlerweile haben wir die einzige kurze Biographie, die über "Vatti" Hoffmann verfaßt wurde, gelesen und viele neue Fragen. Wir würden die "Geschichtsstunden" bei Elsa gern fortsetzen.

Hans-Kai Möller

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Alle Neune - Exkursion nach Kopenhagen

25.-28. Mai 1995

Ende Mai war es wieder soweit, eine der berühmten Bredel-Exkursionen war angesagt. Diesmal ging es - wie schon 1993 - nach Dänemark. In einem gemieteten Kleinbus hatte unsere neunköpfige Reisegruppe nebst Gepäck und Vorrat an Lebensmitteln in fester und flüssiger Form gerade Platz. Die Fahrt in nur einem Wagen bot nur Vorteile: aufwendige Überholmanöver um den ersten Platz im Bredel-Rennen entfielen, die Kommunikation zwischen alten Mitgliedern und neuen Mitfahrern war gleich hergestellt und der Fahrer brauchte sich ums Verfahren keine Sorgen zu machen.

So erreichten wir nach nur fünfstündiger Fahrt inclusive Fähre die Ferienanlage des dänischen Gewerkschaftsbundes in Karlslunde-Strand in der Nähe von Kopenhagen. Nach einer stärkenden Kaffeetafel ging es runter zum nahen Strand, 90 Minuten tankten wir Sonne, Wind und den Geruch des Meerwassers. Abends wurde das Programm für die nächsten Tage in fröhlicher Runde beim gemeinsamen Spaghettiessen besprochen.

Am 25.5. fuhren wir mit der Bahn nach Kopenhagen. Zuerst besuchten wir das Freiheitsmuseum. Das "Museum für Dänemarks Freiheitskampf 1940-1945", dessen Ausstellung vor kurzem, anläßlich des 50.Jahrestages der Befreiung Dänemarks vom deutschen Faschismus, ergänzt und umgestellt wurde, behandelt die Besetzung Dänemarks im 2.Weltkrieg durch die deutsche Wehrmacht, die Verfolgung von Juden, die Verfolgung und den Widerstand der verschiedenen politischen Gruppen und Parteien gegen die deutsche Besatzungsmacht. Während der zwei Stunden wurden wir von einem deutschsprechenden Mitarbeiter des Museums mit den übersichtlichen und gut aufbereiteten Schaukästen und Ausstellungsstücken bekannt gemacht. Ein interessanter Aspekt war die relativ geringe Verfolgung der einheimischen und ins Land geflüchteten Juden: Kurz vor Einsetzten einer Verhaftungswelle in der Nacht vom 1. auf den 2.Oktober 1943 konnten noch mehr als 6000 Juden mit Hilfe der Bevölkerung untertauchen und über den Øresund nach Schweden fliehen. Dank dieser beispiellosen Aktion fielen den Nazis nur etwa 200 Juden in die Hände. Für eine weitere Bredel-Exkursion wäre es interessant, die Rolle Dänemarks von 1933 bis 1940 als Emigrations- und Zufluchtsland auch für deutsche Künstler und Schriftsteller zu untersuchen.

Nach dem Museumsbesuch ging es an der kleinen Meerjungfrau vorbei durch alte Kastellanlagen Richtung Nyhavn und Charlottenburg. In einem ruhigen Hofrestaurant konnten wir uns stärken, um dann weiter in Richtung Innenstadt zu gehen. Hier gab es Gelegenheit zur Besichtigung weiterer Sehenswürdigkeiten und zum Bummeln. Den Abend verbrachten wir in einem der berühmten Lokale an der Kobmandsgade bei typisch dänischen Spezialitäten und Faxe-Øl.

Der nächste Tag stand im Zeichen der Kultur. Nach Spaziergängen am Morgen und einem ausgedehnten Frühstück ging es um 11 Uhr nach Humlebaek zum Museum für moderne Kunst "Lousiana". Ein Teil der Kunst bestand darin, die Bilder aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten, um ihre Gegenständlichkeit zu erfassen. Bei manchen gelang es, manche blieben undefinierbar, andere waren einfach nur schön anzusehen. Die moderne Kunst des 20.Jahrhunderts war u.a. repräsentiert durch Warhol, Rauschenberg, Kiefer, Malewitsch, die Hauptausstellung gehörte dem Werk von Asgar Jorn. Im sehr schönen Park mit Blick zur Ostsee gab es Skulpturen von Henry Moore, Paul Klee und anderen. Sehr erfreulich war der ganze, offene und nicht staubig-museal wirkende Charakter der Anlage. Wenn eine alte sozialistische Forderung lautet, die Kunst gehört dem Volke, so schien das hier, vertreten durch junge und ältere Besucher zum Teil erfüllt zu sein.

Nach der Kunstausstellung machten wir uns auf die Suche nach dem ehemaligen Gefangenenlager Horserød im Norden von Seeland. Selbst der Direktor des Freiheitsmuseums konnte uns nicht sagen, wo genau sich dieses Lager befand. Einige Anhaltspunkte für unsere Suche lieferte uns das Buch "Schloß Frydenholm" von Hans Scherfig. Mit etwas Glück konnten wir das heute als Gefängnis genutzte Lager ausfindig machen. Ein Gedenkstein erinnert an das Schicksal der Häftlinge während der deutschen Besatzungszeit. Es war das erste Lager, in das nach dem Einmarsch der Wehrmacht über 200 Kommunisten eingesperrt wurden. 1943 übernahmen die Deutschen das Lager, und 150 kommunistische Insassen wurden in das KZ Stutthof verschleppt.

Auf unserer Rückreise machten wir Halt beim Schloß Fredensborg, um die Parkanlagen und die königlichen Kanonen zu inspizieren und fuhren weiter in Richtung Roskilde. Eine schöne, eine der ältest en Städte Dänemarks mit einer riesigen, gotisch anmutenden Kathedrale. Auffallend die vielen Musikgeschäfte und Kneipen in der Stadt, die jedes Jahr von Scharen von Rockfans aus ganz Europa zum Roskilde-Festival heimgesucht wird.

Der Sonntag war schon Abreisetag. Nach Frühstück, allgemeinem Aufräumen und Saubermachen ging es Richtung Fähre. An Bord wurden die letzten Kronen in Likör, Zigaretten oder herrlichen Lakritzen angelegt und eine Stunde später brausten wir an gelben "Van-Goghschen" Rapsfeldern vorbei nach Hamburg.

Am Abend bei schönstem Sonnenschein dort angekommen, wußten wir, die Fahrt war ein Erfolg, wie beim Pokern "Full House" oder beim Kegeln "Alle Neune".

Thomas Mayer

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Filmtage in Fuhlsbüttel:

"Ehe im Schatten" (23.11.95) und "Grube Morgenrot" (24.11.95)

Vielfälltig präsentierten sich die 4. Fuhlsbütteler Filmtage. Zwei sehr unterschiedliche DEFA-Filme, deren einzige Gemeinsamkeit die schwierigen Produktionsbedingungen der frühen Nachkriegszeit waren, liefen durch die alten sowjetischen Projektoren des B-Movie und vermittelten wieder echte Kinoatmosphäre im Kommunalen Saal, Im Grünen Gunde 1.

Beide Abende waren zufriedenstellend besucht, denn schließlich begegneten die Fuhlsbütteler unseren Plakaten und Handzetteln unter anderem beim Einkauf im Naturkostladen OMNIBUS ebenso, wie in der St.Lukas-Kirche oder bei einem guten Bier im UNGER'S.

Die lebensbedrohliche Situation jüdischer Menschen während des Nationalsozialismus zeigte "Ehe im Schatten" von 1947 unter der Regie von Kurt Maetzig, der im Nachkriegsdeutscheland sehr erfolgreich lief und als Liebesgeschichte konzipiert, dieses Thema zu verarbeiten sucht. Der Film bezieht seine Authentizität aus der biografischen Vorlage über das Schicksal des Schauspielerehepaares Gottschalk. Welchen Diskriminierungen Menschen in Fuhlsbüttel ausgesetzt waren, die von den Nazis als "Jude" oder "Halbjude" klassifiziert wurden und deren Partnerschaften mit "Ariern" als "Mischehen" bezeichnet wurden, ist im neuen Buch der Willi-Bredel-Gesellschaft "Fuhlsbüttel unterm Hakenkreuz" im Beitrag von Silke Kaiser nachzulesen.

Der zweite Abend führte in die Knochenarbeit unter Tage ein, zeigte Alltag und Kampf der Arbeiter der Grube Morgenrot zu Zeiten der Wirtschaftskrise in den Zwanziger Jahren und den Neuanfang nach der Befreiung 1945 im sozialistischen Teil Deutschlands. Mitautor Graf Alexander Stenbock - Fermor hatte selbst über ein Jahr lang als Kumpel unter Tage gearbeitet. Der Film - ebenfalls von 1947 (Regie: Wolfgang Schleif und Erich Freund) - brachte ein Problem der kapitalistischen Wirtschaftsweise zur Sprache: Wenn ein Teil der Wirtschaft (hier die Grube Morgenrot) im Wettbewerb nicht mehr mithalten kann, muß entweder mehr produziert werden, d.h. ohne Rücksicht auf die Menschen härter gearbeitet werden, oder der Verlust des Arbeitsplatzes droht.

Heute nennt man so etwas "Rationalisierung" und in Hamburger Kontorhäusern und Produktionsstätten wird die Angst vor den am Weltmarkt noch erfolgreicheren Japanern und anderen "gefährlichen" Konkurrenten geschürt, um die arbeitende Bevölkerung zu noch mehr Arbeit und "maßvollen" Lohnabschlüssen zu bewegen. Die Drohung mit dem Verlust des Arbeitsplatzes ist immer noch am wirkungsvollsten und im Gegensatz zum optimistischen Ausklang des Filmes, hat sich bis heute nichts geändert.

Holger Tilicki

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Bredel-Exkursion 96:

KZ Mittelbau Dora (Südharz)V-Waffenproduktion unter Tage

28. August 1943: Die ersten 107 KZ-Häftlinge aus Buchenwald treffen in Nordhausen ein. Am Südrand des Harzes befindet sich unter dem Krohnstein ein altes Anhydritbergwerk. Unter strikter Geheimhaltung werden die Stollen zwischen 1937 und 1943 zu unterirdischen Lagerstätten für flüssige Treibstoffe, Öle und Fette sowie chemische Kampfstoffe ausgebaut. Zwei lange Fahrstollen werden durch zunächst 17 Querstollen miteinander verbunden.

Jetzt soll durch rücksichtslose Ausbeutung der Häftlinge die unterirdische Anlage für einen neuen Zweck umgebaut werden: Hier soll die Produktion der V-Waffe aufgenommen werden, nachdem alle oberirdischen Produktionsanlagen bei alliierten Luftangriffen zerstört worden sind. Bereits Ende September 1943 wächst die Zahl der Häftlinge in der "Mittelwerk" genannten Rüstungsfabrik auf über 3000 an, Anfang Februar 1944 beträgt sie ca. 12000. Die Häftlinge werden gezwungen, den ganzen Tag unter Tage zu arbeiten und zu leben - nicht etwa in den bereits ausgebauten, vollklimatisierten 17 Kammern, sondern in den Querstollen 44 und 46. Diese Stollen sind in völlig rohem Zustand und mit giftigen Gasen und Gesteinsstaub erfüllt, die bei den in unmittelbarer Nähe Tag und Nacht durchgeführten Spreng- und Bohrarbeiten entstehen.

Der Transport und Aufbau sämtlicher, teilweise tonnenschwerer Fertigungsanlagen erfolgt fast nur durch Muskelkraft, unterstützt allein durch Stangen, Rollen und Taue. Von dieser Sklavenarbeit geschwächt und in ständiger Angst vor Repressalien der Wachmannschaften müssen die Häftlinge zunächst auf dem nackten Felsboden schlafen. Waschmöglichkeiten fehlen völlig, als Latrinen dienen halbierte Benzinfässer, die gegenüber den Schlafstellen aufgestellt werden. Die ständige Kälte, die extrem hohe Luftfeuchtigkeit und Sauerstoffmangel führen bei der unzureichenden Ernährung und Bekleidung zu unglaublich hohen Kranken- und Sterberaten.

Bereits im Dezember 1943 beginnt die Produktion der V-Waffen. Nun geht es mehr um die Sicherung eines reibungslosen Produktionsablaufes, daher wird mit dem Aufbau des Barackenlagers "Dora" begonnen. Durch die oberirdische Unterbringung verbessert sich die Lage der Häftlinge etwas, allerdings bleiben wegen der täglichen Wegezeiten nur noch 3 Stunden Zeit zum Schlafen. Mit dem Anlaufen der V2-Serienproduktion im Frühjahr 1944 werden über 60 Häftlingskommandos im Bereich Montage und Transport eingesetzt.

Nach der Befreiung des Lagers durch amerikanische Truppen im Apil 1945 setzte von Seiten der Alliierten ein "run" auf die NS-Rüstungstechnologie ein. Kurz bevor der Ostharz im Juni an die Sowjetische Besatzungszone abgegeben werden mußte, schafften die Amerikaner über 300 Güterwaggons mit Einzelteilen, Baugruppen, kompletten V-Raketen, Maschinen und Prüfständen nach White Sands in die USA.

In den sechziger Jahren wurde auf dem Gelände des ehemaligen Häftlingslagers eine Mahn- und Gedenkstätte errichtet. Die Ausstellung im ehemaligen Krematorium wurde nach der Wende als "veraltet" entfernt. Wir werden die "gewendete" Austellung in der ehemaligen Feuerwache zur Geschichte des Konzentrationslagers und des Mittelwerkes im Rahmen einer Führung besichtigen und die jetzt zugänglich gemachten Stollen ansehen. Bei der Bredel-Gesellschaft können Bücher und Broschüren zu diesem Thema ausgeliehen werden.

Weitere Programmpunkte der Exkursion sind der Besuch des Bauernkrieg-Panoramas "Frühbürgerliche Revolution in Deutschland" von Werner Tübke auf 14 x 123 Metern in einer riesigen Rotunde in Bad Frankenhausen, das die Wende nur mit Müh und Not überstanden hat, und des Bergwerks "Drei Kronen & Ehrt" in Elbingerode. Das Bergwerk ist noch voll funktionstüchtig, denn bis 1990 wurden hier Eisenerz und Schwefelkies abgebaut.

Die Kosten für die Exkursion betragen DM 195,- (Mitglieder DM 175,-) für Fahrt im VW-Bus, Übernachtung in Zweibettzimmern mit Frühstück und Eintritte. Da die Teilnehmerzahl begrenzt ist, bitten wir um baldige Anmeldung.

Hans Matthaei

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